Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1970 - 1980 / Burkhard Steinmetz: Der Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V. Arbeitsgruppe Friedensforschung (1978)
Um Mißverständnisse zu vermeiden: Im Rahmen dieses Schlußberichts kann es nicht darum gehen, den Verein für Friedenspädagogik nach knapp 2 Jahren seines Bestehens zu beschreiben. Wir beschränken uns auf die Frage, inwiefern der Verein als eines der Ergebnisse des Projekts: "Friedenspädagogische Handlungsforschung" anzusehen ist.
In der Arbeitsgruppe Friedensforschung verspürte man gelegentlich einen Windzug utopischer Ideen, wie er Innovationsprojekten eigen ist. Was Friedenspädagogik eigentlich sein müßte - da war es nicht schwer, eine Fülle von Ansprüchen und Zielen daran zu koppeln. Nur blieben diese Vorstellungen eher auf dem Niveau von Ansprüchen, von Postulaten; sie ließen sich schwer in wissenschaftlich operationalisierte Strategien ausdrücken. Da herrschte die Vorstellung, man könnte durch offene curriculare Planungsentwürfe dem Lehrer den Durchstoß zur pädagogischen Praxis erleichtern, die der Komplexität des Begriffs "Friedenspädagogik" angemessen sei; da hoffte man, auf argumentativem Weg Schulbehörden überzeugen zu können, dass sie Aussagen der kritischen Friedensforschung zur Verteidigungs- und Sicherheitspolitik akzeptieren; da wollte man eben diese wissenschaftlichen Theorien in leicht faßliche, anschauliche und stimmige Materialien transformieren; da hielt man es für notwendig, durch öffentliche Vorträge, Mitarbeit in Gremien und Erarbeitung von Stellungnahmen politischen Einfluß zugunsten von Abrüstung und Entspannung auszuüben; da baute man auf Engagement und Kooperationsbereitschaft von Christen, Sozialisten und Kriegsdienstverweigerern; da postulierte man die Kooperation von Lehrern, Pfarrern und Sozialarbeitern untereinander; da arbeitete man für ein offenes und demokratisches Klima in der Arbeitsgruppe; da vertraute man darauf, daß all diese Vorstellungen förderungspolitisch honoriert würden.
Rückblickend wundert es uns nicht mehr, daß diese Ideenfülle, vorgetragen von einer im Detail keineswegs einigen 11-Personengruppe, nicht einfach durch die Hinzufügung des wissenschaftlichen Anspruchs "Handlungsforschung" griffig konkretisierbar war. Es wundert uns auch nicht mehr, daß der doppelte Anspruch von Engagement und wissenschaftlicher Arbeit uns manchmal überforderte. Wir brauchen die Ansprüche nicht zurückzuschrauben. Denn inzwischen kennen wir die Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Projekte, und auch ein in seinen Dispositionen weniger gebundener "e.V." wird nicht alle Ansprüche einlösen können.
Aber das Projekt hat nicht nur Ansprüche formuliert, es hat Stück für Stück ein Land kultiviert, das wir Ende 1977 nicht einfach brach liegen lassen wollten:
- Wir wollten die in mühsamer Kleinarbeit aufgebauten Kontakte zu Multiplikatoren, Gruppen und Institutionen nicht brach liegen lassen;
- Wir wollten den friedenspädagogischen Literaturvertrieb nicht einstellen;
- Wir wollten unser im Lauf der Zeit erworbenes friedenspädagogisches Handwerkszeug (Kenntnis von Medien, teilnehmerorientierte Arbeitsverfahren, standardisierte Planungs-, Protokoll- und Kontrollraster) nicht rosten lassen;
-Wir wollten vom etablierten Wissenschaftsbereich unabhängig werden und trotzdem den Anspruch reflektierter Praxis aufrechterhalten;
- Wir wollten im kommunalen und regionalen Umfeld eine politische und auch förderungspolitisch selbständige Einrichtung aufbauen.
Etwa fünf Mitglieder der Arbeitsgruppe Friedensforschung trieben die Idee eines "e.V." zur langfristigen Fortsetzung der friedenspädagogischen Arbeit voran. Als Vorbilder galten die Studiengesellschaft für Friedensforschung in München, die Friedenspolitische Studiengesellschaft in Hamburg und das Internationale Freundschaftsheim in Bückeburg. Die inhaltliche Beschreibung des zu gründenden Vereins wurde jedoch den Erfahrungen des Projekts "Friedenspädagogische Handlungsforschung" entnommen. Die ersten Papiere vom Januar 1976 stehen eindeutig im Kontext des Forschungsprojekts, formulieren aber andererseits eine unmißverständliche Perspektive über das in zwei Jahren absehbare Ende des Projekts hinaus:
"a) Bei der Planung unseres Projekts dachten wir an ein "Friedenspädagogisches Zentrum" als Ziel. Mit der Gründung des e.V. würden wir dieses Ziel auf einem neuen Weg wieder aufgreifen.
b) Im Projektantrag und im Zwischenbericht haben wir als übergreifendes Projektziel die regionale Förderung der Verbreitung von Friedensforschung und Friedenspädagogik als Handlungsforschungsprojekt (...)
c) Wir haben immer wieder betont, daß wir unsere Veränderungsziele nur langfristig effektiv fördern können. Der Verein wäre die organisatorische und strukturelle Antwort auf das Problem, daß wir nicht lang genug von der DGFK finanziert werden, um unsere anspruchsvollen Ziele zu erreichen.
d) (...) Wir haben noch keine alternative Idee zum Verein entwickelt, um unser Ziel der zunehmenden Integration unserer Teilprojekte zu erreichen (...)
(...) Es handelt sich um eine ganz zentrale Aufgabe für die Schlußphase unseres Projektes."
In diesem Diskussionsstadium war auch der friedenspädagogische Ansatz noch kontrovers. Wunschvorstellungen, etwas ähnliches wie eine "TÜSFK" zu etablieren, fanden ihren Niederschlag in Satzungsentwürfen wie:
"Aufgabe des Vereins ist es, die Friedensforschung bei ihrer Suche nach Lösungen für internationale und innergesellschaftliche Konflikte, in der Anwendung und Verbreitung ihrer Erkenntnisse (...) zu fördern und zu unterstützen. (...) Ordentliches Mitglied des Vereins kann jede Person werden, die im Bereich der Friedensforschung oder der friedensrelevanten Forschung wissenschaftlich ausgewiesen ist. "
Nach mehreren Vor-Entwürfen wurde die Satzung auf der Gründungsversammlung am 16.12.1976 beschlossen und ein fünfköpfiger Vorstand gewählt. In ihm war ein Projektmitarbeiter der Arbeitsgruppe Friedensforschung vertreten, zwei ehemalige Mitarbeiter sowie ein Pfarrer und ein Journalist. Dieser Vorstand wurde nun beauftragt, aus den bisher geäußerten Wünschen und Idealvorstellungen konkrete Arbeitsvorhaben des Vereins zu formulieren. Dabei stellte es sich sehr rasch als Illusion heraus, daß Arbeitsformen und traditionelle Aktivitäten der Arbeitsgruppe Friedensforschung einfach vom Verein weitergeführt werden könnten.
Der Verein war nunmehr selbständig und galt nicht mehr als Teil des Projekts "Friedenspädagogische Handlungsforschung". Er war auf eigene Füße gestellt und mußte laufen lernen. 1977 war das erste Jahr des Vereins und das letzte des Projekts; wir berichten im folgenden von dieser Übergangszeit.
In der Startphase des Vereins ging es keineswegs so flott voran, wie die Voraussetzungen hätten vermuten lassen: Zunächst waren bürokratische Verzögerungen bei der Eintragung ins Vereinsregister durchzustellen; z. B. löste eine Erwähnung von Filmen über Wyhl und Brokdorf im Protokoll der Mitgliederversammlung Recherchen beim Verfassungsschutz aus, ob es sich bei dem Verein für Friedenspädagogik nicht um eine linksextreme Tarnorganisation handle. Der Vorstand war noch keine handlungsfähig zusammengewachsene Gruppe, noch viel weniger die im Laufe der ersten 6 Monate auf 30 angewachsene Zahl der Mitglieder. Viele von ihnen waren aus Enthusiasmus angesichts der Ausstellung "Es ist so schön, Soldat zu sein (...)" im Herbst 1976 zum Verein gestoßen. Vom Vorstand angebotene Termine (Mitgliederversammlung, jour fixe, Lichtbildervortrag) konnten den Verein noch kein griffiges Profil verleihen.
Das erste halbe Jahr ist nicht unabhängig zu sehen von der Entwicklung in der Arbeitsgruppe Friedensforschung selbst. Das Ende der Finanzierung des Projekts war in Sicht, nicht jedoch das Ende der wissenschaftlichen Auswertung. Bei den Projektmitarbeitern herrschte große Unsicherheit über die berufliche Zukunft) ja die Zukunft der Friedensforschung in Tübingen überhaupt war in Frage gestellt.
Für die Projektmitarbeiter war Friedensarbeit nicht bloß Hobby, sondern in erster Linie Broterwerb und Beruf. Die drohende Arbeitslosigkeit lenkte die subjektiven Interessen auf Bewerbungen und Antragsstellungen. Daß darunter neben der notwendigen Muße für die Abschlußarbeiten am Projekt das Freizeitengagement für den jungen Verein in Mitleidenschaft gezogen wurde, steht außer Zweifel. In dieser Situation entwickelte sich zwischen dem Verein und der Arbeitsgruppe (obwohl die meisten Projektmitarbeiter Vereinsmitglieder waren)
ein paradoxes Verhältnis: Einerseits wurde die inhaltliche Arbeit, das politische Engagement dem Verein (d.h. dem Vorstand) zugeschoben, andererseits knüpfte man erhebliche Erwartungen an den Verein, weil dieser damals die einzige sichere Zukunftsperspektive für friedenspädagogische Arbeit in Tübingen darstellte. Dies hatte für den Verein zur Folge, daß ihm in einer frühen Wachstumsphase gerade diejenigen zu wenig Nahrung zuführten, die den Acker bereitet und den Samen gesät hatten.
In dieser Situation stand der Verein vor der Alternative, ein Club von Gesinnungsfreunden zu werden oder an der eingangs erwähnten Zielsetzung konsequent weiterzuarbeiten. Eine gewisse Enttäuschung über die Situation an Institut für Politikwissenschaft sowie die Einsticht, daß mit Freizeit-Engagement von Leuten, die ohnehin vielseitig engagiert sind, nur begrenzte Ressourcen mobilisierbar sind, erleichterten den Entschluß, an die BSK mit der Bitte um Grundfinanzierung des Vereins heranzutreten.
Im Antrag vom 7.6.1976 heißt es:
"Ein strukturelles Problem des Vereins ist, daß ihm von Seiten seiner Mitglieder durchaus unterschiedliche Erwartungen entgegengebracht werden. Hinzu kommt, daß in zunehmendem Maße Anfragen aus einer friedenspädagogisch Interessierten Öffentlichkeit an den Verein herangetragen werden. Der fünfköpfige Vorstand sieht sich kaum in der Lage, diesen Erwartungen in einer befriedigenden Weise gerecht zu werden, solange alle Arbeit in der privaten Freizeit geleistet werden muß. Hinzu kommt, daß mit Ablauf des Projekts 'Friedenspädagogische Handlungsforschung' zu Ende dieses Jahres die personellen und technischen Kapazitäten der Arbeitsgruppe Friedensforschung am Institut für Politikwissenschaft nicht mehr in der bisherigen Weise zur Verfügung stehen werden. Da eine 'friedenspädagogische Infrastruktur' in Tübingen und Umgebung aber weiterhin bestellt, ist es satzungsgemäße Aufgabe des Vereins, die Kontinuität der Arbeit zu sichern. Dies ist nur auf einer soliden rechtlichen, organisatorischen und finanziellen Basis möglich."
Der Antrag umfaßte Anmietung, Einrichtung und laufenden Betrieb einer Geschäftsstelle sowie eine Halbtagsstelle für einen Geschäftsführer.
Der Antrag wurde von der BSK in großzügiger Weise für 2 bis 3 Jahre bewilligt. Damit war, neben der Anstellung für einen Projektmitarbeiter aus der Arbeitsgruppe Friedensforschung, die materielle Basis für die Fortentwicklung der von der Arbeitsgruppe begonnenen regionalen friedenspädagogischen Arbeit geschaffen.
Hier sind einige Bemerkungen zur Förderungspolitik angebracht. Das Projekt "Friedenspadagogische Handlungsforschung" war für die DGFK in mancher Hinsicht ungewöhnlich: von der Themenstellung und Methodik, vom finanziellen Volumen, von der Art der Mitarbeiter. Keiner der Angestellten hat im Laufe des Projekts eine Hochschulkarriere gemacht; es wurden nicht einmal, wie weithin üblich, Dissertationen fertiggestellt; der Projektleiter hatte sich für den größten Teil der Zeit ganz aus dem universitären Forschungsbetrieb zurückgezogen. Keiner der Mitarbeiter hatte und hat bis heute die Chance, eine feste Anstellung in der Friedensforschung an einer Hochschule in Baden-Württemberg oder anderswo zu bekommen.
Als im Frühjahr 1974 der Antrag für das Projekt "Friedenspädagogische Handlungsforschung" erarbeitet wurde, hatte man in der Vorstandsetage der DGFK nicht ohne Sympathie zur Kenntnis genommen, daß die Tübinger Gruppe mit einer langfristigen Perspektive angetreten war, die Forschungs- und Verbreitungsarbeit als zwei Seiten einer Medaille ansah. Die Forderung, daß unsere Arbeit auch institutionell fest verankert worden soll, begründeten wir damals und heute mit der Überzeugung, daß Friedensforscher auch für die Realisierung ihrer Arbeitsergebnisse mitverantwortlich sind.
Gewisse Teilerfolge konnten auch im Laufe des Projekts erzielt werden, wie im Ausbau des friedenspädagogischen Programms der Waldkircher Verlagsanstalt oder in der Tätigkeit als freie Referenten zu friedenspädagogischen Themen an Volkshochschulen, der Landeszentrale für politische Bildung, an kirchlichen Akademien und vor allem beim Bundesamt für den Zivildienst. Es gelang jedoch nicht:, friedenspädagogische Bildungsarbeit strukturell abzusichern: weder Schulen noch Universitäten, weder Kirchen noch Einrichtungen der Erwachsenenbildung waren bereit, entsprechende Stellen zu schaffen oder bestehende umzudefinieren, nicht einmal in Form curricularer Beratung oder Expertentätigkeit konnten wir Erfolge erzielen. Ein Gutachten der Arbeitsgruppe an die OGFK, in dem begründet wurde, warum friedenspädagogische Vermittlungsarbeit nicht einfach bei Projektende die Bücher schließen kann und welche förderungspolitischen Konsequenzen daraus zu ziehen sind, wurde bisher nicht gewürdigt. Der Sätz, daß Innovation nicht am Anfang stehenbleiben kann, sondern stetig weitervermittelt werden muß. Ist zwar logisch banal, wird aber förderungspolitisch nicht ernstgenomnen. Um nicht mißverstanden zu werden:
Langfristige Förderungspolitik kann u.E. nicht auf Kettenarbeitsverträge für etablierte Projektmitarbeiter reduziert werden. Die DGFK ist von ihrer Struktur und Satzung her ja nicht nur ein Verteiler von Finanzmitteln, sondern eine politische Organisation, in der die relevanten gesellschaftlichen Kräfte vertreten sind. Sollte es in der Bundesrepublik Deutschland nicht möglich sein, daß qualifizierte Mitarbeiter der Friedensforschung und deren Arbeitsergebnisse in Positionen einrücken, wo sie gebraucht werden?
Vor diesem Hintergrund ist die Bereitschaft der BSK zur längerfristigen Absicherung friedenspädagogischer Vermittlungsarbeit hoch einzuschätzen; dies umsomehr, als sie in Aussicht gestellt hat, neben der Grundfinanzierung des Vereins für Friedenspädagogik auch weitere gezielte Aktivitäten zu unterstützen. Die Förderung hat im zweiten Halbjahr 1977 die Aktivitäten des Vereins enorm beflügelt.
Es ist im Rahmen dieses Schlußberichts nicht nötig, Rechenschaft über die Aktivitäten des Vereins im einzelnen tu geben. Wir wollen vielmehr - in Rückgriff auf den Antrag von 1974 - darlegen, inwiefern der Verein für Friedenspädagogik auch ein Ergebnis des Projekts "Friedenspädagogische Handlungsforschung" ist. Was im Projektantrag an die DGFK von 1974 "eine wachsende Anzahl von friedenspädagogisch gebildeten und engagierten Multiplikatoren" genannt wurde, ist im Förderungsantrag an die Berghof-Stiftung von 1977 mit "friedenspädagogische Infrastruktur" ausgedrückt. War dies 1974 noch ein Ziel, so ist sie 1977 eine Realität, die es - auch unter veränderten förderungspolitischen Bedingungen - rechtfertigt, in friedenspädagogische Arbeit, die über den regionalen Wirkungskreis hinausgeht, zu investieren. Wir sind am Ende des Projekts der festen Überzeugung, daß friedenspädagogische Forschungsarbeit, insbesondere wenn sie den Anspruch der Praxisrelevanz erhebt, nur auf dem Hintergrund einer solchen Struktur mit Erfolg betrieben werden kann. Was Im Projekt die "wichtigste Nebensache" war, nämlich die - vielfach latent vorhandene - friedenspädagogische Infrastruktur transparent und nutzbar zu machen und auszubauen, ist für den Verein die Hauptsache.
Bei dem Versuch, die friedenspädagogische Infrastruktur zu beschreiben, wie sie sich im Sommer 1978 darstellt, stützen wir uns auf die im Laufe von 5 Jahren bei der Arbeitsgruppe Friedensforschung bzw. im Verein zusammengetragenen Unterlagen: Adressenkartei, Korrespondenz, Archiv, Literaturvertriebs-Rechnungen.
Es versteht sich, daß die in diesen Unterlagen verzeichneten Personen nur einen Bruchteil derjenigen ausmachen, mit denen der Verein bzw. die Arbeitsgruppe Friedensforschung auf Tagungen, Seminaren, Öffentlichen Veranstaltungen, beim Bücher-Verkauf, bei Friedenswochen, Ausstellungen und Diskussionen in Kontakt gekommen ist. Als weitere Einschränkung ist zu beachten, daß die in folgenden aufgeführten Zahlen sich nur auf die "Region Tübingen" beziehen: Schwerpunkt ist die mit den eingemeindeten ländlichen Vororten 70 000 Einwohner zahlende Universitätsstadt; dazugerechnet wird eine Umgebung von ca. 40 km Radius. Die Landeshauptstadt Stuttgart sowie das Ballungsgebiet Mittlerer Neckar rechnen wir nicht zur Region, wenn wir auch im Hinblick auf einige Zentralinstitutionen Ausnahmen machen. Die über diese Region hinausgehenden Verbindungen werden bei dieser Aufzählung nicht berücksichtigt. Die Adressenkartei umfaßt diejenigen Personen, mit denen wir über kürzere oder längere Zeit zusammengearbeitet haben oder die von sich aus, etwa durch Mitgliedschaft im Verein (60 Personen) Interesse an friedenspädagogischer Arbeit bekundet haben. An Personen umfaßt die Regional-Kartei ca. 200 Namen mit Adressen und Arbeitsbereichen. Davon sind
60% Lehrer aller Schularten, vor allem in den Fächern Gemeinschaftskunde, Religion, Geschichte, Deutsch und Kunst;
15% Pfarrer, Vikare und sonstige Mitarbeiter der beiden großen Kirchen;
10% Sozialarbeiter und Pädagogen in der freien Jugendarbeit;
15% Dozenten und Mitarbeiter in der Erwachsenenbildung an Universität, Volkshochschule und Akademien.
Dazu kommen einige Dutzend Personen, die nicht als professionelle Pädagogen arbeiten, innerhalb der friedenspädagogischen Infrastruktur aber unentbehrlich sind s Journalisten, Fotografen und Grafiker, Drucker und Schreibkräfte, Verleger und Buchhändler, Beamte und Politiker, Gewerkschafter und Kirchenmänner, Alt-Pazifisten und Zivildienstleistende.
Die zweite tragende Säule der Struktur sind Institutionen und Gruppen, sei es, .daß sie von sich aus in weiterem Sinne friedenspolitische Bildungs- und Aufklärungsarbeit leisten; sei es, daß sie die dazu notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen.
Bei Institutionen, mit denen wir zusammenarbeiten, verzichten wir auf eine zahlenmäßige Auflistung, weil sie, wie z.B. Medienstellen, Tagungsstätten und Behörden, uns von Amts wegen unterstützen. Geht man lediglich die Mitgliederliste des Vereins durch, so lassen sich - wiederum nur innerhalb der Region - folgende Institutionen aufzahlen. In denen wir "Stützpunkte" haben: Universität und Volkshochschule Tübingen, mehrere Schulen, Jugendhäuser und Kirchengemeinden, der Südwestfunk, die kirchliche Bruderschaft in Württemberg, die Bistumsstelle von Pax Christi, das Europa-Zentrum Tübingen. Gute Kontakte bestehen zu etwa 10 friedenspolitischen Basisgruppen in der Stadt Tübingen (Pax Christi, Dritte-Welt-Gruppen, Gewaltfreie Aktion usw.), die z.T. auch das Haus des Vereins Mitbenutzen.
Im Hinblick auf die Partner innerhalb der friedenspädagogischen Infrastruktur haben wir die These vertreten, daß der Verein aus der Arbeitsgruppe Friedensforschung hervorgegangen ist und, wie die Kartei zeigt, eine Kontinuität der Arbeit festzustellen ist. Was jedoch die Kommunikation und die Beziehungen der Partner untereinander betrifft, ist zwischen der Arbeitsweise von AGFF und Verein ein Bruch notwendig: War vom Auftrag der AGFF her der Schwerpunkt, gezielte Projekte, wie z.B. Unterrichtseinheiten zu planen, durchzuführen und im Sinne von Evaluation und Forschung auch abzuschließen, so lebt der Verein davon, daß seine Beziehungen auf Dauer gestellt sind und daß Initiative, Anregungen und Schwerpunktsetzung keineswegs von einer Zentrale ausgehen müssen.
Es ist im Rahmen dieses Berichts nicht möglich, die Beziehungsmuster der Infrastruktur gründlich zu beschreiben; einige Linien können jedoch skizziert werden. Da ist zunächst einmal, wie sich ein Vereinsmitglied nicht ohne Ironie ausdrückte, die Tatsache, daß "der Frieden in Tübingen einen Briefkasten und ein Telefon hat". Er hat außerdem ein Haus mit einen Arbeitsraum (Bibliothek, Magazin, Versand), eine« Clubraum (für Sitzungen und Arbeitsgruppen), einem gemeinsamen Büroraum verschiedener Friedensgruppen, einer Küche, einem Zimmer für Gäste bzw. einen Zivildienstleistenden, dem Büro des Geschäftsführers und einem Arbeitsraum für ein Projekt.
Das Haus ist ein Angebot für Mitglieder und befreundete Gruppen als Treffpunkt und zur gemeinsamen Arbeit. Dabei ist es offensichtlich, daß die Zielgruppen des Vereins - engagierte, in der Regel jüngere Pädagogen - wenig freie Zeit haben, zumindest sich sehr genau überlegen, was sie mit Ihrer Freizeit anfangen. Die Idealvorstellung ist daher, daß Mitglieder und Interessenten sich - zumindest gelegentlich - im Rahmen des Vereins engagieren, und zwar nicht, obwohl sie unter beruflicher Überlastung und institutioneller Repression leiden, sondern weil sie durch die persönlichen Kontakte und die Informationen im Verein von diesem Druck entlastet werden.
Im Kapitel "Lehrerarbeit" dieses Schlußberichtes wird ausgeführt, wie schwierig und letztlich erfolglos es war, stabile Lehrergruppen zu finden bzw. zur Kooperation mit uns zu bewegen. Dies lag nicht zuletzt daran, daß die Lehrer nicht einsehen konnten, was ihr eigener Vorteil bei der Arbeit war, während das Forschungsinteresse seitens der AGFF immer feststand. Daher auch ihr Widerstand mit den Argument, man würde sie zu "Forschungsobjekten" machen. Für einen jour fixe im Verein oder für ein begrenztes Arbeitsvorhaben von zwei oder drei Personen kann dieses Argument freilich nicht gelten: hier zählen Freiwilligkeit und Solidarität. Wir gehen allerdings davon aus, daß durch die langsame Entwicklung solcher kommunikativer Strukturen in der Region auch die Voraussetzungen geschaffen werden, daß Aktivitäten und Forschungsarbeiten von Überregionaler Bedeutung darauf aufbauen können. Als erstes Beispiel mag das "Europäische Regionalseminar" gelten, das der Verein in Zusammenarbeit mit der "Berliner Konferenz Katholischer Christen aus europäischen Staaten" im Mai 1978 in Tübingen durchführte. Eine internationale Tagung mit Teilnehmern aus 7 Staaten Ost- und Westeuropas zum Thema "Das Selbstverständnis der Katholiken in der Friedensarbeit" konnte- zum ersten Mal in der BRD - in Tübingen deshalb durchgeführt werden, weil der Verein die Sekretariats-Leistungen erbrachte, pädagogisches know-how für Planung und Durchführung der Tagung bereitstellte und die Teilnehmer privat bei interessierten Gastgebern unterbringen konnte.
Burkhard Steinmetz: Der Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V. Arbeitsgruppe Friedensforschung. Tübingen 1978.