Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1970 - 1980 / Arbeitsgruppe Friedensforschung Tübingen: Von der Funktionsanalyse von Unterrichtsmodellen zur Friedenspädagogischen Handlungsforschung (1975)
Die Arbeitsgruppe Friedensforschung an der Universität Tübingen besteht zur Zeit aus dreizehn Mitgliedern (Politikwissenschaftler, Soziologen, Pädagogen und Theologen); drei Gruppenmitglieder sind hauptberuflich für unser derzeitiges Projekt tätig. Wir sind an das Institut für Politikwissenschaft angegliedert und werden seit 1972 von der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK) finanziell gefördert.
Unsere Arbeitsgruppe möchte Möglichkeiten der Friedenserziehung untersuchen und erproben. Dabei verstehen wir Friedenserziehung als den Versuch, die verschiedenen Formen von Gewalt und Friedlosigkeit im innergesellschaftlichen und internationalen Bereich zu thematisieren, zu analysieren und zu ihrer Verminderung beizutragen. Die Ergebnisse der Friedensforschung, der Sozial- und Verhaltenswissenschaften werden dabei berücksichtigt.
Als konkrete Aufgabe hat sich die Arbeitsgruppe gestellt, offene Modelle für die schulische und außerschulische Friedenserziehung zu entwickeln. Diese Aufgabe versucht sie in direkter Zusammenarbeit mit Gruppen von Lehrern, Jugendlichen, Erwachsenen und Mitarbeitern der Erwachsenenbildung zu erfüllen. Sie geht im Sinne einer handlungsorientierten Forschung davon aus, daß beide Gruppen, Theoretiker und Praktiker, über verschiedene Erfahrungen und Fähigkeiten verfügen, die einer gegenseitigen Ergänzung bedürfen. Die Zusammenarbeit soll dabei von den konkreten Bedürfnissen und Interessen aller Beteiligten bestimmt werden. Aus dieser direkten Zusammenarbeit erhofft sich die Arbeitsgruppe einerseits wichtige Verbesserungen der Unterrichtsmodelle. Andererseits verspricht sie sich generalisierbare Hinweise über die Prozesse, die ablaufen, wenn Lehrer oder Mitarbeiter der außerschulischen Bildung unter den derzeitigen politischen und institutionellen Bedingungen Friedenserziehung planen, durchführen und auswerten. Unsere Arbeit ist also durch drei Dimensionen gekennzeichnet:
- die praxisverbundene Modellkonstruktion
- die Zusammenarbeit mit Multiplikatoren im regionalen Umfeld
- die Dokumentation der jeweiligen Handlungs- und Forschungsprozesse
Auf diese Weise wollen wir bei einer größeren Anzahl von Jugendlichen und Erwachsenen zur Forderung von Einstellungen und Verhaltensweisen in der Perspektive der Friedenserziehung beitragen. Dabei ist sich die Arbeitsgruppe bewußt, daß Frieden durch Erziehung allein nicht machbar ist. Einige Überlegungen über Möglichkeiten und Grenzen unseres Ansatzes finden sich am Schluß dieses Textes.
Die heutige Arbeitsgruppe geht auf eine erste "Arbeitsgruppe Friedensforschung" zurück, die sich im Anschluß an ein Proseminar zur Außenpolitik der BRD, das im Wintersemester 1968/69 stattfand, konstituierte.
Die Arbeitsgruppe beschäftigte sich zunächst mit Fragen der Rüstungsökonomie, der Abrüstung und des Waffenhandels. Anfang 1970 plante der Süddeutsche Rundfunk eine Schulfunkserie über "Erziehung zum Frieden" und wandte sich auf der Suche nach neuen Mitarbeitern an das Institut für Politikwissenschaft. Die Arbeitsgruppe Friedensforschung übernahm die Sendungen, die sich mit dem Ost-West-Konflikt und Fragen der Rüstung und Abrüstung beschäftigten. Die Arbeit erstreckte sich von der Materialsammlung und -auswertung bis zum fertigen Manuskript. Auf Anraten der Gruppe wurden nicht nur Schulfunksendungen und kommentierende Begleitsendungen erarbeitet, sondern auch
der Versuch unternommen, direkt mit Lehrern in Kontakt zu treten. Ab Herbst 1970 wurden Lehrerseminare der zweiten und dritten Aus- bzw. Fortbildungsphase in ganz Baden-Württemberg von den Autoren bereist und auf diese Weise ein paar hundert Lehrer über die Sendereihe informiert. Die Mitarbeit an dieser Sendereihe legte den Grundstein für die weitere Beschäftigung mit Fragen der Friedenserziehung, die allerdings zunächst nur in Seminaren und Kolloquien des Instituts für Politikwissenschaft vorangetrieben werden konnten.
Eine Möglichkeit zu intensiver Forschung ergab sich erst mit dem durch die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung geförderten Projekt "Funktion von Unterrichtsmodellen für die Friedenserziehung", mit dem im Herbst 1972 begonnen werden konnte. Die bis dahin geleistete inhaltliche Arbeit legte es nahe, sich auf solche Unterrichtsmodelle zu konzentrieren, die den Ost-West-Konflikt oder Militär und Rüstung, ihre innergesellschafftlichen und internationalen Bedingungen und Konsequenzen thematisieren. In diesen Bereichen sollte zunächst einmal eine Bestandsaufnahme vorhandener Unterrichtsmodelle vorgenommen werden. Für diese Rezensionsarbeit entwickelte die Arbeitsgruppe einen eigenen Kriterienrahmen. Dabei wurde zunächst das Angebot nach Lehrbüchern und Materialsammlungen einerseits und nach Unterrichtsmodellen andererseits unterteilt. Letztere sollten ein Minimum an Vorschlägen für die Gestaltung des Unterrichts enthalten, wobei es sowohl um Arbeitsvorschlage für Lehrer wie für Schüler gehen konnte. Besonderen Wert legten wir dabei auf die Überprüfung der angegebenen Lehr- und Lernziele im Vergleich mit der Verlaufsplanung, den angebotenen Materialien, den Medien und den didaktisch-methodischen Kommentaren. Weitere wichtige Beurteilungskriterien waren für uns:
- Variabilität des Unterrichtsverlaufs
- Offenheit der Lernziele
- Berücksichtigung von praktischen Erfahrungen mit dem Unterrichtsmodell
Im Verlauf unserer Arbeit faßten wir diese Beurteilungskriterien in dem Begriff "didaktische Komplexität" zusammen. Er diente uns nicht nur als Maßstab für die Rezensionsarbeit, sondern auch als Richtschnur für die Arbeit an eigenen Unterrichtsmodellen. In einem Zwischenbericht haben wir unsere Rezensionen sowie einige grundsätzliche Überlegungen im Spätsommer 1973 in begrenzter Auflage veröffentlicht.
Über die Funktion dieser Unterrichtsmodelle für die Friedenserziehung in der Praxis ließen sich anhand der vorgelegten Texte so gut wie keine Angaben machen. Da wir aber auch darüber Aussagen machen wollten, nahmen wir die Frage nach der Kenntnis von Unterrichtsmodellen für die Friedenserziehung mit in einen Fragebogen auf, der im Spätsommer 1973 an Lehrer in zwei Mittelstädten in der Nähe von Tübingen verschickt wurde. Mit diesem Fragebogen verfolgten wir noch zwei weitere Ziele: zum einen wollten wir erfahren, in welchem Maße und in welchem Zusammenhang Frieden bislang im Unterricht thematisiert wird; zum anderen wollten wir den Fragebogen als Impuls für eine Kontaktaufnahme zwischen uns und an der Friedenserziehung interessierten Lehrern benutzen. Auf diese Weise hofften wir, in einer oder in beiden Städten Lehrer zu finden, die bereit sein würden, von uns konstruierte Unterrichtseinheiten zu erproben und mit uns gemeinsam auszuwerten. Diese ersten Schritte in Richtung auf eine Zusammenarbeit mit Lehrern stellten sich angesichts ihrer beruflichen Beanspruchung als sehr schwierig heraus. Zwar äußerten sehr viele Lehrer den Wunsch, sich weiter informieren zu lassen, zu Kontaktgesprächen erschienen aber später nur sehr wenige. In inhaltlicher Hinsicht zeigte sich, daß Frieden im Unterricht durchaus explizit thematisiert wird, allerdings in sehr unterschiedlichen Sachzusammenhängen, Die bis zum Zeitpunkt der Umfrage publizierten Modelle waren jedoch - mit wenigen Ausnahmen im Religionsunterricht - nahezu unbekannt, jedenfalls unbenutzt.
Die Arbeitsgruppe begann noch während des ersten Projekts mit Vorarbeiten für eigene Unterrichtmodelle. Mit diesen Materialien und Planungsentwürfen wollte die Gruppe später wieder die Zusammenarbeit mit Lehrern aufnehmen. Zu den Themenbereichen
- Rüstung (wirtschaftliche und politische Aspekte)
- Bundeswehr (gesellschaftliche Punktion und Problematik)
- Wehrdienst/Zivildienst
- Bundeswehr Werbung
wurden friedenswissenschaftliche und -pädagogische Expertisen erarbeitet und Materialien aufbereitet. Unter dem Stichwort "Alltagswissen" wurden unterrichtliche Einstiegsphasen zu diesen Themen entwickelt, die eine Artikulation und Reflexion von Betroffenheit ermöglichen sollten.
Während dieses ersten Projekts war die Gruppe noch weit von ihrem heutigen Anspruch entfernt, friedenspädagogische Handlungsforschung zu betreiben. Diese wurde aber auch erst Gegenstand des zweiten von der DGFK geförderten Projekts.
Seit Juli 1974 arbeiten wir im Rahmen eines auch personell wesentlich erweiterten neuen Projekts, dessen Laufzeit auf etwa drei Jahre angesetzt ist. Bevor wir kurz auf die einzelnen Projektbereiche eingehen, wollen wir einen tabellarischen Überblick über die bisherige Arbeit geben (siehe S. 6).
Die organisatorischen Schwierigkeiten, die sich einerseits aus der Vielzahl der Arbeitsschwerpunkte, andererseits aus der Größe der Gruppe ergaben, lösten wir, indem wir einander überschneidende Teilgruppen bildeten. Jedem Arbeitsschwerpunkt ist eine Teilgruppe zugeordnet, und jedes Mitglied der Arbeitsgruppe arbeitet gleichzeitig in verschiedenen.Teilgruppen. Auf diese Weise und durch die Diskussion und Entscheidung aller wichtigen Fragen in regelmäßigen Plenumssitzungen versuchten wir, die beiden widersprüchlichen Forderungen der Spezialisierung auf Teilaufgaben und der Integration des Gesamtprojekts zu bewältigen.
4.1 Projektbereich Schule
Die Arbeit am Teilcurriculum V + E =(?) S
In der Teilgruppe Schule versuchen wir, wie eingangs schon angedeutet, Unterrichtsmodelle in Zusammenarbeit mit Lehrergruppen zu erstellen. Aufgrund eigener Vorerfahrungen und mit Bezug auf die Erfahrungen anderer Handlungsforschungsprojekte wollten wir weder ganz ohne noch mit völlig ausgearbeiteten Unterrichtsmodellen an Lehrer herantreten. In den ersten Monaten des neuen Projekts ging es deshalb in erster Linie darum, die Arbeit an den Unterrichtsmodellen voranzutreiben.
Nach längeren Diskussionen entschieden wir uns für ein fächerübergreifendes Teilcurriculum (politische Bildung, Geschichte, Deutsch, Religion, Erdkunde u.a.). Es wurde dabei auch besonderer Wert darauf gelegt, methodisch und in Bezug auf den Einsatz von Medien viele Alternativen zu bieten. In inhaltlicher Hinsicht geht es um folgende thematische Schwerpunkte:
- Militär und Gesellschaft (Jugend und Militär, Rüstung, Feindbilder)
- Militär und internationale Politik (Bedrohungsvorstellungen, Abschreckung, Abrüstung)
- die Realität heutiger und zukünftiger Kriege
- Wehrdienst - Kriegsdienstverweigerung - Zivildienst.
Es geht uns dabei insbesondere darum, diese Probleme mit konkretem Bezug auf unsere Gesellschaft zu bearbeiten. Der zusammenfassende Gesichtspunkt dieses Teilcurriculums ist die offizielle Verteidigungspolitik der Bundesrepublik Deutschland; dem entspricht auch sein vorläufiger Arbeitstitel "Verteidigung + Entspannung = Sicherheit?" (V + E =(?) S).
Bei der Arbeit an diesem Teilcurriculum ist für uns das Prinzip der Offenheit leitend. Das heißt, wir wollen Lehrer und Schüler nicht auf ein fest umrissenes Unterrichtskonzept
festlegen, sondern ihnen vielmehr die Voraussetzungen für unterschiedliche Unterrichtsplanungen bieten. Auch wollen wir sie nicht auf bestimmte Inhalte und bestimmte Überzeugungen und Wertentscheidungen verpflichten, sondern sie zur selbständigen Auseinandersetzung mit den Problemen heutiger Verteidigungspolitik anregen. Schließlich liegt uns daran, das Teilcurriculum auch der Hinsicht offen zu gestalten, daß es in verschiedenen Klassenstufen und Schultypen (Sekundarstufe l und II) verwendet werden kann. Wir arbeiten noch daran, eine Dar Stellungsweise zu finden, die diesem komplexen Anspruch gerecht wird und gleichzeitig doch einfach und durchsichtig genug bleibt.
Lehrergruppe I
Im November 1974 begann die Zusammenarbeit mit einer kleinen Lehrergruppe einer Hauptschule auf der schwäbischen Alb. Die Initiative war von einer Lehrerin ausgegangen, die für ein Unterrichtsvorhaben in einer 9. Klasse politikwissenschaftliche Beratung suchte. Hieraus entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit, an der drei Lehrer dieser Schule (Deutsch, Sozialkunde, Mathematik) und drei Mitglieder unserer Projektgruppe regelmäßig beteiligt waren. In den alle zwei Wochen stattfindenden Kompaktsitzungen standen zuerst grundsätzliche Probleme (Lehrerrolle, neuere Pädagogik, Friedenserziehung, Sinn und Problematik des geplanten Projekts) im Vordergrund, später dann zunehmend die konkreten Fragen der Unterrichtsplanung, -Vorbereitung, -beobachtung und -auswertung. Im April 1975 wurde das Unterrichtsprojekt in 25 Stunden von den drei Lehrern mit dieser 9. Klasse durchgeführt. Dabei ist zu sagen, daß vorher nur für die Einstiegsphase detaillierte Planungen vorlagen. Die weiteren Schritte wurden in einem kontinuierlichen Planungsprozeß während der gesamten Unterrichtsphase erarbeitet, an dem auch die Schüler teilweise beteiligt werden konnten. In der Einstiegsphase wurden drei Themenbereiche behandelt; Bundeswehrwerbung, Vergleich von Wehrdienst und Zivildienst sowie Einstellungen der Bevölkerung zu Bundeswehr und Kriegsdienstverweigerung (letzteres aufgrund von Straßeninterviews der Schüler). Im weiteren Verlauf stellte es sich als schwierig heraus, wie geplant stärkeres Gewicht auf die vertiefende politikwissenschaftliche Analyse zu legen. Das Unterrichtsprojekt mündete in drei aktionsorientierte "Produktionen" der Schüler: die Herstellung einer schulinternen Wandzeitung, die Veröffentlichung eines gemeinsamen Leserbriefs der Klasse in der Lokalzeitung und die Befragung eines Jugendoffiziers und eines Kriegsdienstverweigerers im Unterricht. Die meisten dieser 25 Unterrichtsstunden wurden jeweils von einem Mitglied unserer Arbeitsgruppe beobachtet, wobei zusätzlich Tonbandaufnahmen gemacht wurden. Die Auswertung wird derzeit gemeinsam von den Lehrern und der Arbeitsgruppe durchgeführt. Ein Projektbericht wird im Herbst 1975 fertiggestellt sein. Schon heute läßt sich sagen, daß in allen Dimensionen des Projekts - von den institutionellen Rahmenbedingungen über die Zusammenarbeit mit der Lehrergruppe bis zur didaktischen Planung des und zum konkreten Geschehen im Unterricht und schließlich bis zur Auswertung und Rückkopplung der Erfahrungen - noch wesentliche Fragen bearbeitet und gelöst werden müssen.
Lehrergruppe II
Während der Kontakt zur Lehrergruppe I zufällig zustande kam, sind wir in diesem Fall nach einer genauen Planung vorgegangen. Einerseits nehmen wir auf informellem Weg Verbindung zu möglichst vielen interessierten Lehrern auf. Andererseits haben wir uns mit einem Rundschreiben an die Schulleiter der Stadt und der engeren Region Tübingen gewendet. Auf beiden Wegen versuchen wir, eine Gruppe von ungefähr 5-8 Lehrern eines Kollegiums für eine längerfristige Zusammenarbeit zu gewinnen. Wir erfassen dabei auch schon einzelne Lehrer verschiedener Schulen, um mit ihnen eventuell im Herbst eine dritte Gruppe zu bilden. Das Oberschulamt Südwürttemberg - Hohenzollern ist über unser Vorhaben und die einzelnen Schritte informiert. Auch mit diesen beiden Gruppen soll ganz konkret Unterricht geplant, durchgeführt, beobachtet und ausgewertet werden.
Rezensionsarbeit
Auch im Rahmen des gegenwärtigen Projekts messen wir der Rezension der einschlägigen Unterrichtsmodelle große Bedeutung bei. Auf diese Weise vermeiden wir die Gefahr, die eigene Arbeit isoliert voranzutreiben und unabhängig von den Erfahrungen und Lösungen anderer unser Teilcurriculum zu entwickeln. In den letzten Monaten erarbeiteten wir eine Sammelrezension zu etwa 30 Unterrichtsmodellen und ebensovielen Materialien zum Themenbereich "Dritte Welt - Entwicklungshilfe". Im Herbst soll in ähnlicher Weise eine Sammelrezension für den Themenbereich "Verteidigungspolitik - Ost-West-Konflikt" hergestellt werden.
4.2. Projektbereich außerschulische Bildung
Friedenserziehung, wie wir sie verstehen, zielt auf selbstbestimmtes politisches Handeln der Schüler, das nicht an den Grenzen des Klassenzimmers oder der Schule halt macht. Wollen wir mit diesem Anspruch die Schüler nicht allein lassen, so müssen wir uns selbst dem Umfeld der Schule, also vor allem der kommunalen Öffentlichkeit zuwenden. Uns beschäftigt somit auch die Frage, ob und wie Friedenserziehung im Freizeitbereich der Jugendlichen und jungen Erwachsenen möglich ist, und zwar vor allem in der politisch, kirchlich und humanitär orientierten Gruppen- und Basisarbeit. Im Rahmen unseres Projekts liegt uns auch daran zu überprüfen, inwieweit unsere schulischen Erfahrungen und Planungen auf den außerschulischen Bereich übertragbar sind - und umgekehrt -, oder ob wir in beiden Bereichen grundsätzlich voneinander abweichende Konzepte zu planen und zu verwirklichen haben. Schließlich spielt bei unserem Engagement im außerschulischen Bereich auch eine Rolle, daß einige von uns in Parteien und friedenspolitischen Basisgruppen mitarbeiten. Dies wie auch Probleme der projektinternen Arbeitsplanung führten dazu, daß wir schon sehr früh (Sommer 1974) mit Teilprojekten in Kirche, offener Jugendarbeit und Friedenswochenbewegung begannen.
Kirchliche Erwachsenenbildung
Seit 1973 entwickelten Mitglieder der Fax Christi - Basisgruppe Tübingen und der Arbeitsgruppe Friedensforschung ein Arbeitsbuch für die kirchliche Erwachsenenbildung. Der Auftraggeber war dabei die Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung in der Diözese Rottenburg. In diesem Buch wird versucht, die Perspektive und die Ergebnisse der neueren kritischen Friedensforschung für diesen Bildungsbereich fruchtbar zu machen (erschienen unter dem Titel "Gesucht: Friede" im Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1974). Die thematischen Schwerpunkte sind Aggression, gesellschaftliche Gewaltstrukturen, Entstehung und Funktion von Feindbildern, Rüstungskosten und soziale Not, Möglichkeiten der Friedensarbeit, das Beispiel der Kriegsdienstverweigerer.
Die Arbeitsgruppe hat in diesem Zusammenhang die folgenden Aufgaben übernommen;
- Einführung von Interessenten in die Arbeit mit diesem Buch auf Seminaren des Auftraggebers (Oktober 1974) und von Pax Christi (September 1975)
- Beratung von Teams und Einzelnen, die mit diesem Buch in ihren Gemeinden arbeiten wollen
- Beobachtung und Begleitung einiger mit diesem Buch durchgeführten Veranstaltungsbereichen in der Region Tübingen (vermutlich im Herbst 1975)
- Mitarbeit bei der Erweiterung des Arbeitsbuches in theologischer Hinsicht (ab Frühjahr 1975)
- Revision des ganzen Arbeitsbuches (1976)
Offene Jugendarbeit
Im Juli 1974 entschlossen wir uns, in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg, Referat außerschulische Jugendbildung, Wochenendseminare zur Friedenserziehung mit kommunalen Jugendhäusern zu veranstalten. Die ersten beiden Seminare führten wir im Oktober zum Thema "Jugend und Gewalt" mit Jugendhäusern in Stuttgart und Offenburg durch. In Offenburg ließ sich die Arbeit in der Folgezeit ausbauen und intensivieren. Hier fanden zwei weitere Seminare ("Die Bundeswehr - ein notwendiges übel?" und "Was tun mit Vorurteilen?") statt, dazu ergänzend mehrere Arbeitstreffen mit den dort verantwortlichen Sozialarbeitern.
Wir versuchten, mit diesen Seminaren vor allem folgende Ziele zu erreichen:
- Entwicklung und Erprobung eines Seminarmodells zur Friedenserziehung
- Aktivierung und Weiterbildung der jeweils engagierten Sozialarbeiter in der Perspektive der Friedenserziehung
- Förderung von Sensibilität, Analyse- und Bewältigungshäufigkeiten bei den Jugendlichen in bezug auf Phänomene der Gewalt
- projektorientierte Klärung von allgemeinen Problemen der Planung, Organisation und methodischen Durchführung von Seminaren der politischen Bildung in einem Team von Praktikern und Wissenschaftlern
Schon heute läßt sich sagen, daß die besonderen Bedingungen eines Jugendhauses es nur sehr begrenzt zulassen, Erfahrungen und Inhalte schulischer Friedenserziehung zu übertragen. Vor allem muß die Vermittlung von Wissen ganz eindeutig zurücktreten hinter dem Training von Fähigkeiten der Wahrnehmung, Kommunikation und Selbstorganisation in bezug auf Probleme der eigenen Lebenswelt. Ein Bericht über die bisherige Arbeit wird mit unseren Perspektiven für deren Fortsetzung voraussichtlich im Herbst in den "Materialien zur politischen Bildung" erscheinen.
Friedenswoche Tübingen 1974
Schon 1973 hatten wir an der ersten Tübinger Friedenswoche mit einer eigenen Veranstaltung zum Thema Friedenserziehung teilgenommen. 1974 entschieden wir uns für eine intensivere Form der Mitarbeit, die auch eher dem Handlungsforschungsansatz unseres neuen Projekts entsprach. Ab September 1974 nahmen wir als teilnehmende Beobachter an den vorbereitenden Sitzungen des Arbeitskreises Friedenswoche teil. Die Friedenswoche im November selbst - eine Folge von etwa 20 Veranstaltungen, die von verschiedenen Gruppen selbstverantwortlich durchgeführt wurden - untersuchten wir mit unterschiedlichen Methoden (Vor-Interviews mit den Veranstaltern, teilnehmende Beobachtung, schriftliche Publikumsbefragung. Auswertung von Flugblättern und Texten). Von März bis Mai 1975 veranstalteten wir ein offenes Seminar, um die Ergebnisse unserer Arbeit dem Personenkreis zur Information und Kritik vorzulegen, der die Friedenswoche getragen hatte. Zugleich wollten wir auf diese Weise einen Impuls zur Verbesserung der künftigen Kooperation und Öffentlichkeitsarbeit geben. Wie erfolgreich unsere Arbeit in diesem Bereich war, läßt sich derzeit noch nicht abschätzen. Entscheidend ist, ob es uns gelingt, die hier zusammenarbeitenden Personen als Gruppe lernfähiger und sensibler für pädagogische Probleme zu machen. Einen umfangreichen Forschungsbericht veröffentlichen wir im Juni 1975.
4.3 Projektbereich Dokumentation
Seit Beginn des neuen Projekts war uns klar, daß wir unsere Dokumentationsverfahren verfeinern und systematisieren müßten. Neben dem Ausbau der Hängekartei für Materialien kam als entscheidende Neuerung eine Randlochkarte! hinzu. Mit ihr erfassen wir einerseits Personen und Institutionen, andererseits Literatur und Medien. Mit dem von uns entwickelten projektorientierten Verkodungssystem haben wir die Möglichkeit, alle Informationen unter etwa 70 Stichworten zu speichern und je nach Bedarf abzurufen. Das Schwergewicht der laufenden Arbeit liegt auf der regelmäßigen Auswertung von etwa 35 Fachzeitschriften.
Der bisherige Verlauf unserer Arbeit hat uns gezeigt, daß Planungen immer wieder revidiert und konkretisiert werden müssen. Wir werden deshalb hier den derzeitigen Planungsstand nur in knappen Stichworten andeuten. Es ist durchaus möglich, daß neue Erkenntnisse und nicht vorhergesehene Ereignisse in der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Lehrer- und Multiplikatorengruppen zu weitgehenden Änderungen dieser Planung führen werden. Handlungsforschung ist auf diese Offenheit und Variabilität angewiesen und kann durch sie nur gewinnen. Im einzelnen ist geplant
im Projektbereich Schule
- Auswertung des Projekts mit der Lehrergruppe I (Sommer 1975)
- Erprobung unseres Teilcurriculums mit einer zweiten Lehrergruppe (Herbst 1975)
- Veröffentlichung des mehrfach erprobten Teilcurriculums (1976)
- Ausweitung der Arbeit mit Lehrergruppen (1976)
- Sammelrezension von Unterrichtsmodellen zum Bereich Verteidigungspolitik - Ost-West-Konflikt (Herbst 1975) im Projektbereich außerschulische Bildung
- Revision des Arbeitsbuches für die kirchliche Erwachsenenbildung "Gesucht Friede" (Anfang 1976)
- Durchführung einer dreiteiligen Seminarreihe in der Ev. Akademie Bad Boll in Fortsetzung unserer Arbeit mit kommunalen Jugendhäusern im (Herbst 1975)
- Veröffentlichung eines Seminarmodells "Friedenserziehung in der offenen Jugendarbeit" (Anfang 1976)
- Aufbau einer Multiplikatorengruppe im Bereich offene Jugendarbeit in der Region Tübingen (Ende 1975)
- Fortführung der Arbeit in der Friedenswochen-Bewegung
Der Begriff "Friedenserziehung" ist in vieler Hinsicht unklar, weckt sehr unterschiedliche Erwartungen und führt deshalb leicht zu Mißverständnissen. Wir wollen darum abschließend versuchen, auf die Grenzen von Friedenserziehung im Rahmen unseres Projekts hinzuweisen. Unsere Arbeit im schulischen und außerschulischen Bereich erfaßt nur zwei Sozialisationsfelder. Der Erziehungseinfluß der Familie, der Massenmedien und der Arbeitswelt ist sicherlich größer und bedeutsamer. Darüberhinaus ist auf die Grenzen von Erziehung überhaupt zu verweisen. Erziehung kann nur eine von mehreren Handlungsstrategien auf dem Weg zur Überwindung der durch Unfrieden gekennzeichneten innergesellschaftlichen und internationalen Verhältnisse sein. Leitend ist für uns dabei die Überzeugung, daß diese verschiedenen Strategien nicht unverbunden und voneinander isoliert sinnvoll sind. Der Erziehung kommt insbesondere die Funktion zu, auf andere Möglichkeiten der Friedensarbeit, etwa in politischen, kirchlichen oder humanitären Organisationen, aufmerksam zu machen und auf sie vorzubereiten. Eine weitere Begrenzung unserer Arbeit ist offensichtlich: wir sind eine relativ kleine Gruppe und arbeiten nur für vermutlich drei Jahre in der Region Tübingen. Soll unsere Arbeit sinnvoll sein, so müssen wir versuchen, diese Grenzen so weit wie möglich zu überwinden. Dabei denken wir zuerst an die Ausweitung unserer Arbeit innerhalb des Bildungsbereichs durch Kooperation mit Institutionen der politischen Bildung (Akademien, Volkshochschulen, Ausbildungsinstitutionen für Lehrer und Pädagogen in der außerschulischen Bildung), mit den Massenmedien und mit anderen Organisationen und Gruppen, die ähnliche Ziele verfolgen wie wir. Ansätze dazu bestimmen schon heute unsere Arbeit, vor allem im außerschulischen Bereich.
Für Friedenserziehung und damit für unsere Arbeit ist es aber auch wichtig, die Abhängigkeit von Bildung und Politik zu berücksichtigen. Wenn für Politik nach einer alten Definition gilt, daß ihr Auftrag der Friede ist, so hat Friedenserziehung einen begründeten Anspruch auf ihre Unterstützung, Das beginnt damit, daß Forschung und pädagogische Arbeit finanziert werden muß. Dazu gehört aber auch, daß die institutionellen Bedingungen für Friedenserziehung Schritt für Schritt günstiger gestaltet werden.
Damit diese Kooperation von Politik und Friedenserziehung nicht abstrakter Anspruch bleibt, bemühen wir uns auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene um Kontakte zu politischen Organisationen und Institutionen. Von unserem Ansatz und Selbstverständnis aus versteht es sich dabei von selbst, daß nicht die parteipolitische Bindung, sondern allein die Ausrichtung auf das Ziel Frieden maßgeblich ist.
Arbeitsgruppe Friedensforschung am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. Achim Battke/Inge Brenner/Berthold Meyer/ Burkhard Steinmetz: Von der Funktionsanalyse von Unterrichtsmodellen zur Friedenspädagogischen Handlungsforschung. Projektinformation Nr 1/75. Tübingen 1975.