Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Karl Fr. Roth: Erziehung zum Friedensdenken (1961)

Kurze Grundsatzbesinnung
Man kommt beim Lesen der Überschrift vielleicht zu dem Schluß, das aufgegriffene Thema sei keiner Überlegung wert. Möglicherweise betrachtet man den Versuch, die Pflege eines Friedensdenkens zu intensivieren, in der politisch gespannten Welt Situation als "heißes Eisen", dem man am liebsten nicht zuletzt deshalb aus dem Wege ginge, weil man - wie es im Volksmund heißt - "am Lauf der Dinge als kleiner Mann doch nichts ändern kann".
Doch solches Denken erweist sich in der ernsten Bemühung um den Frieden in der Welt als eine Fehlleistung. Erreicht werden könnte dadurch nur, daß Überlegungen zum Thema Frieden - wie in der Geschichte schon öfters geschehen - zu leicht zu einer Sache von "Chiliasten, Spekulanten, Wirrköpfen und politischen Falschmünzern" (Friedrich Heer) abgestempelt werden und dann mehr Schaden anrichten als sie Gutes stiften.
Dabei ist Friede "die Aufgabe männlicher Verantwortung für das Leben des Menschengeschlechts", um mit General Clausewitz, einen Soldaten, zu reden. Er war es auch, bei dem "das Bedenken des Friedens klar aus dem Dunstkreis der Träume, Sehnsüchte und Mythen herausgetreten ist" (Friedrich Heer).
Trotz aller berechtigten Skepsis, ob es einen "ewigen Frieden" jemals geben wird, sollte durch systematische Pflege des Friedensdenkens versucht werden, den Frieden immer neu zu gewinnen. Ein Teil dieser Aufgabe fällt der Schule zu.
Solches Denken ist besonders in Europa verhältnismäßig neu, keineswegs dagegen in Amerika und auch im Fernen Osten, wie die Geschichte des Friedensdenkens - die bei uns wenig bekannt ist - ausweist. Erst eigentlich durch den zweiten Weltkrieg und die Aussicht, daß möglicherweise durch einen neuen Krieg das Leben auf der Erde ausgelöscht wird, gewinnt es allmählich breiten Raum.

Friedensdenken im erzieherischen Raum
Um in der Erziehung zu einem fundierten Friedensdenken zu gelangen- wie es Bildungspläne mehr oder weniger deutlich wünschen-, erscheint als Voraussetzung, daß es in der Erzieherschaft tief verwurzelt ist. Es ist nicht damit getan, den Frieden aus dem Gefühl heraus als etwas Erstrebenswertes einfach zu bejahen. Das hat man sicher immer schon getan und nicht zuletzt in der reformfreudigen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Trotzdem ist - natürlich auch aus vielen anderen Gründen politischer, wirtschaftlicher und anderer Art - die Katastrophe eingetreten. Sicher hätte sie nicht durch eine "Friedenspädagogik" unter den damaligen Voraussetzungen verhindert werden können. Aber ebenso sicher kann man wohl sagen, daß von erzieherischer Seite die Bemühungen um ein rationales Friedensdenken zu schwach und auf jeden Fall zu wirkungslos waren. Die Erkenntnis, daß "der Friede ,im Klassenzimmer beginnt" (so betitelte sich ein umfangreicher Aufsatz in der "Deutschen Junglehrerzeitung" im Oktober 1951), stammt aus der Zeit nach dem Kriege und aus dem Erlebnis der Lehrergeneration, die den Krieg durchlitten hat. Der Verfasser dieses Aufsatzes meinte an dessen Ende: Dem Erzieher, der den zweiten Weltkrieg durchlebt hat, wird die stete Erinnerung daran (daß der Friede in den Klassenzimmern beginnt) nicht schwerfallen.
Man ist heute geneigt, diese Erinnerung aufzufrischen, besonders weil sie eine junge Lehrergeneration gar nicht mehr erfahren kann.
Inwieweit unsere geschichtliche Vergangenheit eine tiefbegründete Friedensbemühung auch in der Schule verhinderte, versucht gegenwärtig eine intensive, zeitgeschichtliche Forschung aufzuhellen. Es kann hier nur skizzenhaft auf einige geschichtliche Tatsachen hingewiesen werden, die den geistigen Hintergrund andeuten sollen, vor dem begreiflicherweise eine Friedenserziehung nicht gedeihen konnte. Es geht dabei nicht darum, Schuldfragen auf zuwerfen, sondern zu einem klaren Verständnis der eigenen historischen Situation und zu einem besseren Selbstverständnis zu gelangen.
In nicht allzuferner Vergangenheit waren in Deutschland Vertreter des Friedensdenkens - man denke nur an Bertha v. Suttner, die man höhnisch die "Friedensfurie" nannte - Anfeindungen, Mißgunst und Schlimmerem ausgesetzt. Die offizielle Meinung um die Jahrhundertwende erhellt daraus, daß die schönste Frucht der Friedensbemühungen, die Haager Friedenskonferenz von 1899, die in Amerika, Rußland und England begeistert begrüßt wurde, in Frankreich ein geringes Echo fand, deutscherseits aber faktisch sabotiert wurde. Kaiser Wilhelm erklärte damals: "Die einzige Friedenssicherung ist eine starke Armee", und unterschrieb die Schlussadresse des Kongresses, diesen "Unsinn" (wie er ihn nannte) nur, weil er das Gesicht seines Vetters, des russischen Zaren retten wollte. Man weiß heute, daß nicht Hochmut des redlichen, aber innerlich unsicheren Monarchen und auch nicht nur der deutsche "Militarismus" (um das Schlagwort zu gebrauchen) die Ursache waren, sondern letztlich Angst und Unsicherheit.
Um noch ein Beispiel zu nennen: Moltke antwortete damals in einem Brief an den Schweizer Bluntschli: "Der ewige Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der Krieg ein Glied in Gottes Weltordnung". (Aus "Die Zerstörung der deutschen Politik - Dokumente 1871-1955 von Harry Pross, Fischer-Bücherei,S.29).
Vor dem ersten Weltkrieg konnte ein so bedeutender Philosoph wie Eduard von Hartmann erklären: "Mit der Bürgschaft des ewigen Friedens würde die Entartung der Menschheit besiegelt werden".
Es braucht uns nach diesen Beispielen nicht zu wundern, daß besonders in Mitteleuropa ein friedenstiftendes Denken so schwer Fuß fassen konnte und daß es heute da und dort noch einen schweren Stand hat.
Ein kurzer geschichtlicher Rückblick, durch welche tieferen Gründe diese Entwicklung (nicht nur in Deutschland) eintreten konnte, ist hier angebracht.
Schon in der Aufklärung konnte der Glaube an die Möglichkeit, die Zukunft hoffnungsvoll, gläubig, wissenschaftlich, politisch und gesellschaftlich zu überdenken und zu meistern, kaum Fuß fassen. Er beschränkte sich auf einzelne Inseln wie Berlin, Hamburg und Halle, wo große Männer wie Lessing und Kant die besten Traditionen der Hochaufklärung hochhielten, während Schopenhauers Wort vom "ruchlosen Optimismus" zeigte, daß man es nicht wagte, "sich vollkommen und ganz, mit gutem Gewissen und Wissen im Einsatz aller Kräfte der Person und der Gemeinschaft in die Zukunft hinein zu engagieren".
Friedr.Heer, dessen Gedanken die nachstehenden Darlegungen folgen, meint dazu: "Eine vielhundertjährige seelische Sperre wirkte lähmend auf die Menschen des nachchristlichen Zeitalters, das nur die Idee eines geschlossenen Friedens (im Gegensatz zum offenen Frieden) gekannt hat.
Seit den Kreuzzügen galt ja: Friede unter den Christen - durch Krieg gegen die Ungläubigen" (in Werkhefte katholischer Laien, Heft 8/9, 1960).
Erst Immanuel Kant bedenkt den offenen Frieden und bezeichnet in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" (1795) diesen als "keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziel beständig näherkommt". Diese Schrift wurde zwar zu seinen Lebzeiten ein dutzendmal aufgelegt und auch ein dutzendmal zwischen 1805 und 1914 ediert. Aber der dunkle Schatten, der über einer Zeit liegt, die "Zeit" in erster Linie nur als Kriegszeit begriffen hat, war so stark, daß der aus dem religiösen Raum kommende Friedensappell des Papstes Benedikt XV, wirkungslos während des ersten Weltkrieges verhallte.
Auch bei pädagogisch bedeutsamen Männern, wie etwa Fichte, findet sich als Folge der Ideen, die seine Zeit beherrschten, der Versuch, "sich in geschlossenen Gesellschaften und in einem geschlossenen Frieden totalitär einzuhausen". (Man denke an seinen "geschlossenen Handelsstaat" und die "pädagogische Provinz"!).
Es sei hier der Hinweis gestattet, daß gerade Fichte und Schopenhauer in der seinerzeitigen seminaristischen Lehrerbildung einen wichtigen Platz besaßen und mit ihren Ideen weiterwirkten. Allerdings hatte Fichte schon zu Lebzeiten in dem begabten Schüler Kants und späteren Mitarbeiter Metternichs, Friedrich Gentz, einen scharfen Gegner, der erklärte, wer mit Fichte die freie Kommunikation der Völker und der einzelnen miteinander unterbinden wolle, zerstöre die Grundvoraussetzungen eines offenen Friedens.
Es wäre eine interessante Aufgabe, nachzuzeichnen, wie die ideengeschichtliche Entwicklung in Deutschland - trotz einzelner Widerstände - die Mehrheit unseres Volkes bewußt und unbewußt in die geistige Situation geraten ließ, die es mit in den letzten Krieg stürzte. Der vielschichtige und komplexe Prozeß kann hier leider auch in Andeutungen nicht beschrieben werden.
Für uns ist in diesem Zusammenhang nur wichtig, daß am Ende Schule und Erziehung mehr oder weniger mit in den Dienst der Vorbereitung einer kriegerischen Auseinandersetzung gestellt wurden. (Nicht nur in Deutschland!) Die Schulbücher zeichneten andere Völker und deren Angehörige in vereinfachten, mit Vorurteilen belasteten oder gar böswillig verzerrten Bildern. Man war so von seiner eigenen Geschichte besessen, daß eine andere Welt daneben manchmal gar nicht mehr zu bestehen schien. Am ausführlichsten wurden Kriege behandelt, und allmählich glaubte eine heranwachsende Generation, daß "Zeit" in erster Linie "Kriegszeit" sei. Durch übermäßige falsche Pflege des Heimatgedankens konnte aus gesunder Heimatliebe ein gefährlicher Heimategoismus werden, der sich bei aufgepeitschten Leidenschaften bis zum Fremdenhaß steigerte. F. Kopp hat diese Möglichkeiten in "Krise der Heimaterziehung und die Aufgabe der Schule" - Cassianeum, Donauwörth 1949 - ausführlich dargestellt.

Was wäre zu tun gewesen?
Wenn diese Fragestellung heute auch unergiebig scheint, so soll sie doch gewagt werden, um zu erkennen, was heute im Rahmen einer "Friedenserziehung" getan werden könnte.
Die Geschichte der sozialen und religiösen Bewegungen, der technischen Erfindungen und Ideenkämpfe, aber auch die vielfältigen Versuche zur Stiftung eines langdauernden Friedens hätten neben der Geschichte der Kriege viel mehr Platz in den Lehrbüchern für Lehrer und Schüler finden müssen.
Vor allem aber hätte das offene Friedensdenken von Erasmus von Rotterdam angefangen bis zu den Quäkern mit William Penn dem Jüngeren in der geschichtlichen Bildung Raum finden sollen. Erasmus schrieb in seiner berühmten "Querela pacis" von 1517: "Der größte Teil aller Völker verabscheut den Krieg und sehnt sich nach Frieden. Nur eine kleine Zahl von Menschen, deren verruchte Glückseligkeit sich stets auf dem Elend des Volkes begründet, wünscht immer wieder den Krieg. Soll deren Schlechtigkeit den Sieg davontragen über den guten Willen der anderen?" Der Krieg ist, so lehrte Erasmus, kein geeignetes Mittel für die Austragung der Gegensätze, für die Lösung der Konflikte.
Die Quäker haben im 17. Jahrhundert als erste klar ausgesprochen, daß Friedensarbeit Arbeit an der Überwindung der Angst sein muß: der Angst vor dem Gegner, dem Feind, der als Todfeind angesehen wird, aber auch der Angst in der eigenen Brust vor sich selbst, die nach außen projiziert wird.
Wahrend der Pariser Mönch Emeric Cruce schon 1625 für einen Völkerbund mit einem ständigen Schiedsgericht in Venedig eintritt und drei wichtige Elemente eines offenen Friedens nennt, nämlich freie Weltwirtschaft, die Umwandlung der militärischen in technische Intelligenzen und eine offene Frömmigkeit an Stelle der je in sich geschlossenen Religiosität bewaffneter Konfessionen, lehrt Imman. Kant später, daß der Frieden, bereits im Frieden durch stehende Heere, die ein Klima des Krieges schaffen, bedroht ist. Er nennt als die drei materiellen Voraussetzungen eines Krieges "Heeresmacht, Bundesmacht und Geldmacht", wobei er die Geldmacht als Wirtschaftsmacht "wohl als das zuverlässigste Kriegswerkzeug" betrachtet.
Nach diesem Exkurs in die Vergangenheit, der leider Generationen von Erziehern vorenthalten blieb, wieder in die Gegenwart.
Wir wissen heute durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft, der Psychologie und Soziologie, wie Aggressionen entstehen. Diese Erkenntnisse, die zum Fachstudium des Lehrers gehören, sollen hier nicht dargestellt werden. Sie müssen nur stets im Bewußtsein bleiben. Die Theorie der Erziehung hätte sich in der Lehrerbildung viel ernster mit dem Gedanken des Weltfriedens befassen sollen. Wie lange galten in der Pädagogik nur die Werte des Wahren, Guten, Schönen und Heiligen! Sie sind bei manchen modern sein wollenden Pädagogen heute noch die obersten Leitsätze der Erziehung. Dabei hat schon im Mittelalter ein Thomas v. Aquin neben diese Werte ausdrücklich den Wert des Friedens gesetzt. "Nomen est omen" möchte man sagen! - "Mit Notwendigkeit muß jedes begehrende Wesen den Frieden begehren", und später: "Wer immer das Gute erstrebt, verlangt eben darin auch nach dem Schönen...Es ist das gleiche Verlangen, das sich auf das Gute richtete, auf das Schöne und auf den Frieden" (Aus Thoma von Aquin, Fischer-Bücherei, herausgegeben von Josef Pieper, Se.68).

Wo stehen wir heute?
Neben Rückschritten, sind große Fortschritte zu verzeichnen: Auf den Pädagogischen Hochschulen hat die Pflege geisteswissenschaftlicher Disziplinen da und dort Voraussetzungen für eine Intensivierung des Friedensdenkens geschaffen. Wie weit dies durchgängig der Fall ist, müßte eine Befragung, die sicher interessant wäre, ergeben. Ein sehr positives Beispiel sei hier angeführt:
Professor Dr. Dr. Theodor Wilhelm (Päd. Hochschule Kiel) stellt in einem Aufsatz "Wo steht die Erziehungswissenschaft heute?" (in: "Die Deutsche Schule" Heft 6/1961) neben den Sachverhalten a) Mit der Reichlichkeit leben (und leben lernen), b) Mit der Technik leben (und leben lernen), c) Mit den Apparaturen leben (und leben lernen), d) Mit der Demokratie leben (und leben lernen) als 5. Aufgabe heraus: "Mit dem Frieden leben (und leben lernen)". Er hat dazu ausgeführt: "Noch nicht recht in unser Bewußtsein eingegangen ist der Sachverhalt, daß wir in ganz anderer Weise als frühere Epochen mit dem 'ewigen Frieden' rechnen müssen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es in Zukunft nur noch lokale kriegerische Auseinandersetzungen geben; einen die westliche Welt einschließenden Weltkrieg würden wir vermutlich nicht mehr überleben. Die Angst vor dem Krieg ist gleichbedeutend geworden mit der Angst vor dem Ende. Wenn es, wie Robert Jungk gemeint hat, richtig ist, daß die überlieferte Pädagogik (überall, nicht nur in Deutschland) die Kriegseventualität insgeheim immer mit in Rechnung gestellt hat und der Vorstellung verhaftet war, daß eine kampflose Welt die heranwachsende Generation der Langeweile ausliefere, wird die Pädagogik durch den Prospekt des 'Lebens ohne Krieg' vor eine gänzlich neue Situation gestellt. Wahrscheinlich wird es nicht schwer sein, die Kinder auch ohne Kampfgeschrei vor Langeweile zu bewahren; Atomkraft, Weltraumfahrt, Entwicklungshilfe usw. bieten genug Gelegenheit zu Aufregungen. Aber es wird großer und entschiedener Anstrengungen bedürfen, um den Frieden schöpferisch zu gestalten. Wird es gelingen, das Bewußtsein, daß eine höhere Form des Daseins erreicht ist, so zu festigen, daß Erfindungsgabe und Nachdenken der Kultivierung des Weiterlebens zugute kommen statt der Vernichtung? Welches werden die erzieherischen Leitbilder, die 'Helden' dieser auf uns zukommenden Friedenswelt sein? Gibt es nicht eine 'Angst vor dem Frieden' und ist es nicht eine brennende Aufgabe der Erziehung, sie rechtzeitig abzubauen und in schöpferische Qualitäten umzusetzen? "Bis hier" das Zitat des unter dem Pseudonym Friedrich Oetinger bekannten Verfassers des berühmten Partnerschafts-Buches!
Die Aufgabe ist klar: Es wird am Erzieher selbst liegen müssen, im Sinne bester Selbsterziehung die "Angst vor dem Frieden zu überwinden", diese Auffassung aber auch seinen Schülern zu übermitteln.
Wie das im einzelnen in der Schulstube zu erfolgen hat, kann hier nicht dargestellt werden. Es soll nur auf Begriffe wie Partnerschaft, Kooperation, Kompromiß, Toleranz, fair play u.s. hingewiesen werden, die von Anfang an in der Schule zu pflegen sind. Wichtig erscheint aber neben der Übung in diesen Werten die bewußte Pflege eines offenen Friedensdenkens.
Wieweit verlangen unsere gegenwärtigen Bildungspläne diese Aufgabe? Ist dafür gesorgt, daß allmählich die Erkenntnis dämmert, daß "das Volk, das auf der anderen Seite des Berges lebt, nicht schlechthin aus rothaarigen Teufeln besteht", um mit O.G.Jung zu sprechen?
Im neuesten Bildungsplan heißt es zum Geschichtsunterricht: (S.402) "Zeiten des Friedens und Werke des Geistes und der Menschenliebe werden in ihrem segensvollen Wirken hervorgehoben." Mit Recht bemängelt C.Weiß in den Anmerkungen (Bayerische Schule,Nr.26/1961), daß zum Thema "Um den Frieden der Welt" überhaupt keine gundlegenden Begriffe genannt werden. Beispiele etwa der Gegenüberstellung von "offenem" und "geschlossenem" Frieden und die Einbeziehung von Persönlichkeiten, wie sie genannt wurden, wären hier unbedingt einzufügen.
Wie steht es aber mit dem Bild des praktisch einzig möglichen Gegners in einer Weltauseinandersetzung im Osten? Muß es nicht bedenklich und den modernen Aufgaben geradezu abträglich sein, wenn man hier nicht auch alle notwendigen Konsequenzen zieht? - Ist es nicht alarmierend, wenn in einer Untersuchung über "Stereotypisiertes Denken im Volksschulalter" von Karl Aschersleben (in "Die Deutsche Schule", Heft 5/1961) bei der Auswertung von Schülerbefragungen festgestellt wurde, daß Deutsche und Amerikaner vorwiegend mit positiven Eigenschaften (stark, fleißig, reich u. gut) belegt werden, die Russen aber vorwiegend (neben stark) mit grausam, feige und faul? (bitte nachlesen!). Sicher ist daran nicht nur die Schule schuld, sondern das Vorurteil des Elternhauses, das nicht zuletzt durch die Massenmedien beeinflußt wird. Wenn aber solche ungünstige und unberechtigte Beeinflussungen (etwa im stark wirkenden Film) sogar in der Schule und Lehrerschaft Eingang finden, wie z.B. in dem Film "Völker, höret die Signale!", dann wird es Aufgabe der Schule sein müssen, solche Manipulationen immer wieder aufzudecken.
Wenn diese skizzenhafte Darstellung nun abgebrochen wird, so deshalb, weil sie nur auf eine Aufgabe hindeuten wollte. Für die Schulwirklichkeit im einzelnen die Folgerung aus den aufgezeigten Erkenntnissen zu ziehen, wird zunächst Aufgabe jedes einzelnen Erziehers sein, der aufgerufen ist "den Ausblick im Frieden zu suchen: in der Verständigung mit allen, die zum Verstehen bereit sind" (Golo Mann). Dabei braucht einen nicht ein blinder Glaube an den Menschen zu leiten, "weil auf uns Menschen überhaupt kein fester Verlaß ist und nie sein wird" (Golo Mann). Aber sollte die Aufgabe für einen Erzieher, dazu einen christlichen, nicht verlockend sein, wenn er sie im Sinne von Heer sieht: "Wer dergestalt sich übend, sich selber wahrnehmend, aus dem kleinen Frieden heraustritt, aus dem Abwehrfrieden in der Festung seiner Seele und seines Geistes, der wird gewahr: es gibt heute bei allem gefährlichen Reichtum, ja bei einem Wuchern geschlossener Friedenssysteme in unserer einen Welt, doch keinen ganz geschlossenen Frieden mehr: da tausendfach, unbewußt, ungewollt und unerwünscht wie Flugsamen Elemente eines offenen Friedens einströmen in die Räume geschlossener Friedenssysteme. Es gibt zum anderen auch keinen ganz offenen Frieden, weder in der äußeren noch inneren Geschichte des Menschen; es sei denn in der Erscheinung des Gottmenschen selbst."

Weitere Literaturhinweise
"Zur Friedensfähigkeit erziehen" v.H. Nicklas, A. Ostermann - Verlag Urban & Schwarzenberg München-Berlin-Wien 1976 .172 S.
"Friedensforschung u. politische Didaktik" v.H. Schierholz - Verlag Leske & Budrich Opladen 1976 176 S.
"Soziales Lernen (Gruppenarbeit für den Frieden)" v.H.E.Bahr A.S.Seipel (Hrsg.) Urban-Taschenbuch Bd.875 Verl.Kohlhammer Stuttg.1975 156 S.
"Orientierungshilfe für die Praxis der Friedenserziehung" v.R.Grasse u. G.Gugel - Studiengesellschaft f. Friedensforschung 8 München 19 Dachauerstraße 189 1977 146 S. m. Angaben von Unterrichtsmodellen und Filmen.
"Friedenserziehung"' (Handbuch) v.Chr.Küpper Verl. Leske & Budrich Opiaden 1978 210 S. (Als Einführung bes. geeignet)
"..und ich geh doch zur Bundeswehr" (Tübinger Beiträge zur Friedensforschung u. Friedenserziehung" Bd.5) Waldkircher Verlagsgesellschaft mbH. 7808 Waldkirch i. Breisgau 1976 155 S.
"Akademiebericht Friedenserziehung" Akademie f. Lehrerfortbildung 888 Dillingen Kardinal v.Waldburgstr. 1971 l03 S. jeweils mit weiteren ausführlichen Literaturhinweisen.

Karl Fr. Roth: Erziehung zum Friedensdenken. In: Die Bayerische Schule, Nr. 35/36, 18.12.196l

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