Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1960 - 1970 / Gustav Heinemann: Antrittsrede beim Staatsakt im Plenarsaal des Deutschen Bundestages am 1. Juli 1969
Der Mensch ist im Begriff, den Mond zu betreten, und hat doch immer noch diese Erde aus Krieg und Hunger und Unrecht nicht herausgeführt. Der Mensch will mündiger sein als je zuvor und weiß doch auf eine Fülle von Fragen keine Antwort. Unsicherheit und Resignation mischen sich mit der Hoffnung auf bessere Ordnungen. (...)
Nicht der Krieg ist der Ernstfall, in dem der Mann sich zu bewähren habe, wie meine Generation in der kaiserlichen Zeit auf den Schulbänken lernte, sondern der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bewähre" haben. Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz mehr. (...)
Hilfreich wäre es, wenn auch wir der Friedensforschung, das heißt einer wissenschaftlichen Ermittlung nicht nur der militärischen Zusammenhänge zwischen Rüstung, Abrüstung und Friedenssicherung, sondern zwischen allen Faktoren, also z.B. auch den sozialen, den wirtschaftlichen und den psychologischen, die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden würden.
Bei all dem geht es nicht nur um den Ost-West-Konflikt, sondern in steigendem Maße auch um den Nord-Süd-Konflikt. Hunger und Elend in der Welt rufen nach Hilfe. Die Industrienationen in allen Lagern dürfen sich dieser Hilfe nicht entziehen. (...)
Gustav Heinemann: Antrittsrede beim Staatsakt im Plenarsaal des Deutschen Bundestages am 1. Juli 1969. In: Karl Kaiser: Friedensforschung in der Bundesrepublik. Gegenstand und Aufgaben der Friedensforschung, ihre Lage in der Bundesrepublik sowie Möglichkeiten und Probleme ihrer Förderung. Studien im Auftrag der Stiftung Volkswagenwerk. Hannover 1970, S. 242 (Auszüge).
Siehe auch: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 87, vom 2.7.1969, S.748 f.