Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Fortunat Weigel: "Friede und Erziehung" (1968)

Ich sehe es als meine Aufgabe, ein paar Fragen aufzuwerfen und einige Behauptungen aufzustellen. Die Fragen mögen Sie dann miteinander beantworten, oder doch wenigstens die möglichen Antworten nebeneinanderstellen. Die Behauptungen sind als Arbeitshypothesen zu betrachten, die Sie im Laufe des Tages durch Ihr experimentelles Denken entweder bestätigen oder widerlegen sollen.

Erste Frage:
Der Tätigkeit der meisten größeren Jugendverbände liegen Weltbilder zugrunde. Aus je einem solchen Weltbild ist auch eine grundsätzliche Einstellung zur Funktion von Krieg wie von Frieden in der menschlichen Gesellschaft abzuleiten. Sollen in der Gruppenarbeit die entsprechenden Normen gewissermaßen unterrichtet werden, oder kann man jeweils der nächsten Generation nur die verschiedenen Möglichkeiten zur Entscheidung anbieten?

Zweite Frage: (sie betrifft die Schule)
In der Bayerischen Verfassung werden, im Paragraphen 131 bestimmte "oberste Bildungsziele" aufgestellt. Ist diese Verfassungsvorschrift so auszulegen, daß auch die Schule in irgendeiner Form systematisch zu friedlichem Verhalten, womöglich zum Pazifismus erziehen soll, oder darf im Gegenteil die öffentliche Schule ein solches Ziel gar nicht verfolgen, weil sie damit gegen die politische Neutralität verstößt? Die Beantwortung dieser Frage ist von großer praktischer Bedeutung.
Beispiel A: In meiner Schule wurde das Problem diskutiert, ob ein Lehrer sich auf Befragen der Schüler persönlich zur Kriegsdienstverweigerung bekennen dürfe oder nicht.
Beispiel B: An manchen Schulen erhalten - oder erhielten - Bundeswehroffiziere Gelegenheit, vor Abiturklassen zu sprechen, um für den Offizierberuf zu werben. Andere Berufe erhalten diese Vergünstigung selten. Damit wird doch der Soldatenberuf als ein für die Gesamtbevölkerung besonders wichtiger hervorgehoben. Der Akzent liegt dann nicht so sehr auf der Erziehung zum Frieden, als, ganz neutral gesprochen, der Erziehung zur als notwendig angesehenen Wehrbereitschaft.
Wo soll also Ihrer Meinung nach der Akzent liegen - wie sind gegebenenfalls die Bereiche "Erziehung zum Frieden" und "Erziehung zur Wehrbereitschaft", was ja heißt, unter bestimmten umständen zur Kriegsbereitschaft abzugrenzen? Das war meine dritte Frage.

Zu ihrer Beantwortung eine Vorüberlegung:
Unser Hauptausschußthema berührt die Frage des Verhältnisses von Macht und Sittlichkeit. Die Moral, die in einer Gesellschaft gilt, hat sich jeweils von zwei Polen her entfaltet: es ist einmal die Moral der Herrschenden, die das Verhalten der Menschen mehr von deren Standpunkt aus und nach deren Interessen regelt. Daneben hat sich aber immer eine Moral der Beherrschten entwickelt, die versucht, die Machtausübung mit sittlichen Argumenten einzuschränken. Die Französische Revolution ist, soweit sie nicht völlig aus ökonomischen Faktoren sondern a u c h ideell zu verstehen ist, das Ergebnis einer Auseinandersetzung dieser beiden "Moralen". Mit der - formalen - Verwirklichung der Demokratie ist nun scheinbar einer solchen Auseinandersetzung der Boden entzogen. Es wird ja vorausgesetzt - naive Sozialkundebücher tun das ständig - daß Herrscher und Beherrschte nunmehr identisch sind, daß es also gar nicht mehr nötig ist. Macht zu zügeln und Beherrschte vor ungezügelter Machtausübung zu schützen. Jetzt wird rasch - und für die wirklichen Mächtigen bequem -weiter argumentiert: Wer von seinen individuellen oder auch in Weltanschauungsgemeinschaften fundierten sittlichen Normen die politische Führung kritisiert, der "unterminiert" nicht nur die Macht einer Gruppe, sondern den Staat selber. U n s e r n Staat heißt es dann? Das Grundgesetz weiß das ein bißchen anders. Es hat mit dem Katalog der Grundrechte einen sozusagen staatsfreien Bereich abgesteckt, dessen Grenzen allerdings festgelegt sind durch eine ganz bestimmte - durchaus nicht universelle - damals den maßgeblichen Politikern gemeinsame, auch den Mächtigen des Tages, den Alliierten, genehme Auffassung von dem Sinn menschlicher Existenz. Man braucht nur Karl Eduard von Schnitzlers Ansprache an die Rundfunkhörer zu lesen, um festzustellen, daß es eben völlig andere Auffassungen vom Recht des einzelnen und vom Preis gibt, den man für den Frieden bezahlen will. Diese Seite argumentiert folgendermaßen: Wir wollen das Gute - also s i n d wir die Guten. Wenn wir die Guten sind, sind logischerweise die ändern d i e Schlechten. Das Schlechte aber gilt es mit a l l e n Mitteln zu bekämpfen. Soll man angesichts solcher politischen Nachbarn zum Frieden erziehen?

Ich setze nun voraus, daß Sie meine Fragen trotz mancher Bedenken mit Ja beantworten und ziehe aus dieser grunsätzlichen Bereitschaft, für den Frieden erziehen zu wollen folgende Schlüsse:
1) Ein wichtiges Motiv für den einzelnen, kriegerischen Parolen zu folgen - und diese Bereitschaft erst macht Kriege möglich, wenn sie sie auch nicht direkt motiviert - ist das uneingestandene Gefühl, unterdrückt, ohnmächtig, oder lange Zeit unterdrückt, ohnmächtig gewesen zu sein. Die so angestaute Bereitschaft zum Haß bricht, wie wir in der neueren Geschichte sehen, zu furchtbaren Flammen aus. Es ist deshalb nötig, daß sich der junge Mensch in den acht bis dreizehn Jahren seiner Schulzeit jeweils als der geben darf, der er ist. Er soll sich samt seinen natürlich zunächst nur emotional begründeten Einstellungen nicht verstecken müssen (auch ein Schüler mit NPD- oder KP-Gesinnung!)
2) Der Lehrer muß die Konsolidierung intoleranter Mehrheiten innerhalb der Klasse unter Kontrolle halten. (Die Förderung eines "Klassengeistes", die als Erziehungsmittel so gern gepriesen wird, ist von hieraus gesehen gar nicht so günstig.)
3) Das Selbstvertrauen des werdenden Menschen ist zu stärken - Frechheit ist als das zu behandeln, was sie meist ist: Kompensierung gefühlter Minderwertigkeit - sie ist also nicht zu "ducken". Der Schüler muß immer wieder erfahren: "Von mir allein hängt es ab, was ich in meinem Leben und innerhalb meiner Welt verwirklichen will - andere, auch der Erzieher, können mir nur die Mittel zur Durchsetzung (Wissen, Können) an die Hand geben.
4) Es muß einsichtig gemacht werden, daß die logische Folge dieser sittlichen Freiheit die Verantwortung für meine Handlungen, die Verantwortung auch für meinen Beitrag zur Gesellschaft, ist,
5) Schule kann innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr als Gemeinschaft organisiert sein. Gemeinschaft ist nur in Privatschule möglich - die öffentliche Schule muß als Gesellschaft betrachtet werden. (Für konventionelle Pädagogik schwer zu fassen!)
6) Die Schule wird sich daher mehr als bisher damit abfinden müssen, im wesentlichen W i s s e n zu vermitteln. Die zu verwirklichenden Werte wird sie zur Wahl stellen. Nicht verzichten darf die Öffentliche Schule auf die Vermittlung von Einsichten in die Zusammenhänge, die zwischen den Werten bestehen.
7) In unserem Zusammenhang heißt das: Vermittlung von Einsichten in die Motive menschlichen Handelns sowie Einsicht in andere Machtfaktoren (wirtschaftliche Gruppen, weltanschauliche Großgemeinschaften, Parteien, Verfassung als Formulierung bestehender Machtverhältnisse und nicht als Niederlegung abstrakt-allgemeingültiger Grundsätze.)
8) Es ist zu fordern die Befreiung des Geschichtsunterrichts von der Vermittlung von Vorbildern. Bedeutendes wird auch dann wirken, wenn es kritisch dargestellt wird. Bei der Behandlung der großen "Figuren" der Geschichte müssen die wirtschaftlichen, soziologischen und kulturellen Zusammenhänge viel stärker herausgearbeitet werden. Auf keinen Fall sollte wie bisher beim Schüler der Eindruck bleiben können, ein Krieg mit all seinen Schrecken sei doch ein bißchen weniger schrecklich, weil ein "großer Mann" Gelegenheit bekommen habe, seine Größe zu Zeigen.
9) Im Zusammenhang damit ist die historische Relativität des Heldenbildes zu zeigen.
10) Es muß eine gründliche Einsicht in die Funktion von Vorurteilen vermittelt werden. Bloßes Lächerlichmachen genügt nicht. Es muß gezeigt v/erden, daß Vorurteile zunächst Hilfsmittel zur Orientierung in unbekannten Situationen sein können. Man kann sie nur dann entbehren, wenn echte differenzierte Erkenntnisse wachsen und das Selbstvertrauen gesichert ist.
11) Mißtrauen in angebotene Fertigurteile ist zu wecken. Diese Erziehung zum Mißtrauen ist gegenüber früher ein völlig neuer, für manchen alten Pädagogen wahrscheinlich bestürzender Aspekt des Erziehungsvorganges.
12) Zum Abschluß einer Erziehung, die zunächst den kleinen Menschen ernst genommen, sein Selbstvertrauen gestärkt, seine geschichtlichen und soziologischen Einsichten vermehrt, sein soziales Verhalten geübt und in ihm das Bedürfnis verantwortlichen Handelns geweckt hat, folgt die Auseinandersetzung mit der Tagespolitik (also nicht "Politik von der Schule fernhalten!"), der temperamentvolle, aber die Spielregeln beachtende politische Streit ist zu pflegen.

Fortunat Weigel: Friede und Erziehung. In: Bayerischer Jugendring: Chancen für den Frieden - Eine Dokumentation. Verlauf und Ergebnisse der Frühjahrstagung des Hauptausschusses vom 28.-30. März 1968 in Teisendorf/Oberbayern. München 1968

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