Home / Themen / Friedenserziehung / Friedenspädagog... / 1960 - 1970 / Christel Küpper / Mathias R. Lobner: Aspekte zum Problem: Friedenserziehung und politische Wirklichkeit (1969)
Die Aufmerksamkeit, die die Politik mindestens seit der Aufklärung dem Bildungswesen widmet, gibt zu der Vermutung Anlass, dass Erziehung für die politische Wirklichkeit eine Bedeutung hat.
"Alles unnötige Räsonnieren und Diskutieren mit der Jugend ist zu vermeiden, damit sie früh lerne, ohne Widerspruch den vorgeschriebenen Gesetzen zu folgen und sich willig der bestehenden Obrigkeit zu unterwerfen" (Preußen 1819). "Aufgabe und Ziel der gesamten Bildung ist ... glaubens- und kirchentreue, religiös-sittliche, dem König und dem Thron treu ergebene, den Gesetzen gehorsame, einfach aber gründlich unterrichtete, für ihren Beruf begeisterte und die Jugend kindlich liebende Lehrer heranzuziehen, weiche mit Genügsamkeit, Mäßigkeit und Ordnungsliebe, Gottesfurcht, Gehorsam und Demut verbinden" (Bayern 1857). In solchen Verordnungen ist die Politisierung der pädagogischen Domäne, ihre Dienstbarkeit für politische Intentionen unverhüllt deutlich. Solche Geisteshaltung führte geradewegs von den patriotischen Schulfeiern zu Kaisers Geburtstag zu Führers Geburtstag, vom Sedantag nach Stalingrad. Die widerstandslose Verführbarkeit des Untertanen ist in solcher staatsfrommer Erziehung ein selbstverständlich hingenommenes Nebenprodukt.
Diese nach 1945 unausweichliche Erkenntnis hat als Reaktion den Wunsch nach einer apolitischen Erziehung entstehen lassen, der heute in der BRD weitgehend vorherrscht. Auf der anderen Seite aber förderte sie die Einsicht, dass der "Humanismus der reinen Toren", die Innerlichkeit und der geistigen Freiheit die Verführbarkeit der deutschen Pädagogik induziert hat.
Zwischen dem, was an Freiheit in der Schule und in der Gesellschaft realisiert wird, besteht ein enger Zusammenhang. Wenn man im Gegensatz zum Neuhumanismus Freiheit nicht apolitisch versteht als nur-geistige Freiheit des einzelnen, sondern zuallererst als eine von der Gesellschaft zu leistende und zu schützende Möglichkeit - nämlich die Möglichkeit, sich nicht-konform zu verhalten ohne soziale Sanktionen -, dann ist in der deutschen Wirklichkeit, besonders in der Erziehung, von Freiheit wenig zu- spüren; Karl Steinbuch bemerkt einmal: "In unserem Land ist der Konformitätsgrad wohl das gewichtigste Auslesekriterium". Dabei muss gesehen werden, dass die Schule, als Gesamtheit betrachtet, nicht wesentlich aufgeklärter und freiheitlicher sein kann als Gesellschaft und Staat im ganzen; sie kann, wenn die Politik der Emanzipation entgegenwirkt, nur in "homöopathischen Dosen" emanzipatorisch wirken. Die Chance der individuellen Selbstdefinition ist nur im Rahmen gesellschaftlicher Bedingungen gegeben und wird durch sie begrenzt oder verspielt.
Deshalb hat die Pädagogik erkannt, dass der Bemühung um den einzelnen die Verantwortung für die sozialen Bedingungen seiner Selbstverwirklichung vorzuordnen ist. Damit hat sich eine Wende der pädagogischen Betrachtungsweise vollzogen, die sich besonders deutlich zeigt in der Einbeziehung der - als Gesellschaftspolitik verstandenen - Bildungspolitik in die Erziehungswissenschaft, genauer: in die Didaktik, wie sie heute verstanden wird. Erziehung erhält damit eine sozialkritische Funktion.
Der politische Charakter der Pädagogik, wie er besonders in der Auseinandersetzung mit der willig geleisteten erzieherischen Verführung im NS-Staat bewusst geworden ist, ist begründet in der Tatsache, dass der Mensch "ein politisches Wesen" ist und dass Aas Politische" als Grundcharakter aller menschlichen und sozialen Prozesse, als Dimension des Menschseins anzusehen ist. Erziehung ist, als ein die Wirklichkeit des Menschen strukturierendes Handeln, ein Politikum und hat eine indispensable, eigenständige politische Verantwortung. Will man diese näher beschreiben, so wird man von "Realisierung der gesellschaftlichen Freiheitschance", "Grunddemokratisierung", "Verantwortungsfähigkeit", "Option für die Humanisierung der Gesellschaft" o. ä. sprechen.
Erziehung - ein Beitrag zum Frieden?
Diese Vorüberlegungen scheinen erforderlich, um sachgerecht der Frage nachgehen zu können, ob und auf welche Weise Erziehung einen Beitrag zum Frieden, als einer politischen Kategorie, leisten kann und muss. Schärfer gefragt: Kann Erziehung Voraussetzungen für die politische Realisierung des Friedens schaffen? Gibt es Bedingungen für den Frieden, die nur durch Erziehung hergestellt werden können?
Die Frage nach den möglichen politischen Wirkungen der Erziehung beinhaltet letztlich den Einfluss des einzelnen auf die politischen Entscheidungsprozesse. (1) Sie führt damit zur Entwicklung neuer Konzepte für das politische Handeln des einzelnen (etwa: Formen der partiellen Illoyalität, des bedingten Ungehorsams, neue Techniken flexibler und vielfältiger Solidarisierungen u. a.), die ihn in die Lage versetzen, von der Freiheit Gebrauch zu machen und auf das politische Handeln der Entscheidungsträger differenzierter zu reagieren.
Die politische Begründung der Friedenserziehung verlangt dagegen eine Untersuchung der Bedingungen, unter denen friedensfördernde politische Verhaltensweisen und Entscheidungen Chancen auf realpolitischen Erfolg haben können. Erst im Rahmen einer solchen Analyse können Zielsetzungen und Inhalte einer Friedenserziehung bestimmt und Formen ihrer politischen Wirksamkeit gesucht werden.
Im Augenblick bietet der unzulängliche Stand der Friedensforschung hierfür noch keine ausreichenden Voraussetzungen und lässt nur zu, Hypothesen und relevante Ansatzpunkte zu entwickeln. Bedeutung und Dringlichkeit der Friedenserziehung ergeben sich nicht nur aus der gegenwärtigen und künftigen Weltlage, sondern vor allem aus der Tatsache, dass der Friede zur "Grundlage und Norm des Politischen" schlechthin geworden ist, dass er als politische Grundoption erkannt wird. Zweifellos bestehen heute noch wesentliche politische und mentale Widerstände gegen das unbedingte Postulat des Friedens. Sie stehen der Bereitschaft zu einer aktiven Friedenspolitik ebenso im Wege wie der Förderung der Friedensforschung, die die Voraussetzungen für eine solche Politik zu erarbeiten imstande ist. Diese Widerstände können nur überwunden werden durch Prozesse der Bewusstseinsveränderung - also durch "Erziehung".
Ausschaltung von Kriegsursachen
Erziehung für den Frieden ist eine, an einer politischen Zielutopie orientierte, politische Idee der Erziehung. Alle Politik bedarf, zur Ausrichtung ihrer politischen Energien und als Norm für ihre Entscheidungen, einer derartigen Zielvision. Diese kann in der heutigen Weltsituation nur der Friede sein. Dabei kann Friede nicht nur als sog. "negativer" Friede (= Abwesenheit von Krieg) verstanden werden; es muss geklärt werden, welche Bedingungen hergestellt werden müssen, damit Krieg vermieden werden kann. Das heißt: Friede muss als realistisches, dynamisches Funktionsmodell für Konfliktregelungen begriffen werden. In diesem Zusammenhang ist die Erforschung von Konflikt- und Kriegsursachen eine der wichtigsten Aufgaben.
Für die Pädagogik sind zwei Fragen besonders wichtig:
- Gibt es Ursachen für Kriege, die "beim Menschen" liegen und die durch
erzieherische Einwirkung beeinflussbar sind?
- Welche Verhaltensweisen können "Menschen" (d. 1. eine "hinreichend große Zahl" von Menschen bzw. bestimmte Gruppen) als notwendige oder förderliche Bedingungen für Frieden durch "Lernen" erwerben?
Wenn auch die Forschung in diesen Fragen noch nicht weit fortgeschritten ist, so lässt sich doch sagen, dass es solche erzieherisch beeinflussbare Ursachen und lernbare Verhaltensweisen gibt. Beispielsweise lässt sich nachweisen, dass irrationale Einstellungen wie: "Kriege wird es immer geben", "in dieser Situation wird es früher oder später zum Krieg kommen", oder die Begeisterungsfähigkeit der Völker für eine "Politik der Stärke", für nationales Prestige, für die Dominanz gegenüber anderen Völkern als Kriegs"ursachen" im strengen Wortsinn anzusehen sind. Wie weit der heute so viel diskutierte Aggressions"trieb" als Kriegsursache angesehen werden kann oder wie weit er für die Kriegsführung nur manipuliert wird, ist noch nicht erwiesen. Eine weit größere Rolle als Kriegsursache dürfte der Trieb haben, mächtig zu sein und zu herrschen. Zweifellos verstärkt auch die mangelhafte Fähigkeit, Konfliktsituationen zu durchschauen und sich nichtkriegerische Lösungen vorzustellen, die Kriegsbereitschaft. Oder die rational nicht zu rechtfertigende Meinung, dass Kriege überhaupt zu Konfliktlösungen führen können.
Es gibt also eine Reihe von irrationalen Meinungen und Einstellungen, die als andauernde latente Kriegsbereitschaft anzusprechen sind und die in verworrenen Situationen Politiker und Völker geneigt machen, im Krieg eine Lösung zu sehen, statt die rational weit besser begründbare Meinung zu haben, dass Krieg überhaupt nie und unter keinen Umständen ein Ausweg und daher immer auszuschließen ist. Untersuchungen haben ergeben, dass selbst ein atomarer Vernichtungskrieg von vielen akzeptiert wird, wenn politische Situationen eintreten, die ausweglos erscheinen, ohne dass man sich über andere Lösungen Gedanken gemacht hat. Dabei zeigte sich, dass überhaupt keine Vorstellungen vorhanden waren, was die Vokabel "Atom-Krieg" bedeutet. Man meint, dass man eben bestimmte Opfer und Verluste hinnehmen müsse, versteht darunter ausschließlich die "unfreiwilligen" Kriegsverluste und kommt nicht auf den Gedanken, dass ungleich geringere, freiwillig geleistete „Opfer" den Krieg hätten vermeiden und eine friedliche Konfliktlösung bewirken können. Dieselbe fatalistische Einstellung, die die Phantasie für andere Lösungen verstopft, führt auch dazu, im Konfliktgegner einen "Feind" zu sehen, der nur Böses will, mit dem kein Verhandeln möglich ist, gegen den man eben "zu Felde ziehen" muss. Es scheint überaus schwer, sich vorzustellen, dass beide an einem Konflikt beteiligten (nicht fatalistisch: "in einen Konflikt verwickelten") Parteien bestimmte, d. h. auch begrenzte, Interessen verfolgen und nicht einfachhin an Krieg (mit seinen unkalkulierbaren Risiken), sondern an einer Bereinigung der Interessenkollision interessiert sind, und dass diese Bereinigung "billiger" ist als Krieg. Man muss also fragen: Welche sozialpsychologischen und politischen Prozesse führen zur Formulierung von sog. "essentials", in denen sich plötzlich die gesamten "nationalen Interessen" zu bündeln scheinen, so dass man sagt: "Bis hierher und nicht weiter, und wenn der Gegner nicht zufrieden ist, dann müssen eben die Waffen sprechen."
Alle diese Fragen sind zunächst politischer Natur, d. h. für ihre Lösung müssen realistische politische Wege gefunden werden. Aber jedenfalls ist an ihnen eine Portion irrationaler "common opinion" beteiligt, die mindestens bedeutet, dass man sich nicht lange und intensiv genug bemüht, eine nichtkriegerische Konfliktlösung zu suchen. Es wäre möglich, statt der Hochachtung für den listigen, erfolgreichen Machtpolitiker die Auffassung zu verbreiten: rücksichtslose Interessen- und Machtpolitik ist dumm, weil sie "früher oder später zum Krieg führt"; Hochachtung verdient dagegen der auf klugen Ausgleich bedachte, geduldig-einfallsreiche Vermittlungs- und Verhandlungspolitiker. Es wäre möglich, die Einsicht zu verbreiten: Billiger und besser als Krieg ist in jedem Fall ein vielleicht teurer Kompromiss oder ein Hilfsangebot an den Konfliktgegner zur Behebung seiner politischen Schwierigkeiten, zur Bereinigung seiner inneren Konflikte, aus denen er keinen anderen Ausweg sieht als den eines nach außen verlagerten Konflikts. Kriegsursachenforschung kann hier einen wertvollen Beitrag liefern sowohl für die Instrumentarien der Politiker und Diplomaten, als auch für eine einsichtigere öffentliche Meinung, nach der sich die Politiker richten.
Sicherheit durch Abschreckung?
Es kann kein Zweifel bestehen, dass solche Überlegungen und Einsichten eine Veränderung der gegenwärtigen Politik, ihrer Maßstäbe und Konventionen bedeuten und vor allem die Überwindung der immanenten Irrationalität der Abschreckungsdoktrin fordern. Die Impulse sind hierfür heute noch viel zu gering, was sich aus den zaghaft und unentschieden geführten Abrüstungsbemühungen ergibt. Hier herrschen politische Sprachregelungen vor, die die wahren Sachverhalte verschleiern. Zum Beispiel wird dem nicht urteilsfähigen Bürger vorgegaukelt, es könne heute noch Verteidigungsstrategien geben, während solche aus waffentechnischen Gründen nicht mehr möglich sind: heute sind alte Militärstrategien aggressiver Natur, was sich aus der Gegenüberstellung von Drohung und Gegen-(Vergeltungs)drohung auch leicht einsichtig machen lässt. Gegen atomare Vernichtungsschläge gibt es keine wirksame Verteidigung und keinen Schutz; jede Strategie, die mit dem Einsatz von Atomwaffen rechnet, ist nach dem Urteil von Militärs (z. B. J. C. Fuller) so, dass sie "den Krieg seines möglichen politischen Sinnes beraubt". "Abschreckungsgleichgewicht" bedeutet lediglich, dass eine Situation aufrechterhalten wird, die Max Born so beschreibt: "Wer so spricht, stellt sich den Rüstungswettstreit vor wie ein Tauziehen, bei dem beide Parteien etwa gleich stark sind. Tatsächlich sind aber beide Parteien bemüht, sich dauernd zu verstärken durch neue Mannschaft. Wenn auch das Gleichgewicht dabei einigermaßen erhalten bleibt, so steigt doch die Spannung im Seil - bis es reißt und beide Seiten auf dem Rücken liegen. Wir haben eben nicht mehr stehende Heere mit traditioneller Bewaffnung wie in früheren Jahrhunderten, sondern ein Wettrüsten in technischem Ausmaß und Tempo, noch beschleunigt durch die Angst. Mit der Sicherheit ist es also nichts, das Seil muss einmal reißen." Dabei ist es nicht so, dass es bestimmte Kreise sind, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung dieses unsinnigen Zustandes haben, sondern es ist so, dass die Politik der Stärke immer noch populärer ist als eine Politik, die auf diese illusionäre "Sicherheit" konsequent verzichtet. Dies ist z. T. deshalb so, weil die Politikwissenschaft bis heute noch keine funktionierenden Alternativen vorlegen kann, die Sicherheit gewährleisten.
Es zeigt sich also, dass sachgerechte Informationen weitesten Ausmaßes Voraussetzung für eine Veränderung der Politik sind. Erziehung kann nicht selbst politische Konflikte lösen, aber sie kann und muss die neuen, der realen Lage angemessenen Bewusstseinshaltungen ermöglichen und der alten, verfehlten Politik den Boden der Zustimmung entziehen; ohne diese Bewusstseinsveränderungen kann eine neue Politik nicht realisiert werden.
Denn auch in den Köpfen der Politiker und ihrer Amtsträger (Diplomaten, Beamte usw.) herrschen noch die "falschen" Vorstellungen. Man sollte sich über die "Demoskokratie" nicht nur mokieren: Demokratische Chancen und Kontrollfunktionen sind heute mehr durch eine funktionsfähige öffentliche Meinung als durch die periodische Wahlprozedur garantiert. Zu den notwendigen neuen Einsichten gehört auch eine neue Beurteilung des Politikers: die Bereitschaft zu unpopulären, aber sachgerechten Entscheidungen sollte hoch honoriert werden; konziliante, konzessionsbereite Verhandlungsführung sollte höher im Kurs stehen als geschicktes Taktieren, hartnäckige Indolenz und engherziges Bestehen auf den eigenen Interessen. Denn zu den wohlverstandenen eigenen Interessen gehört auch die Wahrung der unverzichtbaren Interessen des Partners. Die Berücksichtigung von Ergebnissen und Möglichkeiten der Friedensforschung in der praktischen Politik kann auch auf dem Weg über die öffentliche Meinung zum festen Bestand des politischen Comment gemacht werden; jedenfalls kann das nicht gegen die öffentliche Meinung erfolgen. Konkret ergäbe sich daraus z. B. die Einbeziehung von Lehrgängen über Friedensforschung in die Diplomaten- und Beamterlausbildung und (wie immer sie organisiert werden wird) in die zukünftig notwendige Ausbildung für Berufspolitiker.
Herstellung von Bedingungen für den Frieden
Politik scheint heute in hohem Maße die "Kunst des Unmöglichen", das Finden des noch nicht Vorstellbaren geworden zu sein.
Milliarden-Investitionen für Ernährungsforschung und technologische Projekte der Nahrungsmittelerzeugung, über die in den nächsten Jahren entschieden werden muss, werden über Krieg und Frieden in zehn Jahren entscheiden. Wieweit solche, für Weiterleben und Frieden notwendige Bedingungen ermöglicht werden, hängt auch von dem Maß an Einsicht und emotionaler Zustimmung der "hinreichend großen Zahl" von Menschen ab. Erziehung wird vor allem die Zukunftsdimension des politischen Verhaltens bewusst machen müssen. Die Antizipation von Entscheidungskonsequenzen mit einer Perspektive von 10 - 50 Jahren wird zum wichtigsten Kriterium der Urteilsfähigkeit werden. Die Tatsache, dass selbst Wissenschaftler 1930 aus der Lektüre von "Mein Kampf" nicht voraussehen konnten, was Hitler 10 Jahre später tun würde, erscheint heute mit Recht als ein schuldhaftes Versagen. Es geht aber nicht nur darum, dass kleine Gruppen zu solcher Voraussicht fähig sind, sondern dass sie auch den demokratischen Mehrheiten diese Voraussicht vermitteln können. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass die interdependenten Prozesse in der modernen Welt überaus schwer durchschaubar sind und selbst Experten nur über eine sehr beschränkte Urteilsfähigkeit verfügen. Deshalb müssen Informationstechniken und neue Formen der kooperativen Entscheidungsfindung gefunden werden.
Was bedeutet Erziehung für den Frieden?
Die genannten Aspekte sind nur einige aus einem großen Gebiet von Problemen und Erkenntnissen. In jedem Fall aber lässt sich ein Zusammenhang nachweisen: Es besteht ein notwendiger Konnex zwischen einer unter den gegenwärtigen Bedingungen als realistisch und rational verantwortbar zu bezeichnenden Politik und Lernprozessen, die sowohl in breitesten Bevölkerungsgruppen als auch in bestimmten Funktionsgruppen einzuleiten sind. Ohne diese Lernprozesse wird eine neue Politik, die an der Schaffung der Bedingungen für den Frieden engagiert ist, nicht realisierbar sein. Welches diese Lernprozesse im einzelnen sind, lässt sich nur in umfangreichen Untersuchungen genau bestimmen.
Dabei wird man didaktisch von der Unterscheidung eines Minimum des Notwendigen und eines Optimum des Möglichen ausgehen, d. h. man wird die Ausschaltung von wirksamen Kriegsursachen, die Herbeiführung erforderlicher Voraussetzungen und die Förderung begünstigender Bedingungen für den Frieden zugleich als Prioritätenstufung verstehen. Man wird in jedem einzelnen Fall fragen müssen, ob und wie eine erzieherische Beeinflussung von allgemeinen, oder in bestimmten Konfliktsituationen wirksamen, Einstellungen, Vorurteilen, Bewusstseinshaltungen usw. erreicht werden kann.
"Erziehung" wird dabei im weitesten Sinne, also unter Einbeziehung der durch Massenmedien und Werbung erreichten Kommunikations- und Lern Prozesse, verstanden als die Gesamtheit aller intentionalen Einflüsse auf Bewusstsein und Verhaften von Menschen. Dabei steht die Friedenserziehung vor einer Fülle von didaktisch nicht reflektierten, also politisch verantwortungslosen Beeinflussungsversuchen, z. B. bestimmten Formen politischer Werbung, die heute - was ihren didaktischen Stil angeht - oft auf dem Niveau primitiver Demagogie steht.
Erziehung kann im allgemeinen nur langfristig für den Frieden wirksam werden, obwohl auch diese Behauptung eine Einschränkung nötig macht. So hat die in der Erwachsenenbildung entwickelte Didaktik der politischen Bildung gezeigt, dass auch aktuelle politische Fehleinstellungen (wie die Anfälligkeit für Rechtsradikalismus, innenpolitische Frontenbildung zwischen Bürgern und rebellischer Jugend u. ä.) wirksam beeinflusst werden können. Daraus folgt: Jede politisch-didaktische Intention muss auch hinsichtlich des Instrumentariums und der Zielgruppe den richtigen Ansatzpunkt finden, um wirksam zu werden.
Erziehung darf, auch im Hinblick auf den Frieden, keine politisch-dienstbare, ideologisierte sein; vielmehr muss sie, im Sinne ihrer politischen Verantwortung "als Erziehung", eine "Grundoption für den Frieden" schaffen, aus der heraus der urteilsfähige Einzelne seine eigene politische "Selbstdefinition" leisten kann. Bedenklich sind für ihre Intentionen die verbalen Zustimmungen durch einen bloß-emotionalen Pazifismus, durch einen sozial-revolutionären Utopismus und einen unkritischen Konservatismus, und zwar bedenklich gleicherweise in politischer wie auch in pädagogischer Hinsicht. Politisch bedeuten sie ein Ausweichen vor der geforderten kritisch-analytischen Rationalität und ihrem (frustrierenden) Realismus; pädagogisch eröffnen sie alle Möglichkeiten der "Verführungspädagogik", die emotionalisierte Antihaltungen provoziert. Das bedeutet nicht, dass Friedenserziehung sich in einen elfenbeinernen Turm reiner Reflexion zurückziehen kann. Sie wird sich aktiv einsetzen für die Bedingungen der Freiheit in der Gesellschaft und die Möglichkeiten des Friedens, und sie wird dieses aktive Engagement auch didaktisch realisieren.
Durch jede Erziehung werden politische Wirkungen ausgelöst. Zumal in Deutschland, wo es keine intakten gesellschaftlichen und politischen Traditionen gibt, in die Erziehung verlässig eingebettet wäre, kann daher eine verantwortliche Pädagogik der Kritik ihrer Wirkungen nicht ausweichen und muss aus dieser Kritik folgenreiche Konsequenzen zu ziehen imstande sein. Bewusst zu machen ist vor allem, wo diese Konsequenzen beginnen: Schon im "Wie" der Erziehung, im Stil des Umgangs, der Sprache, der Wirklichkeitserfassung, im Zueinanderordnen von Fakten, im Herstellen von Beziehungen und Sinnzusammenhängen. Pädagogik bedarf heute einer neuen pädagogischen und politischen Reflexion ihrer Prinzipien (auch wenn viele diese Notwendigkeit scheuen, sei es aus Überdruss oder Skepsis gegenüber der "Theorie").
Wie wir in den "Thesen" (vergl. Heft 4/67 dieser Zeitschrift) bereits darlegten, kann die Idee der Friedenserziehung das pädagogischpolitische Prinzip einer neuen Gesamtauffassung der Erziehung sein. "Friedenserziehung" kann kein isolierter Teilaspekt sein; sie kann zureichend nur verstanden und realisiert werden als "Chiffre" für eine umfassende Neuorientierung der Pädagogik angesichts der sozialen und politischen Verflechtungen des menschlichen Lebens in der modernen Welt mit ihren Gefährdungen und Chancen für die Zukunft.
(1) vergl. M.R. Lobner, der politische Sinn der Friedenserziehung. In: Der Friede im Blickpunkt der Pädagogik, München 1968 Schriftenreihe der Studiengesellschaft für Friedensforschung, München, Heft 1
Christel Küpper / Mathias R. Lobner: Aspekte zum Problem: Friedenserziehung und politische Wirklichkeit. In: Zukunfts- und Friedens-Forschung, Heft 3, Dezember 1969, S. 49-56