Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Forschungsgesellschaft für Friedenswissenschaft: Arbeitsplan (1958)

Mit dem vorliegenden Arbeitsplan, der auf Freda Wuesthoffs "Arbeitsprogramm für den dauernden Frieden" beruht, werden Fragen zur Diskussion gestellt, die gelöst werden müssen, wenn ein künftiges friedliches Zusammenleben der Völker möglich sein soll.

Forschungsstelle für Friedenswissenschaft
Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik in den letzten Jahrzehnten - der Beginn des Atomzeitalters - stellt die Welt vor die Notwendigkeit eines ungeheuren geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Wandels. Das Problem des Hungers durch die ständig zunehmende Weltbevölkerung, das überall fühlbare Chaos durch die noch fehlende oder unzureichende Bewältigung neuer sozialer und politischer Realität, die ideologische Blockbildung in der Weltpolitik vor dem Hintergrund einer atomar gerüsteten Welt bedeuten für die Menschheit eine unerhörte Gefährdung.

Durch das Vorhandensein von nicht mehr raum- und zeitgebundenen Massenvernichtungsmitteln steht diese Welt vor der Wahl: Weiterzuleben auf der Grundlage eines dauernden Friedens - oder unterzugehen. Diese Alternative zwingt zur Entwicklung neuer Formen des Miteinanderlebens der Völker und zu dem Verzicht auf Gewalt im Austragen von Meinungsverschiedenheiten und Konflikten. Noch aber fehlen zu neuen Lösungen nicht nur Einsicht, Kraft und Entschlossenheit; es fehlen auch die sachlichen, wissenschaftlich fundierten Grundlagen, aus denen solche Lösungen entwickelt werden können. Es fehlen ausreichende methodische Vorarbeiten für solche Grundlagenforschung und für die Auswertung schon vorhandener Erkenntnisse und Erfahrungen, die bisher nur verstreut in den einzelnen wissenschaftlichen Fachgebieten vorhanden sind oder noch nicht auf ihre Anwendbarkeit in der Praxis überprüft werden konnten. Viele dringende Probleme stehen überhaupt noch nicht im Blickpunkt wissenschaftlicher Forschung.

Aufgaben der Forschungsgesellschaft
Die Forschungsgesellschaft für Friedenswissenschaft" sieht ihre Aufgabe in der Anregung, Förderung und Erarbeitung wissenschaftlich fundierter Grundlagen und Methoden des friedlichen Zusammenlebens der Völker und in der Verbreitung der Arbeitsergebnisse aus den verschiedenen Wissenschaftsgebieten. Ihre Arbeit ist an keine bestimmte Weltanschauung gebunden. Sie will Wege und Möglichkeiten untersuchen und anwendbar machen, die den Völkern zum Austragen ihrer Konflikte zur Verfügung stehen und ihnen den Verzicht auf Gewalt und Massenvernichtung ermöglichen.

Die Arbeit der Forschungsgesellschaft fußt auf dem von Freda Wuesthoff aufgestellten "Arbeitsprogramm für den dauernden Frieden". Dieser Plan sieht vor, dass bestimmte Probleme grundsätzlicher und methodischer Art, die für die Friedenssicherung von vorrangiger Bedeutung sind, im Rahmen von Forschungsaufträgen bearbeitet, bereits vorhandene Forschungsergebnisse zusammengestellt, die Zusammenarbeit der Wissenschaften, die einen Beitrag zur Friedenssicherung geben können, gefördert und Vorschläge für fruchtbare Weiterentwicklung erarbeitet werden. Eine besondere Aufgabe sieht die Forschungsgesellschaft auch in der Überprüfung der wissenschaftlichen Ergebnisse auf ihre praktische Brauchbarkeit, in ihrer Auswertung in allgemeinverständlicher Form und in Anregungen für die praktische Anwendung. Sie wird ihre Ergebnisse allen Stellen zuleiten, in deren Bereich die Arbeitsresultate fruchtbar werden können.

Die "Forschungsgesellschaft für Friedenswissenschaft" wird alle Mittel verwenden, die der Förderung ihrer Aufgaben dienlich erscheinen: Wissenschaftliche Preisausschreiben, Forschungsaufträge, Stipendien, künstlerische Preisausschreiben, demoskopische Untersuchungen, Tagungen, Vorträge, interne und öffentliche Diskussionen, Publikationen und Durchführung von Modellaktionen. Ihre Bemühungen zielen u. a. auf eine mit ausreichenden Mitteln ausgestattete staatlich und international organisierte wissenschaftliche Arbeit für den Frieden, auf die Errichtung von Friedensministerien in allen Ländern und von Friedensakademien.

Die Gesellschaft arbeitet auf internationaler Basis. Sie verfolgt keinerlei wirtschaftliche Ziele, sondern dient ausschließlich gemeinnützigen Zwecken. Sie ist unabhängig von politischen Parteien, sozialen Gruppen, wirtschaftlichen Gruppen und Einzelinteressen und ist überkonfessionell.

Vorläufiger Arbeitsplan der Forschungsgesellschaft
Die Erforschung der Voraussetzungen für den Frieden und der Wege und Methoden seiner Sicherung betrifft u. a. Fragestellungen aus den Gebieten der Psychologie, Soziologie, der Geschichte und der Politik, der Wirtschaftswissenschaften, der Rechtswissenschaft, der Pädagogik, der Theologie und der Philosophie.
Die Vielschichtigkeit der gestellten Probleme erfordert, dass sie aus den Aspekten und Erfahrungen der verschiedenen wissenschaftlichen Gebiete bearbeitet und in guter Teamarbeit zu einer Gesamtschau zusammengefügt werden.

Die "Forschungsgesellschaft für Friedenswissenschaft' wird sich zunächst folgenden Themen- oder Problemkreisen zuwenden, die ihr im Hinblick auf die Friedenssicherung vordringlich erscheinen.

Psychologie/Soziologie: Hindernisse der Internationalen Annäherung und Verständigung
Auswertung der vorliegenden Ergebnisse der vergleichenden Völkercharakterologie.
Eigenbild der einzelnen Völker und ihr Bild bei den anderen.
Vorurteile. Ihre Entstehung und ihre Überwindung.
Das Problem der Demagogie, ihre Auswirkungen besonders bei Krieg und Kriegsvorbereitung.
Die Rolle egozentrischer Einstellung und des Egoismus bei Einzelpersonen, Völkern und Staaten.
Das Problem der Sprachverschiedenheit. Nationalsprache, Weltsprache.
Pressefreiheit - Pressewahrheit - Auswahlprinzipien der Berichterstattung.

Sozialpsychologie Internationaler Spannungen
Ursachen und Verlauf internationaler Spannungen und Konflikte.
Psychologische Hintergründe und Auswirkungen der Ost-West-Spannung.

Sozialpsychologie des Krieges
Der tiefenpsychologische Aspekt des Krieges.
Grundlagen und Methoden psychologischer Kriegsvorbereitung.
Psychopathologie des Wettrüstens.
Psychologie des Terrors.
Erforschung des Verhaltens der Sieger (Siegerpsychologie) und des Verhaltens der Besiegten nach Kriegen (Besiegtenpsychologie).

Psychologische Friedensvorbereitung
Voraussetzungen der Einstellungsänderung der einzelnen Völker sich selbst und den anderen Völkern gegenüber.
Anwendbare Methoden psychologischer Friedensvorbereitung unter Einbeziehung der Ergebnisse der Massenpsychologie.
Psychohygiene im Dienst der Friedenssicherung.
Möglichkeiten der Friedenssicherung durch Überwindung einer einseitig männlich orientierten Welt- und Gesellschaftsordnung.

Einzelne Probleme der politischen Psychologie
Studium des Kompromisses und seiner Anwendung in der Verständigung zwischen den Völkern.
Psychologie der Konferenzdiplomatie.
Psychologie der Demokratie.
Psychologie des Vertrauens.
Das Problem der Autorität und die autoritäre Persönlichkeit.
Die psychologischen Wurzeln der defensiven Betrachtungsweise westlicher Politik.

Soziologische Einzelprobleme
Massenkrisen und Massenpsychosen, ihre Entstehung, Verlauf und Überwindung.
Das Problem der öffentlichen Meinungsbildung.
Die Kommunikationsmittel und ihre Bedeutung für die Friedenssicherung.
Einfluss, Nutzen und Schaden gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Organisationen.

Geschichte/Politik
Geschichte als Klärung, Deutung und Wegweisung der Friedenssicherung
Politische Leitbilder und politische Methoden der einzelnen Völker.
Faktoren und Modalitäten der Friedensgefährdung in der Geschichte (Vertragsbrüche, Vertragsuntreue, Staatsverträge, Geheimverträge, Grenzziehungen).
Bündnisse und ihre Bedeutung für Friedenssicherung oder Friedensgefährdung (Geschichte der Bündnispolitik).
Geschichte der Kriegsentstehungen.
Geschichte der vermiedenen Kriege.
Friedensverträge in der Geschichte.
Geschichte der Kriegsächtungen.
Geschichte der gewaltlos entstandenen Veränderungen im Leben der Völker und Geschichte gewaltloser Kämpfe.
Auswirkungen der Unterdrückung nationaler Minderheiten in der Geschichte.
Vergleichende Untersuchungen der einzelnen Staaten und Völker hinsichtlich ihrer geschichtlichen, soziologischen und technischen Entwicklungsphase.

Politische Gegenwartsfragen der Friedenssicherung
Ideologien der Friedenssicherung seit Bestehen des Völkerbundes.
Friedensfunktionen der UN. Reform der UN.
Friedenswert der Verfassungen.
Das Friedensproblem als Machtproblem. Von der Friedensfunktion der Macht.
Nationale Souveränität und Staatengemeinschaft.
Die kleinen Staaten und die Machtpolitik der Großen.
Völkergemeinschaften als Stufe zur internationalen Friedensordnung.
Übervölkerung als Friedensgefährdung.
Probleme eines Weltstaates. Weltregierung oder Weltzerstörung?
Theorie und Praxis des gewaltlosen Kampfes.
Weltfriedensdienst und seine friedenschaffende Funktion.

Wirtschaftswissenschaft
Wirtschaftsstruktur. Ihre Bedeutung für Friedenssicherung oder Friedensgefährdung.
Veränderungen von Lebensstandard und Sozialstruktur durch die neu verfügbaren Energiemengen.
Die durch Atomenergie und Automation bedingte Arbeitsverminderung und das Problem der Freizeit.
Wirtschaftssysteme und Sozialtheorien in ihrer Anpassung an das Atomzeitalter.
Wirtschaftshilfe als Beitrag der Friedenssicherung. Wirtschaftskampf und Wirtschaftswettbewerb in ihrer kriegs- und friedensfördernden Bedeutung.
Auswanderungs- und Besiedelungsfragen.
Internationale Arbeitsfragen.
Internationale Dokumentation als Völkerverständigungsmittel.

Rechtswissenschaft
Recht als Friedensordnung
Von der internationalen Rechtlosigkeit zur internationalen Rechtsordnung. Analyse und Zielsetzung.
Der internationale Rechtsbrecher als Gegner (Überleitung nationaler Aggressionen in ein internationales Strafrecht).
Internationales Straf- und Sanktionsrecht als Grundlage völkerrechtlicher Ordnung (Prinzipien eines internationalen Strafrechts).
Das Recht des Friedensvertrages und seine Friedensfunktion.
Regionale und Weltgerichtsbarkeit als Element der Friedenssicherung.
Internationale Schiedsgerichtsbarkeit.

Recht und Moral
Individuelle Moral und Kollektivmoral im Recht.
Die Diskrepanz zwischen technischer und moralischer Entwicklung und die rechtliche Verankerung moralischer Normen. Missbrauch der Technik als rechtliches Problem.
Internationales moralisches Verhalten und seine Verankerung im Völkerrecht (moralische Normen des Zusammenlebens der Völker als Rechtssatzung).
Krieg und Massenvernichtung als internationales Verbrechen.
Die Illegalität der Kernwaffen, ihrer Herstellung, Verwendung und Erprobung.
Das Widerstandsrecht.

Internationales Staats- und Zivilrecht
Verankerung von Bestimmungen zur Friedenssicherung in den Verfassungen der Staaten und Länder.
Vergleichende Untersuchungen der nationalen
Rechtsbestimmungen im Hinblick auf den Aufbau eines internationalen öffentlichen Rechts.
Internationaler gewerblicher Rechtsschutz als Beitrag zur Friedenssicherung.

Pädagogik
Wandlung des Menschen und seines Weltbildes im Atomzeitalter als Erziehungsaufgabe
Leitbilder der Erziehung in den einzelnen Ländern.
Politische Bildung als Friedenssicherung, Erziehung zur Gemeinschaftsfähigkeit.

Möglichkeiten der Friedenssicherung durch pädagogische Maßnahmen
Praktische Wege der Erziehung zum Frieden in Elternhaus, Schule und öffentlichem Leben unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Jugendpsychologie.
Pädagogische Maßnahmen gegen Vorurteile (Einstellungsänderung). Ausarbeitung von Methoden zur Überwindung von Vorurteilen,
Internationales Erziehungsprogramm für den Frieden.
Maßnahmen völkerpädagogischer Erziehung. Unterrichtsfach: Völkerverständigung.
Jugendlektüre und Völkerverständigung. Jugendbewegung - Jugendaustausch.
Erarbeitung von Geschichtsbüchern unter Zugrundelegung der Erkenntnisse über Kriegsursachen und einer auf Friedenssicherung gerichteten Geschichtsschreibung.
Pädagogische Maßnahmen der Erwachsenenbildung im Hinblick auf die Probleme der Friedensgefährdung und Friedenssicherung.
Methoden der Aufklärung aller Bevölkerungskreise über das Wesen der Atomenergie, über die Gefahren des Atomzeitalters und die Möglichkeiten der Ausnutzung der Atomenergie für friedliche Zwecke.

Theologie
Christliche Glaubens- und Sittenlehre zum Problem der Berechtigung oder Nichtberechtigung des Tötens.
Christliche Lehre und gerechter Krieg.
Urchristentum und Kriegsdienst.
Kirche und Atomwaffen.
Vergleichende Untersuchung der Stellungnahme der Weltreligionen und Weltkirchen zum Problem der Gewalt und des Tötens.

Philosophie
Ethik des Machtgebrauchs.
Technische Entwicklung und sittliche Verantwortung.
Totalitätsanspruch und Toleranz.
Die vorstehende Themenliste stellt einen vorläufigen Arbeitsplan der "Forschungsgesellschaft für Friedenswissenschaft" dar. Er wird jeweils durch Aufgaben ergänzt, die für die Friedenssicherung dringlich erscheinen.
Die Gesellschaft wird ihre Arbeit mit einem Mindestaufwand an Organisation durchführen. Sie wird Kontakte zu anderen Organisationen und Institutionen mit verwandter Zielsetzung anstreben und eine sinnvolle Koordinierung der Arbeit anregen und unterstützen.

Forschungsgesellschaft für Friedenswissenschaft, Genf: Arbeitsplan, 23. Juni 1958.

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