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"Ich habe Angst, aber man kann nicht so richtig beschreiben, wie die Angst ist! ... Man fühlt sich irgendwie mitschuldig. Man steht hilflos da und sieht wie Menschen sterben und kann nichts tun." Hannah, 12 Jahre
Zwei Auszüge aus den vielen Kinderbriefen, die die Kindernachrichtensendung "logo" des ZDF während des Golfkrieges erhalten hat. |
1. Das Wissen der Kinder über Krieg und Frieden |
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Kinder beschäftigen sich mit "Krieg und Frieden" stärker als die Erwachsenen wahrhaben möchten. Sie sind erstaunlich gut informiert.
Ferner sollten die Jugendlichen bei einer Vorgabe von 20 Situationen, die einem Angst machen können, ankreuzen, ob sie davor "keine", "kaum", "etwas" oder "viel Angst" hätten. Diese sog. Angstskala enthielt 15 persönliche Ängste und 5 sog. politische Ängste. Die politischen Ängste wurde als besonders angstmachend eingestuft. |
2. Das Engagement der Kinder und Jugendlichen während des Golfkrieges |
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Das Engagement der Kinder und Jugendlichen während des Golfkrieges war nicht nur Ausdruck von Hilflosigkeit, Wut und Zorn, sondern vor allem einer von den Jugendlichen tiefempfundenen Glaubwürdigkeitskrise der Erwachsenenwelt.
Deshalb war es auch nicht wichtig, daß sie keine politische Analyse der Situation hatten und daß sie nicht mit Vorschlägen zur Beendigung des Krieges aufwarten konnten, wie ihnen einige der "kopflastigen" Erwachsenen vorwarfen. Es ging ihnen um den (Selbst-)Ausdruck ihrer Betroffenheit und um deren Verarbeitung durch eigenes Handeln. |
3. Kriegsängste und Kriegsphantasien bei Kindern |
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Kriegsängste und Kriegsphantasien beziehen sich nicht nur auf reale Kriegssituationen, sondern sind auch Ausdruck deformierter oder zerstörter familiärer Beziehungen. Auch auf den "Familienkrieg" reagieren Kinder mit Kriegsangst.
Wenn man die reale Situation in vielen Familien zur Kenntnis nimmt, so kann man die Tragweite dieser Aussagen erkennen. Wie aber kann man nun mit Kriegsängsten umgehen und mit Kindern über den wirklichen Krieg reden?
Wenn Kriegsangst bei Kindern sich also auf beides beziehen kann, auf die Realangst vor der Zerstörung des eigenen Lebens- und der Zukunft und auf die Angst vor der Trennung von Bezugspersonen, so ist es wichtig, diese Unterscheidung im Umgang mit Kindern zu sehen.
"Natürlich versuchten wir auch, den Kindern Informationen zu geben", schreibt die "logo"-Redakteurin Susanne Müller, "die gegen die Angst helfen können - aber das war schwer. Konnte man mit Sicherheit sagen, daß der Krieg nicht lange dauern würde? Was ist dran an den Szenarios über die Klimakatastrophe? Können die Tiere im Golf überleben? Wie geht es den Kindern im Irak? Antworten auf diese Fragen konnten wir ebensowenig geben wie auf die ganz elementaren Fragen: Wer ist denn nun gut oder böse? Warum hat man denn den Saddam Hussein erst jahrelang unterstützt? Die Antworten, die wir hätten geben können, wären in der Logik der Kinder nicht nachvollziehbar gewesen."19
Vor allem aber müssen wir als Erwachsene eines lernen, und deshalb ist die Frage, "Wie mit Kinder reden" vielleicht sogar falsch gestellt, wir müssen lernen zuzuhören. Zuhören, was die Kinder uns zu sagen haben und sagen wollen. Denn wir können von ihrem tiefen Empfinden von Ungerechtigkeit und ihrer großen Sehnsucht nach einer menschenwürdigen Zukunft viel lernen. |
4. Die Vermittlung destruktiver Wertvorstellungen |
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Kinder und Jugendliche werden - und dies wurde während des Golfkrieges besonders deutlich - mit widersprüchlichen Wertevorstellungen konfrontiert. Gewalt wird sowohl als mögliche und gerechtfertigte Handlungsalternative angeboten, als auch moralisch verurteilt.
Diese Bewertungen sind der "Stoff" aus dem zahlreiche Actionfilme, Videos, Heftchen, Computerspiele gemacht sind. Die Medienberichterstattung über den Golfkrieg vermittelte ja oft genug den Eindruck eines gigantischen Spiels, denn den brutaler Wirklichkeit. Gibt es Regulative?
Welche der oben skizzierten Weltbilder und Wertvorstellungen von Kindern übernommen werden und sich letztlich verfestigen, hängt ganz wesentlich von der jeweiligen Situation und den Lebenszusammenhängen in denen sich das jeweilige Kind bzw. der Jugendliche befindet ab. Die Familie und die Bezugsgruppe der Jugendlichen haben hier enormen Einfluß und eine große Verantwortung.
Es wurde bislang davon ausgegangen, daß die Eltern in ihren Werthaltungen ein Regulativ zu den öffentlich propagierten Kriegswerten darstellen können. Wie reagieren Kindern jedoch, wenn dies nicht der Fall ist? Welche Möglichkeiten haben Freunde, Nachbarn, Lehrer etc.?
Z.B. Jugendliche |
5. Medien |
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Der Golfkrieg als Medienkrieg war eine gezielte Desinformation der Zuschauer. Die Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit war nicht mehr möglich. Was war nun das besondere an der Mediensituation während des Golfkrieges?
Dies sind auch Hinweise auf unsere eigene Sprache zu achten auf Begriffe und Ausdrücke, die wir unbewußt verwenden.
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6. Die Rolle der Vorurteile und Feindbilder |
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Vorurteile und Feindbilder dienten (auch im Golfkrieg) zum Abbau von (Tötungs)hemmungen und zur Rechtfertigung der eigenen Handlungsweisen.
1. Geglaubt werden muß an die absolute moralische Qualität der eigenen Partei und ensprechend an die absolute Bösartigkeit des Feindes.
Die Gegenseite als Repräsentanz des Ur-Bösen erscheinen zu lassen, verlangt ihre Personalisierung, d.h. die Verschmelzung eines ganzen Volkes mit der Figur seines - im Falle des Irak in der Tat furchbaren und verbrecherischen - Führers. Als muß gedacht werden, alle eigenen Bomben und Raketen zielten nicht vor allem auf Massen von Mißbrauchten, Ahnungslosen und vielleicht auch heimlich opponierenden." 28 |
7. Drei Notwendigkeiten für die Erwachsenen |
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"Haben sie nicht recht", frägt die logo-Redakteurin Susanne Müller, "wenn sie uns vorwerfen, daß wir keine besonders guten Vorbilder seien? Wir verlangen von ihnen, daß sie in jedem Streit eine friedliche Lösung suchen sollen - aber am Golf wird Gewalt eingesetzt, um einen Konflikt zu lösen. Sie werfen uns Grausamkeit vor - denn mit unserer Gewalt zerstören wir die Welt, in der sie leben wollen und sollen. Sie werfen uns Erwachsenen Blindheit vor - weil wieder viele sagen, sie hätten von nichts gewußt. Sie beklagen, daß viele Erwachsenen die Aktionen der Kinder mit Unverständnis begegnen und sie in ihrer Angst und ihrem Engagement nicht ernst nehmen. Sie werfen uns Erwachsenen Unbelehrbarkeit vor- hat es nicht schon genug Kriege gegeben, wissen wir nicht, was sie anrichten? Sie denken nach vorn: daß nach einem Krieg immer noch eine Lösung für die Probleme im Nahen Osten gefunden werden muß, sie - die ja wohl überhaupt nichts damit zu tun haben - fühlen sich mitschuldig. Und sie nehmen sich vor, es später ganz anders zumachen." 31 Was sollten wir Erwachsenen uns vornehmen?
1. Die eigenen Verstrickungen erkennen und damit umgehen lernen
2. Glaubwürdig sein und aufrechten Gang zeigen
3. Hoffung haben, Hoffnung vermitteln |
Anmerkungen |
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1) "Ich kann nicht beschreiben, wie die Angst ist": Kinderbriefe für den Frieden. Niedernhausen /Ts. 1991. Vgl. auch: Kristiane Allert-Wybranietz (Hrsg..): Kinder schreiben an Reagan und Gorbatschow. München 1989. 2) Ebd., S. 6. 3) Vgl. u.a.: Regine Armbruster-Heyer: Kriegsangst bei Kindern. In: Tübinger Ärzte gegen den Krieg (Hrsg..): Unser Eid auf das Leben verpflichtet zum Widerstand. Tübingen 1984, S. 55 - 70.Hanne-Margret Birckenbach/ Christoph Sure: "Warum haben Sie eigentlich Streit miteinander?" Kinderbriefe an Reagan und Gorbatschow. Leverkusen 1986. Klaus Boehnke/ Michael J. Macpherson/ Folker Schmidt (Hrsg..): Leben unter atomarer Bedrohung. Ergebnisse internationaler psychologischer Forschung. Heidelberg 1989, bes. S. 21- 31. Horst. Petri: Angst und Frieden. Psychoanalyse und gesellschaftliche Verantwortung. Frankfurt 1987. R. Biermann / G. Biermann: Die Angst unserer Kinder im Atomzeitalter. Frankfurt 1988. Christel Hofmann (Hrsg.): Die Kinder, der Krieg und die Angst. Ravensburg 1991. 4) Vgl. Ulrike Unterbrunner: Wovor junge Menschen Angst haben. In: Gefährten, Blätter der deutschen Reformjugend, Heft 2/91, S. 3 ff. Dies.: Umweltzerstörung macht Angst, Umwelterziehung auch. In: Lehrerservice 6/89. Dies.: Umweltangst - Umwelterziehung. Vorschläge zur Bewältigung der Ängste Jugendlicher vor Umweltzerstörung. Linz 1991. 5) Vgl. Horst Eberhard Richter: Unsere Kinder und das Problem des Friedens. In: Pädagogik und Frieden. Informationsdienst der Arbeitsgruppe - Dokumentationsstelle Friedenserziehung an der Hochschule der Künste Berlin, Heft 3/1987, S. 7-14. 6) "Ich kann nicht beschreiben wie die Angst ist.", a.a.O., S. 25. 7) Vgl. Michael Mcpherson: "So kann man Kinder terrorisieren". In: die tageszeitung, 30.1.1991. 8) Ebd. 9) Vgl. Reinhard Lempp: Atomkrieg und Erziehung. In: Tübinger Ärzte a.a.O., S. 71 - 78. 10) Susanne Müller in: "Ich kann nicht beschreiben wie die Angst ist", a.a.O.S. 5 f. 11) Vgl. u.a. Die Zeit, 25.1.1991: "Die Kinder des Friedens", Frankfurter Rundschau, 28.1.1991: "Die Kids wollen Frieden". 12) Lothar Böhnisch: Schülerdemos. In: "Ich will reden von der Angst meines Herzens". Autorinnen und Autoren zum Golfkrieg. Luchterhand Flugschrift. Frankfurt 1991, S. 18. 13) Vgl. Margarete Mischerlich. Erinnerungsarbeit. Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern. Frankfurt 1987, S. 89. 14) Vgl. Böhnisch a.a.O. 15) Dorothy Burlingham/Anna Freud: Heimatlose Kinder. Stuttgart 1971, S. 26. 16) Vgl. Chr..Büttner: Mit aggressiven Kindern leben. Weinheim/Basel 1988, bes. S. 105 - 114. Ders.: Kriegsangst bei Kindern. München 1982. Ders.: Kinder und Krieg. Zum pädagogischen Umgang mit Haß und Feindseligkeit. Mainz 1991. 17) Jörg Bopp: Vater und Mutter ehren? In: Hans Jürgen Schultz (Hrsg..): Die Erde den Sanftmütigen. Wo Frieden anfängt. Stuttgart 1981, S. 47. Vgl. Katharina Rutschky: Schwarze Pädagogik. Frankfurt 1977. Alice Miller: Am Anfang war Erziehung. Frankfurt 1980. Reiner Steinweg (Red.): Vom Krieg der Erwachsenen gegen die Kinder. Frankfurt 1984. R. Blum-Maurice/K. Martens-Schmid: Gewalt gegen Kinder als gesellschaftliches Problem. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40-41/1990. 18) Vgl. Büttner: Kriegsangst bei Kindern. A.a.O. 19) Susanne Müller a.a.O. 20) Vgl. Friedrich Schweitzer: Friedenserziehung und moralisches Lernen - Kinder und Jugendliche heute und die Bedingungen moralischer Entwicklung. In: Evang. Akademie Bad Boll, Protokolldienst 15/89, S. 12 - 20. Reinhold Mokrosch: Ethisches Lernen im Religionsunterricht - angesichts der Gesamtentwicklung in Kindheit und Adoleszens. In: Friedhelm Zubke (Hrsg..): Politische Pädagogik. Weinheim 1990, S. 101 - 116. 21) Vgl. Günther Gugel: Erziehung und Gewalt. Waldkirch 1983. 22) Vgl. Engelbert Washietl: Zurechtweisung und Zensuren: Journalistische Leistung und berufliche Zwänge. In: Österreichische Gesellschaft für Kommunikationsfragen (Hrsg..): Medien im Krieg. Die zugespitzte Normalität. Sonderheft Medien Journal. Salzburg 1991, S. 49. 23) Vgl. Frankfurter Rundschau, 1.2.1991: "Journalisten Protest, Eingriff in Rechte der Presse". 12.2.1991: "Der Tod als Nebenschaden". 21.2.1991: Die Schere im Kopf und die Desinformation des Militärs". Die Zeit, 25.1.1991: "Fersehschlachtbeschreibung". 1.2.1991: Zensoren, Voyeure, Reporter des Sieges". Die Tageszeitung 23.3.1991: "Die neue Sprache der Zensoren". 24) Vgl. Dieter Baake: Ein Krieg und seine Konstruktion im Fernsehen. In: Kulturpolitische Mitteilungen Nr. 52, 1/91, S. 13 ff. Rüdiger Schlaga: Der Golf-Krieg, die Medien und der Tod der Wahrheit. HSFK (Hrsg.): Friedensforschung aktuell, Ausg. 28, Frühjahr 1991. 25) Klaus Bednatz: Krieg und Medien. In: "Ich will reden von der Angst meines Herzens". A.a.O., S. 11. 26) Vgl. Frankfurter Rundschau, 12.2.1991. 27) Vgl. Michael Haller: Das Medieum als Wille und Vorstellung. In: Die Zeit, 28.6.1991, S. 54. 28) Horst-Eberhard Richter, Taz, 5.2.1991. 29) Vgl. Ottmar Fuchs (Hrsg..): Die Fremden. Düsseldorf 1988. 30) Vgl. Änne Ostermann/Hans Nicklas: Erziehung zur Friedensfähigkeit. In: Ulrike Wasmuht (Hrsg..): Friedensforschung. Darmstadt 1991, S. 174 f. 31) Susanne Müller, a.a.O. 32) Jörg Bopp a.a.O, S. 45. 33) Vgl. Alexander und Margret Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München 1967. 34) Vgl. Lutz van Dick: Der aufrechte Gang. Die Lektion des Faschismus für Pädagogik und Erziehungswissenschaft. In: Zubkte, a.a.O., S. 199 - 208. Vgl. zum folgenden ebd. 35) Hans-Joachim Heydorn: Ungleichheit für alle - Zur Neufassung des Bildungsbegriffs. Bildungstheoretische Schriften Band 3. Frankfurt/M. 1980, S. 67. Zit. nach: Lutz van Dick (Hrsg.): Lehreropposition im NS-Staat. Frankfurt 1990, S. 39. |
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Günther Gugel: Friedenspädagogische Herausforderungen durch den Golfkrieg (1992). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993. |