Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Friedenspädagogik - Alte Probleme, neue Herausforderungen (1989)

Uli Jäger
1. Der 1. September: Ein vielschichtiger "Denktag" für die Friedenspädagogik
   
 

Es gibt wohl kaum einen bezugsreicheren Jahrestag für die Veranstaltung eines Friedenshearings zum Thema "Friedenserziehung" als den 1. September, den Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges. Die unbewältigte Frage nach den Möglichkeiten einer Erziehung nach Auschwitz und Hiroshima - um die zwei schwerwiegendsten Bezüge dieses Jahrestages zu nennen - hat im Verlauf der Jahrzehnte weder an Tiefe noch an Aktualität verloren: Noch immer leben wir in einer Welt der Massenvernichtungswaffen, ist die Menschheit in der Lage, sich durch eigenes Zutun selbst zu vernichten. Noch immer und vielleicht aktueller denn je stellen rechtsradikales Gedankengut friedenserziehreische Bemühungen vor manchmal unlösbar erscheindende Aufgaben.
Georg Picht hat Auschwitz und Hiroshima zwei Erscheinungen des Bösen genannt: "Dieses tritt hier so unverhüllt und zufgleich so abgründig zutage, daß wir uns seiner Evidenz nicht entziehen können, wir mögen uns drehen und wenden, wie wir wollen."
Mit erschreckender Borniertheit zeigt sich im politischen Alltag unserer Republik nahezu täglich die Unfähigkeit zu einem verantwortungsbewußten Umgang mit diesen Herausforderungen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Jahrelang wurde in Gremien und Parlamenten darum gestritten, ob und unter welchen Bedingungen in Dachau eine Jugendbegegnungsstätte errichtet werden kann. Nun ist der Streit "entschieden": die Errichtung einer derartigen Begegnungsstätte konnte zwar nicht verhindern werden, wurde jedoch mit so gravierenden Auflagen verbunden, daß die Chancen auf eine produktive Ausgestaltung nahezu auf Null gesunken sind.
Dies ist zutiefst bedauerlich, wenn auch angesichts der politischen Verhältnisse nicht verwunderlich.
Nicht verwunderlich ist auch, wenn auch die lokalen Gegner einer offenen Jugendbegegnungsstätte ihre Argumente unter dem Motto "Friedenserziehung" vorgetragen haben: Friedenserziehung im Sinne des "in Frieden lassens" einer Stadt, einer Gemeinde und ihrer Einwohner. Wer kann schon, allgemeiner formuliert, gegen eine "Erziehung zum Frieden" sein?

Dieses Beispiel zeigt, daß wer über Friedenserziehung redet klären muß, welche Vorstellungen er damit verbindet. Denn Friedenserziehung ist eine wertgebundene Erziehung, ausgerichtet auf den Wert "Frieden". Und daß der Wert "Frieden" verschieden interpretiert werden kann, zeigt nicht nur das Beispiel Jugendbegegnungsstätte Dachau.

 
2. Alte Probleme: Wie zum Frieden erziehen?
   
 

Dies hat auch Konsequenzen für die Friedenspädagogik und führt mich zu einer ersten Feststellung:

1. "Die" Friedenspädagogik gibt es nicht; der Begriff suggeriert eine Einheit, die in der Realität nicht anzutreffen ist.
Wer von Fp redet, muß deshalb zu allerst klären und offen legen, von welchem Friedensbegriff er ausgeht.
Fp ist so vielfältig, wie es verschiedene individuelle, gesellschaftliche und politische Vorstellungen von Frieden gibt. Fp bezieht sich darüberhinaus auf verschiedene Gegenstände, beinhaltet unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze.
Ich kann hier nicht den einschlägig bekannten Friedensbegriff erläutern, wie er in der kritischen Friedensforschung entwickelt und von der Friedenspädagogik übernommen und erweitert wurde. Die wichtigsten Elemente seien deshalb nur stichwortartig genannt:

  • Keine organisierte, offene Gewalt
  • Keine strukturelle Gewalt
  • Verwirklichung von sozialer Gerechtigkeit
  • Verwirklichung von Mitbestimmung und Selbstbestimmung
  • Praktizierung gewaltfreier Konfliktlösung.

Es ist offensichtlich, daß diese Elemente nicht nur auf Zustimmung stoßen; dieser FE kann nicht jeder zustimmen, weder in der Wissenschaft und schon gar nicht auf der politischen Ebene.
Das beste Beispiel für die unterschiedliche Interpretation von FE ist der Streit der Kultusminister um die Ausgestaltung der FE an den bundesdeutschen Schulen.
Sie erinnern sich: Die Kultusminister der Bundesländer scheiterten bei dem Versuch, einheitliche Richtlinien für die Gestaltung der FE an bundesdeutschen Schulen einzuführen. Während dieses Konfliktes schälten sich zwei Modelle heraus, die dann auch in den jeweiligen Bundesländern durchgeführt wurden: Das Modell der CDU/CSU-regierten Bundesländer und das Modell der SPD/FDP-regierten Länder (heute auch mit grüner Beteiligung). Dabei wird deutlich, inwieweit der Friedensbegriff und die Friedenserziehung für politische Zielsetzungen instrumentalisiert werden kann. Im Entwurf der konservativen Kultusminister vom Juni 1983 heißt es z.B.:
"Die Kultusminsiter der deutschen Länder, die auf die Verfassung einen Eid geleistet haben, sind verpflichtet, auf den zentralen Auftrag des Grundgesetzes, der Sicherung des Friedens in Freiheit, hinzuweisen. Sie betonen deshalb die Aufgabe der Schule, zur Friedenserziehung beizutragen. Dies heißt: Erziehung zu Toleranz und Gerechtigkeit und zum Eintreten für Menschenrechte. Friedenserziehung bedeutet zugleich, die Aufgabe der Bundeswehr für die Erhaltung des Friedens in Freiheit deutlich zu machen."
Dieser "Auftrag" heißt z.B. für Baden-Württemberg u.a., daß zwar Jugendoffiziere der Bundeswehr, nicht aber anerkannte Kriegsdienstverweigerer zur Gestaltung einer Unterrichtsstunde zugelassen sind.

 
Friedenserziehung?
   
 

Ich möchte mich im folgenden darauf konzentrieren, Ihnen einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt der Friedenspädagogik zu geben. Dies scheint mir für den weiteren Verlauf dieses Hearings notwendig und wichtig zu sein, um sowohl zu einer differnzierten und produktiven Auseinandersetzung mit Kritikern herkömmlicher Praxis der FE als auch mit Praktikern der Vorschulerziehung sowie der Jugend- und Erwachsenenbildung zu gelangen. Beide Gruppen, sowohl die radikalen Kritiker als auch die Praktiker komman ja nach mir zu Wort.
Eine derartige Darstellung bedarf zunächst einer begrifflichen Erläuterung. Unter Friedenspädagogik versteht man im allgemeinen die eher wissenschaftlich-theoretische Auseinandersetzung und die Entwicklung von Lernmodellen. Friedenserziehung meint hingegen die direkte pädagogische Arbeit. Friedensarbeit als dritte Kategorie ist auf politisches Handeln bezogen, auf die Einflußnahme auf politische Entscheidungen. Friedenserziehung und Friedensarbeit finden dabei in der Praxis fließende Übergänge. Ich möchte mich im folgenden im wesentlichen auf die friedenspädagogische Dimension konzentrieren.

2. Friedenspädagogik und -erziehung kann sich zunächst einer tief verwurzelten normativen Begründung sicher sein, sei es in der Erklärung der Menschenrechte, der Internationalen Charta des Kindes, den UNESCO-Empfehlungen oder sogar in einigen Landesverfassungen.
Dieser Sachverhalt ist bedeutsam, weil der Möglichkeiten öffnte, Unterstützung für friedenspädagogische und -erzieherische Vorhaben bei den zuständigen Gremien und Behörden einzufordern.
So heißt es z.B. in der Landesverfassung von Nordrhein-Westfalen, daß eine "Erziehung der Jugend im Geiste der Menschlichkeit zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung" anzustreben sei. In der Verfassung von Baden-Württemberg ist davon die Rede, daß die Jugend "zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe (...) zu erziehen" sei. Die normativen Verankerungen sind wichtig für die Legitimation von Friedenserziehung, weisen aber auch rasch auf die Gefahr des ideologischen Mißbrauches bzw. der Interpretationsmöglichkeiten hin.
Dies führt mich zuerst zu einigen wichtigen theoretischen Prämissen friedenspädagogischer Ansätze:

3. Friedenspädagogik setzt die Einstellung voraus, daß das Bewußtsein der Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben, veränderbar sind.
Auch Kriege sind demzufolge keine unvermeidbaren Naturkatastrophen. Sie werden von Menschen vorbereitet und geführt, kollektiv und individuell. Kriege sind ohne menschliches Handeln undenkbar. Diese Erkenntnis darf jedoch keinesfalls die (fast) überwältigende Bedeutung gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Strukturen in den Staaten und im internationalen System als Ursachen von Kriegen vernachläßigen.
Die Konsequenzen dieser Einstellung für die Friedenspädagogik sind: "FE sollte deshalb nach den historischen, wirtschaftlichen, soziaklulturellen, technologischen und ideologischen Voraussetzungen von Friedlosigkeit und Gewalt und deren psychischer Verarbeitung fragen und die gewonnenen Erkenntnisse so vermitteln, daß die Menschen Möglichkeiten für politisches Handeln sehen können." (Rajewsky)

4. FP darf ihre Analysen und handlungsangebote deshalb nicht ausschließlich auf die indivuelle Ebene von Friedensfähigkeit bzw. Friedensunfähigkeit beziehen. Sie hat es dabei bislang versäumt, die dazu notwendige Interdisziplinarität auszubauen.

Der Fp wird seit ihrem Wirken der Vorwurf gemacht, die würde strukturelle Rahmenbedingungen für Unfrieden bzw. Frieden außer acht lassen.
Fp kann nicht nur heißen zur Friedlichkeit zu erziehen, sondern zu der Fähigkeit, Frieden durch kollektives Handeln herzustellen bzw. zu erhalten. Dies bedingt in einer Gesellschaft "organisierter Friedlosigkeit" (Senghaas) eine dreifaches Vorgehen:

1. Analyse der individuellen Strukturen von Unfriedlichkeit und die Suche nach Bearbeitungsmöglichkeiten: Wie sind Vorurteile, Feindbilder, Aggressionen als individuelles Verhalten veränderbar, welche Möglichkeiten ergeben sich für die Erziehung?

2. Analyse der gesellschaftlichen Strukturen von Unfriedlichkeit und die Suche nach Bearbeitungsmöglichkeiten: Welche gesellschaftlichen Strukturen erzeugen Haß, Feindschaft, Krieg? Welche Möglichkeiten ergeben sich für die FE, diese zu thematisieren und in Handlungsmöglichkeiten für Individuen und Gruppen umzusetzen?

3. Analyse der unfriedlichen Strukturen des internationalen Systems und die Suche nach Berabeiutngsmöglichkeiten: Warum ist das internationale System heute durch Gewalt, Konflikt, Krieg bestimmt? Gibt es Möglichkeiten, diesen Zustand der "permanenten Friedlosigkeit" zu überwinden?

Um diese programmtischen Vorgaben sinnvoll bearbeiten zu können, ist es notwendig, interdisziplinär zu arbeiten: Der HistorikerInnen, SoziologInnen, SozialpsychologInnen und andere können wichtige Beiträge zur Rp leisten, und sind in vielen Analysen der Fp weit voraus.
Bisher ist Fp stark auf die politologische Friedensforschung ausgerichtet.

 
Welches sind die wichtigsten Ziele der Friedenspädagogik?
   
 
  • Überwindung des Kriegsdenkens und der Rechtfertigung von Kriegen;
  • Sensibilisierung gegen Gewalt;
  • Vertrauen in die Fähigkeit und Bereitschaft demokratischer Gruppen, Konflikte gewaltfrei auszutragen;

DGFK-Richtlinien:

  • Friedensrelevante Vorgänge und Strukturen durch erhöhten Informationssntand transparent zu machen;
  • kritische Rationalität bei der meinungsbildung zu erhöhen;
  • Motivationen und Interessenlagen von Konfliktpartnern zu erkennen;
  • Stereotypen und Vorurteile abzubauen;
  • Konfliktfähigkeit zu erwervben und Methoden friedensfördernder Konfliktaustrgaung einzuüben;
  • Engagement in der praktischen Arbeit für den Frieden zu fördern.

Das wohl größte Defitit der Fp besteht in der ungenügenden Operationalisierung dieser Zielsetzungen. Die damit verbundenen Umsetzungsprobleme möchte ich etwas später diskutieren. Zunächst sei noch gefargt, mit welchem methodischen Instrumentarium Fp ihre Ziele verfolgen will.

5. FE darf nicht bei der Beschwörung der aktuellen Menschheitsbedrohungen und -gefahren und schon gar nicht bei der "Erzeugung" von Betroffenheit stehenbleiben. Fp ist aufgefordert, mögliche Auswege und alternative Orientierungsmodelle zu suchen und Mitmenschen in ihrem politischen Engagement zu begleiten.
In der Praxis der FE wird vielfach mit der Angst - vor allem vor dem Atomkrieg und der Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen - gearbeitet. Dies ist ein problematisches Unterfangen: Angst wirkt lernhemmend und nicht handlungsmotivierend. Das Arbeiten mit der Angst ist ein die Entwicklung blockierendes Verfahren. Diese Erkenntnis besagt auch, daß v.a. bei Kindern und Jugendlichen die künstliche Erzeugung von"Betroffenheit" ein abzulehndes Vorgehen ist. Dies bedeutet einen sorgfältigen Umgang mit apokalyptischen Szenarien ("War game").
Wichtiger für die Fp scheint mir die Frage zu sein, wie mit den vielfältigen realen Betroffenheiten produktiv im Sinne von politischem Handeln umgegangen werden kann. Ich denke dabei aus aktuellem Anlaß an die Tiefflugproblematik. Hier stehen in der Tat viele Mitmenschen aus direkter Betroffenheit vor dem ersten Schritt zum politischen Engagement.
Allgemeiner gesprochen geht es dabei darum, auf der kognitiven Ebene kritische Informationen und Hintergrundwissen anzubieten (z.B. über die Tiefflugproblematik, aber auch über die politischen Beteiligungsmöglichkeiten und -unmöglichkeiten und politischen Entscheidungsabläufe) sowie auf einer eher emotionalen Ebene neue Wertvorstellungen. Auchngibt es Versuche, politisch engagierte gruppen in ihrer Alltagsarbeit im Sinne einer "Supervisison" zu begleiten.

6. FE muß bestrebt sein, eine weitgestgehende Einheit von Ziel, Inhalt und Methoden zu erreichen. Dabei ist die Frage offen, inwieweit Bildungs"veranstaltungen" autonome Lernprozesse im Alltagsleben ergänzen können. Beide Formen von Lernen sind aufeinander angewiesen.

Friedenspädagogisch angestrebte Lernprozesse sollen nicht nur möglichst gewaltarm, sondern auch möglichst vielgestaltig und vielfältig sein, um ein ganzheitliches, erfahrungsbezogenes Lernen zu ermöglichen. Dabei zeigte sihc in den letzten Jahren, daß das Einbeziehen von Medien sowie das praktische Arbeiten und Handeln während des Lernprozesses eine immer wichtigere Rolle spielt.
Eine der schwierigsten und wichtigsten friedenspädagogischen Aufgaben dürfte darin liegen, für die jeweilige Zielgruppe attraktive Methoden und Materialien zu entwickeln, die eigenes Handeln fördern.
Da zwischen der jeweilighen politischen Umfeld und den Konzeptionen politischer BIldung und FE ein enger ZUsammenhang besteht, sei noch auf drei weitgehend akzeptierte Grundprinzipen der politischen Didaktik verwiesen, die sich auch auf die FE beziehen sollten:

  • Es ist nicht erlaubt, den Adressaten - mit welchen Mitteln auch immer - im Sinne erwünschter Meinungen zu überwältigen und damit an der Gewinnung eines selbstständigen Urteils zu hindern (Indoktrinationsverbot);
  • In der Wissenschaft und Politik ausgetragene Kontroversen müssen auch in der Bildungspraxis kontrovers behandelt werden;
  • Der Teilnmehmer an einer Veranstaltung zur politischen Bildung muß in die Lage versetzt werden, die politische Situation und seine eigene Interessenlage zu analysieren sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, um die politische Situation im Sinne seiner Interessenlage zu beeinflußen.

In methodischer Hinsicht folgt daraus, daß Lernformen, die Selbstständigkeit und Eigenarbeit fördern, Vorrang haben müssen vor Formen des Belehrens.

 
Alltagslernen; Strukturen und Lernen
   
 

7. Zwischen den Prämissen der Friedenspädagogik, den normativen Voraussetzungen, den selbstgesteckten Zielen und dem methodischen Instrumentarium auf der einen Seite und der Umsetzung auf der anderen Seite besteht eine Operationalisierungslücke.
Eine friedenspädagogischen Einrichtung wie der Verein für Friedenspädagogik sieht sich täglich mit unterschiedlichen Erwartungen interessierte Mitmenschen an die Friedenspädagogik konfrontiert. Meistens um konkrete Hilfestellungen suchend sind etwa folgende Anfragen üblich:

  • Welche Möglichkeiten gibt es, auf die Zunahme von Gewaltspielzeug und und Videos oder Computerspiele zu reagieren?
  • Wie läßt sich in Jugendgruppen angemessen über das Recht auf Kriegsdienstverweigerung informieren?
  • Gibt es didaktische Materialien für die Schule und die Erwachsenenbildung zum Thema Rüstungsexporte in die Dritte Welt?
  • Gibt es wissenschaftlich fundierte und didaktisch aufbereitete Analysen, die den Umgang mit dem zunehmenden Rechtsradikalisumus bei Jugendlichen erleichtern könnten?

Friedenspädagogik muß also auf ganz unterschiedliche thematische Anfragen reagieren. Hinzu kommt, daß eine adressatenspezifische Differenzierung notwendig ist: LehrerInnen haben andere Erwartungen als Stadtverwaltungen, Jugendgruppenleiter oder Basisgruppen.
Kann Friedenspädagogik diesen Erwartungen gerecht werden? Zweifel sind angebracht, angesichts der unzureichenden finanziellen und infrastrukturellen Ausstattung (es gibt in der BRD z.B. weder Studiengänge noch Lehrstühle für Fp an den Universitäten und Fachhoschulen und schon gar keine grundfinanzierung für unabhängige Institutionen wie den verein für Friedenspädagogik), der noch rudimentären Theorieentwicklung und des noch in den Anfängen steckenden Austausches von Friedenspädagogen und -erziehern.

Dies zeigt sich besonders deutlich bei aktuellen Herausforderungen, vor denen Friedenspädagogik steht. Einige dieser Herausforderungen seien im folgenden beispielhaft für andere genannt.

 
3. Neue Herausforderungen
   
 

8. Friedenspädagogik hat sich bislang nicht in der Lage gesehen, auf das neue Informations- und rezeptionsverhalten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen angemessen zu reagieren.
Dieses konstatierte neue Informationsverhalten drückt sich vor allem in der bevorzugung der aasoziativen im Vergleich zu argumantativen Angeboten vor allem in den Medien aus. Wie soll Fp darauf reagieren? Wie die friedenserzieherische Praxis? Soll eine Verstärkung der eher argumentativen Linie betrieben oder ein Einschwenken auf den "Zeitgeist"?

9. Friedenspädagogik kann der Problematik der Thematik "Gewaltspielzeug/Gewalt in Medien" sowie der daraus resultierenden großen Nachfrage nach Handreichungen und Materialien keine adäquaten Angebote entgegenhalten.

Es besteht wohl kein Zweifel daran, daß es für die Entwicklung von Kindern "nicht gleichültig ist, wie sie erzogen werden, welche Erfahrungen sie in und mit ihrer täglichen Umwelt machen, mit welchen Spielen und Medien sie in Berührung kommen. Denn dies prägt ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihr Verhalten und auch ihre Einstellung zu Krieg und Gewalt.
Neben dem Elternhaus und der Schule gibt es eine Vielzahl weiterer Einflüsse. Viele davon konfronteiern Kinder massiv mit gewaltdarstellungen und gewealthandlungen. Viele erwecken den Eindruck, daß Konflikte mit Gewalt scheinbar am einfachsten zu lösen sind.
Darstellungen im Fernsehen, in Comics und Heftchen spielen hier ebenso eine Rolle wie Spiele und Spelzeug oder auch Erfahrungen in zu engen Wohnungen und "autogerechten" Städten."
So heißt es in der Einleitung zu einer Broschüre, die vom Verein für Friedenspädagogik in Zusammenarbeit mit Ch. Rajewksy unter dem Titel "Augen auf beim Spielzeugkauf. Was Sie über Gewaltspielzeug und Gewalt in Medien wissen sollten" herausgegeben worden ist. Die Broschüre bietet keine fertigen Antworten, sondern Anregungen und Tips zum Umgang mit Gewaltspielzeug.
Was vor allem verwundert ist die große Nachfrage nach dieser 14 seitigen Broschüre: Sie hat innerhalb eines halben Jahres eine Auflage von über 70.000 erreicht: Bezieher sind in der Regel städtische Jugend- und Sozialämter, welche die Broschüre in großen Stückzahlen und mit eigenem Eindruck und Vorwort versehen bestellen und in ihren Städten verteilen lassen.

Dieser Sachverhalt deutet auf mehrere Probleme hin:
- Der vor allem durch die drastische Zunahme von Gewaltvideos (auch mit rechtsradikalem Inhalt) entstandene Problemdruck auf Jugend- und Sozialämter druch den ihnen zugeordneten Erziehungseinrichtungen nimmt zu. Ob die Ämter nun lediglich aus Legitimationsgründen oder aus echtem Interesse diesem Druck nachgeben ist eine offene Frage, für die Konzeption weiterer Materialien jedoch von Bedeutung. Doch hier stößt man auf weitere Proböeme: Innerhalb der Fp gibt es noch zu wenig fundierte Analysen und noch weniger brauchbare didaktische Materialien zu diesem Thema, um auf Erfahrungen zurückgreifen zu können oder gar eigene Analysen z.B. über die "Wirkung" der Broschüre "Augen auf" durchführen zu können.
10. Die Reformpolitik Gorbatschows setzt durch das sog. "Neue Denken" in der sicherheits- und Außenpolitik neue Akzente für die politischen Strukturen in Europa. Fp sollte nicht nur Materialien über Hintergünde und Dimensionen dieses Wandels erarbeiten, sondern sich auch der damit verbundenen Zukunftsvisionen annehmen ("Gemeinsames Haus Europa") und sie auf Gestaltungs- und Handlungsspielräume "von unten" überprüfen.

11. Gemeinden und Kommunen sind in zunehmenden Außmaß die Opfer herrschenden Unfriedens. Trotzdem gibt es auf der kommunalen Ebene vielfältige Möglichkeiten, Freiräume für friedenserzieherische Ansätze zu schaffen oder eigenständige Beiträge zu initiieren. Fp könnte hierzu im Rahmen kommunaler Friedenserziehung einen wichtigen Beitrag leisten.

 
4. Schlußbemerkung
   
 

Friedenserziehung sitzt zwischen allen Stühlen. Für die einen werden nicht radikal genug erscheinende Analysen und Handlungsmöglichkeiten erarbeitet, für die anderen ist FE eine Systembedrohung. Radikale Kritiker verneinen - mit teilweise guten Gründen - die Möglichkeit, Lernprozesse in geplanten Bildungsveranstaltungen überhaupt sinnvoll initiieren zu können und setzen - wiederum mit guten Gründen - auf die Kraft autonomer Lernprozesse zum Beispiel in BIen, Friedensgruppen oder den anderen sog. neuen sozialen Bewegungen. Andere Kritiker werfen der FE sogar vor, sie betreibe durch ihre Arbeit indirekte ideologische Unterstützung für den herrschenden Kriegskurs.
Nichts liegt mir ferner als die bisherige friedenserzieherische Praxis und die wissenschaftlichen Aufklärungsversuche uneingeschränkt für gelungen und angemessen zu empfinden; sie fordern allerdings nicht zu einer Gloabkritik heraus sondern im Gegenteil zu einer kritischen, differenzierten und solidarischen Betrachtung:

  • kritisch, weil Friedenserziehung noch immer in den Kinderschuhen steckt und ihre Bemühungen deshalb noch unzulänglich sind;
  • differenziert, weil es um einen komplexen Sachverhalt geht in dessen Mittelpunkt Individuen in höchst unterschiedlichen gesellschaftlichen Situationen stehen;
  • solidarisch, weil es m.E. angesichts der Herausforderungen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts keine sinnvolle Alternative zu dem Versuch gibt, durch friedenserzieherische Ansätze einen Beitrag zur Erreichung des fernen Zieles "Frieden" zu leisten.

Vortrag Wiesbaden, Friedenshearing, 2.9.1989

 
 

Uli Jäger: Friedenspädagogik - Alte Probleme, neue Herausforderungen (1989). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993.

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