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1. Der 1. September: Ein vielschichtiger "Denktag" für die Friedenspädagogik |
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Es gibt wohl kaum einen bezugsreicheren Jahrestag für die Veranstaltung eines Friedenshearings zum Thema "Friedenserziehung" als den 1. September, den Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges. Die unbewältigte Frage nach den Möglichkeiten einer Erziehung nach Auschwitz und Hiroshima - um die zwei schwerwiegendsten Bezüge dieses Jahrestages zu nennen - hat im Verlauf der Jahrzehnte weder an Tiefe noch an Aktualität verloren: Noch immer leben wir in einer Welt der Massenvernichtungswaffen, ist die Menschheit in der Lage, sich durch eigenes Zutun selbst zu vernichten. Noch immer und vielleicht aktueller denn je stellen rechtsradikales Gedankengut friedenserziehreische Bemühungen vor manchmal unlösbar erscheindende Aufgaben. Dieses Beispiel zeigt, daß wer über Friedenserziehung redet klären muß, welche Vorstellungen er damit verbindet. Denn Friedenserziehung ist eine wertgebundene Erziehung, ausgerichtet auf den Wert "Frieden". Und daß der Wert "Frieden" verschieden interpretiert werden kann, zeigt nicht nur das Beispiel Jugendbegegnungsstätte Dachau. |
2. Alte Probleme: Wie zum Frieden erziehen? |
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Dies hat auch Konsequenzen für die Friedenspädagogik und führt mich zu einer ersten Feststellung:
1. "Die" Friedenspädagogik gibt es nicht; der Begriff suggeriert eine Einheit, die in der Realität nicht anzutreffen ist.
Es ist offensichtlich, daß diese Elemente nicht nur auf Zustimmung stoßen; dieser FE kann nicht jeder zustimmen, weder in der Wissenschaft und schon gar nicht auf der politischen Ebene. |
Friedenserziehung? |
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Ich möchte mich im folgenden darauf konzentrieren, Ihnen einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt der Friedenspädagogik zu geben. Dies scheint mir für den weiteren Verlauf dieses Hearings notwendig und wichtig zu sein, um sowohl zu einer differnzierten und produktiven Auseinandersetzung mit Kritikern herkömmlicher Praxis der FE als auch mit Praktikern der Vorschulerziehung sowie der Jugend- und Erwachsenenbildung zu gelangen. Beide Gruppen, sowohl die radikalen Kritiker als auch die Praktiker komman ja nach mir zu Wort.
2. Friedenspädagogik und -erziehung kann sich zunächst einer tief verwurzelten normativen Begründung sicher sein, sei es in der Erklärung der Menschenrechte, der Internationalen Charta des Kindes, den UNESCO-Empfehlungen oder sogar in einigen Landesverfassungen.
3. Friedenspädagogik setzt die Einstellung voraus, daß das Bewußtsein der Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben, veränderbar sind. 4. FP darf ihre Analysen und handlungsangebote deshalb nicht ausschließlich auf die indivuelle Ebene von Friedensfähigkeit bzw. Friedensunfähigkeit beziehen. Sie hat es dabei bislang versäumt, die dazu notwendige Interdisziplinarität auszubauen.
Der Fp wird seit ihrem Wirken der Vorwurf gemacht, die würde strukturelle Rahmenbedingungen für Unfrieden bzw. Frieden außer acht lassen. 1. Analyse der individuellen Strukturen von Unfriedlichkeit und die Suche nach Bearbeitungsmöglichkeiten: Wie sind Vorurteile, Feindbilder, Aggressionen als individuelles Verhalten veränderbar, welche Möglichkeiten ergeben sich für die Erziehung? 2. Analyse der gesellschaftlichen Strukturen von Unfriedlichkeit und die Suche nach Bearbeitungsmöglichkeiten: Welche gesellschaftlichen Strukturen erzeugen Haß, Feindschaft, Krieg? Welche Möglichkeiten ergeben sich für die FE, diese zu thematisieren und in Handlungsmöglichkeiten für Individuen und Gruppen umzusetzen? 3. Analyse der unfriedlichen Strukturen des internationalen Systems und die Suche nach Berabeiutngsmöglichkeiten: Warum ist das internationale System heute durch Gewalt, Konflikt, Krieg bestimmt? Gibt es Möglichkeiten, diesen Zustand der "permanenten Friedlosigkeit" zu überwinden?
Um diese programmtischen Vorgaben sinnvoll bearbeiten zu können, ist es notwendig, interdisziplinär zu arbeiten: Der HistorikerInnen, SoziologInnen, SozialpsychologInnen und andere können wichtige Beiträge zur Rp leisten, und sind in vielen Analysen der Fp weit voraus. |
Welches sind die wichtigsten Ziele der Friedenspädagogik? |
DGFK-Richtlinien:
Das wohl größte Defitit der Fp besteht in der ungenügenden Operationalisierung dieser Zielsetzungen. Die damit verbundenen Umsetzungsprobleme möchte ich etwas später diskutieren. Zunächst sei noch gefargt, mit welchem methodischen Instrumentarium Fp ihre Ziele verfolgen will.
5. FE darf nicht bei der Beschwörung der aktuellen Menschheitsbedrohungen und -gefahren und schon gar nicht bei der "Erzeugung" von Betroffenheit stehenbleiben. Fp ist aufgefordert, mögliche Auswege und alternative Orientierungsmodelle zu suchen und Mitmenschen in ihrem politischen Engagement zu begleiten. 6. FE muß bestrebt sein, eine weitgestgehende Einheit von Ziel, Inhalt und Methoden zu erreichen. Dabei ist die Frage offen, inwieweit Bildungs"veranstaltungen" autonome Lernprozesse im Alltagsleben ergänzen können. Beide Formen von Lernen sind aufeinander angewiesen.
Friedenspädagogisch angestrebte Lernprozesse sollen nicht nur möglichst gewaltarm, sondern auch möglichst vielgestaltig und vielfältig sein, um ein ganzheitliches, erfahrungsbezogenes Lernen zu ermöglichen. Dabei zeigte sihc in den letzten Jahren, daß das Einbeziehen von Medien sowie das praktische Arbeiten und Handeln während des Lernprozesses eine immer wichtigere Rolle spielt.
In methodischer Hinsicht folgt daraus, daß Lernformen, die Selbstständigkeit und Eigenarbeit fördern, Vorrang haben müssen vor Formen des Belehrens. |
Alltagslernen; Strukturen und Lernen |
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7. Zwischen den Prämissen der Friedenspädagogik, den normativen Voraussetzungen, den selbstgesteckten Zielen und dem methodischen Instrumentarium auf der einen Seite und der Umsetzung auf der anderen Seite besteht eine Operationalisierungslücke.
Friedenspädagogik muß also auf ganz unterschiedliche thematische Anfragen reagieren. Hinzu kommt, daß eine adressatenspezifische Differenzierung notwendig ist: LehrerInnen haben andere Erwartungen als Stadtverwaltungen, Jugendgruppenleiter oder Basisgruppen. Dies zeigt sich besonders deutlich bei aktuellen Herausforderungen, vor denen Friedenspädagogik steht. Einige dieser Herausforderungen seien im folgenden beispielhaft für andere genannt. |
3. Neue Herausforderungen |
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8. Friedenspädagogik hat sich bislang nicht in der Lage gesehen, auf das neue Informations- und rezeptionsverhalten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen angemessen zu reagieren. 9. Friedenspädagogik kann der Problematik der Thematik "Gewaltspielzeug/Gewalt in Medien" sowie der daraus resultierenden großen Nachfrage nach Handreichungen und Materialien keine adäquaten Angebote entgegenhalten.
Es besteht wohl kein Zweifel daran, daß es für die Entwicklung von Kindern "nicht gleichültig ist, wie sie erzogen werden, welche Erfahrungen sie in und mit ihrer täglichen Umwelt machen, mit welchen Spielen und Medien sie in Berührung kommen. Denn dies prägt ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihr Verhalten und auch ihre Einstellung zu Krieg und Gewalt.
Dieser Sachverhalt deutet auf mehrere Probleme hin: 11. Gemeinden und Kommunen sind in zunehmenden Außmaß die Opfer herrschenden Unfriedens. Trotzdem gibt es auf der kommunalen Ebene vielfältige Möglichkeiten, Freiräume für friedenserzieherische Ansätze zu schaffen oder eigenständige Beiträge zu initiieren. Fp könnte hierzu im Rahmen kommunaler Friedenserziehung einen wichtigen Beitrag leisten. |
4. Schlußbemerkung |
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Friedenserziehung sitzt zwischen allen Stühlen. Für die einen werden nicht radikal genug erscheinende Analysen und Handlungsmöglichkeiten erarbeitet, für die anderen ist FE eine Systembedrohung. Radikale Kritiker verneinen - mit teilweise guten Gründen - die Möglichkeit, Lernprozesse in geplanten Bildungsveranstaltungen überhaupt sinnvoll initiieren zu können und setzen - wiederum mit guten Gründen - auf die Kraft autonomer Lernprozesse zum Beispiel in BIen, Friedensgruppen oder den anderen sog. neuen sozialen Bewegungen. Andere Kritiker werfen der FE sogar vor, sie betreibe durch ihre Arbeit indirekte ideologische Unterstützung für den herrschenden Kriegskurs.
Vortrag Wiesbaden, Friedenshearing, 2.9.1989 |
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Uli Jäger: Friedenspädagogik - Alte Probleme, neue Herausforderungen (1989). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993. |