Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Anregungen zu einem kritischen Veständnis von Friedenserziehung

Günther Gugel / Klaus Lange-Feldhahn

Friedenserziehung ist eine Selbstverständlichkeit - so scheint es. In der Praxis allerdings ist das Erziehen zum Frieden alles andere als einfach und unumstritten. Nicht selten sind diese Bemühungen von Mißerfolgserlebnissen und Enttäuschungen gekennzeichnet. Ein Grund dafür ist eine oft unklare und zu verschwommene Vorstellung davon, welche Voraussetzungen eine Erziehung zum Frieden hat, auf welche Prinzipien sie sich stützen kann und welchen Beitrag Erziehung in realistischer (Selbst-)Einschätzung zum Abbau organisierter Friedlosigkeit zu leisten vermag.

Wir wollen im folgenden das in unserer Arbeit entwickelte Verständnis von Friedenserziehung anhand einiger Grundgedanken entfalten, zur Diskussion stellen und damit auch zur Kritik und Weiterentwicklung anregen.

 
Der kritische Friedensbegriff
   
 

Friedenserziehung verkommt nur allzuleicht zu einer inhaltslosen Leerformel, die jeder für seine eigene Praxis, ja zur Durchsetzung seiner Interessen in Anspruch nimmt, ohne auszuweisen, was dies zu einem wirklichen Frieden beiträgt. Friedenserziehung muß deshalb eine ideologisch-kritische und aufklärerische Funktion wahrnehmen.
Unter Friedenserziehung werden zunächst - völlig undifferenziert - alle theoretischen Entwürfe, pädagogischen Modelle und alle praktischen pädagogischen Handlungen verstanden, die auf den Grundwert Frieden bezogen sind. Deshalb ist es wichtig, klar auszuweisen, welcher Frieden jeweils gemeint ist und wo die Ursachen des Unfriedens gesehen werden. Verschiedene Interessengruppen artikulieren jeweils ihre eigene Vorstellung von dem, was Frieden ist: vom inneren Frieden, der durch Ruhe und Ordnung gesichert wird, vom Arbeitsfrieden, der durch Streikverbot aufrechterhalten wird, vom Frieden in Europa, der durch eine starke Militärmacht garantiert ist. Alle sind für den Frieden. Aber jeder ist für einen anderen Frieden, und die meisten sind bereit, ihren Frieden notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Die Frage nach einem Friedensverständnis ist für die Friedenserziehung nicht nur eine begriffliche Spielerei, sondern aus zwei Gründen ein zentrales Moment:

  • Aus dem jeweiligen Friedensbegriff leitet sich eine je eigene Vorstellung von Friedenserziehung ab: Wird Frieden z.B. als sozial-biologisches Problem betrachtet, so resultiert daraus, daß eine Friedenserziehung sich mit dem Phänomen der individuellen Aggression und Aggressionsbewältigung zu befassen hat. Wird der mangelnde Frieden z.B. als Folge falscher Besitz- und Produktionsverhältnisse gesehen, so bedeutet Friedenserziehung ein revolutionäres Bewußtsein wecken.
  • Definitionen sind ferner nicht nur Übereinkünfte für den Sprachgebrauch, sondern vor allem im politischen Bereich auch Machtfragen. Dies zeigt sich z.B. bei der Definition von Gewalt und legitimer Gewaltanwendung. Der entscheidende Unterschied zwischen offen gewalttätigem Handeln von Staatsorganen (prügelnden Polizisten) und individueller Gewalttätigkeit (prügelnden Demonstranten) ist, daß das eine als legitim, gerecht und notwendig eingestuft wird, das andere als kriminell, ungerecht und überflüssig.

Eine kritische Friedenserziehung darf sich ihr Friedensverständnis nicht durch offizielle Formeln aufzwingen lassen, sondern muß diese nach ihrem Realitätsgehalt hinterfragen. Die hier vertretene Auffassung von Friedenserziehung geht von einem positiven Friedensbegriff aus, der durch den Abbau sowohl von personaler als auch von struktureller Gewalt bestimmt ist. Friede soll so als ein dynamischer Prozeß der Konfliktaustragung mit gewaltfreien Mitteln bei gleichzeitiger zunehmender Verwirklichung der Menschenrechte und damit von sozialer Gerechtigkeit und Demokratie aufgefaßt werden.
Die Utopie einer zukünftigen harmonischen Weltgesellschaft ist in dieser Vorstellung zugunsten eines hier und heute durch menschliches Handeln tendenzweise realisierbaren Friedens überwunden. Friede wird so - um mit Fromm zu sprechen - nicht als "Haben"-Zustand, sondern als "Seins"-Prozeß begriffen, der sich ereignet, wenn Gewalt abgebaut wird.

 
Zum Frieden erziehen heißt, die Wirklichkeit kritisch zu hinterfragen
   
 

Ausgehend von diesem kritischen Friedensbegriff hat Friedenserziehung in einer Welt der Begriffsverwirrungen und Doppelmoral die Aufgabe, Zustände beim Namen zu nennen, nach Ursachen und Hintergründen zu fragen und sich nicht mit vorgeschobenen Erklärungen zufrieden zu geben. Dies bezieht sich auf mehrere Bereiche:

1. Eine Kritik gesellschaftlicher Friedlosigkeit, die die Ursachen von Gewalt und Ungerechtigkeit aufdeckt (Gesellschaftsanalyse).

2. Eine Kritik gesellschaftlicher Doppelmoral, die Gewalt auf der einen Seite ächtet, auf der anderen Seite bewußt und gezielt selbst anwendet (Ideologiekritik).

3. Eine Kritik idealistischer friedenspädagogischer Ansätze, die meinen, allein durch Erziehung bzw. durch einen Wandel im Denken schon Frieden erreichen zu können.

4. Eine Bereitschaft zur Selbstkritik und Reflexion des eigenen Denkens und Handelns.

Über die bloße Kritik hinaus bedeutet dieser Anspruch aber auch, daß Alternativen aufgezeigt, entwickelt und soweit es geht verwirklicht werden.

 
Friedenserziehung greift Konflikte auf, macht deren Ursachen deutlich und sucht nach konstruktiven Lösungen
   
 

"Frieden ist Konflikte suchen: Wie soll ich sonst wissen, so die Probleme liegen?" (H.A. Pestalozzi)

Ein konfliktfreies Zusammenleben von Menschen und Gruppen ist undenkbar. Es geht deshalb nicht darum, Konflikte um jeden Preis zu vermeiden, sondern um die Beseitigung der Ursachen und das gewaltfreie Austragen von Konflikten. Konflikte sind Anzeiger für Probleme, Friedenserziehung greift deshalb Konflikte auf, um die dahinterstehenden Probleme bewußt zu machen und die Arbeit an deren Lösung zu ermöglichen.

Die Beschäftigung mit sozialen, gesellschaftlichen und internationalen Konflikten und deren Auswirkungen auf Einzelpersonen und die Gemeinschaft ist deshalb ein wichtiger Gegenstand der Friedenserziehung.

Für die Friedenserziehung ist es wichtig, gesellschaftliche Konflikte nicht als schicksalhafte Kategorien zu begreifen, mit denen man leben muß ("Es ist nun mal so, wer Macht hat, hat auch Recht"), sondern die den Konflikten zugrundeligenden Interessen zu entschleiern und nach Möglichkeiten zu suchen, die Konfliktursachen zu beseitigen oder die Konflikte zumindest gewaltfrei auszutragen.

Harmonie und Konfliktlosigkeit ist sicher der flasche Weg. Wer zum Frieden erziehen will, braucht eine produktive und konstruktive Einstellung zu Konflikten. Konflikte sollen nicht als die gesellschaftliche Harmonie störend empfunden werden, sondern als Chance für Veränderung, als Lernmöglichkeit für alle Beteiligten. Dies setzt natürlich voraus, daß Konflikte nicht latent gehalten oder unterdrückt werden, sondern bewußt gemacht und ausgedrückt werden.

 
Friedenserziehung durchbricht den Kreislauf der Gewalt und Gegengewalt und setzt auf Gewaltfreiheit
   
 

Nicht zuschlagen, sondern umarmen, nicht hassen, sondern lieben, nicht verteufeln, sondern verstehen, nicht Passivität, sondern bewußtes Engagement. All diese Punkte haben mit Gewaltfreiheit zu tun, mit dem bewußten Verzicht auf Gewalt im zwischenmenschlichen und politischen Bereich. Dieser Verzicht heißt nicht Schwäche, Furcht oder Mutlosigkeit, ganz im Gegenteil. Es gehört viel Mut und Kraft dazu, den Kreislauf der Gewalt und Gegengewalt, der unsere Welt beherrscht, zu durchbrechen.

Gewaltfreiheit ist ein ganzheitliches Lebensprinzip, nicht nur eine politische Aktionsmethode. Das Prinzip Gewaltfreiheit zeigt sich z.B. im verantwortlichen Umgang mit Nahrung, Energie, Rohstoffen, der Natur usw. ebenso wie in zwischenmenschlichen Beziehungen. Gewaltfreie Aktion ist eine Methode, innergesellschaftliche Konflikte auszutragen, ohne Personen zu verletzen oder Sachen zu zerstören.

Gewaltfreiheit und gewaltfreie Konfliktaustragung lassen sich jedoch nicht nur auf innergesellschaftliche Konflikte anwenden, sondern ebenso auf zwischenstaatliche.

In der Konzeption der "sozialen Verteidigung" wird eine Alternative zur militärischen Verteidigung geboten, die auf dem zivilen Widerstand der Bevölkerung beruht und die die Droh- und Gewaltpolitik überwindet.

Gewaltfreiheit ist für die Friedenserziehung aus zwei Gründen von zentraler Bedeutung. Zum einen findet die Vorstellung vom Frieden in der Idee, Tradition und Praxis der Gewaltfreiheit wohl ihre überzeugendste und klarste Konkretisierung. Zum anderen weist das Prinzip Gewaltfreiheit auf die Bedeutung der Ziel-Mittel-Beziehung hin. Frieden mit Gewalt erreichen zu wollen, wird vergeblich sein. "Der Samen entscheidet über den Baum", sagte Gandhi. Die Mittel, mit denen das "Ziel" Friede erreicht werden soll, sind schon ein Teil dieses Friedens.

 
Friedenserziehung heißt, sich für die Verwirklichung von Demokratie einzusetzen
   
 

Die Befähigung zur Teilnahme an demokratischen Entscheidungsprozessen und die Schaffung von Möglichkeiten der Mit- und Selbstbestimmung sind wichtige Bestandteile der Friedenserziehung. Die Aufgabe, demokratische Verhältnisse zu schaffen, macht dabei deutlich, daß mit Friedenserziehung nicht nur die außenpolitische Krieg-Frieden-Problematik und auch nicht nur der innere Frieden oder der Gruppenfrieden gemeint sind, sondern daß für einen dauerhaften Frieden gerechte und demokratische Gesellschaftsstrukturen Voraussetzung sind.

Demokratie bedeutet Regierung durch das Volk. Es geht also um Mit- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Menschen in allen Lebensbereichen, die sie betreffen, und nicht nur um die Stimmabgabe an den Wahltagen. Die Schaffung neuer Partizipationsmöglichkeiten und die Fähigkeit und der Wille zur Teilhabe an Entscheidungen als Voraussetzungen von Demokratisierung beschränken sich dabei nicht auf die große Politik, sondern beginnen bei Kleingruppenprozessen und reichen über örtliche und regionale Gremien bis in den staatlichen Bereich.

 
Parteilichkeit als Notwendigkeit einer kritischen Friedenserziehung
   
 

Friedenserziehung darf nicht einer unpolitischen Wertneutralität verpflichtet sein, sondern muß parteiisch sein. Parteiisch soll dabei nicht nur hießen, daß der gesellschaftspolitische Standpunkt einer Friedenserziehung klar bestimmbar sein muß, sondern auch, daß Friedenserziehung durch ihre Praxis Stellung bezieht. Friedenserziehung berichtet nicht wertneutral sachlich über Rüstung, Unterentwicklung, Menschenrechtsverletzungen. Sie stellt sich vielmehr auf die Seite der Unterprivilegierten, Diskriminierten, Entrechteten. Sie nimmt Stellung gegen Gewalt und Drohpolitik, gegen die Vorenthaltung demokratischer Grundrechte. Sie ist Parteigängerin von Menschen, die von der ungleichen Verteilung sozialer und ökonomischer Lebenschancen in und zwischen Nationen betroffen sind. Parteiisch sein heißt auch, die Ursachen und Verursacher von Unterentwicklung und Gewalt beim Namen zu nennen, die Nutznießer und die Leidtragenden dieser Prozesse zu identifizieren.
Das darf nun nicht mißverstanden werden als ein Verstoß gegen das "Überwältigungsverbot" in der politischen Bildungsarbeit, als ein Aufruf, im Sinne einseitig vorgefaßter erwünschter Meinungen Lernende zu überrumpeln und zu beeinflussen.
Friedenserziehung kommt aber ohne den "Blick von unten" nicht aus. Den Blick von unten lernen heißt,

  • auch mit den Augen derer sehen zu lernen, denen grundlegende Menschenrechte vorenthalten werden;
  • sich als Mensch rational und emotional aufzulehnen gegen Droh- und Gewaltpolitik, gegen Ausbeutung, Unterdrückung, gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen;
  • das Wagnis einzugehen, Ursachen und Verursacher beim Namen zu nennen;
  • den eigenen Beitrag zu den Bedrohungen des Friedens zu erkennen und sich dieser Herausforderung zu stellen.

Durch ihre Parteinahme setzen sich all diejenigen, die sich einer solchen Friedenserziehung verpflichtet fühlen, Angriffen und Anfeindungen aus. Der Umgang mit diesen Angriffen ist ein wichtiger, oft schwieriger Lernprozeß.

 
Friedenserziehung ist sich der Erfahrung der Geschichte bewußt und knüpft an positive Traditionen an
   
 

Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie noch einmal zu erleben. - Aber kann man aus den Geburts- und Todestagen von Königen oder aus Schlachtbeschreibungen etwas für unser heutiges Leben lernen?

Sicher nicht. Es gibt aber auch eine andere Geschichte, eine Geschichte von "unten", eine Geschichte des Volkes, von Gruppen und Einzelnen in ihrem Kampf für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Es gibt Erfahrungen über Unterdrückung und Widerstand.

Friedenserziehung versteht sich als Teil einer solchen freiheitlichen Tradition, sie will positive Entwicklungen weiterführen. Sie muß aber auch die dunklen Kapitel unserer Geschichte kennen und im Gedächtnis behalten.

Friedenserziehung bezieht Lebensgeschichte und Lebensgeschichten (z.B. von gewaltfreien Kämpfern) mit ein.

Geschichte und Geschichtlichkeit heißt auch, die eigene Lebensgeschichte in ihren sozialen und personalen Dimensionen zu überdenken, das eigene Handeln aus dem Hintergrund von Erfahrungen und Erlebnissen verstehen lernen.

 
Beginnen, wo die Menschen stehen
   
 

Friedenserziehung orientiert sich auf der einen Seite an den Bedürfnissen und Problemen ihrer jeweiligen Zielgruppen, auf der anderen Seite an den Ergebnissen der Sozialwissenschaften, insbesondere der Friedensforschung. Die Sensibilisierung und die Mobilisierung von größeren gesellschaftlichen Gruppen ist nur möglich, wenn an deren unmittelbaren Interessen im Nahbereich angeknüpft wird und dadurch auch neue Erfahrungen ermöglicht werden. Politische und moralische Aufklärung reichen nicht aus, die Welt der Lernenden muß einbezogen werden. Wenn z.B. das Bedürfnis nach einem selbstverwalteten Jugendzentrum oder nach einer guten Berufsausbildung bei Jugendlichen ernst genommen wird, dann ist Friedenserziehung keine "aufgesetzte Pädagogik" mehr, sondern eine gemeinsame Lernstrategie, die mehr Beteiligung, mehr Demokratie und damit verbunden auch einen Abbau von Gewalt erreichen kann. Diese Lernstrategie muß jedoch auch die Ängste der Betroffenen, ihre Kraft zur Verarbeitung von Informationen und ihre Belastungsfähigkeit berücksichtigen. Daß sich solche situationsbezogenen Lernprozesse sehr schnell ausweiten können und dann neben dem eigenen "Kirchturm" auch die "übrige Landschaft" in den Gesichtskreis kommt, haben vor allem die Erfahrungen im Bürgerinitiativen-Bereich gezeigt. Politisches Handeln setzt jedoch neben Betroffenheit auch Informiertheit voraus, will es sich nicht in moralischen Appellen erschöpfen. Nur wenn auch Zusammenhänge zwischen Rüstung, Krieg und Unterentwicklung, zwischen individueller Aggression und kollektiven Gewaltstrukturen, zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung erkannt werden, wenn die Ursachen für diese Entwicklung analysiert werden und Gegenstrategien eingeleitet werden, ist letztlich sinnvolles politisches Engagement möglich. Dies sind zwar noch keine konkreten Hinweise für den Umgang mit dem Spannungsfeld zwischen kollektiven Problemlagen und der individuellen Situation der Lernenden, aber einige sich daraus ergebende Fragen, auf die Horst Rumpf hingewiesen hat, können vielleicht zur weiteren Orientierung hilfreich sein:

  • Wie werden z.B. wissenschaftliche Erkenntnisse der Friedensforschung und damit verbundene brisante Darstellungen vermittelt, und wie werden sie von den Lernenden wahrgenommen? Entstehen in diesem Vermittlungsprozeß nicht Mißverständnisse, Verschüchterung, Überanpassung, Resignation und Abwehr? Wie wird damit umgegangen?
  • Zu welchen Belastungen der Identität führen Forderungen, sich ganz oder teilweise von den herkömlichen Erklärungsmustern der eigenen Bezugsgruppe zu distanzieren und eine neue Sicht der Dinge zu akzeptieren?
  • Wo sind im Alltag die Anknüpfungspunkte für Friedenslernen? Wo findet Friedenslernen in der gemeinsamen Lebenspraxis statt? Wo sind dabei Erfahrungsbereiche, die zum Handeln ermutigen und Perspektiven aufzeigen? Solche Anknüpfungspunkte zu finden ist die Kunst des Pädagogen.
 
Zur Identität von Ziel, Inhalt und Methode
   
 

Die Frage nach der Gestaltung von Lernen und Lehren ist nicht die Frage nach didaktischen Tricks. Sie ist die wichtige Anforderung, die Art unseres Lernens und Lehrens immer und immer wieder auf die Übereinstimmung mit dem Ziel Frieden hin zu überprüfen. Denn im Weg schon zeigt sich das Ziel. Oder, noch zugespitzter: Es gibt keinen Weg zum Frieden - Frieden ist der Weg!
Wenn wir Demokratie lernen wollen, muß unser Lernen demokratisch sein. Wenn wir Gewaltfreiheit lernen wollen, muß unsere Lernen gewaltfrei sein. Wenn wir Dialog und Zusammenarbeit lernen wollen, dann müssen wir gemeinsam lernen. Wenn wir lernen wollen zu handeln, dann müssen wir handeln.
Vor allem Paulo Freire hat dabei auf die innere Struktur emanzipatorischer Bildungsprozesse aufmerksam gemacht. Ohne Dialog, so betont er, gibt es keine Kommunikation. Und ohne Kommunikation kann es keine wahre Bildung geben. "Echte Bildungsarbeit wird nicht von A für B oder von A über B vollzogen, sondern vielmehr von A mit B", meint er. Bereits der Begriff der Erziehung beinhaltet ein gewisses Gefälle zwischen "Erzieher" und "Zögling", das sehr leicht in ein Macht- und Herrschaftsverhältnis begleitet. Der Erzieher weiß schon, was Friede ist und "zieht" den anderen dorthin. Aufgabe von Friedenserziehung ist aber nicht die Manipulation anderer Menschen, sondern die gemeinsame Veränderung von Situationen und Strukturen im gegenseitigen Dialog. Die Gefahr, daß durch die Lernsituation genau die Gewalt reproduziert wird, die eigentlich Friedenserziehung abbauen möchte, ist groß und besonders im Rahmen institutionalisierten Lernens gegeben.
Frieden umfaßt den ganzen Menschen. Deshalb muß auch Friedenslernen den ganzen Menschen umfassen, nicht nur seinen Kopf, sondern auch den "Bauch". Gefühlsbezogenes, künstlerisch-darstellendes, erfahrungsbezogenes und kognitives Lernen sollen in einem ausgewogenen aufeinander bezogenen Verhältnis stehen.
Aus dem Gesagten ergeben sich einige Anhaltspunkte für friedenspädagogisch reflektiertes Lernen.

  • Friedenslernen soll an Lebenssituationen der Lernenden anschließen, muß Vorgedachtes berücksichtigen und eine behutsame Begleitung der Lernenden sein.
  • Friedenslernen soll Autonomieerlebnisse zulassen (d.h. die Erfahrung vermitteln, daß eigenes Handeln Veränderung bewirken kann, zumindest nicht immer zu Mißerfolgen führt).
  • Friedenslernen darf nicht einseitig auf Wissenszuwachs ausgerichtet sein, sondern muß ebenso die emotionale und die Handlungsebene integrieren.
  • Friedenslernen soll Raum für Spontaneität, Kreativität, Selbstentfaltung und Selbstbestimmung geben.
  • Friedenslernen soll berücksichtigen, daß lernen in Gruppen Gemeinsamkeiten fördert und Solidarität ermöglicht.
  • Friedenslernen soll transparent sein, d.h. Sinn, Zweck und Organisation des Lernens sollen allen Beteiligten offengelegt und von ihnen mitbestimmt und akzeptiert sein.
  • Friedenslernen soll auf dem Prinzip der Parteilichkeit fußen.
  • Friedenslernen darf kein einmaliger Akt sein. Kontinuität ist ein entscheidendes Kriterium für Friedenserziehung.
  • Friedenslernen soll den Lernenden auch eine (neue) geistige und emotionale Heimat geben können.
  • Friedenslernen darf vorgegebene Grenzen des Handelns nicht verleugnen, sondern soll diese bewußt einbeziehen.
 
Alltagssituationen und strukturelles Lernen
   
 

Friedenserziehung realisiert sich nicht nur in gezielten und geplanten pädagogischen Lernmodellen (pädagogischen Maßnahmen) oder Aktionen, sondern umfaßt daneben auch strukturelles Lernen und Momente des Alltagslernens. Damit sind z.B. Gebote und Verbote gemeint, die unser Zusammenleben steuern und regelmentieren, die aber kaum mehr als von Menschen gesetzte Normen wahrgenommen werden. Nur nach festgesetzten Regeln ablaufende Entscheidungen beinhalten ebenso strukturelle Lernmomente wie die bauliche Umgebung oder Regelsysteme für unseren Verkehr.

Alltagslernen ist neben dem strukturellen Lernen wohl die wichtigste Art zu lernen und sollte auch gezielt im Sinne einer Friedenserziehung genutzt werden. Die sich in alltäglichen Äußerungen "nebenher" niederschlagende Interpretation und Erklärung von Wirklichkeit vermittelt den Kindern und Jugendlichen nicht nur das "wahre" Gesicht der Eltern und Erzieher, sondern auch ein sich immer fester fügendes Weltbild. Wie kommentieren Eltern die Fernsehnachrichten, die sie gemeinsam mit ihren Kindern ansehen? Welche Bemerkungen machen sie beiläufig, wenn sie vom Krach eines Düsenjägers aufgeschreckt werden? In unzähligen Situationen vermitteln Eltern und Erzieher - ohne jede pädagogische Absicht - die Bedeutung bestimmter Umweltereignisse. Schon im frühen Kindesalter kann durch "Alltagserziehung" eine Sensibilisierung oder Abstumpfung für Unrecht und Gewalt, für oder gegen konstruktive Konfliktlösungen erreicht werden. Im Sinne einer Friedenserziehung geht es darum, Alltagslernen bewußtzumachen und eine prinzipielle kritische Grundeinstellung von Eltern und Erziehern zu friedensbedrohenden Problemen zu ermöglichen und zu fördern. Die bewußt geplanten Erziehungssituationen treten vom Umfang her dagegen zurück, obwohl sie u.U. ein wichtiges Korrektiv der Alltagserziehung sein können.

 
Zur Glaubwürdigkeit des Friedenserziehers
   
 

Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen von Friedenserziehung ist nicht zuletzt die Glaubwürdigkeit des Friedenserziehers. Glaubwürdigkeit braucht zwei Fundamente: fachliche Kompetenz und persönliches "Sich-Zeigen". Fachkompetenz bedeutet: Der Friedenserzieher muß Lernbedürfnisse befriedigen können. Er braucht ein erhebliches Maß an Fachwissen, und er muß wissen, wo das zu suchen und zu finden ist, was er nicht weiß; er braucht die Fähigkeit zur Wissensvermittlung und Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen, mit verschiedenen Lernmethoden und Medien. Er braucht weiterhin Kenntnisse über und Erfahrung mit den Lebensumständen derer, mit denen er zusammen lernen will. Persönliches "Sich-Zeigen" bedeutet: Der Friedenserzieher muß Stellung beziehen zu den Fragen, die die Lernenden und ihn selbst beschäftigen; er muß seine Interessen deutlich machen und seine Bedürfnisse und Gefühle einbringen. Kurz: Er muß als Mensch greifbar - und angreifbar - sein. Glaubwürdigkeit - und dmait die Lust, mit "diesem Friedenserzieher" gemeinsam zu lernen - kann sich entwickeln, wenn beides, Fachkompetenz und Persönlichkeit, in Einklang miteinander stehen und sich nicht widersprechen.

 
Friedenserziehung als pädagogisches Prinzip und spezieller Erziehungsinhalt
   
 

Die bisherigen Ausführungen sollen abschließend unter zwei Dimensionen zusammengefaßt werden, die das hier vertretene Verständnis von Friedenserziehung bedingen:

Friedenserziehung umfaßt ein pädagogisches Prinzip, das ein möglichst gewaltfreies Vorgehen (Verhalten), den Abbau von Herrschaft in Lernsituationen, das Respektieren aller Beteiligten, die gleichberechtigte Beteiligung bei allen Entscheidungen beinhaltet.
Als solches Prinzip ist Friedenserziehung nichts anderes als eine "gute", "gelungene" Erziehung und auf alle Altersgruppen und Situationen anwendbar.

Die zweite Dimension der Friedenserziehung umfaßt spezifische Inhalte, die sich aus einer Bedrohungsanalyse und dem zu realisierenden Ziel Friede ableiten. Zu diesen Inhalten gehören u.a.: Die Beschreibung, Analyse und Kritik

  • des Wettrüstens,
  • des Ost-West-Konfliktes,
  • von Militär und Militarismus
  • der Rüstungsproduktion und des militärisch-industriellen Komplexes,
  • der Umweltzerstörung und des Raubbaus mit Rohstoffen,
  • von Aggression, Gewalt, Vorurteilen,von Apathie, Angst, Ohnmachterlebnissen.

Diese Themen könnte man auch als "Bildungsthemen" bezeichnen. Daneben gibt es "Handlungsthemen", bei denen es um die Entwicklung und Erprobung von

  • alternativen Sicherheitssystemen,
  • selbstverwalteten Produktionsgemeinschaften,
  • Demokratisierung aller Lebensbereiche,
  • gewaltfreien Konfliktlösungen,
  • Ichstärke und politische Handlungsfähigkeit geht.

Diese Dimension der Friedenserziehung muß sehr sorgfältig auf die jeweilige Zielgruppe und Lernsituation abgestimmt werden.
Diese beiden Bereiche, Friedenserziehung als pädagogisches Prinzip verbunden mit spezifischen friedensrelevanten Lerninhalten, sollen als Friedenserziehung verstanden werden.

 
Nachbemerkung
   
 

Die Thesen zur Friedenserziehung verstehen sich als Anregung zu Diskussion und kritischer Reflexion und nicht als Theorieentwurf; sie können und wollen nicht alle Fragen befriedigend beantworten, und manche Probleme sind nur angerissen.

  • So gibt es z.B. über die Frage, was die "eigentlichen" Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen seien, eine umfassende Diskussion, die hier nicht wiedergegeben werden kann.
  • Die Frage der prinzipiellen Gewaltfreiheit ist in dieser Eindeutigkeit, wie sie von uns formuliert wurde, nicht unumstritten.
  • Die Frage, wann man von einer "gelungenen Erziehung" reden kann, ist sicher eines der Hauptprobleme der Erziehungswissenschaft und der pädagogischen Praxis überhaupt und verlangt die Klärung des jeweiligen Menschen- und Weltbildes.

Die Thesen sollen also keinen Normenkatalog im Sinne einer Postulatserziehung darstellen, vor dem ohnehin nur die Kapitulation bleibt. Der Friedenserzieher soll nicht mit einem Heiligenschein ausgestattet werden, er soll auch nicht mit einem unerfüllbaren Anspruch erschlagen werden, sondern es soll die Notwendigkeit verdeutlicht werden, das eigene Handeln an bestimmten Vorgaben zu orientieren und damit zu einer kritischen Auseinandersetzung zu kommen. Das Maß an Gültigkeit und Bedeutung der Thesen wird so zu einer (inter-)subjektiven Entscheidung und nicht zu einem objektiven, immer gültigen Maßstab.

 
 

Günther Gugel / Klaus Lange-Feldhahn: Anregungen zu einem kritischen Verständnis von Friedenserziehung (1985). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993.

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