Home / Themen / Friedenserziehung / Arbeitsansätze,... / Friedensarbeit... / Kommunale Friedensarbeit
|
Mit dem Begriff »kommunale Friedensarbeit« wird eine spezifische Art von Friedensarbeit umschrieben, die sich seit Beginn der achtziger Jahre in Städten und Gemeinden (Kommunen) mit zunehmender Intensität entwickelt hat. Dieser spezifische, aber facettenreiche friedensorientierte Handlungsansatz umfaßt unseres Erachtens zwei Hauptelemente:
Es lassen sich mindestens drei Begründungsstränge benennen, die kommunale Friedensarbeit als einen notwendigen und perspektivenreichen Handlungsansatz für die Friedensbewegung erscheinen lassen:
|
Zur Entstehungsgeschichte kommunaler Friedensarbeit |
|
Kommunale Friedensarbeit basiert auf mindestens drei Wurzeln, nämlich der Friedenswochenarbeit, der Kampagne »atomwaffenfreie Städte« und der Praxis kritischer Gemeinwesenarbeit.2 Friedenswochenarbeit
Friedenswochen wurden Ende der 60er Jahre in Holland vom Interkirchlichen Friedensrat als Modell landesweiter ökumenischer Friedensarbeit entwickelt. (A »Niederlande«) In der BRD fanden sie seit Anfang der 70er Jahre zunächst auf lokaler Ebene als Veranstaltungs- und Aktionswochen statt. Sie wurden mit dem Ziel organisiert, über Gewalt, Krieg, Frieden und Gerechtigkeit aufzuklären. Friedensorientierte politische Bildungsarbeit stand dabei zunächst im Vordergrund. Sie wurde jedoch in den Jahren 1980 bis 1983 durch die Koordination bundesdeutscher Friedenswochen (durch Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste), durch die Beteiligung der größten Jugendverbände (Arbeitsgemeinschaft der Evang. Jugend Deutschlands; Bund Deutscher Katholischer Jugend) sowie durch gemeinsame politische Forderungen ergänzt. Sichtbar wurde diese Entwicklung z. B. an dem gemeinsamen Termin der Friedenswochen und den gemeinsamen Aufrufen. Damit kam zum lokalen Engagement eine bundesweite politische Komponente, die in den Aktionswochen der neuen Friedensbewegung aufging. Übriggeblieben sind heute davon die »kirchlichen Friedenswochen« im November jeden Jahres.
Kampagne »atomwaffenfreie Zonen«
Während bei den Friedenswochen die Kommune primär als natürliches politisches Handlungsfeld bei der Darstellung und Ausbreitung friedenspolitischer Themen diente, versuchte die Kampagne »atomwaffenfreie Zonen in Städten und Regionen« die Bedeutung globaler Themen für den Nahbereich sichtbar zu machen und gleichzeitig kommunale Verfassungsorgane mit anzusprechen und einzubinden. Die Kommune wurde hier also nicht nur als Handlungsort benutzt sondern auch als möglicher Akteur (gegenüber bundespolitischen Entscheidungsträgern) begriffen.
GemeinwesenarbeitEine dritte Wurzel, die vor allem die Mitentscheidung und Mitgestaltung aller Betroffenen bei der kommunalen Politikformulierung betont und praktiziert, ist die sich in der BRD seit den 60er Jahren entwickelnde Gemeinwesenarbeit. Obwohl es keine einheitliche Definition und auch keinen einheitlichen Handlungsansatz von Gemeinwesenarbeit gibt, lassen sich doch einige zentrale Gesichtspunkte für eine kritisch verstandene Gemeinwesenarbeit formulieren:7
Gemeinwesenarbeit bezieht sich also auf das Handeln von Betroffenen und Fachleuten im öffentlich-politischen Raum. Die Praxis der Gemeinwesenarbeit in der BRD hat sich seit Anfang der 60er Jahre zunächst in den jeweiligen »Wohnbereichen« mit dem Ziel entwickelt, eine lokale Verbesserung der Lebensbedingungen (Wohn-, Bildungs-, Freizeit-, Einkaufs- oder Verkehrsaspekte) durch Selbsthilfeinitiativen und/oder Einflußnahme auf die Planungs- und Entscheidungsprozesse zu erreichen. Gemeinwesenarbeit war zunächst eine Reaktion auf gemeinsam erlebte Mißstände.9 |
Zum Verständnis kommunaler Friedensarbeit |
|
Unseres Erachtens lassen sich zwei Formen kommunaler Friedensarbeit benennen, die sich in mehreren Punkten grundlegend unterscheiden: in den Themen- und Problemstellungen; in den Aktionsformen; in den Trägern und Akteuren; sowie in den (förderlichen und restriktiven) Rahmenbedingungen und Voraussetzungen. Militärbezogene kommunale Friedensarbeit
Ausgangspunkte militärbezogener kommunaler Friedensarbeit12 ergeben sich vor allem aus der militärischen Betroffenheit der Kommunen durch Standorte, Übungsplätze, Waffen, Munitionsdepots, militärische Transporte und Unfälle, Manöver, Übungen, Tief- und Überschallflüge. Diese militärischen Eingriffe bilden den objektiv wirksamen Anlaß für die Friedensarbeit.13 Kulturbezogene kommunale Friedensarbeit
Die Ausgangspunkte kulturbezogener kommunaler Friedensarbeit14 liegen ebenfalls in der Erkenntnis, daß Gemeinden von den Folgen der Hochrüstung betroffen sind und sich Gemeindeparlamente und -verwaltungen bei ausbleibender Gegenwehr mitschuldig machen. Darüberhinaus können Gemeinden im Rahmen ihrer Möglichkeiten aber auch einen aktiven Beitrag zur Völkerverständigung und zur politischen Kultur des Friedens erfüllen. (A »Städtepartnerschaften mit Osteuropa«) Als zentrale Themenbereiche kommunaler Friedensarbeit werden deshalb neben der Gegenwehr der Kommune gegen die Zumutung der Militarisierung u. a. die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte (A »Umgang mit der Vergangenheit«), das Bemühen um kommunale Friedenserziehung (A »Kommunale Friedenserziehung«) und die Schaffung von friedensfördernden Strukturen in der Kommune gesehen. (A »Friedensorientierte Kulturarbeit«)
Ein Problem dieses Ansatzes liegt in dem umfassenden Verständnis kommunaler Friedensarbeit und damit der Gefahr einer Überforderung und Überfrachtung kommunaler Friedensarbeit. |
Zur gegenwärtigen Praxis kommunaler Friedensarbeit |
|
Standen zu Beginn der 80er Jahre vor allem die Verabschiedung von Resolutionen zur Erklärung einer lokalen atomwaffenfreien Zone im Vordergrund der Aktivitäten, so hat sich das Handlungsfeld inzwischen entscheidend ausgeweitet.
Im Bereich kulturbezogener kommunaler Friedensarbeit lassen sich zwei aktuelle Tendenzen erkennen: seit Mitte der achtziger Jahre findet eine Neuorientierung der Städtepartnerschaften durch die verstärkte Ausrichtung nach Osteuropa statt. Zahlreiche Beziehungen, Austauschprogramme und Kontakte sind dabei in der Hoffnung entstanden, einen spezifischen kommunalen Beitrag zu einer »Entspannungspolitik von unten« leisten zu können. Diese Entwicklung findet durch Öffnungstendenzen in den Staaten Osteuropas überraschend Auftrieb. |
Zur Wirkung kommunaler Friedensarbeit |
|
Die Praxis reflektierter kommunaler Friedensarbeit steht trotz mehrjähriger Erfahrungen erst an ihrem Anfang. Nur wenige beschäftigen sich auf einer Reflexionsebene mit den Voraussetzungen, Problemen und Chancen von kommunaler Friedensarbeit.20 Gerade deshalb ist es wichtig und sinnvoll, Widersprüche, Einwände und Probleme ernst zu nehmen und in die weitere Diskussion einzubeziehen.
1. Wie wirkt sich kommunale Friedensarbeit auf die Kooperationsbereitschaft beteiligter Gruppen und Personen aus?
2. Verstärkt kommunale Friedensarbeit die Akzeptanz der Friedensgruppen innerhalb der Bevölkerung?
3. Wie wirkt sich kommunale Friedensarbeit auf die Stabilität der Gruppen aus?
4. Wie wirkt sich kommunale Friedensarbeit auf eine Ausweitung des politischen Bewußtseins und der Kritikfähigkeit aus?
5. Wie wirkt sich kommunale Friedensarbeit auf die aktive Informationsbereitschaft der Bevölkerung aus?
6. Wie wird kommunale Friedensarbeit von den politischen Entscheidungsträgern wahrgenommen und berücksichtigt? |
Einige Problemfelder kommunaler Friedensarbeit |
|
Der Begriff »kommunale Friedensarbeit« ist eine begriffliche Klammer für eine Reihe von Themen und Handlungsstrategien, die ansonsten nur lose oder kaum miteinander verbunden erscheinen. Viele praktizieren sie, ohne für sich selbst diesen Begriff in Anspruch zu nehmen.
|
Kommunale Friedensarbeit - Eine Perspektive für die Friedensbewegung? |
|
Für eine langfristig angelegte Friedensarbeit ist die Verankerung im lokalen Raum, d. h. an den Stätten des Lebens und Arbeitens eine wichtige Voraussetzung. Kommunale Friedensarbeit bietet hierfür aus mehreren Gründen einen ausgezeichneten Ansatzpunkt:
Um solche, für die Friedensbewegung stabilisierende Wirkungen entfalten zu können, müssen u. E. jedoch eine Reihe von Punkten berücksichtigt werden. Hierzu gehören,
Wenn sich Friedensgruppen auf diesen langen Weg einlassen, kann kommunale Friedensarbeit zu einem wichtigen lokalen »Standbein« für Friedensarbeit überhaupt werden. |
Anmerkungen |
|
1) Vgl. zur Relevanz der Kommune als politischem Handlungsfeld: H.-E. Bahr (Hg.): Politisierung des Alltags. Gesellschaftliche Bedingungen des Friedens. Darmstadt /Neuwied 1972. Kommunale Friedensarbeit - Eine Begriffsbestimmung Unter analytischen Gesichtspunkten erscheint uns eine weitergehende Differenzierung von »kommunaler Friedensarbeit« in drei Teilaspekte sinnvoll, in:
Diese Teilaspekte lassen sich jedoch nur analytisch trennen. In der Praxis sind die Übergänge fließend. |
|
Günther Gugel / Uli Jäger: Kommunale Friedensarbeit (1988). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993. |