Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Friedenserziehung / Arbeitsansätze,... / Anregungen und... / Kriege in der Zweidrittel-Welt als Thema im Unterricht? Anmerkungen und Vorschläge

Kriege in der Zweidrittel-Welt als Thema im Unterricht? Anmerkungen und Vorschläge (1992)

Uli Jäger

Seit nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes auch wieder in Europa in vielen Ländern und Regionen gekämpft wird und - wie im Falle des ehemaligen Jugoslawien - unvorstellbar grausame Kriege ausgetragen werden, drohen die Kriege in der Zweidrittel-Welt entgültig zu vergessenen Kriegen zu werden. Wer möchte sich angesichts der täglichen Kriegsberichte aus den Ländern in der Nachbarschaft auch noch mit dem Kriegsleid in der Zwiedrittel-Welt beschäftigen? Zahlreiche Kriege in der Zweidrittel-Welt lassen sich aufgrund ihrer Länge und der verheerenden Folgen durchaus mit dem Dreißigjährigen Krieg in Deutschland vergleichen. Über 30 Millionen Menschen sollen den vergessenen Kriegen zum Opfer gefallen sein. Bei den im Juli 1992 registrierten Kriegen wurde in 23 der beteiligten Länder bereits seit über zehn Jahren gekämpft! Die Folgen dieser Kriege sind verheerend:
Tod und Verkrüppelung: Die meisten Kriegsopfer sind ZivilistInnen. Die Zahl derjenigen, die langfristige körperliche und psychische Schäden davon tragen, ist enorm hoch.
Kinderelend: Kinder im Krieg töten und werden getötet - durch Schüsse, durch Folter, Mord und Nahrungsentzug. Allein 1990 wurden nach Angaben der UNO über zweihunderttausend Kinder unter fünfzehn Jahren als Soldaten eingesetzt.
Hunger: Der Hunger in der Zweidrittel-Welt ist oft eine Folge von Kriegen. Landwirtschaftliche genutzte Flächen werden zerstört, die Verteilung von Nahrungsmitteln gestört. Hunger wird als Waffe eingesetzt.
Flucht und Vertreibung: Über fünfzehn Millionen Menschen sind in der Zweidrittel-Welt auf der Flucht. In den Jahren 1988 und 1989 kamen neunzig Prozent der Flüchtlinge aus Ländern, in denen Krieg geführt wurde.
Fehlentwicklung: In den Ländern der Zweidrittel-Welt wird mehr für Rüstungszwecke ausgegeben als für Erziehung und Gesundheit zusammen.
Öko-Katastrophen: Kriege werden als »Umweltkriege« geführt. Bewußt wird die ökologische Zerstörung als Waffe eingesetzt. Wälder werden entlaubt, Wasser vergiftet, Ölteppiche freigesetzt und Öltürme angezündet, Anbauflächen durch Bombardements zerstört, Tierarten ausgerottet.
Wiederaufbau? Nachkriegszeiten sind voller Probleme und Risiken. Die Infrastruktur ist zerstört, das Sozialgefüge auseinandergebrochen. Die materiellen und immateriellen Schäden müssen - soweit sie überhaupt reparabel sind - behoben werden. Doch dazu fehlen oftmals die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen. Wie gehen die Sieger mit den Besiegten um? Versucht die unterlegene Seite mit anderen Mitteln (Terrorismus) weiter zu kämpfen? Neue Konflikte sind vorprogrammiert.

Was haben diese Kriege mit den Menschen in Deutschland zu tun? Die Bundesrepublik Deutschland trägt - wie alle anderen Industriestaaten auch - für diese Bilanz an hohes Maß an Verantwortung und die Folgen der Kriege in der Zweidrittel-Welt sind nicht mehr nur auf die dortigen Regionen beschränkt, sondern erreichen auch die Wohlstandsinseln. Flüchtende Menschen suchen Zuflucht, Umweltzerstörungen nehmen globale Ausmaße an, Ressourcen werden vergeudet.
Angesichts der schrecklichen Kriegsbilanzen und der genannten Verwicklungen ist es dringlich, mehr als jemals zuvor über dieses Thema zu reden - auch im Unterricht. Welche Aspekte müssen bei der Behandlung des Themas berücksichtigt werden, wie kann möglicherweise das Interesse von Schülerinnen und Schülern für die komplexen Zusammenhänge der Kriege in der Zweidrittel-Welt und die Schicksale der betroffenen Menschen geweckt werden? (1)

 
1. »Kriegsschauplatz Zweidrittel-Welt«: Die Komplexität des Themas
   
 

Wieviele Kriege es seit dem Ende des letzten Weltkriegs in der Zweidrittel-Welt gegeben hat, kann niemand genau sagen. Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung in Hamburg (AKUF) erfaßte bis 1990 ca. 160 kriegerische Auseinandersetzungen. Innerhalb eines Jahres, vom Juli 1991 bis zum Juni 1992 zählten die WissenschaftlerInnen weltweit 44 Kriege, davon 41 in der Zweidrittel-Welt! Die hauptsächlichen Kriegsherde sind in Afrika, im Nahen Osten und in Süd- bzw. Südost-asien zu finden.
Kriege, bei denen um die Befreiung von der Kolonialherrschaft gekämpft wurde (Dekolonisationskriege), gehören überwiegend der Vergangenheit an. Kriege zwischen zwei oder mehreren Staaten (wie z.B. zwischen dem Iran und dem Irak) sind in der Zweidrittel-Welt auch heute noch die Ausnahme. Im Vordergrund stehen innerstaatliche Kriege. Dabei geht es um den Kampf um die Regierungsgewalt bzw. die Veränderung des Gesellschaftssystems (Anti-Regime-Kriege) oder die Durchsetzung spezifischer Interessen einzelner Gruppen, um Autonomiegewinne oder territoriale Absonderungen (Sezessions- oder Separationskriege). Nach Ansicht der AKUF werden ethnisch-kulturell ausgerichtete, innerstaatliche Kriege auch in Zukunft weiter zunehmen. (2)
Bei einem Viertel der Kriege waren Industriestaaten als direkte Konfliktparteien beteiligt; noch häufiger intervenierten benachbarte Dritte-Welt-Länder. Untersuchungen zeigen allerdings, daß Interventionen von dritten Mächten tendenziell abnehmen. Wird dieser fragwürdige »Emanzipationsprozeß« durch das Ende des Ost-West-Konfliktes gefördert oder gestoppt? Die anhaltenden Diskussionen über die Aufstellung und Entsendung von umfangreichen Eimgreiftruppen zeigt, daß die Bereitschaft der Industriestaaten steigt, im Rahmen multilateraler Einsätze militärisch zu intervenieren - nicht nur zur Friedenserhaltung in der Tradition der UNO-Blauhelme, sondern auch zur sog. »Friedensschaffung«, also zu Kampfeinsätzen.

Kriegsursachen und die Rolle des Nordens

Innerhalb der Wissenschaft setzt sich zunehmend die Meinung durch, daß in der Zweidrittel-Welt prinzipiell keine anderen oder neuen Kriegsursachen zu finden sind als diejenigen, die aus der europäischen Entwicklungsgeschichte und Gegenwart bekannt sind. Trotzdem unterliegen die Kriege in der Zweidrittel-Welt ganz besonderen Einflüssen:
Geschichte : Nachdrücklich weist der Historiker Immanuel Geiss auf die Bedeutung der Geschichte hin: »Der Versuch zur Erklärung zeitgeschichtlicher (...) Konflikte führt stets in die Vergangenheit, weit über den modernen Imperialismus hinaus, oft um Jahrhunderte, im Extremfall gar um Jahrtausende zurück«. (3)
Die Geschichte spielt für das Verstehen und Erklären der heutigen Kriege in der Zweidrittel-Welt eine bedeutende Rolle.Das vorkoloniale und koloniale Erbe muß bei der Analyse berücksichtigt werden, besonders die Folgen der zwangsweisen Übertragung des europäischen Staatsgedankens auf die ursprünglich völlig anders strukturierten Formen des Zusammenlebens in der Zweidrittel-Welt.
Internationalisierung: Das Kriegsgeschehen in der Dritten Welt ist in einem sehr beachtlichen Ausmaß von Ereignissen und Entwicklungen in der internationalen Politik abhängig. Weltwirtschaftliche Zusammenhänge oder politisch-strategische Überlegungen (z.B. im Rahmen des Ost-West-Konfliktes oder einer Neuen Weltordnung) hinterlassen ihre Spuren.
Komplexe Ursachen: Alle Kriege in der Zweidrittel-Welt weisen komplexe Ursachen auf, so daß allgemeine Aussagen über die Kriegsursachen und einfache Erklärungen kaum möglich sind. Oftmals handelt es sich um Ursachenbündel, wobei einzelne Ursachenstränge häufiger auftreten können als in anderen Regionen der Welt.
Die Verantwortung der Industrienationen für Kriege und Konflikte in der Zweidrittel-Welt ist vielschichtig. Dabei geht es nicht um eine eingleisige Schuld- oder Ursachenzuweisung, sondern um die Tatsache, daß die Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen und die Entwicklung politischer, ökonomischer und sozialer Strukturen in der Zweidrittel-Welt in einem hohen Maße vom »Norden« abhängig ist.
Um diese Abhängigkeitsstrukturen zu erkunden, ist eine differenzierte Analyse notwendig, für welche folgende Faktoren berücksichtigt werden sollten:
Die koloniale Vergangenheit: Welche Bedeutung hatte die Kolonialisierung auf die Entwicklung der einzelnen Staaten und ihrer BürgerInnen? Wurden willkürliche Grenzen gezogen, die heute zu Grenzkonflikten führen? Wurden Traditionen zerstört, deren Fehlen heute zu sozialen Spannungen führt? Welche Konsequenzen hat die Einfühurung von Monokulturen?
Die Struktur der inter-nationalen Beziehungen: Während des Ost-West-Konfliktes wurden zahlreiche Staaten in der Zweidrittel-Welt von den Großmächten und ihren Verbündeten aufgrund ihrer geostrategischen Bedeutung unterstützt oder sanktioniert. Wurde das Land, bzw. dessen politische Führungselite, als Stellvertreter hochgerüstet? Blieben die Menschen aufgrund der politischen Ausrichtung ihrer Regierung ohne Unterstützung? Welche Diktaturen wurden ungeachtet von Menschenrechtsverletzungen unterstützt? Wie verhalten sich die Länder des Nordens heute, nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes?
Die Wirtschaftsbeziehungen: Die Verschuldung vieler Staaten in der Zweidrittel-Welt, vor allem in Afrika, nimmt rapide zu. Mit welchen Auflagen, zu welchen Konditionen unterhalten die Länders des Nordens Wirtschaftsbeziehungen? Welche Folgen haben Produktion und Export, Schutzzölle, Handelsbeschränkungen und Preisdiktate für die Menschen?
Die Ressourcen-Problematik: Die Rohstoffe des Südens sind für den Norden nach wie vor bedeutsam. Zunehmend wird »im Gegenzug« der (Gift-)Müll des Nor-dens in den Süden exportiert. Welche Konflikte entstehen dadurch in der Zweidrittel-Welt und zwischen den Kontinenten?
Die Rüstungsbeziehungen: Rüstungsexporte aus den Ländern des Nordens werden weniger mit politischem Hintergrund, denn aufgrund eines ökonomischen Gewinninteresses getätigt. Wer sind die Empfänger dieser Waffen, warum werden sie importiert, wie und mit welchem Ziel werden sie eingesetzt?
Der Norden als »Vorbild«?: Seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes wird verstärkt der Vorbildcharakter der westlichen Demokratien des Nordens für die weitere Entwicklung der Staaten in der Zweidrittel-Welt betont. Im Mittelpunkt stehen das Demokratie- und das Wohlstandsmodell. Mit welchen Konsequenzen ist die Übernahme dieser Modelle verbunden?

Warum und wie enden Kriege?

Alle Kriege gehen irgendwann einmal zu Ende, leider - in der Vergangenheit wie in der Gegenwart - meistens durch den militärischen Sieg der einen und die Niederlage der anderen Seite. Doch gibt es auch Kriegsfälle, wo das Ergebnis der Kämpfe nicht so eindeutig ist, und die Kriege durch Verhandlungen, Waffenstillstände, Kompromisse und Friedensschlüsse beigelegt und beendet werden.
Folgende Faktoren scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen:

  • lange Kriegsdauer;
  • Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung;
  • materielle Erschöpfung der Kriegsparteien;
  • wirtschaftliche Zerrüttung und Schwächung;
  • militärische und machtpolitische Unentscheidbarkeit des Krieges: keine Seite kann gewinnen;
  • veränderte Interessen- und Nutzenkalküle von Kriegsparteien;
  • wachsender Druck von außen (Sanktionen, internationale Isolierung; Interventionen oder Einmischungen);
  • Vermittlung durch »Dritte Parteien« (z.B. UNO, einzelne Staaten oder Staatsmänner, Regionalorganisationen);
  • wachsende Kompromißbereitschaft der Kriegsparteien.

Für die Beendigung, Regelung und Lösung von kriegerischen Konflikten gibt es keine friedenspolitischen »Patentrezepte«, da jeder Konflikt seine Besonderheiten und jede Weltregion ihre Eigenarten hat.
Zu Recht warnt die Dritte-Welt-Expertin Claudia Schmidt vor überzogenne Ansprüche und vor unüberlegten Einmischungen von außen: »Bereits das Maß an militärischer Gewaltanwendung zu reduzieren ist ein erster Erfolg und schwer erreichbares Etappenziel auf dem Wege zur Konfliktlösung. Und selbst dort, wo Befriedungsarrangements erzielt wurden, bedarf es großer Anstrengungen, sie dauerhaft zu festigen. Der Ernstfall Frieden muß nicht nur gestiftet, sondern auch permanent gepflegt werden. (...)
Bei Bürgerkriegen und Nationalitätenkonflikten (...) stehen (...) Fragen der Machtbeteiligung oppositioneller Kräfte und die Durchführung von Reformen im Vordergrund. Hierfür hat sich in den letzten Jahren das Konzept der nationalen Versöhnung als teilweise recht effektiv durchgesetzt. Grundlegend ist die Einsicht, daß es in der Konfrontation keine militärischen Sieger geben wird und daß deshalb der Dialog not tut. Das Prinzip des runden Tisches kommt zum Tragen: alle Opponenten nehmen teil, agieren gleichberechtigt und suchen den politischen Kompromiß. (...) Unstrittig ist dies ein steiniger Weg und voll von neuen Problemen.
Eine Selbstbeschränkung bzw. eine ausschließlich friedensfördernde Einmischung externer Konfliktparteien ist gefordert. (...) Denn nach wie vor gilt der friedenspolitische Leitsatz, daß Lösungen primär auf eigenständigen Ansätzen der Konfliktregulierung vor Ort aufbauen und von den direkt Beteiligten selbst getragen werden müssen. Außerregionale Mächte oder internationale Organisationen können keine Lösungen herbeiführen, jedoch friedensfördernd einwirken, in dem sie lokal gefundene Ansätze unterstützen. (...)
Lösungen für Regionalkonflikte (...) müssen die tiefer liegenden Konfliktursachen ausschalten und dauerhaft Frieden sichern. Diese umfassende Aufgabe im Sinne der Herstellung eines positiven Friedens bedeutet, nicht nur den gewaltträchtigen Konfliktaustrag aufzuheben, sondern auch soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und politische Mitbestimmung zu verwirklichen.« (4)

 
2. Hinweise für die Behandlung im Unterricht
   
 

Verdrängung, Ohnmacht, zunehmend auch Zynismus - Dies sind Verhaltensweisen, mit denen viele Menschen in den Industriestaaten auf Meldungen über die Kriege in der Zweidrittel-Welt und ihre Folgen reagieren. Angesichts der Kompexität des Themas und dem bedrückenden Informationsgehalt ist es dringend erforderlich, bei der Behandlung des Themas die folgenden Prämissen politischer Bildungsarbeit besonders zu beachten:

  • Die Reduzierung der Komplexität: Welche Aspekte der Problematik lassen sich anhand von ausgewählten Themenstellungen behandeln und möglicherweise mit Länderfallstudien konkretisieren?
  • Die Einbeziehung der eigenen Erfahrungs- und Lebenswelt: Welche Bezüge zum bundesdeutschen Alltag lassen sich aufgreifen?
  • Die Berücksichtung der betroffenen Menschen: Lassen sich die Kriegsfolgenprobleme anhand von Schicksalen der Opfer nachvollziehbar darstellen?
  • Die Suche nach Handlungsmöglichkeiten: Was können Regierungen, was Einzelne oder Gruppen tun, um Menschen zu helfen, zur Friedensförderung in der Zweidrittel-Welt beizutragen und die Beziehungen zwischen Industriestaaten und Zweidrittel-Welt gewaltärmer zu gestalten?
Beispiel: Menschen fliehen vor dem Krieg

Woher kommen die Menschen, die in Deutschland Asyl suchen? Warum kommen sie? Was kann getan werdem, daß sie ihrer Heimat nicht verlassen müssen? Wie kann Menschen, die vor dem Krieg nach Deutschland geflohen sind, hier geholfen werden?
Kriege gehörten und gehören zu den wichtigsten »Produzenten« von Flüchtlingsströmen in der Zweidrittel-Welt. Wenn auch andere Faktoren wie z.B. politische Unterdrückung, Verfolgung, Hunger und Armut zu Fluchtbewegungen beitragen, so führt in der Regel erst Krieg zu Massenfluchtphänomenen. Die regionalen Schwerpunkte der Flüchtlingsströme in der Dritten Welt liegen deutlich in den kriegsgeschüttelten Krisenregionen: In Südostasien (Vietnam, Kambodscha), in Mittelost (Afghanistan), in Afrika, dem »Kontinent der Flüchtlinge« (Somalia, Westsahara, Tschad, Sudan, Äthiopien/Eritrea, Uganda, Angola und Mosambik), und in Mittelamerika (El Salvador, Nicaragua).
Die Gesamtzahl der Flüchtlinge, die von einem Land in ein anderes fliehen, wird gegenwärtig auf ca. 15 Millionen geschätzt. In den Jahren 1988 und 1989 kamen neunzig Prozent der Flüchtlinge aus Ländern, in denen Krieg geführt wurde!
Gemäß der Definition der UNO-Konvention von 1951 werden oftmals nur diejenigen Menschen als Flüchtlinge bezeichnet, die sich außerhalb ihres Landes befinden. Doch eine große Zahl von Menschen befindet sich im eigenen Land auf der Flucht, vertrieben, durch die kriegerischen Handlungen entwurzelt. Nach Schätzungen von Flüchtlingsorganisationen gibt es heute ungefähr 20 Millionen Menschen, die weltweit im eigenen Land vertrieben worden sind, davon allein 10 Millionen in Afrika.
Der Friedensforscher Johan Galtung weist zugespitzt darauf hin, welche Bedeutung das Thema hat:»Humane Einwanderungspolitik samt Vorkehrungen auch für einen massiven Zuzug von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Flüchtlingen sowie gleichzeitig - um den Zuzug doch wieder in relativen Grenzen zu halten - massive Anstrengungen (...) zur Entwicklung (...): So lautet die eine Perspektive. Massenhafter Tod durch Abwehr von Einwanderern mittels Waffengewalt, Hunger, Seuchen und jeglicher Art von Schikanen: das ist die andere Perspektive. Wir haben die Wahl. Zu glauben, daß das momentane krasse Elend und die Ungerechtigkeit auf der Welt so weiterbestehen können wie bisher, ist nicht nur unmoralisch, sondern auch im höchsten Maße dumm.« (5) Es mehren sich die Zeichen, als wollten die »Wohlstandsinseln« Europas eher auf Abschottung denn auf Solidarität setzen. Schon heute werden Flüchtlinge zunehmend abgewiesen, verringert sich die Unterstützung der Staaten in der Zweidrittel-Welt, üben Soldaten in Manövern die Zurückdrängung von Flüchtlingen.

Beispiel: Rüstungsgüter aus Deutschland im Kriegseinsatz

Woher kommen die Waffen, mit denen in den Kriegen in der Zweidrittel-Welt geschossen und getötet wird? Wie und mit welchen Folgen werden sie eingesetzt? Welche Waffensysteme aus Deutschland sind mit »im Spiel«? Welche Firmen stellen sie her, warum können sie exportiert werden? Was kann gegen Rüstungsexporte getan werden?
Aufgrund der ökonomischen »Rückständigkeit« vieler Länder in der Zweidrittel-Welt wird häufig davon ausgegangen, daß auch die Kriege »archaisch« und mit alten Waffen geführt werden. Doch diese Vorstellungen treffen nur sehr begrenzt zu, denn in der Zweidrittel- Welt wird mit immer moderneren Waffen gekämpft. Die verwendeten Rüstungsgüter, Kleinwaffen ebenso wie große Waffensysteme (Panzer, Flugzeuge, Raketen, Artillerie) werden noch immer gros-senteils importiert, wenngleich auch die Rüstungsproduktion in manchen Ländern des Südens zunehmend an Bedeutung gewinnt. Vor allem im Kontext des Ost-West-Konfliktes wurden riesige Mengen an modernen Waffen von den Mitgliedsstaaten der NATO und der ehemaligen Warschauer Vertragsorganisation in die Zweidrittel-Welt transferiert.
Von besonderer Brisanz ist die Tatsache, daß auch Massenvernichtungsmittel mit Hilfe von Industriestaaten hergestellt werden können und - wie im Falle von chemischen Kampfstoffen - auch tatsächlich eingesetzt werden. Der Giftgaseinsatz durch irakische Truppen im Krieg gegen den Iran sowie gegen die Kurden sind bekannte Beispiele. Das Vorhandensein von Rüstung ist eine notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingung und schon gar nicht die alleinige Ursache für die Kriege in der Zweidrittel-Welt. Trotzdem gibt es eine Reihe von Zusammenhängen:

  • Wachsende Rüstungsarsenale erhöhen die Bereitschaft zur Kriegsführung.
  • Rüstung führt zu Bedrohungsvorstellungen und Rüstungswettläufen.
  • Rüstungswettläufe erhöhen die Bereitschaft zu »Präventivkriegen«.
  • Rüstung stärkt diktatorische Regime und verlängert deren Herrschaft.
  • Rüstung führt zur sozialen Ressourcenknappheit.
  • Rüstung führt zu Abhängigkeit und Interventionsgefahren.
  • Moderne Waffen machen Kriege verlustreicher.
  • Kriege in der Zweidrittel-Welt werden als »Testgelände« für neue Waffensysteme benutzt.

Nur dreißig Prozent von Rüstungsexporten aus den Industrieländern in die Staaten der Zweidrittel-Welt gingen an Länder, die nicht an Kriegen beteiligt waren. Nahezu dreißig Prozent der Länder befanden sich in einem aktuellen Kriegszustand, ca. vierzig Prozent führten kurz nach der Lieferung einen Krieg bzw. hatten gerade einen Krieg beendet.
Obwohl der Handel mit Rüstung weltweit zurückgeht, werden auch nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes die Staaten in der Zweidrittel-Welt durch Rüstungsexporte der Industrieländer mit den modernsten Systemen beliefert.
Seit Jahren versuchen verschiedene Kampagnen das Engagement gegen Rüstungsexporte in die Zweidrittel-Welt zu fördern und inhaltlich zu fundieren. Sie erteilen auch Auskünfte über konkrete Rüstungsbeziehungen der Bundesrepublik in einzelne Staaten der Zweidrittel-Welt. (6)
Eine neue Kampagne thematisiert die besondere Grausamkeit von Landminen, an deren Produktion und Export auch bundesdeutsche Firmen beteilugt sind.
Diese Waffensysteme heißen harmlos »Schmetterling« oder »Frosch«, aber ihre Wirkung ist verheerend: »Anti-Personen-Landminen«, die von Flugzeugen abgeworfen oder von weitreichender Artillerie verschossen werden können, zielen vor allem darauf ab, unter der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Ihr häufiger Einsatz in den »Dritte-Welt-Kriegen« ist typisch für die totale Kriegsführung der beteiligten Kriegsparteien. Ganze Landstriche und Regionen werden vermint und einer sinnvollen Nutzung entzogen. Viele hunderttausend Menschen sind den heimtückisch im Boden versteckten Minen zum Opfer gefallen. Sind »konventionelle Waffen« wie Landminen die eigentlichen (heutigen) »Massenvernichtungswaffen«, so M. Brzoska (AKUF)?
Landminen stellen auch nach Kriegsende noch eine große Gefahr dar. Sie werden zur tödlichen Falle für heimkehrende Flüchtlinge oder für Bauern, die das verminte Land neu bestellen müssen, um zu überleben.

  • Afghanistan: Nach Angaben einer UN-Studie wurden während des dreizehnjährigen Krieges in Afghanistan über 10 Millionen Landminen gelegt; 200.000 Menschen sollen durch Minen getötet, 400.000 verstümmelt worden sein.
  • Kambodscha: Das ostasiatische Land ist das Land mit den meisten Kriegskrüppeln prozentual zur Gesamtbevölkerung: Rund 40.000 Menschen wurden verletzt, viele davon durch Minen.
  • Somalia: Allein in der Umgebung der Stadt Hargeisa sollen über 100.000 Landminen verborgen liegen. Sie stellen eine tägliche Gefahr für die Menschen in Somalia dar.

Mehrere Organisationen, u.a. das Notärzte-Komitee Cap Anamur, haben die Bundesregierung mehrfach aufgefordert, sich für ein weltweites Produktionsverbot für Minen einzusetzen. Dies wurde seitens der Bundesregierung u.a. mit der Begründung abgelehnt, daß zwischen der Herstellung von Minen für »legitime militärische Zwecke der Verteidigung und solchen Minen, die gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden«, nur schwer zu unterscheiden sei.
Die Troisdorfer Rüstungsfirma Dynamit-Nobel, die Minen auch für den Export herstellt, hat einen freiwilligen Verzicht auf die Minen-Produktion mit ähnlichen Argumenten abgelehnt.
Durch internationale Konventionen ist der Einsatz besonders grausamer Waffen zwar geächtet, jedoch haben viele Regierungen die Verträge nicht unterzeichnet. Zudem können viele militärische Gruppen, die Minen einsetzen, völkerrechtlich nicht belangt werden.

Checkliste »Gegen die Ohnmacht«

Ohnmacht, Hilflosigkeit und nicht selten Zynismus machen sich angesichts der Kriege in der Zweidrittel-Welt auch bei interessierten und engagierten Menschen in Deutschland breit. Gibt es überhaupt - so weit weg von den Ereignissen und ohne direkten Einfluß auf die verantwortlichen Regierungen - angemessene Handlungsmöglichkeiten für einzelne Menschen, für Gruppen und Organisationen? An Angeboten mangelt es nicht, wenn man die Unterstützung für die betroffenen Menschen oder das Problematisieren der europäischen Verantwortung als Ansatzpunkte wählt.
Um der Gefahr zu entgehen, der Resignation oder einem unüberlegten Aktionismus zu verfallen, sollten Handlungsmöglichkeiten unter mehreren Aspekten sorgfältig reflektiert werden:

  • Inwieweit fühle ich mich als Person bereit und in der Lage, Zeit, Geld und persönliche Kraft zu investieren?
  • Lassen sich meine persönlichen Interessen mit dem vorhersehbaren Gewinn einer Aktion für die betroffenen Menschen in Einklang bringen?
  • Bei welchen Handlungsmöglichkeiten fühle ich mich überfordert? Bieten mir hierzu Gruppen den notwendgien Rückhalt?
  • Wer sind die Adressaten für das Engagement: Die eigene Regierung, die betroffenen Menschen, mein Freundes- und Bekanntenkreis?
  • Die »Checkliste« kann zunächst individuell ausgefüllt und dann im Rahmen einer Partner- oder Gruppenarbeit mit den Prioritäten anderer Menschen verglichen werden.
 
Anmerkungen
   
 

1) Die Ausführungen in diesem Beitrag stützen sich vor allem auf die Publikation: Uli Jäger / Volker Matthies: Krieg in der Zweidrittel-Welt. Opfer, Folgen und die europäische Verantwortung. Tübingen 1992. In diesem, didaktisch aufbereiteten Heft finden sich auch weiterführende Arbeitshinweise und Literaturverweise.

2) Vgl. z.B. Jens Siegelberg (Red.): Die Kriege 1985 bis 1990. Analyse ihrer Ursachen. Münster 1991.

3) Immanuel Geiss, zit. nach: Rüdiger Dingemann: Bewaffnete Konflikte seit 1945. Düsseldorf 1983, S. 8.

4) Claudia Schmid: Konflikteinhegung und Friedenschancen regionaler Dritte-Weltkonflikte. In: Sozialwissenschaftliche Informationen, Heft 1 / 1991, S. 6 und 10.

5) Johan Galtung: Grenzen öffnen, Armut bekämpfen oder massenhafter Tod? Die Perspektiven weltweier Migration. In: Jahrbuch Frieden 1993. München 1992, S. 106.

6) Kampagne »Produzieren für das Leben - Rüstungsexporte stoppen«, Bahnhofstr. 18, 6270 Idstein, Tel.: 06126 / 55683; Kampagne »Stoppt den Rüstungsexport«, Buchztstr. 14, 2800 Bremen, Tel.: 0421 / 326045; Internationale Kampagne gegen Landminen, Angelika Beer, Luisenstr. 10, 2350 Neumünster, Tel. 04321 / 16265; Rüstungsinformationsbüro Baden-Württemberg, Postfach 5261, 7800 Freiburg, Tel.: 07665 / 51943.

 
 

Uli Jäger: Kriege in der Zweidrittell-Welt als Thema im Unterricht? Anmerkungen und Vorschläge (1992). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School