Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Gewalt in der Spielzeugwelt - Bericht von einem Fortbildungsseminar mit ErzieherInnen (1988)

Jeannette von Wolff, Gertrud Kirschmer, Maritta Engel, Annette Seeboth
   
 

Nachdem immer häufiger Anfragen zum Bereich Friedenserziehung im Vorschulalter im Verein eintrafen, wurde die Idee geboren, einen Arbeitskreis mit ErzieherInnen zu diesem Thema anzubieten.
Ziel des Arbeitskreises war es, zusammen mit den ErzieherInnen und unter Einbeziehung ihrer Erfahrungen, ein Papier zu erarbeiten, in dem die wichtigsten Problembereiche der Friedenserziehung im Vorschulalter enthalten sind.
So organisierten wir Anfang 1988 diesen Arbeitskreis.
Da uns das gesamte Spektrum friedenspädagogischer Themen im Vorschulalter zu umfangreich erschien, einigten wir uns auf den Bereich »Gewalt in der Spielzeugwelt.«
Die Organisation führten wir gemeinsam mit den Kindergartenbeauftragten der Stadt Tübingen durch. Somit gehörte der Arbeitskreis zu einem Fortbildungsangebot der Stadt für ErzieherInnen, die im Jahr 3 solcher Angebote besuchen müssen. Die Veranstaltung sollte 3 Abende umfassen.
Fast 30 Leute versammelten sich dann Anfang Februar in den Vereinsräumen. Am ersten Abend versuchten wir zunächst die Erwartungen an den Arbeitskreis abzuklären. Nach einer persönlichen Vorstellungsrunde stellten wir in den 4 Arbeitsgruppen, in die wir uns aufteilten, recht schnell fest, daß das Thema Fantasy-Spielzeug, auf das wir uns zunächst spezialisiert hatten, für die städtischen Kindergärten in Tübingen noch kein Problem darstellt. Das Thema Gewalt im kindlichen Spiel und der Umgang mit dieser brannte vielmehr unter den Nägeln als Fragen des Fantasy- und Gewaltspielzeugs.
So drehte sich der Erfahrungsaustausch um folgende Aspekte:

Was ist »Gewaltspielzeug«, was »Gewaltspiel«?

Hierbei ließ sich keine allgemeingültige Defnition fnden, da nach Meinung der ErzieherInnen nahezu jedes Spielzeug mit Gewalt besetzt werden kann. Somit läßt sich das Problem »Gewaltspiel« auch nicht durch das Verbot einer bestimmten Spielzeugkategorie lösen. Eine andere interessante Beobachtung war, daß Kinder auch friedlich und kreativ mit Kriegs- und Gewaltspielzeug spielen können. Nach Meinung der ErzieherInnen sollte bei Gewalthandlungen im Spiel der Kinder nur dann eingegriffen werden, wenn Kindern psychischer oder physischer Schaden zugefügt wird, oder wenn zerstörerische Gewalt gegen Gegenstände beobachtet wird, .

Welche Möglichkeiten gibt es, mit Gewalt im Spiel umzugehen?

Hier wurde v. a. die Möglichkeit des Mitspielens gesehen, jedoch mit unterschiedlichen Absichten: Die einen versuchen auf das Spiel der Kinder einzuwirken, Gewalt in Grenzen zu halten und die Kinder auf ein anderes Spielthema zu lenken. Die anderen versuchen, sich ganz auf das Spiel der Kinder einzulassen.

Betrachtungen der Aggressionen im Spiel unter geschlechtsspezifschem Aspekt

Die Erfahrungen waren hier unterschiedlich. Einige berichteten, daß die Mädchen genauso aggressiv und gewalttätig wie die Jungen spielen, mit ebenso viel Einsatz ihres Körpers. Doch überwiegend wurde beobachtet, daß Mädchen ihre Aggressionen weniger direkt und offen äußern. Sie neigen eher dazu psychische »Gewalt« auszuüben. Mädchen schauen aber häufg den Jungen fasziniert beim Kämpfen zu. Die ErzieherInnen bemerkten auch, daß sie dazu tendieren bei aggressiven Konfiktaustragungen bei Mädchen schneller eingriffen als bei Jungen. Aufgrund ihrer eigenen geschlechtsspezifschen Erziehung sahen sie es als besonders schwierig an, in ihrem Beruf ihr rollenspezifsches Verhalten zu durchbrechen.

Welchem Zeitgeist sind Kinder heute ausgesetzt, und wie haben sich die Umwelterfahrungen im Vergleich zu früher verändert?

Kinder wachsen heute in einer hochtechnisierten Welt auf, in der visuelle Eindrücke an erster Stelle stehen. Serienprinzip und Mehrfachvermarktung haben längst auch die Spielzeugwelt erobert.
Der Erfahrungsraum der Kinder ist stark eingeschränkt. Die Städteplanung ist nicht nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet, und wegen der drohenden Gefahren sind sie oft in ihre Zimmer verbannt. Das bedeutet, daß sie mehr unter Aufsicht stehen und keinen Raum mehr für ihre eigenen Entdeckungen haben. Es mangelt an realen Abenteuermöglichkeiten, und so werden die fehlenden Erlebnisse durch Fernseher oder Videogerät ersetzt.

Welche Bedürfnisse kann das sog. Fantasy-Spielzeug befriedigen?

Kinder verarbeiten im Spiel ihre Erfahrungen und Entdeckungen. So haben wir uns gefragt, ob hier vielleicht auch der Schlüssel zu einer Antwort liegt, warum sich die »He-Man-Spielwelt« einer so großen Attraktivität erfreut? Folgende Erfahrungsmöglichkeiten bieten unserer Meinung nach »He-Man« und seine Freunde bzw. Feinde an:
Kinder können symbolisch Macht über die Technik, der sie heutzutage ausgeliefert sind, gewinnen und sie ihren Spiel-Zwecken unterordnen.
Die Rollen von Mann und Frau sind in dieser Fantasy-Welt eindeutig festgelegt: Der Mann ist der starke Super-Held, die Frau ist ein schwächeres, untergeordnetes Wesen. Zumindest für Jungen bietet sich eine Identifkation an, zumal so die eigene Schwäche, oft gegenüber Erwachsenen erlebt, ein Stück weit kompensiert werden kann. »He-Man« bietet sich auch als Entdecker zur Identifkation an. So wie er seine Galaxien entdeckt, entdeckt das Kind Schritt für Schritt seine Umwelt. Auch das kindliche Bedürfnis nach einer eindeutigen Unterscheidung von »gut« und »böse« wird befriedigt. »He-Man« ist gut und Skeletor ist böse. Ebenso sind alle aggressiven Handlungen »He-Man«s ganz klar gut zu bewerten und durch die Identifkation mit ihm auch all die eigenen aggressiven Äußerungen.
Die andere Seite ist natürlich die, daß »He-Man« z. B. ausschließlich aggressive Konfiktlösungen propagiert und daß platte Rollenklischees vermittelt werden. Das Verbundsystem Comics, Kassetten, Spielzeug unterbindet die Phantasie der Kinder. Durch die genauen Vorgaben sind die Chancen, eigene Erfahrungen im Spiel zu thematisieren, sehr gering.

Ist Fantasy- und Kriegsspielzeug aggressionsfördernd oder dient es dem Abbau von Aggressionen?

Diese Frage konnte letztendlich nicht beantwortet werden, da beide Erfahrungswerte im Raum standen. Tatsache ist auf jeden Fall, daß Gewaltspielzeug kriegerisches Spielen nahelegt. Vielleicht sollte man beginnen, diese Festlegung einfach aufzuheben und z. B. einmal einen schwachen »He-Man« auftreten lassen, der, nachdem er sich ausgeweint hat, wieder gut und stark sein kann.

Welche Einstellungen haben wir selbst zu Aggressionen?

Hier konnte Einigung darüber erzielt werden, daß Aggressionen dem Menschen eigen sind. Sie sollten nicht grundsätzlich negativ bewertet werden. Aggressionen bedeuten zunächst einmal ein vorhandenes Potential an Energie, das sich auch in kreative Handlungen umsetzen kann. Wichtig war uns die Erkenntnis, daß ein sog. angemessener Umgang mit Aggressionen bei Kindern anders aussieht, als bei Erwachsenen. Kinder haben ein Recht darauf, den Umgang mit Konfikten selbst zu erlernen. Wenn möglich sollte den Kindern Raum zum Ausleben ihrer Aggressionen gegeben werden. Die sog. »Tobe-Räume«, die mit Kissen und Matratzen ausgestattet sind, bieten eine gute Möglichkeit dafür. Aber nicht jeder Kindergarten verfügt über solche räumlichen Möglichkeiten.
Nicht zu vergessen ist, daß auch Erziehende Aggressionen haben, und das dürfen sie auch. So wie wir lernen müssen, mit den Aggressionen der Kinder umzugehen, so müssen auch die Kinder lernen, mit den Aggressionen der Erwachsenen umzugehen. Jedoch muß unser Verhalten für die Kinder immer einschätzbar bleiben.
Am Ende des Arbeitskreises hatten wir keine glasklaren Ergebnisse auf dem Papier, aber dieser Erfahrungsaustausch hatte zumindest einen Einstieg in die Thematik vermittelt, an der wir weiterarbeiten wollen.

 
 

Jeannette von Wolff / Gertrud Kirschmer / Maritta Engel / Annette Seeboth: Gewalt in der Spielzeugwelt. Bericht von einem Fortbildungsseminar mit ErzieherInnen. (1988). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993.

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