Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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"Erziehung zum Frieden"? - Pädagogischer Tag an einer Gewerblichen Berufsschule (1992)

Heinz Lenz / Gerhard Voß
Die Vorgeschichte
   
 

Zu dem Thema Friedenserziehung kam es in einer Gesamtlehrerkonferenz, als unter dem Eindruck des Golfkrieges und herausgefordert durch das Engagement einiger Schüler in und außerhalb der Schülermitverwaltung das ursprünglich vorgesehene Thema "Drogen" verändert wurde. Als neues Thema wurde formuliert: "Können wir überhaupt - und wie können wir zum Frieden erziehen?" Bei dieser Fragestellung und durch die vorbereitenden Gespräche war uns von Anfang an klar, daß wir in und aus unserem schulischen Alltag heraus nach Antworten suchen müssen.

Bei diesem konzeptionellen Ansatz griffen wir vor allem auch auf eine Studie der Kommission Friedenserziehung im Saarland zurück.(1) Dort heißt es im Vorwort u.a.: "Gerade weil Zweifel daran erlaubt sein müssen, daß `Menschen zum Frieden erzogen werden` können, wenn sie nicht, geleitet von Prinzipien der Freiheit und Wahrheit, aus tiefster Überzeugung die Dringlichkeit dieser Thematik selbst erkennen, sollten wir versuche, Situationen und Rahmenbedingungen zu schaffen in Familien, Schule, Jugendgruppe, gesellschaftlichen Gruppen, internationalen Gruppierungen etc., die ein verantwortliches Handeln des einzelnen Menschen fördern."

 
Der Ablauf
   
 

Auf diesem Hintergrund haben wir unseren Pädagogischen Tag, der Anfang November 1991 stattfand, als einen ersten Schritt verstanden, der im Zusammenhang des Themas nach unseren Arbeits- und Lebensbedingungen fragt.
Der Ablauf gestaltete sich wie folgt: Gemeinsames zweites Frühstück, inhaltlicher Einstieg durch eine gemeinsame Meditation, Arbeitsgruppen, gemeinsames Mittagessen, Vortrag mit Diskussion, kurze Arbeitsgruppenphase, gemeinsame Auswertung. Wichtig war uns dabei auch, daß der ganze Tag durch die gemeinsamen Mahlzeiten und eine ansprechende Atmosphäre in den Räumen einen eigenen, besonderen Rahmen hatte. Zudem wurde eine Ausstellung von Schülerbeiträgen zum Thema "Frieden" gezeigt, und die Leiterin der Schulbibliothek hatte Literatur zum Thema zusammengestellt.
Der Vormittag dieses Tages wurde in themenbezogenen Arbeitsgruppen gestaltet. Zur Moderation hatten wir kompetente Personen von außerhalb unserer Schule gewonnen. Diese Arbeitsgruppen sollten vor allem die eigene Situation der LehrerInnen reflektieren. Als Arbeitsgruppen waren geplant:

1. Können wir zum Frieden erziehen?
2. Wo helfen und wo hindern uns die Strukturen an unserer Schule bei der Erziehung zum Frieden?
3. Wie gehen wir mit unseren ausländischen Schülern und ihren bzw. unseren Problemen um?
4. Jugendliche und Gewalt in Medien
5. Jugendliche und Gewalt: Gewalt an unserer Schule?
6. Wie gehen wir miteinander und mit unseren Konflikten um?

Die Gruppen waren durchschnittlich mit 16 TeilnehmerInnen besucht. Die Gruppen 3 und 6 kamen doppelt, die Gruppe 2 gar nicht zustande. (Im Rahmen dieses Berichts können wir auf die Ergebnisse dieser Gruppen nicht eingehen. InteressentInnen können sie jedoch gerne bei uns abfragen.)
Diese Arbeitsgruppen bildeten den Schwerpunkt des Pädagogischen Tages. Wie friedenspädagogische Überlegungen sich in konkrete Schulpraxis umsetzen können, hat am Nachmittag der Vortrag von Roman Tömmes, Schulleiter am Gymnasium Sulzbach, Saaland gezeigt.

 
Ergebnisse
   
 

Dieser Pädagogische Tag wurde von den TeilnehmerInnen überwiegend positiv empfunden. Dies war so, obwohl oder weil in fast allen Arbeitsgruppen übereinstimmend und überwiegend die Frustration der TeilnehmerInnen in Zusammenhang mit den Strukturen besonders im beruflichen Schulwesen im Vordergrund standen. Endlich einmal konnte mit etwas mehr Zeit und Ruhe als sonst über diese Frustrationen gesprochen werden. Und zudem kamen an dem Tag selbst und seitdem immer wieder entsprechende Forderungen und Lösungsansätze zur Sprache. Dabei ging und geht es vor allem um die durch den Lehrermangel bedingte Überlastung fast aller KollegInnen und die besondere Belastung durch bestimmte Fächerkombinationen (zumal, wenn drei Fächer in zwei Wochenstunden unterrichtet werden müssen); sowie um die Lehrpläne in Zusammenhang mit der Neuordnung der Elektro- und Metallberufe; um die besondere Situation der Technischen Lehrer; um Klassen mit sehr hohem Ausländeranteil; um die Kommunikationsstrukturen an unserer Schule u.a.m.

Inzwischen hat ein Nachgespräch mit der Schulleitung und ein Gespräch mit Vertretern des Oberschulamtes die Dringlichkeit dieser Anliegen unterstrichen.

Außerdem wollen wir uns um den oben erwähnten zweiten Schritt der Umsetzung von Friedenserziehung in unserem pädagogischen Alltag bemühen. Dabei sollen zunächst zwei Projekte verfolgt und realisiert werden:

Eine schulinterne Fortbildung und Begleitung von Lehrern in Klassen mit einem besonders hohen Ausländeranteil sowie das Angebot einer ständigen Gruppe mit Supervision für interessierte Kolleginnen und Kollegen.

Von der weiteren Behandlung dieser Forderungen und von der Umsetzung solcher Projekte wird es abhängen, ob unser Pädagogischer Tag - wie manche befürchten - eine "Eintagsfliege" bleiben und damit die Frustration eher noch vergrößern wird, oder ob es uns gelingt, die Voraussetzungen für diesen Ansatz einer Erziehung zum Frieden zu schaffen und sie Schritt für Schritt umzusezten.

 
Kritik
   
 

Man darf einen derartigen Pädagogischen Tag, an dem 120 LehrerInnen teilnehmen, eigentlich nicht so nebenbei vorbereiten, wie wir es getan haben. Damit wurde wieder ein Grundproblem sichtbar, an das uns gerade auch dieser Pädagogische Tag erinnerte: Solange wir durch Stunden- und Lehrpläne, durch den Lehrermangel gerade an beruflichen Schulen, durch die Strukturen unseres Schulsystems derart eingespannt sind, solange finden wir kaum die Zeit und die Kraft, die wir zur Aufarbeitung und Verbesserung dieser Situation bräuchten. Solange geht das eben nur so nebenbei, anstatt die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung eines solchen Tages auf möglichst viele Schultern zu verteilen und dabei auch die Funktionsträger an der Schule so weit wie möglich zu beteiligen. Was uns trotz intensiver Bemühungen auch nicht gelungen ist: Die Kolleginnen und Kollegen, die diesem Thema und unserer Konzeption skeptisch bzw. ablehnend gegenüberstanden, hätten eigentlich unbedingt an der Vorbereitung beteiligt werden müssen, damit ihre Positionen oder Befürchtungen von Anfang an mitbedacht worden wären. Umso wichtiger und hilfreicher war es für uns, daß der Verein für Friedenspädagogik bei der Entwicklung der Konzeption und bei der Durchführung dieses Pädagogischen Tages intensiv beteiligt war.

Ein zweiter pädagogischer Tag soll und muß unbedingt folgen und nach den Umsetzungsmöglichkeiten in unserem pädagogischen Alltag fragen. Dabei haben wir inzwischen überlegt, diesen zweiten Schritt in unserer relativ großen und von sehr verschiedenartigen Schulzweigen bestimmten Schule nach Fachabteilungen getrennt zu realisieren.

 
Anmerkung
   
 

1) Landesinstitut für Pädagogik und Medien (Hrsg.): Friedenserziehung in der Schule (I). Konzeption und Anregungen für den Unterricht. Dudweiler 1989. Bezug: LPM, Beethovenstr. 26, 6602 Dudweiler.

 
Aus dem Einladungsschreiben
   
 

"Aggressionen fallen nicht vom Himmel in uns ein, Kriege finden nicht nur igendwo z.B. am Golf statt, Gewalt ist nicht nur eine Angelegenheit von Präsidenten, Soldaten, Polizisten oder von Hooligans und Skinheads. Wenn wir uns mit der Erziehung zum Frieden beschäftigen wollen (oder müssen?), dann sollten auch wir selbst im Blickpunkt stehen, dann sollten wir auch nach unserer Rolle, nach unserem Verhältnis zu anderen Menschen und zu unserer Situation fragen. Nicht nur Kriege sollten uns bei diesem Thema beschäftigen, sondern auch die leisen Gewalten.

 
 

Heinz Lenz / Gerhard Voß: „Erziehung zum Frieden“? - Pädagogischer Tag an einer Gewerblichen Berufsschule (1992). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993.

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