Home / Themen / Friedenserziehung / Arbeitsansätze,... / Anregungen und... / Erfahrungen mit dem zivil-militärischen Dialog im Rahmen von Gemeinschaftsseminaren
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Die Auseinandersetzung mit dem Frankfurter Soldatenurteil hat gezeigt, daß Medien und die Öffentlichkeit keinen geeigneten Rahmen bieten können, um die ethische Kernproblematik der Frage »Sind Soldaten potentielle Mörder?« jenseits von Vorwürfen und Gegenangriffen konstruktiv zu diskutieren. Insbesondere die Diskussionen zwischen »betroffenen« Soldaten und interessierten Zivilisten verliefen eher konfrontativ denn dialogisch. Erfahrungen aus der praktischen Bildungsarbeit mit Wehrdienstleistenden und Zivildienstleistenden zeigen jedoch, daß ein zivil-militärischer Dialog auch über die »Mörder-Problematik« möglich ist. Es scheint ein relativ geschützter Rahmen nötig zu sein, in dem individuelle Einstellungen und politische Meinungen vorgetragen werden können - ohne den Zwang überzeugen bzw. sich darstellen zu müssen. Offenheit und Angstfreiheit müssen sich auf der Grundlage persönlicher Akzeptanz entwickeln können, damit die für die »Mörder-Diskussion« nötige Direktheit und Konfrontation nicht als Angriff erlebt wird. |
Angemessene Rahmenbedingungen: Zur Struktur der Gemeinschaftsseminare |
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Bei Gemeinschaftsseminaren lassen sich themenorientierte (»Sicherheitspolitik«, »Demokratie«, »Europa«) und erfahrungsorientierte Seminare unterscheiden.1 Bei den letztgenannten steht das »Selbstverständnis« der beiden Gruppen im Vordergrund; sie bieten sich für eine Auseinandersetzung mit der »Mörder-Problematik« besonders an. Diese Seminare beinhalten neben einer Kennenlern- und Einführungsphase an einem gemeinsamen Tagungsort den Besuch von Kasernen (z.T. mit Übernachtung) sowie von Zivildienstplätzen (z.B. Behinderteneinrichtungen). Die Seminarkonzeption ist darauf angelegt, Rahmenbedingungen für einen Dialog der beiden Teilnehmergruppen zu schaffen, bzw. diese zu einem solchen zu ermuntern, um möglicherweise vorhandene Vorurteile überprüfen zu können. Dabei wird die soziale Beziehungsebene genauso berücksichtigt wie die inhaltliche Auseinandersetzung, wobei die auf den jeweiligen Dienst bezogenen Problembereiche im Mittelpunkt stehen. Bei den Zivildienstleistenden handelt es sich dabei u.a. um deren Einbindung in die Gesamtverteidigung, die oft mangelnde Qualifikation für den Dienst, die z.T. starke Belastung im Dienst, die Problematik der angeblichen Arbeitsplatzneutralität des Zivildienstes sowie die Frage, inwieweit der Zivildienst einen Friedensdienst darstellt. Hinsichtlich des Wehrdienstes stehen dessen Legitimation und Akzeptanz, die Motivation der Wehrpflichtigen, der tägliche »Dienstfrust« sowie die Frage nach der Legitimation und Verantwortbarkeit der Ausbildung an Waffen und evtl. des Einsatzes von Waffen im Mittelpunkt. Diese Themen wurden nicht abstrakt angegangen, sondern auf dem Hintergrund der jeweiligen Alltagserfahrungen entwickelt. Erfahrungsgemäß gehen die Teilnehmer hochmotiviert und mit großer Neugier und Erwartungen in die Seminare - für beide Gruppen im Rahmen des staatsbürgerlichen Unterrichts ansonsten keine Selbstverständlichkeit. Bereits in der Kennenlernphase werden häufig die noch weiterhin geläufigen Vorurteile gegenüber den »anderen« artikuliert: »Softies« und »Müslis« die einen, »harte Jungs« und »Rambos« die anderen. Überraschend ist die defensive und fast hochachtungsvolle Haltung der Wehrdienstleistenden gegenüber den ZDL: Die Soldaten fühlen sich mit ihrer Entscheidung für den Wehrdienst gesellschaftlich in der Minderheit; sie müßten sich, so die Wehrdienstleistenden, im Gegensatz zu Zivildienstleistenden immer für ihre Entscheidung rechtfertigen. Die ZDL, so die Meinung vieler Soldaten weiter, würden ihre Entscheidung weit mehr (politisch und individuell) reflektieren als Wehrdienstleistende und könnten einen sinnvolleren, gesellschaftlich wichtigeren Dienst leisten als sie. Im weiteren Verlauf der Seminare erkennen die Teilnehmern jedoch rasch, daß sie viel Gemeinsames verbindet. Diese Erfahrung wird als echter »Überraschungseffekt« erlebt, obwohl individuell Freizeitkontakte zwischen Wehrdienstleistenden und ZDL längst vorhanden sind. Vergleichbare Alltagsprobleme und -einstellungen ergeben sich dabei nicht nur im gesellschaftlichen Leben außerhalb des Dienstes (Arbeitsplatzsorgen, fehlende Zukunftsperspektiven, Politikverdrossenheit), sondern auch im und durch den »Dienst«: Probleme mit Vorgesetzten oder das Gefühl der finanziellen wie gesellschaftlichen »Ausbeutung«. Auch bei der Auseinandersetzung mit inhaltlichen Fragen (Demokratieverständnis, Einstellungen zur Sicherheitspolitik) findet die von den Teilnehmern erwartete Polarisierung selten statt. Unterschiedliche Meinungen und Kontroversen innerhalb der Gruppen sind weitaus häufiger als zwischen ihnen. Selbst bei sicherheitspolitischen Fragen und Bewertungen (z.B. in der Frage der atomaren Abschreckung) lassen sich vor allem in jüngster Zeit immer weniger Unterschiede in den Äußerungen der Wehr- und Zivildienstleistenden feststellen. Allein das den Soldaten verordnete Tragen der Uniformen sorgt für den erwarteten »sichtbaren« Unterschied; gleichzeitig jedoch zeigen Diskussionen zwischen den Wehrdienstleistenden und dem verantwortlichen Jugendoffizier, daß nicht einsichtige Befehle gründlich hinterfragt werden. |
Exkursionen: Notwendige Einblicke in den Dienstalltag |
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Als besonders eindrucksvoll für beide Seiten erweisen sich die Exkursionen. Die meisten Soldaten erleben zum ersten Mal den Tagesablauf in Einrichtungen für zum Teil schwerst Behinderte und die Arbeitsbedingungen und -abläufe für ZDL im Pflegebereich. Dies führt zu widersprüchlichen Reaktionen: Einerseits ist die Anerkennung dieser Arbeitsleistung unverkennbar, andererseits jedoch auch die Erleichterung über den eigenen Dienst (»Dies würde ich nie durchhalten«). Von einigen teilnehmenden Soldaten wurde jedoch auch der Vorschlag eingebracht, ein »Rotationsmodell« einzuführen: Die Sinnlosigkeit des oftmals beklagten Leerlaufes im Bundeswehralltag könne durch einen temporären Einsatz im sozialen Bereich kompensiert werden. Die ZDL konnten ihrerseits den Wehrpflichtigen die Problematik ihrer Arbeit (»billige Arbeitskräfte«, »Jobkiller«) weiter vermittelten und somit auch Diskussionen über die gesellschaftliche Dimension des sozialen Dienstes ermöglichen. Durch den Besuch in den Kasernen werden die Widersprüchlichkeiten des Alltags von Wehrdienstleistenden sichtbar: Die Härte der Ausbildung, das Prinzip von Befehl und Gehorsam, der Leerlauf am Abend und nach der Grundausbildung, die Fragen nach dem Sinn militärischer Verteidigung. Anerkannt wird seitens der ZDL dagegen, daß eine große Zahl der Wehrpflichtigen diese Belastungen durchaus reflektiert und bewußt in Kauf nehmen, um »ihren Beitrag« zur Abschreckungspolitik beizutragen. Überrascht hat dabei die Offenheit auf beiden Seiten: die Offenheit mit der in den Kasernen auf Fragen und Kritik eingegangen wird, aber auch die Offenheit der ZDL, sich auf die ungewohnte Situation in den Kasernen einzulassen. Insgesamt ist wichtig, daß durch den Besuche vor Ort bei Wehrdienstleistenden und Zivildienstleistenden gleichermaßen die eigenen Informations- und Wissenslücken über Strukturen herrschender Sicherheitspolitik zutage treten und mit dazu beitragen, daß das Bild von der durchdachten Entscheidung korrigiert wird. Der Besuch in ZDL-Einrichtungen und Kasernen hat - dies wurde wiederholt in Auswertungsgesprächen angemerkt - mit dazu beigetragen, nicht nur über den Alltag der »anderen« nachzudenken, sondern auch die eigenen Situation verstärkt zu reflektieren. |
Die »Mörder-Problematik« als Seminarthema |
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Die Kernfrage nach der moralisch ethischen Rechtfertigung des eigenen Tuns, bei Soldaten häufig erstmals bei der Schießausbildung erlebt, verschaffte sich bei jedem der durchgeführten Seminare selber Raum. Selbst wenn dieser Themenbereich nicht im Seminarablauf vorgesehen war, so brachte es doch die Dynamik der Teilnehmerzusammensetzung jeweils mit sich, daû diese Fragen ausführlich und kontrovers diskutiert wurden. Aufgrund dieser Erfahrungen wurde in einem Gemeinschaftsseminar eine spezifische Arbeitseinheit zu dem Frankfurter Soldatenurteil sowie den kontroversen Stellungnahmen und Einschätzungen dazu gestaltet. Hier erwies sich insbesondere der »geschützte« Seminarrahmen als außerordentlich produktiv. Besonders erstaunlich war, daß dieses Thema intensiv und sachlich und nicht auf einer Angriffs- und Beleidungsebene angegangen wurde. Auf Seiten der Zivildienstleistenden ging es dabei zu keinem Zeitpunkt darum, eine Position moralischer Überlegenheit einzunehmen, sondern eher um die Frage, in welchem Umfang Zivildienstleistende im Rahmen der Zivilverteidigung in militärische Planungen einbezogen sind und inwieweit sie dabei für die moderne Kriegsführungsfähigkeit eine ebenso wichtige Funktion wie Wehrpflichtige bei der Bundeswehr erfüllen. Auf diesem Hintergrund wurde die Aussage eines Wehrdienstleistenden »Natürlich sind Soldaten potentielle Mörder«, - die von den anderen anwesenden Soldaten unwidersprochen blieb -, mit dem Nachsatz ergänzt: »Aber ihr seid ebenfalls potentielle Mörder, da ihr das Funktionieren dieses Apparates ermöglicht.« Eine Reihe von Soldaten äußerte zudem, daß es für sie sehr fraglich sei, ob sie im Ernstfall wirklich ihre Waffen anwenden würden. In der Aussage des Wehrdienstleistenden wird die Erkenntnis formuliert, daß Soldaten sich ihrer Verantwortung, im Kriegsfall einen Beitrag zum Töten zu leisten oder selbst töten zu müssen, nicht entziehen können. Der Nachsatz bezieht jedoch auch die Nichtsoldaten in die Verantwortung ein: alle, die zum Funktionieren des Militärapparates beitragen und sei es nur, indem sie diesen durch ihre Steuern unterstützen, würden mit an dieser Verantwortung tragen. Erscheint eine solche Argumentation auf den ersten Blick eher individuell entlastenden Charakter zu haben, indem sie die Verantwortung ausweitet, ja quasi auf alle gleichmäßig verteilt, so weist sie doch auch auf ein zentrales Problem hin: Im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen ist Töten durch »flächendeckende«, weitreichende Waffen weitgehend anonymisiert und scheinbar der direkten Verantwortung des Einzelnen entzogen. Durch diese Art des Umgangs mit der »Mörder-Frage« wird exemplarisch ein Verantwortungsgefüge sichtbar, in das auch die Zivildienstleistenden eingeschlossen sind. Sie sind plötzlich nicht mehr die moralisch Überlegenen sondern müssen sich über ihren Beitrag zur Zivilverteidigung im klaren werden. Die Auseinandersetzung mit dem Soldatenurteil erwies sich unter mehreren Aspekten als anregend und klärend: Für die Soldaten wurde deutlich, daß Verantwortung nicht delegiert werden kann und daß soldatisches Handeln unter ethischen Aspekten immer schuldbeladenes Handeln ist. Für die Zivildienstleistenden wurde deutlich, daß auch sie in den militärischen Planungen ihre Funktion erfüllen; daß sie zwar den Kriegsdienst »mit der Waffe«, nicht jedoch den Kriegsdienst »ohne Waffe« verweigern können. Die bisherigen Erfahrungen mit Gemeinschaftsseminaren haben gezeigt, daß die »Mörderfrage« - findet sie nicht nur auf der »hochpolitischen« Ebene als »Chefsache« statt - auf einer »Alltagsebene« mit normalen Wehrpflichtigen angemessen diskutiert werden kann: Die »Mörderfrage« wird zur Frage der Mitverantwortung und Mitschuld. Dadurch wird sie produktiv im Sinne von handhabbar und bietet zudem Handlungsperspektiven an. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine Situation der Akzeptanz und des gegenseitigen Vertrauens. |
Anmerkungen |
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1) Die hier referierten Erfahrungen beziehen sich auf Gemeinschaftsseminare, die von der Zivildienstschule Bodelshausen in den Jahren 1988 bis 1990 durchgeführt wurden. Die Zivildienstleistenden haben dabei im Rahmen des Staatsbürgerlichen Unterrichts teilgenommen. Die Wehrdienstleistenden kamen vom Kommando 1. Luftwaffendivision in Meßstetten. Vorbereitet und begleitet wurden die Seminare vom Leiter der Zivildienstschule, dem zuständigen Jugendoffizier sowie dem Gastreferenten. Der Teilnehmerkreis bestand je zur Hälfte aus Soldaten und Zivildienstleistenden, meistens ca. 30 Personen. |
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Günther Gugel / Uli Jäger: Erfahrungen mit dem zivil-militärischer Dialog im Rahmen von Gemeinschaftsseminaren (1991). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993. |