Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Interview mit Dr. Nava Sonnenschein

Dr. Nava Sonnenschein gründete 1979 die School for Peace in Neve Shalom / Wahat al Salam. Dort treten jüdische und arabische Israelis in einen inszenierten und angeleiteten Dialog. Die Dialog-Arbeit mit „Konfliktgruppen“ wird inzwischen weltweit als Modell gelungener Begegnungsarbeit verstanden.

Was ist die „School for Peace“?
Die „School for Peace“ ist ein Institut, das sich darauf spezialisiert hat, Programme, Workshops und Kurse durchzuführen, in denen sich Juden und Palästinenser – israelische Bürger – und auch Israelis und Palästinenser aus Palästina begegnen. Dies gilt auch für andere Konfliktgruppen. Wir wollen es den Leuten ermöglichen, zu uns zu kommen, an einem bedeutungsvollen Dialog teilzuhaben und destruktive Mechanismen in unserer Gesellschaft bzw. in ihrer Gesellschaft zu entdecken und zu sehen.

Warum wurde die „School for Peace“ gegründet?
Warum? Weil wir mit der Situation in Israel und dem Konflikt unzufrieden waren. Wir waren mit der Situation innerhalb Israels frustriert – eben dass eine Ungleichheit zwischen Juden und Palästinensern herrscht, obwohl sie alle Bürger dieses Landes sind. Wir denken, dass die Gesellschaft gleichberechtigter strukturiert sein sollte. Wir glauben, dass viele Leute sich ihrer Rolle in der Erhaltung der aktuellen Situation nicht bewusst sind. Außerdem glauben wir an den Wert der angewandten pädagogischen Methoden und sind auch gegen die Besatzung, die seit 1967 fortdauert. Deswegen wollten wir eine Arbeit leisten, in der sich Leute ihrer Teilnahme und Rolle in dieser Situation bewusst werden können. Pädagogik ist dabei nur ein Weg – es gibt auch andere Methoden – aber wir haben uns für die Pädagogik entschieden. Die Arbeit resultierte als natürliche Fortsetzung aus der Gemeinde, dem Dorf (Neve Shalom / Wahat al Salam), in dem wir Erfahrungen über das Zusammenleben gesammelt haben. Es ist eine bewusste Entscheidung zusammenzuleben und nicht getrennt wie die meisten Juden und Palästinenser in Israel. Neve Shalom/Wahat al Salam ist eine Gemeinde, in der sich Menschen bewusst entschieden haben, zusammenzuleben. Wir wollten Kontakte knüpfen und nicht nur eine andere Erfahrung ermöglichen und dies für alle Menschen aus Israel zugänglich machen.

Auf welche Grundlagen und Methoden greift die “School for Peace“ zurück?
Die Methoden, die wir benutzen, konzentrieren sich auf die Inter-Gruppen-Ebene. Das heißt speziell auf die Vermittlung zwischen den Gruppen und nicht auf jene zwischen den Individuen. Wir konzentrieren uns auf den Konflikt und auf die Dynamik, die zwischen den zwei Seiten des Konflikts abläuft. Es ist für uns besonders wichtig, die Welt mit dem Thema zu konfrontieren und zu analysieren, was mit dem innergesellschaftlichen Kräfteverhältnis passiert. Deswegen fokussiert unsere Arbeit sich auf die Inter-Gruppen-Ebene, an der sich auch die Struktur der Begegnung orientiert. Dies findet sich auch in der Hauptphilosophie wieder, die hinter unserer Intervention steckt. Wir glauben, dass die Menschen starke Vorurteile gegenüber anderen haben und dass sich diese nur schwer verändern lassen. Manche Leute verstecken diese Einstellung – andere nicht. Trotzdem muss man diese tief verwurzelten Vorurteile und Einstellungen – wie Rassismus, Hass, tiefe Ängste und Unterlegenheit – ausdrücken können. Erst auf der Grundlage dieser Ausdrucksformen kann mit den Teilnehmern ein Dialog entstehen. Wir arbeiten auch mit Phänomenen, die wir in der Gruppe beobachten – Phänomene auf der Makro-Ebene. Die Forschung zeigt, dass man, wenn man nur auf einer interpersonellen Ebene arbeitet, nicht so gute Ergebnisse erzielt, weil die Teilnehmer Schwierigkeiten haben, aus ihren eigenen Erfahrungen innerhalb dieser Begegnungen herauszutreten und diese auf eine Makro-Ebene zu übertragen.
Deshalb arbeiten wir auf der Inter-Gruppen-Ebene und die Teilnehmer beginnen zu sehen, dass sie ein Teil des Konflikts sind. Das Problem sind nicht Außenstehende – es sind nicht Extremisten, sondern das Problem sind wir selbst – wir verursachen diesen Konflikt.
Unsere Methoden an der Schule sind fächerübergreifend. Die Methoden basieren auf sozialpsychologischen Aspekten, greifen teilweise auf kritische Pädagogik zurück und basieren teilweise auch auf Entwicklungstheorien von rassistischen und ethnischen Identitäten sowie dem Postkolonialismus. Deshalb ist es tatsächlich eine Mischung von verschiedenen Theorien. Es ist nicht so, dass wir uns zusammengesetzt hätten und nach einigen Theorien für den Aufbau unseres Konzepts gesucht hätten. Unsere Methode entwickelte sich über die Jahre aus unseren Erfahrungen – wir haben bis heute mit ungefähr 40.000 Leute aus dieser Region gearbeitet. Mit der Zeit haben wir dabei Theorien gefunden, die unserem Verständnis und Ansatz entsprechen und unsere Weltsicht widerspiegeln. Diese Theorien haben wir in unsere Arbeit integriert.

Zu welchen Ergebnissen und Erfolgen hat Ihre Arbeit geführt?
Die Methode, die wir entwickelt haben, ist einmalig und sehr effektiv, um Veränderungen zu erreichen. Dies betrachten wir als große Leistung. Wir haben sie auch in anderen Konflikten erprobt, in denen sie auch gut funktioniert hat. Ich glaube, dass viele unserer Absolventen (wir haben tausende Absolventen), die an unseren Kursen teilgenommen haben, wirklich wichtige Projektleiter in verschiedenen Friedensgruppen und Menschenrechtsgruppen in Israel sind. Wir unterrichten unseren Ansatz an den Universitäten – ich glaube sogar, dass wir die einzige Nicht-Regierungs-Organisation sind, die in Israel an Universitäten Kurse abhält. Trotzdem besteht unsere Hauptleistung in den inneren Veränderungen – ein neues Bewusstsein zu schaffen sowie die Anstöße zu geben, Verantwortung zu übernehmen und etwas zu tun. Das ist die Hauptleistung. Aber leider beeinflussen wir noch nicht die ganze Gesellschaft, weil wir nicht die breite Masse erreichen.

Wie haben Sie persönlich begonnen sich in diesem Bereich zu engagieren?
Wie habe ich angefangen? Das war vor einigen Jahren. Im 1973er Krieg war ich jung. Ich war damals in der Armee, obwohl ich keinen normalen Militärdienst geleistet habe. Stattdessen habe ich in einem Internat mit Teenagern gearbeitet. Dieser Krieg war ziemlich schrecklich und ich merkte, dass etwas in die falsche Richtung ging. Ich habe zu Hause wenig Abneigung gegenüber den Arabern erlebt und beobachtet. Als ich später an der Haifa Universität studierte, habe ich Palästinenser getroffen. Ich habe viele Bücher gelesen und gemerkt, wie wenig ich darüber wusste, was 1948 passiert war und auch nichts über die aktuelle Situation der Diskriminierung und Rassismus gegenüber Arabern und Palästinensern. Ich begann, in Haifa zu arbeiten. Haifa ist eine multikulturelle Stadt. Es gibt dort sowohl arabische als auch jüdische Einwohner. Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen, aber ich habe nie einen Araber getroffen – nur an der Universität. Ich begann, mit Teenagern aus beiden Bevölkerungsgruppen zu arbeiten. Als ich 1977 gegen ein rassistisches Dokument des Innenministeriums gegen die Araber im Norden des Landes (wo die meisten Araber wohnen) demonstriert habe, habe ich von Neve Shalom/Wahat al Salam gehört. Dann habe ich das Dorf besucht. Es hat noch ein bisschen gedauert, bis wir dort hingezogen sind, aber ich dachte, dass hier ein idealer Ort für diese Arbeit wäre, zu dem man Gruppen einladen kann.

Das Interview führte Günther Gugel am 18.9.2007

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