Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Horst-Eberhard Richter: Ist die "Seelische Krankheit Friedlosigkeit" heilbar?

Rede bei der ift "Promote Peace Education" Veranstaltung, Tübingen, 18.11.2007

Die ganze Rede als PDF:

Richter_friedlosigkeit

Abschnitt aus der Rede von Horst-Eberhard Richter:

1967 hat Carl Friedrich von Weizsäcker auf der 100 Jahrfeier der Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel seine bedeutende Rede über „Die Friedlosigkeit als seelische Krankheit“ gehalten, d.h. an dem Ort, an dem Pastor Bodelschwingh erwirkt hatte, dass die seiner Obhut anvertrauten geistig Behinderten und psychisch Kranken vom Abtransport und Tötung im Rahmen der Nazi-Euthanasie-Aktion verschont geblieben waren. „Friedfertig ist“, sagte Weizsäcker, „wer Frieden um sich entstehen lassen kann. Das ist eine Kraft, eine der größten Kräfte des Menschen. Ihr krankhaftes Aussetzen oder Verkümmern, fast stets bedingt durch mangelnden Frieden mit sich selbst, ist die Friedlosigkeit. Friedlosigkeit ist eine seelische Krankheit.“

Diese Definition enthält eine Deutung. Der gestiftete Unfrieden wird als Projektion von Selbsthass interpretiert. Es ist innere Unversöhntheit, die sich zur Entlastung den äußeren Feind sucht, der bekämpft werden muss.

Dass die Friedlosigkeit sich bis zum Töten in Kriegen steigert, ist nicht die unvermeidliche Folge des Aggressionstriebes. Denn bei fast allen höheren Tieren funktioniert in Rivalenkämpfen eine instinktive Tötungshemmung, die für die Arterhaltung nötig ist. Der Mensch bildet als kriegsführender Massenmörder fast die einzige Ausnahme. Weizsäcker wörtlich: „Und wir sind ja in der Tat von Selbstzerstörung bedroht.“

Das ist eine schwerwiegende Feststellung. Der eine oder andere von Ihnen mag sich an meine aufrüttelnd gemeinte Satire „Alle redeten vom Frieden erinnern“, die trotz ihrer Düsternis viele Übersetzungen erlebte, weil die Phantasie eines selbstverschuldeten Unterganges offenbar untergründig weit verbreitet ist. Aber woher kommt dieses gefährliche Uneins-mit sich selbst Sein, das die Friedlosigkeit hervorruft? Weizsäcker nimmt die Tiefenpsychologie zu Hilfe und verweist auf die fatale Neigung, das Dunkle im eigenen Innernabzuspalten. Wir wollen es nicht als einen Teil von uns annehmen. Aber wenn wir diesen Teil, den C.G. Jung als Schatten bezeichnet, in unser Selbst integrieren, können wir uns vielleicht unsere Friedfertigkeit erhalten. Weizsäcker erinnert daran, dass analytische Therapie gelegentlich helfen könne, solche Integration zu fördern. Aber er bleibt skeptisch. Sein Resümee: „Eines inneren Friedens fähig werden wir nicht durch unser Verdienst, sondern weil wir geliebt sind und weil wir darum Gott und in Gott die Menschen lieben dürfen.“ Zu einem ähnlichen Schluss kommt mein verehrter Freund Joseph Weizenbaum, der Pionier der Computer-Wissenschaft: „Gott ist in uns allen, denn Gott ist Liebe. Das Gebet ist die Suche eines Menschen, seine innere Liebe zu finden.“ Zwei große Naturwissenschaftler sind sich einig, dass es der Liebe bedarf, um Versöhnung im Innern und in der Welt zu ermöglichen. Aber was heißt das für eine neuzeitliche Kultur, in welcher das Streben vorherrscht, schwindende Gottergebenheit durch eigene Machtvervollkommung zu kompensieren? Ist es nicht die Naturwissenschaft selbst, die sich mehr und mehr in den Dienst dieses Bemächtigungswillens gestellt hat? Oft eher ahnungslos und erst nachträglich über die Mitverantwortung zu dieser Entwicklung erschreckend?

Es scheint wie eine tragische Paradoxie, dass in der Geschichte, die zur Entwicklung der Atombombe geführt hat, am Anfang die Namen zweier Männer auftauchen, denen die Bewahrung vor der Krankheit „Friedlosigkeit“ ganz besonders am Herzen lag. Der eine ist Carl Friedrich von Weizsäcker, den Einstein verdächtigte, für Hitler den Bau der Atombombe vorzubereiten. In seinen beiden Briefen an Präsident Roosevelt, die diesen zum Start des „Manhattan-Projekts“ bewogen, benannte Einstein Weizsäcker ausdrücklich als Kronzeugen für Hitlers bereits angeblich in Gang gesetztes Vorhaben. Der falsch informierte Einstein wurde wiederum indirekt mitverantwortlich für Hiroshima, obwohl er allein im Sinne gehabt hatte, Hitler zuvorzukommen, um diesen am Gebrauch der schlimmsten aller Waffen zu hindern. Man könnte glauben, es sei so etwas wie ein Wink des Schicksals, dass uns ausgerechnet an zwei Vorbildfiguren und Wegweisern der Friedfertigkeit demonstriert wird, dass die Energie der wissenschaftlich-technischen Revolution sich auch vom Gewissen individueller Pazifisten nicht stoppen lasse. Das führt zu dem Gedanken, dass es eine Krankheit Friedlosigkeit in kultureller Dimension gibt, die unser Zeitalter kollektiv ergriffen und uns blind gemacht hat für unsere Abwegigkeit, die wir, da alle befallen, für normal halten.

In einem Gespräch mit Carl Friedrich von Weizsäcker am Rande einer Veranstaltung der Körber-Stiftung in Hamburg konnte ich sein Interesse für eine gewagte Idee erregen, die ich in meinem Buch „Der Gotteskomplex“ vorgetragen habe. Ich versuche, die neuzeitliche kulturelle „Krankheit Friedlosigkeit“ als eine fatale kreisförmige Eigendynamik zu verstehen: Mit dem Schwinden der religiösen Glaubenssicherheit ist eine Angst verbunden, aus der das Streben genährt wird, durch einen auf die Wissenschaft gestützten Herrschaftswillen Schritt für Schritt die Macht über die Gefahren zu erringen, deren Verhütung oder Überwindung einst durch göttlichen Beistand erhofft wurde. Man kann es aber auch umgekehrt sehen, dass dieser Allmachtswille vorausgeht. Entweder die Ohnmachtsangst ruft das Herrschaftsstreben hervor. Oder dieses hat dank einer Erstarkung des Intellekts im Kulturprozess die Führung übernommen, dabei den Verlust der Geborgenheit in Kauf nehmend, die aus dem Vertrauen in göttliche Liebe und Barmherzigkeit erwachsen war. Bisher hat die Angst durch diese Einbuße den Sturmlauf des Eroberungs- und Siegenwollens nicht gebremst, eher noch beschleunigt, allerdings um den Preis, dass die sozialen Bindungskräfte des Mitfühlens, der Sorge um andere, der Stimme des Gewissens, des Abscheus vor Gewalt stetig zurückgegangen sind. Diese Automatik hat die Krankheit Friedlosigkeit zwangsläufig gefördert. Wird das Streben nach Überlegenheit übermächtig, werden Erobern und Siegen die vorrangigen Ziele, aber rufen damit unmittelbar Angst, Hass und Rachewünsche der Unterliegenden hervor, bzw. den Gegenschlag einer misshandelten und ausgeplünderten Natur, die den Menschen in die ihr angetane Zerstörung mit hineinreißt.

Das Erobern- und Siegenmüssen als kulturelles Leitziel bewirkt im seelischen Innern eine fatale Spaltung wie zugleich eine solche im Bild von der Welt. Im Innern werden Sensibilität, Sanftmut, Ehrfurcht, Hingabe als Schwäche, von den Männern als Unmännlichkeit unterdrückt. Leiden wird zur Niederlage, zu Schmach und
Schande. Aber die Unfähigkeit zu leiden verewigt den Hass. „Wer nicht leiden will, muss hassen“, lautet der Titel eines meiner Bücher und ist zugleich das eigentliche Charakteristikum des Gotteskomplexes. Die innere Unterdrückung des Leidens zwingt in der äußeren Realität zur unentwegten Zuteilung des Leidens an die Opfer des eigenen Sieges- und Erobernwollens. (...)


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