Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Frieden machen... / Frieden ist machbar: Michael Gleich

Frieden ist machbar

Von Michael Gleich

Von allen Friedensmachern haben mich zwei Mörder besonders berührt. Joe hatte als junger Mann für die katholische Untergrundarmee gekämpft, einen britischen Offizier erschossen und dafür 22 Jahre im Gefängnis gesessen. Peter stand lange als Terrorist auf der protestantischen Seite. Der Katholik und der Protestant hatten in Nordirland in einem Bürgerkrieg gefochten, bei dem alle nur verloren. Irgendwann kippte etwas in ihnen. Was Joe bei seiner Entlassung aus dem Knast sah, deprimierte ihn: Frustrierte Jugendliche ohne Chance auf Lehrstelle und Job, die aus purer Langeweile Kleinkriege in den armen Vierteln Belfasts anzettelten. Und Peter stieg aus, als er einen in Ungnade gefallenen Paramilitär der eigenen Gruppe erschießen sollte. Damals im Wald fragte er sich: „Was hat dieser Krieg aus mir gemacht?“ Er konnte nicht abdrücken.

Unabhängig voneinander beschlossen Joe und Peter, friedlich weiterzukämpfen. Beiden drohte, als Verräter denunziert zu werden. Heute halten sie als Sozialarbeiter Jugendliche von den paramilitärischen Gruppen fern. Sie arbeiten hart für eine politische Lösung des Konflikts. An beiden beeindruckt nicht die Vom-Saulus-zum-Paulus-Geschichte. Sondern wie unbeirrt sie ihrer Vision folgen, dass Katholiken und Protestanten gleichberechtigt zusammenleben können. Und mit welch starken Willen sie mit Mitte vierzig ganz von vorn beginnen. Wo sich Vision und Wille paaren, wird vieles möglich. Sogar Frieden.

Und das geschieht öfter, als wir meinen. Seit Anfang der Neunzigerjahre wurden mehr als 80 Gewaltkonflikte beendet. Mali, Mosambik, Haiti, Ost-Timor, Kosovo, um nur ein paar zu nennen. Die Lage dort rangiert von fragil bis stabil. Mehr noch: Seit 1992 nahmen besonders gewaltsame Konflikte um mehr als 40 Prozent ab, seit 1950 ging die Zahl der Todesopfer um 98 Prozent zurück. Nicht zu vergessen solch unerhörte Vorgänge wie in Südafrika, wo ein Land fast unblutig von rassistischer Schreckensherrschaft zur Demokratie überging. Niemand hatte das zu hoffen gewagt. Charismatische Führer wie Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk besaßen beides, Imagination und Initiative.

Warum also wird nicht gejubelt? Warum überkommt einen bei den Abendnachrichten regelmäßig das Gefühl, Krieg, Tod und Teufel beherrschten immer stärker die Welt? Die Erklärung ist einfach: Nicht die Gewalt auf der Welt hat zugenommen, sondern die Zahl der Berichte darüber. Dramen auf Leben und Tod faszinieren uns, Krieg liefert sie täglich frei Haus. „Embedded Journalists“, mit Truppen vordringende Reporter, schilderten das Geschehen während des jüngsten Golfkrieges wie Sportkommentatoren. Krieg als Event. Frieden ist leise, langsam, langwierig. Da verlieren rasende Reporter schnell die Geduld.

Und nicht nur sie. Auch die Wissenschaft pflegt blinde Flecken. Für sie gäbe es eigentlich nichts Wichtigeres als zu ergründen, wann und wie Frieden gelingen kann. Leider wagen sich nur wenige Forscher aufs Neuland der Friedensforschung. Auch in Fachzeitschriften und auf Kongressen verkauft sich Krieg besser.

So bleiben spannende Veränderungen unbemerkt. Früher erklärten Staatsmänner Kriege. Generäle und Armeen führten sie. Präsidenten beendeten sie wieder per Vertrag. Inzwischen sind zwischenstaatliche Kriege, die einst besonders viele Todesopfer forderten, zur Ausnahme geworden. Ein zivilisatorischer Fortschritt. Dafür gibt es neue Herausforderungen: gewaltsame Konflikte aus der Mitte von Gesellschaften. Vordergründig kämpfen zwei oder mehr Volksgruppen um den Zugang zur Macht. In der Tiefe geht es jedoch um gegenseitige Anerkennung und Achtung.

Die Heilung zerrissener, hassgeprägter Gesellschaften muss ebenfalls aus ihrer Mitte kommen. „Mit der Gefahr wächst das Rettende auch“, bemerkte der Dichter Friederich Hölderlin. In der Tat wächst eine Generation von Friedensmachern heran. Sie demonstrieren nicht, überlassen das Geschehen nicht länger Politikern und Militärs, sondern mischen sich ein: Ärztinnen, Menschenrechtler, Gewerkschafter, sich organisierende Hausfrauen, Sportlerinnen, Entwicklungshelfer, Priester und Pädagogen. Viele riskieren ihr Leben für gewaltfreie Lösungen. Sie sind kreativ, technisch versiert, haben Mut und vor allem Erfolg.

Sie verbuchen es als Fortschritt, wenn Rebellen ihre Waffen abgeben wie in Mali; wenn Minenfelder geräumt werden und Bauern ihre Felder betreten können wie im Norden Sri Lankas; wenn in Israel die Armee Straßensperren wegräumt; wenn in Belfast katholische Kinder durch ein protestantisches Viertel zur Schule gehen können; wenn ugandische Kindersoldaten einen zivilien Beruf lernen dürfen. Mit jedem Schritt gewinnt der Frieden ein Stück Territorium zurück. Hinter jedem stehen soziale Erfinder, empathische Menschen, die Versöhnungsarbeit, Mediation und aktives Zuhören perfektionieren.

Zusammen formen sie die so genannte Zivilgesellschaft. Das klingt nach netter Teerunde. Tatsächlich wächst hier eine heimliche Supermacht heran. Neben nationalen Regierungen, multinationalen Organisationen und transnationalen Konzernen prägt sie immer stärker das Gesicht der Globalisierung. Die Gruppen sind äußerst flexibel, deshalb schwer zu kontrollieren und noch schwerer zu stoppen. Sie tauschen sich per Internet und Email darüber aus, was funktioniert und was nicht. Unversehens wird die erfolgreiche Kampagne hier zum Lehrstück dort.

Nach Ende des Apartheid-Regimes stand Südafrika vor der Frage: Lässt man Folterer und Mörder laufen, oder stellt man sie vor Gericht und riskiert Zornesausbrüche ganzer Volksgruppen? Ein typisches Dilemma für Gesellschaften am Morgen danach. Südafrika erfand die Wahrheits- und Versöhnungskommission. Hauptschuldige wurden bestraft, Kleintäter und Opfer zu Aussprachen geladen. Der Balanceakt gelang, Wunden konnten heilen, die Demokratie hielt stand.

Seitdem experimentieren andere Länder mit ähnlichen Instrumenten, etwa Ruanda. Dorfgemeinschaften organisierten selbst Tribunale: Gacaca, „im Gras sitzen“. Unter freiem Himmel urteilten Laienrichter und Älteste über die Hauptschuldigen des Völkermordes an den Tutsi. Es war ein verzweifelter, gemeinsamer Versuch, den tief sitzenden Schock des Genozids zu heilen. Diese im wahrsten Sinne Graswurzelbewegung gilt als Erfolgsmodell. Und als Beleg dafür, dass aller Friede vom Volke ausgeht. Oder er geht gar nicht.

Bürgerkriege zerreißen Gesellschaften. Sie hinterlassen traumatisierte Kinder, zerstörte Dörfer, verfeindete Gruppen, die trotz Waffenstillstands misstrauisch sind und nach Rache sinnen. Oft leben ethnische Gruppen in getrennten Gebieten, Gesprächsfäden sind abgeschnitten. In dieser Situation bewähren sich nichtstaatliche Friedensstifter als Diplomaten. Wenn der deutsche Benediktiner-Abt Lindemann sein Kloster in Jerusalem für diskrete Gespräche öffnet, treffen sich Israelis und Palästinenser ohne Furcht vor Bespitzelung. Geheiligte Mauern dienen als Schutzraum, der Mönch als Vermittler. Ihn beflügelt eine Vision, die er trotz aller Rückschläge nie aus den Augen verloren hat: Juden, Christen und Araber leben friedlich im Heiligen Land zusammen.

Erfolgreiche Friedensmacher nehmen die Verhältnisse nicht hin, wie sie sind. Ein junger Kollege aus Sri Lanka, das seit 20 Jahren unter einem blutigen Bürgerkrieg leidet, sagte mir: „Der Krieg dauert schon so lange, wie ich lebe. Er hat unsere Gedanken und unsere Herzen völlig vergiftet. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie das sein könnte – ein Leben ohne Attentate und Bombenangriffe.“ Das Teuflische daran: Wer nichts anderes kennt als Gewalt, wird sich im Zweifelsfalle immer wieder für Gewalt entscheiden. Sie ist ein Risiko, aber ein bekanntes. Frieden dagegen ist der Weg ins Unbekannte, ein Abenteuer mit unvorsehbarem Ausgang.

Vorstellungskraft ist wichtig. Nach 15 sorglosen Jahren in Berlin kehrt der Tamile Singham ins kriegsgeschüttelte Sri Lanka zurück. Er traut sich zu träumen: „Eines Tages wird diese Insel wieder zu Recht ‚Glückliches Lanka‘ heißen.“ Seine Freunde erklärten ihn für verrückt. Doch Singham baut mit Spenden Häuser für Flüchtlingsfamilien, betreibt eine Schule für gehörlose Kriegswaisen, kümmert sich um Straßenkinder. In seiner Organisation arbeiten Tamilen und Singhalesen zusammen, angeblich Feinde. Singham ist ein ehrenamtlicher Brückenbauer, der versöhnen hilft und dafür viel riskiert.

Die besten Friedensmacher sind eine Mischung aus Mahatma Gandhi und Bill Gates. Sie denken groß und handeln entschlossen. Sie wissen, dass Sicherheit und Stabilität auch mit Geld zu tun haben. Mit Jobs und Wirtschaftswachstum. Im Norden Malis verstrickten sich bis Mitte der Neunzigerjahre Clans, Rebellen und Regierungsarmee in einen verwirrenden, blutigen Krieg. Als ein Abkommen die Kämpfe beendet hatte, begann die eigentliche Arbeit. Wirkung zeigte das Konzept deutscher Entwicklungshelfer: Sie bewilligen Geld nur, wenn die einstigen Gegner gemeinsam einen Antrag schreiben. Clans, die sich einst bis aufs Blut bekämpften, arbeiten heute Hand in Hand zusammen, um Wasserpumpen zu installieren und Schulen zu bauen. Geld für Frieden, der Deal gilt seit zwölf Jahren.

Es lohnt sich, in den Frieden zu investieren. Wissenschaftler der University of Oxford ermittelten: Bürgerkriege dauern im Schnitt sieben Jahre. Gewiss ist jedes Jahr Krieg, jedes Opfer eines zuviel. Doch die gute Nachricht lautet: Kriege enden früher oder später. Besser früher. Lässt sich ein Krieg nicht verhindern, kann die Staatengemeinschaft zumindest versuchen, ihn zu verkürzen. Tatsächlich sind die Interventionen der Vereinten Nationen besser als ihr Ruf. Nach einer Studie der amerikanischen Denkfabrik RAND gelingen Peacekeeping Missonen in zwei von drei Fällen. Und sie sind billiger, als man angesichts der peinlichen Geplänkel im Sicherheitsrat vermutet. Alle 16 Blauhelm-Missionen von 2006 kamen zusammen mit fünf Milliarden Dollar aus. Die USA geben jeden Monat für den Krieg im Irak weit mehr aus. Und erleben ein Debakel nach dem anderen.

Die UNO könnte besser sein – aber wir haben nichts besseres als die UNO. Ihre Friedensmissionen erfüllen sie in aller Stille mit Entwicklungsagentur, Umwelt- und Welternährungsprogramm. Sie haben Großes geleistet, um Armut zu bekämpfen, die Gesundheit zu verbessern und Menschenrechte durchzusetzen. Sie tragen entscheidend zum positiven Frieden bei, der mehr ist als die Abwesenheit von Krieg: eine Kultur des Respekts anstelle einer Kultur von Gewalt und Angst.

Die Überraschung ist, dass sich die Investion in den Frieden auch wirtschaftlich lohnt. Ein typischer Bürgerkrieg kostet rund 70 Milliarden Dollar, rechnen die Oxforder Wissenschaftler aus. Als Negativa berücksichtigen sie niedrigeres Wirtschaftswachstum, Rüstung, Krankheiten, Flüchtlinge und organisiertes Verbrechen. Andersherum gedacht: Jedes Jahr, die ein Krieg verkürzt wird, erbringt eine Dividende von zehn Milliarden Dollar. Für einen Bruchteil der Summe könnte man versuchen, den Krieg mit einer internationalen Eingreiftruppe zu beenden.

Bislang traten die Blauhelmsoldaten oft zu zaghaft auf. Ein „robustes Mandat“, die diplomatische Umschreibung für die Lizenz zum Töten, wurde ihnen versagt. Ruanda, Somalia, Srebrenica: Diese Namen markieren Orte der Schande und Scham. Entweder wurde zu spät vor möglichen Massakern gewarnt, oder die Truppen durften nicht das Schlimmste mit Waffengewalt verhindern. Doch aus Scheitern kann man lernen. So fassten die Vereinten Nationen im „Brahimi Bericht“ die Lehren aus den Massakern zusammen: Man brauche besser ausgebildete Soldaten, angepasste Ausrüstung und robuste Mandate.

Die Neuen Kriege erfordern entschlossenes Vorgehen. Hier kämpfen oft keine regulären Soldaten, sondern Millizionäre, die sich in wilden Banden organisieren. Viele sind jünger als zwanzig und haben die emotionale Reife von Kindern. Sie sind maßlos, launisch, verwechseln Töten mit Spielen. Doch Erfahrung in Kriegsgebieten hat gezeigt: Wenn jemand mit der Faust auf den Tisch haut, ist schnell Ruhe. Ein strenger Vater fehlt vielen dieser Kindern in Uniform, eine Autorität, die klar macht: Jetzt reicht es endgültig!

Grenzen zu setzen ist Aufgabe der UNO. Noch werden Blauhelme vielerorts als Pappmaché-Soldaten verspottet. Greifen sie durch, wird sich das schnell herumsprechen. Stellen wir uns vor, es ginge um Frieden, und jeder macht mit. Kein Staat würde mit Konfliktparteien paktieren, um sich Erdölfelder, Flottenstützpunkte oder Märkte zu sichern. Alle begriffen, dass sich Kooperation in einer vernetzten Welt mehr lohnt als Krieg. Den Vereinten Nationen gebührt das Gewaltmonopol. So lautete die Vision bei ihrer Gründung. Jetzt brauchen wir den Willen, sie zu verwirklichen.

© 2008, Michael Gleich

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School