Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Kontrovers - 2: Das „Elfte Gebot“

Fairness ist die ureigenste Tochter des Sports. Sie wird in Zukunft nicht nur im Sport, sondern auch in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und in anderen Bereichen geregelter wirtschaftlicher Konkurrenz nach wie vor eine bedeutsame Rolle spielen . ...
Der Wert der Fairness ergänzt die traditionalen Nahwerte in einer ursprünglich von Regeln und Normen beherrschten individualistischen Konkurrenzgesellschaft. Aber wir dürfen uns nichts vormachen . ... Das bloße Bekenntnis zur Fairness löst nicht alle Probleme – weder im Sport noch sonstwo.
In Hochleistungssystemen, die den Erfolg absolut setzen, unbedingt und unnachgiebig anstreben, entwickeln sich zwangsläufig zumindest Tendenzen zu rücksichtslosen und auch betrügerischen Strategien, um zum Erfolg zu gelangen. Dabei bildet sich das sogenannte „Elfte Gebot” – „Du sollst dich nicht erwischen lassen” - als heimliche Obernorm aus. Es folgt eine Spaltung der Moral in eine zum Teil heimliche Erfolgs- und eine öffentliche Compliance-Moral bei Akteuren, unter Umständen aber auch bei Organisatoren, Managern und Betreuern, damit gehen typischerweise Verwischungsund Abschiebungsstrategien, Alibi- und Ablenkungstaktiken bezüglich der Verantwortlichkeit einher. Das „Elfte Gebot” dominiert offensichtlich auch im Spitzensport – wie auf der Autobahn und bei der Steuererklärung. Regelverletzungen gelten nur als Kavaliersdelikt.
Rücksichtslosigkeit und Verhärtung der Konkurrenz scheinen zudem das Konzept zum siegreichen Bestehen in wirtschaftlichen, politischen und zumal sportlichen Auseinandersetzungen zu sein. Der zunehmende Konkurrenzdruck in allen Bereichen symbolischer und realer Wettkämpfe könnte wohl nur durch bessere Beachtung der Regeln zur Zähmung der Auseinandersetzung, durch Verschärfung der Kontrollen und durch eine Verbreitung echter Fairnessgesinnung bzw. durch wirksame Anreize zur Wahl fairen Verhaltens, aufgefangen werden. Doch hieran mangelt es überall. Ist die Druckverschärfung in das System eingebaut, ist der Erfolg allzu gewichtig, ja existenzentscheidend, der Sieg zur Hauptsache geworden, so wirken Vereinbarungen und Appelle kaum noch, solange Umgehungsmöglichkeiten, verdeckte Manipulation der Erfolgsbedingungen, unentdeckte Tricks, taktische Vorteilsnutzungen, verheimlichte Regelverletzungen möglich sind. Regeln und Verträge werden immer wieder missachtet und verletzt-selbst von denen, die sie lautstark propagieren.
Aus: Hans Lenk: Fünfzehn Thesen für eine neue Fairneßkultur. In: Hans Sarkowicz: Schneller, Höher, Weiter. Eine Geschichte des Sports. Insel Verlag Frankfurt/Main und Leipzig 1996, S. 432 f.

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