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Mediation ist die Suche nach dem Ausgleich, Mediatoren wollen weder Gewinner noch Verlierer – das kann sogar bei Konflikten im Fußball funktionieren
Bei einem A-Jugend-Relegationsspiel (Vorrunde zur Qualifikation) wird Jens Meyer von TUS Altdorf heftig angegangen und verletzt: Kieferbeinbruch. In der 75. Minute wird der verursachende ausländische Spieler, Ali Maret, von Eintracht Neuberg (alle Namen vom Verfasser geändert) ausgewechselt. Er verlässt das Spielfeld auf der gegnerischen Seite. Dort sitzt ein Spieler von TUS Altdorf auf der Ersatzbank und ruft dem ausgewechselten Spieler von da aus etwas zu, was aber sonst keiner verstehen kann. Ali fühlt sich beschimpft und schlägt den Jugendlichen auf der Ersatzbank ins Gesicht. Daraufhin springt der Onkel des Geschlagenen auf und schlägt auf Ali ein. Nun mischen sich noch weitere Eltern und Spieler ein, um die beiden zu trennen. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, wird das Spiel fortgesetzt.
Mit dem Schlusspfiff der Partie ist jedoch der Konflikt zwischen TUS Altdorf und Eintracht Neuberg nicht zu Ende, sondern eine Runde weiter: Der Streit und die Schlägerei kommt vor den Kreisrechtsausschuss.
Inzwischen informiert der Sportkreis-Jugendwart die Leitung des Projektes „Interkulturelle Konfliktvermittlung – Mediation im Fußball“. Dieses Projekt wurde von der Sportjugend Hessen initiiert und wird von ihr zusammen mit dem Hessischen Fußball-Verband seit 1998 durchgeführt. Ein Mediatoren-Team wird von der Projektleitung zusammengestellt, das sich sofort mit den Vereinsjugendleitern in Verbindung setzt.
Die Verhandlung vor dem Rechtsausschuss steht kurz bevor. Beide Jugendleiter stimmen einer Mediation sofort zu, da größte Bedenken bestehen in Hinblick auf die bevorstehende neue Runde. Das Hinspiel soll bereits in vier Wochen stattfinden.
„Spannungen abbauen“
Es hat sich in solch komplexen Systemen als sinnvoll erwiesen, mit den Konfliktparteien getrennte Vorgespräche vor der eigentlichen Mediation zu führen, in denen das Verfahren erläutert wird und die Beteiligten erst mal „Dampf ablassen“ können.
Das erste Vorgespräch findet mit Vertretern von TUS Altdorf statt. Zunächst wird der Konflikt ausführlich aus der Sicht der Anwesenden dargestellt. In der Zwischenzeit hatte auch der Kreisrechtsausschuss getagt: Ali Meret von Eintracht Neuberg ist vom Ausschuss zu 7 Monaten Spielsperre verurteilt worden, der Onkel des Geschädigten muss eine Geldstrafe zahlen, ebenso der Verein Eintracht Neuberg.
Das Hauptthema ist nun die Frage, wie das nächste Spiel (Hinrunde) ohne Probleme absolviert werden kann. Von TUS Altdorf werden immer wieder die Unterschiede zwischen den beiden Vereinen betont. Sie selbst seien ein ländlich geprägter Verein. Die Spieler gehen zum größten Teil auf die Gymnasien der nahe gelegenen Stadt. In der Eintracht Neuberg dagegen spielten überwiegend ausländische Jugendliche. Die Anwesenden legen viel Wert darauf, zu betonen, dass sie nichts gegen Ausländer hätten. In ihrer Mannschaft spielten ebenfalls zwei ausländische Spieler. Die beiden Spielführer führten an, dass sie sich nach Spielen gegen die Eintracht Neuberg oft unsicher fühlten, wenn sie auf größere Gruppen dieser Mannschaft träfen.
Auf die Frage der Mediatoren, was ein gemeinsames Gespräch bewirken könne, kam als Antwort: „Eventuell vorhandene Spannungen abbauen, auch außerhalb des Fußballs sollen Aggressionen abgebaut werden, sportliche und private Seite sollen getrennt werden, die Mannschaften sollen als Ganze teilnehmen.“ Alle anwesenden Personen sprechen sich für eine Mediation aus.
„Idiot ist schlimm – aber bei Kanake ist Schluss“
Am Vorgespräch mit der Eintracht Neuberg nehmen die Jugendleiterin, der Vorsitzende und 7 Spieler der Mannschaft teil. Auch hier wird erst zu dem Konflikt die Sichtweise der Anwesenden dargestellt. Die Jugendleiterin betont, dass alle den Vorfall sehr bedauern. Als Hauptthema dieser Mannschaft wird herausgearbeitet, dass die Spieler der Eintracht sich ständig ausländerfeindlichen Beschimpfungen ausgesetzt sehen. Wörtlich: „Idiot ist schlimm, aber bei Kanake ist Schluss.“ Die Eintracht-Spieler wollen nicht überall als Schlägertruppe angesehen werden. Für die Spiele wünschen sie sich erfahrene, ältere Schiedsrichter. Die Jugendlichen diskutieren sehr intensiv und temperamentvoll ihre Ansichten und Wünsche. Alle sprechen sich am Ende für eine Mediation mit der Mannschaft von TUS Altdorf aus.
Beide Vereine hatten ausdrücklich gewünscht, am gemeinsamen Mediationsgespräch mit allen Spielern und den verantwortlichen Erwachsenen teilzunehmen. Insgesamt kommen 40 Personen zusammen. Nicht bei jeder Mediation sind so viele Menschen beteiligt. Oft sind es nur die unmittelbar Betroffenen, die so ihren Konflikt bearbeiten wollen. Hier fühlten sich aber viele in die Auseinandersetzung hineingezogen bzw. von dem Konflikt betroffen.
Um die Mediation in ca. 3 Stunden an einem Abend durchführen zu können (mehrere Termine wurden von den Beteiligten nicht akzeptiert), wählen die Anwesenden jeweils 10 Sprecher pro Verein (3 Erwachsene, 7 Spieler). Mit ihnen begibt sich das Team in die einzelnen Phasen der Mediation.
In den Vorgesprächen waren beide Mannschaften einer Meinung, dass die gewalttätigen Auseinandersetzungen selbst nicht noch einmal Thema des gemeinsamen Gesprächs sein sollten. Als Thema wurde stattdessen der faire Ablauf der zukünftigen Spiele gewählt. Beide Seiten hatten besonders großes Interesse daran, dass sie ihre Fußballspiele möglichst störungsfrei und in sportlich guter Atmosphäre austragen können.
Am Ende wurde eine schriftliche Vereinbarung abgefasst, die von allen 20 Sprechern gegenseitig unterschrieben wurde.
Bei einem Verstoß gegen die Vereinbarung wird ein Getränk ausgegeben. Die 1. Vorsitzenden beider Vereine achten auf Verstöße und sorgen für die Ausgabe der Getränke an die andere Mannschaft.
Das auf die Mediation folgende Hinrunden-Spiel verlief in einem „sehr ruhigen und fairen Rahmen“, wurde den Mediatoren danach mitgeteilt. Alle Vereinbarungen wurden eingehalten. Das Rückrunden-Spiel sollte 10 Monate später stattfinden. Aber es wurde von der Eintracht Neuberg abgesagt. Zu diesem Zeitpunkt fand das strafrechtliche Verfahren statt, das die Eltern des geschädigten Spielers per Strafanzeige eingeleitet hatten…
Hier wird deutlich, wie stark ein außersportliches Strafverfahren in den bisher positiven Verlauf einer Mediation einwirken kann. Vielleicht hätten auch die Eltern in das Mediationsverfahren einbezogen werden können. Zumindest aus der Rückschau gesehen hätte es doch vielleicht sinnvoll sein können, noch mehr über das Geschehene zu verhandeln, damit auch die Eltern mit dem Ergebnis hätten zufrieden sein können. Aber jede Mediation hat ihre Grenzen und auch Mediation als solche hat sie. Sie ist kein Allheilmittel, kann aber durchaus zur Klärung und Lösung von Konflikten angewandt werden, so dass am Ende die Konfliktparteien nicht mehr Recht haben, sondern zufrieden sein wollen.
Beide am Vorfall beteiligten Jugendlichen hätten am Rückrundenspiel das erste Mal wieder spielen sollen. Der geschädigte Junge habe an diesem Spiel nicht teilnehmen wollen und die Mannschaft habe sich solidarisch erklärt, war aus der Presse zu entnehmen. Die Mannschaft sähe aber für die zukünftigen Spiele keine Probleme.
Hans-Jürgen Rojahn in: zivil - Zeitschrift für Frieden und Gewaltfreiheit, Nr. 4/2003
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Vereinbarung:
1. Wir beruhigen uns gegenseitig (der Spieler, der am nächsten steht, tut dies). |