Home / Themen / Fair Play / Sport und Gewal... / Gewinnen statt hassen
Fußball als Beitrag zu Gewaltprävention und Versöhnung |
|
Uli Jäger, Redaktionell leicht verändert erschienen in: Inkota-Brief. Zeitschrift zum Nord-Süd-Konflikt und zur konziliaren Bewegung. März 2006. www.inkota.de Niemand kann sagen, wie viele Menschen täglich auf den Fußball- und Bolzplätzen dieser Erde ausgegrenzt und diskriminiert, beleidigt oder gar absichtlich körperlich verletzt werden. Jugendliche Cliquen vereinnahmen den einzigen grünen Fleck in der Stadt oder ihren Straßenzug für sich und verteidigen den Kickplatz gegen die „Anderen“, wenn es sein muss auch mit Gewalt. Zum „Anderen“ wird man schnell: Weil der Wohnort im anderen Stadtteil liegt, weil die Hautfarbe eine andere ist, weil man eine andere Sprache spricht oder weil man ganz einfach dem anderen Geschlecht angehört. Im organisierten Fußball der Dorfligen endet so manches Spiel mit einer wüsten Schlägerei, wenn es um verletzte Ehre oder die Rache für das verlorene Vorrundenspiel gegen die „Anderen“ geht. Auch im Jahr der Fußballweltmeisterschaft 2006 kann Fußball gnadenlos sein - und wird es auch bleiben. Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft, das Abbild einer Umwelt, in der „Fair Play“ nicht immer belohnt sondern häufig bestraft wird. Fußballbegegnungen als Zufall oder Inszenierung
Doch Fußball muss nicht gnadenlos sein. Im Gegenteil. Ebenfalls täglich finden beim Fußballspiel (junge) Menschen spielerisch zueinander, die sich im Alltag skeptisch gegenüber stehen, weil der andere „anders“ ist. Der dringliche Wunsch, mit „anderen“ Fußballspielen zu dürfen, überwindet die Grenzen der Abschottung. Ohne ein Zutun von außen entstehen Freundschaften, weil man sich jeden Tag trifft, sich kennen- und manchmal auch schätzen lernt. Der Bolzplatz ist Ort der Ausgrenzung und Ort der Begegnung - in Deutschland genauso wie in Kolumbien, Ruanda oder im Kosovo. Fußball für das Leben „Fußball für das Leben“ ist der Name eines Projektes in Costa Rica. In den Slums von San Jose leben viele Jugendliche ohne private und berufliche Perspektive und wachsen auf in einem Klima von Gewalt, Drogen und Bandenbildung beim Kampf ums Überleben. Mitarbeiter der Kirche und engagierte Personen aus außerkirchlichen Bereichen mit Erfahrungen in Kinder- und Jugendarbeit gründeten im April 2004 den Verein OIKOS (Institut für Bildung und Entwicklung). Bei der Suche nach einem geeigneten Instrument für die Ansprache von Jugendlichen versuchten sie es mit Fußball. In persönlichen Gesprächen und mit Plakaten motivierten sie Kinder und Jugendliche. Schon nach einer Woche hatten sich 120 begeisterte Jungen und 30 Mädchen gemeldet. In einem angrenzenden Stadtteil wurde daraufhin ein Fußballplatz von der Gemeinde angemietet. Hier trainieren die Jugendlichen dreimal in der Woche in verschiedenen Altersklassen. Die Jüngsten, acht bis zehn Jahre spielen in gemischten Gruppen, die anderen bilden Mädchen- und Jungenteams. Die sportliche Seite des Programms wird von einem professionellen Trainer aus Costa Rica betreut, der auch die Jugendtrainer ausbildet. Doch das Programm reicht aber weit über den Sport hinaus. Jugendsozialarbeiter bieten den Jugendlichen weitere Unterstützung an. Sie helfen bei familiären Problemen, versuchen sie wieder in die Schule zu integrieren und vermitteln Ausbildungskurse. Auf dem Spielfeld werden vor allem soziales Verhalten wie Fairness und Gemeinschaftssinn gefördert, um über den Sport hinaus das Selbstbewusstsein der Jugendlichen und ihr Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Die Mitarbeiter bemühen sich, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Gemeindevertreter in die Aktivitäten mit einzubeziehen. „Hier schreien wir uns nicht gleich an, wenn einer mal einen Fehler gemacht hat“, wird ein sechzehnjähriger Junge zitiert, „wir wollen ja zusammenspielen. Das ist schon sehr viel besser als in unserem Wohnviertel, wo die Leute gleich aufeinander losgehen. Hier lernen wir Respekt voreinander.“
Das von „Brot für die Welt“ geförderte Projekt ist ein typisches Beispiel für den weltweit anzutreffenden Versuch, Fußball als Instrument der Gewaltprävention für benachteiligte und gefährdete Jugendliche zu nutzen. Nicht nur entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen sind auf diesem Gebiet tätig, sondern auch nationale und internationale Sportverbände wie die FIFA (Weltfußballverband), der DFB (Deutscher Fußballbund) oder das NOK (Nationales Olympisches Komitee). Für ein Fußballprojekt in Afghanistan war die Weltfußballerin Birgit Prinz sogar vor Ort. Sie berichtet: „Wir wollen Straßenkindern helfen, eine ordentliche Ausbildung zu erlangen. Der Fußball ist dabei mehr Mittel zum Zweck. Die Kinder sollen über das Spielen zum Lernen motiviert werden, dabei steht aber die Bildung eindeutig im Mittelpunkt unserer Arbeit.“ Ein besonderer Augenmerk gilt Frauen und Mädchen: „Für die Frauen und Mädchen ist es eine Befreiung, Fußball spielen zu dürfen. Vielleicht gelingt es uns auch, bei den Kindern ein neues, offeneres und tolerantes Weltbild zu fördern“. Eine Herausforderung für Projekte dieser Art stellen die Nachhaltigkeit und die Übertragbarkeit vom „Spiel“ aufs „Leben“ dar. Denn über den Fußball gelingt es in der Tat hervorragend, Kinder und Jugendliche anzusprechen, die alleine nur schwer einen Weg aus Perspektivlosigkeit und Gewaltspirale finden. Dies gilt allerdings nur bis zu einer gewissen Altersgrenze. In der jugendlichen Phase der Ansprechbarkeit und der Einbeziehung in ein Projekt müssen deshalb in kurzer Zeit grundlegende Kompetenzen und Fähigkeiten zum Umgang mit Konflikten spielerisch vermittelt und gleichzeitig persönliche Lebensperspektiven im Rahmen der realen gesellschaftlichen Bedingungen eröffnet werden. Denn was passiert mit den Jugendlichen wenn sie den Schritt ins Berufsleben gehen sollen? Werden sie weiterhin begleitet und betreut? Können sie die erworbenen Fähigkeiten, den hoffentlich verinnerlichten Mut zum „Fair Play“ auch im „wirklichen Leben“ umsetzen? Fußball als Weg zur Versöhnung
Der Krimi- und Beststellerautor Henning Mankell berichtet in einem Interview über ein Fußballspiel, das ihn besonders beeindruckt hat: In Mosambik trafen jugendliche Ex-Soldaten, die sich zuvor während des Bürgerkrieges gegenseitig nach dem Leben trachteten, in einem Fußballspiel aufeinander: „Sie sollten lernen, mit Konflikten auf andere Art umzugehen. Und sie taten das beim Fußball. Ich glaube nicht, dass das Spiel das Problem löste. Aber es zeigte eine Möglichkeit auf. Ich hatte das Gefühl, diese Jungen würden nicht mehr losziehen und sich gegenseitig umbringen. Denn sie hatten sich nun unter anderen Vorzeichen kennengelernt.“ Nach dem Spiel ... ... ist vor dem Spiel“ - Diese Fußballweisheit darf nicht gelten, wenn es um den Fußball als Instrument von Gewaltprävention und Versöhnung geht. Nach dem Spiel (bzw. nach Ende des Projektes) muss vieles anderes sein, vor allem aber die Einstellung der beteiligen Menschen zu sich selbst und gegenüber den „Anderen“. „Interkultureller Dialog“, so der erfahrene Fußballtrainer Jupp Heynkes über seine Erfahrungen mit Spitzenteams, „ist genauso wichtig wie fußballerisches Talent“. An der erworbenen Dialogfähigkeit der beteiligten Menschen wird sich auch der Erfolg von Fußball als Ansatz für Gewaltprävention und Versöhnung entscheiden.
Uli Jäger: Gewinnen statt hassen. Fußball als Beitrag zur Gewaltprävention und Versöhnung. |