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Frankfurt am Main (ger) - Der Ball rollt weiter. Ungeachtet der letzten Mißerfolge deutscher Mannschaften auf internationaler Bühne bleibt der Fußball im Lande Sepp Herbergers der Sport Nummer eins. Mehr denn je pilgern die Menschen in die immer größeren Stadien, die Umsätze der Vereine steigen auch dank der Fernsehgelder in vor Jahren noch kaum vorstellbare Höhen. Sogar große, bundesweite Tageszeitungen, die dem Leder lange eher reserviert gegenüberstanden, tragen mit zunehmender Sportberichterstattung dem Phänomen Rechnung: Fußball ist in Deutschland ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft.
Was das konkret bedeutet, wird wohl an kaum einer Stelle im Land spürbarer als in den zwei kleinen, bis unter die Decke mit Unterlagen, Dokumentationen und Materialsammlungen vollgeräumten Zimmern im Haus des Deutschen Sports in Frankfurt am Main. Hier sitzt unter dem Dach der Deutschen Sportjugend. seit August 1993 die Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS): die Antwort auf Angst und Schrecken, den seit Anfang der 80er Jahre zunehmend gewaltbereite Fan-Gruppen über Fußball-Deutschland verbreiteten. Darüber hinaus aber auch das Ergebnis der grundlegenden Einsicht von Sportfunktionären und Politik, daß die Welt des nationalen Großereignisses Fußball eben nicht nur von vier kleinen, gelben Eckfähnchen begrenzt ist.
Mit Erfolg. Wenn der Leiter der KOS, der Sozialpädagoge Thomas Schneider, auf die Arbeit der vergangenen fünf Jahre zurückblickt, kann er zufrieden sein. Die Zahl der Fan-Projekte ist in diesem Zeitraum bundesweit von zwölf auf 28 angewachsen. Damit sind die Vorgaben des "Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit" von 1992 fast erfüllt, das im Umfeld zumindest aller Vereine der ersten und zweiten Bundesliga FanProjekte vorsieht. Vor allem in Ostdeutschland konnte innerhalb weniger Jahre aus dem Nichts eine sozialbetreute Fankultur aufgebaut werden.
"Die Prävention hat gewirkt!"
"Vor allem die Prävention hat gewirkt" sagt Schneider und verweist auf den spürbaren Rückgang von gewalttätigen Ausschreitungen bei Fußballspielen. Noch wichtiger ist für ihn aber: "Die Szene ist bekannt." Die Vorgänge innerhalb der jugendlichen Subkultür der Fußballfans und Hooligans sind kein unergründbares Phänomen mehr, dem damals allein die Ordnungskräfte gegenüberstanden. Die Arbeit der Streetworker hat Einblicke verschafft: in das Umfeld der Fans, die oft unter Alkohol sich - und manchmal eben auch andere - für ihren Verein zerreißen, genauso wie in das Umfeld der harten HoolsSzene, von denen einige an dem Geschehen auf dem grünen Rasen gar nicht mehr interessiert scheinen, sondern zumeist gut organisierte "Schlachten mit Feindgruppen"oder mit der Polizei führen. Dort suchen sie den "Kick" für ihren als so langweilig empfundenen Lebensalltag. Viele wichtige Beziehungen seien hier in den vergangenen Jahren entstanden, auf die sich aufbauen lasse, sagt Schneider, und die Freude, die ihm seine Arbeit macht, wird spürbar.
Doch mehr als fünf Jahre Koordinationsstelle Fan-Präjekte sind keine reine Erfolgsgeschichte. Thomas Schneider ist selbstkritisch: Vorgänge wie zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Lens waren für ihn ein Schlag in den Magen. "Sie zeigen auch unsere Ohnmacht", gesteht Schneider.
Massenansturm wie zur WM könne er mit seiner Handvoll Mitarbeiter kaum etwas entgegensetzen. "Wenn es dann noch zu panikartigen Tumultszenen wie kurz vor dem mörderischen Angriff auf den französischen Polizisten kommt, ..." Schneider schweigt.
Die KOS hat das Unternehmen Weltmeisterschaft auf ihrer Fan-Projekte Werkstatt Mitte Oktober in Nürnberg laut Schneider "schonungslos aufgearbeitet". Auch wenn der WM-Einsatz, nicht zuletzt dank der ausgesprochen guten Erfahrungen bei der Europameisterschaft in England zwei Jahre zuvor, insgesamt positiv war, ist für Schneider klargeworden: Das Profil der Arbeit muß immer wieder überprüft, eigene Schwerpunkte in Frage gestellt werden.
Eine Entwicklung ist dabei für ihn besonders beängstigend: "Es gibt immer weniger Leute in unseren Reihen, die den harten Kern in der gewaltbereiten Szene wirklich kennen." Ursache sei nicht etwa das mangelhafte Engagement der Sozialarbeiter, sondern die schnellen Veränderungen in der Hools-Szene.
"Neue Qualität von Rechtsextremismus"
Ein weiteres Sorgenfeld ist für Schneider der Rechtsextremismus. Anders als die sehr offensichtlich rechtsradikalen Stammtischparolen, die vor einigen Jahren aus den Stadionkurven verbannt werden konnten, habe dieser eine "neue Qualität" erreicht. Die Fanexperten beobachten ein systematisches Einsickern von rechtsextremen Inhalten in die Alltagskultur der Fanszene, die männlich dominiert, ohnehin für Werte wie Treue und Pflichterfüllung sehr änsprechbar sei. Daß rechtsradikale Parteien im Umfeld von Fußballspielen massiv Werbung machen, ist deshalb für Schneider kein Zufall. Der deutsche Hooligan, früher grundsätzlich eher unpolitisch, rückt seiner Einschätzung nach "ideologisch immer weiter nach rechts".
Wie darauf reagieren? Schneider fordert hier von. allen Beteiligten eine klare und unmißverständliche Haltung. Der jetzt vom DFB verkündete, Anti-Rassismus-Paragraph, der Verstöße mit Stadionverbot ahndet, wird von ihm begrüßt. Die Aussperrung dürfe aber nicht die Ausgrenzung bedeuten, ergänzt er. Das Stadionverbot müsse vielmehr der Anfang zum Dialog sein. Ein Dialog üb er die eigenen Grenzen und die Folgen, wenn sie überschritten werden.
Wichtig ist für Schneider besonders eine "Trennschärfe" zwischen den Claqueuren und där harten Szene. Das gelte sowohl für die Rechtsradikalen - wie für die Schlägerszene. Diese Trennschärfe läßt sich aber kaum mit den Videokameras des Ordnungsdienstes erreichen. "Wir müssen mit den Leuten im Gespräch bleiben", mahnt Schneider unverdrossen und weiß nur zu gut, daß ihm die Mitarbeiter gerade für die aufreibende Arbeit in den Härtegruppen fehlen. Doch es gibt für ihn keine Alternative: "Wer soll und wer kann denn mit diesen Menschen noch reden, wenn nicht wir?"
Koordinationsstelle Fan-Projekte
Otto-Fleck-Schneise 12 o 60528 Frankfurt a. M.
Ansprechpartner: Thomas Schneider
Tel. (0 69) 6 70 02 76 Fax (0 69) 67 38 35
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): KABI, Heft 44 / 1998.