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Die Olympischen Winterspiele von 1984 in Sarajevo waren ein überwältigender Erfolg: die angestrebten Ziele wurden auf eindrucksvolle Weise erreicht. Es war ein großes Fest, an dem sich nach anfänglichem Zögern alle Republiken Jugoslawiens beteiligten. Sie alle schickten Helfer und Kampfrichter, produzierten Ausrüstungsgüter und Sportartikel für die Spiele, delegierten Experten für die Vorbereitung der Pisten und bereicherten das Hotel- und Restaurantangebot in der bosnischen Kapitale. Mit den Spielen waren ursprünglich wirtschaftliche Ziele, der Ausbau der Umgebung Sarajevos als Wintersportgeblet angestrebt worden; weiterhin sollten sie einen bedeutenden Beitrag des blockfreien Landes Jugoslawien zum Weltfrieden leisten und zu einer Demonstration der Einheit der Nation werden. Im Rückblick erscheinen sie heute als „die vielleicht letzte Manifestation des Zusammenhalts des Vielvölkerstaats”. Der das sagt, ist Professor Ljubisa Zecevic, einer der Verantwortlichen der Spiele. Um seinLebenzu retten, mußte er Sarajevo verlassen; er lebt inzwischen mit seiner Frau als Flüchtling in Berlin, unterstützt vom Deutschen Nationalen Olympischen Komitee. Professor Zecevic lehrte Sporttheorie an der Universität Sarajevo, seine Frau, eine Architektin, leitete das Institut für die Erhaltung der Umwelt und des kulturellen Erbes der Stadt Sarajevo. Eine Rückkehr nach Bosnien? Ihre Heimat, die multikulturelle Region Sarajevo, gibt es nicht mehr. In der Konstruktion, die der Teilungsplan Bosniens vorsieht, gibt es für sie, mit ihren unterschiedlichen Herkünften, einmal serbisch-kroatisch, zum anderen bosnisch-moslemisch, keinen Platz, wo sie leben könnten.
Schon lange vor den Spielen von 1984 waren Auflösungstendenzen der Jugoslawischen Konföderation spürbar. Seit der Verabschiedung der neuen Staatsverfassung im Jahre 1974 seien, meint Professor Zecevic, innerhalb der kommunistischen Partei ökonomische Divergenzen hervorgetreten, die sich zunehmend in der Gestalt von ethnischem Nationalismus geäußert hätten. Aber als dann die Olympischen Spiele begannen, seien die Menschen von Begeisterung ergriffen worden und zu einer „großen Einheit verschmolzen”. Kein Zweifel, in Sarajevo hatte ein friedliches und gemeinschaftsstiftendes olympisches Fest stattgefunden. Was ist von ihmgeblieben?
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Von den Olympischen Spielen in Sarajevo ist nicht der Frieden, nicht die Einheit und nicht die Zukunft geblieben. Was also können Olympische Spiele bewirken, wenn sie nicht
Frieden schaffen? Unzweifelhaft erzeugen sie in der Zeit, in der sie abgehalten werden, spürbare Effekte. Coubertin hatte mit der Aufführung eines Kultes eine Art magischer Formel gefunden. Das Interessante daran ist, daß niemand an die Wirksamkeit der rituellen Akte, Beschwörungen, Zauberworte dieses Kults glaubt, daß ihn kaum jemand richtig zur Kenntnis nimmt, ja, daß er in Einzelheiten manchmal lächerlich, manchmal peinlich wirkt. Es kommt auf den Inhalt kaum an.
Er besitzt keine Botschaft, sondern er ist selbst die Botschaft. Wichtig an ihm ist allein, daß er vollzogen und übermittelt wird, daß die Zuschauer direkt von ihm angesprochen und an ihm beteiligt werden, daß sie sich dabei mit allen anderen Beteiligten verbunden fühlen. Die Olympischen Spiele sind auf Stimmungserzeugung ausgerichtet –Coubertin war ein großer Anhänger und gelehriger Schüler Richard Wagners.
Die Stimmung bei den Spielen hat einen mobilisierenden Charakter: es ist die Stimmung eines Versprechens, das feierliche Versprechen von Wettkampf und Frieden zugleich. Es wird einer Gemeinschaft gegeben, die sich im Stadion und vor den Fernsehapparaten versammelt hat, wie ein direktes Versprechen zwischen zwei Menschen. Stimmungen sind keine Garantie für dessen Einhaltung. Über den Rahmen des olympischen Festes hinaus dringt wenig nach außen und in die Zukunft. Später gibt es bei den Beteiligten die Erinnerung, vielleicht auch die Sehnsucht nach den magischen Momenten des Versprechens. Aber dieses ist nicht greifbar und nicht einklagbar. Das einzige, was von ihm überdauert, ist die rituelle Formel vom „Olympischen Frieden”. Wer über sie verfügt, besitzt die symbolische Macht, das Friedensversprechen in der Erinnerung wieder präsent zu machen. Aber mit den Akten der Vergegenwärtigung wird kein Frieden gestiftet, sondern nur an die im kollektiven Gedächtnis aufbewahrte
Friedensstimmung appelliert.
Gunter Gebauer: Krieg und Spiele. Was bewirkte der olympische Frieden? In: Ders. (Hrsg.): Olympische Spiele – die andere Utopie der Moderne. Olympia zwischen Kult und Droge. Edition Suhrkamp, Frankfurt / Main 1996, S. 279 ff.