Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Fair Play / Friedenspädagogik und Fair Play

Friedenspädagogik und Fair Play - Sport und internationale Zivilgesellschaft

Sport in der Flüchtlings-, Entwicklungs- und Versöhnungsarbeit

„When one is actice in sports, one does not commit genocide” – mit dieser einfachen Formel wird eine Schülerin zitiert, die 1994 während des Bürgerkrieges in Ruanda unvorstellbare Greueltaten überlebt hat. Vier Jahre später nimmt sie an einem Ausbildungsprogramm der ruandischen Regierung und des ruandischen Olympischen Komitees teil. Im Rahmen dieses Programmes werden möglichst viele am Sport interessierte junge Menschen als Volley-Ball-Trainer und Trainerinnen ausgebildet. Sie alle sollen nach ihrer Ausbildung mit dazu beitragen, daß Kinder und Jugendliche lernen, ihre erlittenen Kriegstraumata durch sportliche Betätigung und die Förderung von Teamgeist zu überwinden.
Sportliche Angebote werden auch am Ende eines gewaltsamen Konfliktes bei der notwendigen Versöhnungsarbeit erfolgreich eingesetzt. Vor allem bei ethnopolitischen Konflikten lassen sich im Sport Menschen zusammenführen, die den unterschiedlichen Konfliktparteien angehören und ohne einen konkreten Anlaß kaum Gelegenheit zum gegenseitigen Treffen und Kennenlernen hätten. Manchmal finden derartige Begegnungstreffen ohne äusseren Problemdruck im „geschützten” Ausland statt.
Um Ausgleich und um zumindest kurzfristige Perspektiven ringen Millionen von Flüchtlingen, die in den Baracken und Lagern von der Hilfe von aussen abhängig sind. „Sport und Freizeit sind überlebenswichtig für alle Kinder. Bei der Hilfe für Flüchtlingskinder sind sie unersetzbar, um eine zerstörte Welt wiederaufzubauen“, so Sadako Ogata, Hohe Kommisarin der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR. Die UN-Organisation betreut seit 1998 ein Lager in Tansania, in dem über 20.800 jugendliche Flüchtlinge untergebracht sind. Wie lange sie dort leben müssen, kann niemand vorhersagen. UNHCR bittet in solchen Fällen auch die internationalen und nationalen Sportverbände um Unterstützung ihrer Arbeit und es entstehen interessante Kooperationen. Das Nationale Olympische Komitee in Deutschland (NOK) arbeitet zum Beispiel seit Jahren mit dem Flüchtlingshilfswerk zusammen und so erhielten 1999 auch die Flüchtlinge in dem tansanischen Lager Sportmaterialien aus Deutschland (Volleybälle, Fußbälle, Bekleidung).
Nichtregierungsorganisationen wie zum Beispiel die Evangelische Aktion „Brot für die Welt“ unterstützen Selbsthilfe-Projekte in vielen Ländern dieser Erde, bei denen der Sport eine wichtige Rolle spielt. Die Projektpartner in Afrika, Asien, Lateinamerika oder auch in Osteuropa wissen, daß durch Sport das Selbstbewußtsein gestärkt werden kann und daß zumindest in Ansätzen soziale Gräben überwunden werden können. Sportliche Angebote fördern die gesellschaftliche Integration von Straßenkindern oder bieten Anreize, um Kenntnisse und Fähigkeiten, die für einen Einstieg in das Berufsleben notwendig sind, weitergeben zu können.
Sport und Gewaltprävention
Doch nicht nur in den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Erde erfüllt der Sport die Erwartungen, einen Beitrag zum Aufbau und zur Förderung ziviler Gesellschaften zu leisten. Wie man weiss, sind auch die gefestigten Demokratien von Konflikteskalation und Gewalt keineswegs verschont. Besonders beeindruckende Berichte über sportliche Angebote als jugendgerechte Form der Gewaltprävention kommen aus den USA. Die „Mitternachtsspiele” sind zum Symbol für Gewalt- und Kriminalitätsprävention durch sportliche Angebote geworden. Mit Basketball-Spielen in der Nacht zwischen 22 Uhr und 2 Uhr morgens sollen jugendliche Amerikaner vor dem gefürchteten Abgleiten in den Drogenkonsum und in die Kriminalität geschützt werden. Nach den ersten Initiativen 1986 hat sich in den Staaten – analog zur National Basketball Association League, NBA – eine Midnight Basketball League, MBL, etabliert. Ihr gehören rund 10.000 junge Sportler an. Die meisten MBL-Spieler sind Afroamerikaner, stammen also aus der zahlenmäßig stärksten Gemeinschaft in den Armenvierteln der Großstädte. Die Spieler verdienen kein Geld und müssen vor jedem Match an einer einstündigen Aussprache teilnehmen. Dort wird über verschiedene Themen diskutiert: Wie gestalte ich ein Vorstellungsgespräche bei einem neuen Arbeitgebere? Wie kann ich Konflikte ohne den Einsatz von Gewalt lösen? Wie kann ich mich vor Aids schützen und der Macht der Drogen entgehen? Garry A. Sailes, Professor für Sportsoziologie an der Universität Indiana, bilanziert: „Für die Jugendlichen aus Armenvierteln bietet die MBL nicht nur Gelegenehit Basketball zu spielen, sondern auch Möglichkeiten, Identität und Selbstsicherheit zu finden.”
Zwischenzeitlich gibt es die Mitternachtsspiele in unterschiedlichsten Formen auch in Deutschland. Veranstalter und Förderer sind meistens die Kommunen in Zusammenarbeit mit den Sportvereinen und häufig auch der Polizei. Dominik Hermle, einer der „Macher“ der Mitternachtsspiele in Stuttgart: „Unser Projekt versucht, den sozialen Problemen von Jugendlichen wie Kriminalität, Armut, Drogenabhängigkeit und Arbveitslosigkeit entgegenzuwirken. Der Sport kann die Probleme nicht lösen, aber vielfältige Beiträge dazu leisten. Er kann einen positiven Einfluß auf andere Lebensbereiche haben, hilft Aggressionen abzubauen, stärkt das Selbstvertrauen, schult Toleranz gegenüber anderen, lehrt Verantwortung zu übernehmen. Die Jugendlichen in Stuttgart nehmen das Angebot an.“
Die „Mitternachtsspiele” sind allerdings nur ein besonders spektakulärer und manchen Jugendgruppen angemessener Baustein, wenn es um den Themenbereich „Sport und Gewaltprävention” geht. In einer Reihe von Veröffentlichungen und Dokumentation ist zwischenzeitlich nachzulesen, wie im sportlichen Bereich exemplarisch gelernt werden kann, sich fair gegenüber anderen zu verhalten und mit Konflikten konstruktiv umzugehen.
Fair Play in der Einen Welt
Der Sportwissenschaftler Ommo Grupe schreibt: „Neben dem an Fairneß gebundenen Könnens- und Leistungsprinzip ist es die Pflege der sportlichen Vielfalt, die den olympischen Sport kennzeichnet. Man muß diese Vielfalt vor dem Hintergrund einer multikulturellen Welt, mit der es der auf Internationalität ausgerichtete olympische Sport heute in besonderer Weise zu tun hat, sogar besonders pflegen. Dieser Vielfalt entsprechen die olympischen Werte der Friedlichkeit, des gegenseitigen Respekts und der Internationalität in besonderer Weise. Sie reichen natürlich nicht, Konflikte zu lösen, wohl aber, Modelle für den Umgang mit Konflikten anzubieten. Der olympisch orientierte Sport setzt ausdrücklich die Akzeptanz des Andersseins voraus, und er erzeugt sie dann auch, wenn er sich konsequent gegen die Diskriminierung von Rasse, Religion und Geschlecht richtet. Auch dies entspricht einer alten Forderung Coubertins.”
Fairness bedeutet Einhaltung von vereinbarten Regeln, Verzicht auf unberechtigte Vorteile, Chancengleichheit, rücksichtsvolles Verhalten, Achtung des sportlichen Gegners und Akzeptanz des Anderen. Fairness als sportliche und moralische Grundhaltung ist in der heutigen Welt bedroht, nicht nur im Sport, sondern auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Gleichzeitig bieten die Regeln der Fairness nachvollziehbare Möglichkeiten für eine Orientierung in einer Welt voller Konkurrenz.
Uli Jäger, Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School