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Dieser besondere Charakter des Nationalsozialismus bildet auch den Rahmen für eine angemessene Erörterung von Ursachen Zielen und strukturellen Wesensmerkmalen des "Unternehmens Barbarossa", die sich nicht im Nachzeichnen von militärischen Frontverläufen oder Schlachtenszenarios verliert. In der Geschichtswissenschaft ist die These, daß die Entscheidung Hitlers zum Krieg gegen die Sowjetunion keinesfalls monokausal aus der politischen und militärstrategischen Situation im Sommer 1940 - der Niederlage Frankreichs einerseits und der Weigerung Englands, einen Kompromißfrieden mit dem Deutschen Reich zu schließen, andererseits - erklärt werden kann, sondern im Kontext seiner schon vor 1933 entwickelten programmatischen Vorstellungen für die Eroberung von "Lebensraum im Osten" reflektiert werden muß, weitgehend anerkannt.(17)
In seiner bahnbrechenden Habilitationsschrift über Hitlers Strategie hat Andreas Hillgruber schon 1965 vier politisch-wirtschaftliche Zielkomplexe auf rassenideologischer Grundlage als Motive des NS-Regimes für den Krieg gegen die UdSSR herausgearbeitet (18):
- die Vernichtung der "jüdisch-bolschewistischen" Führungsschicht sowie der Juden selbst, da sie die "biologische Wurzel" des Bolschewismus seien;
- die Gewinnung von Kolonial- und Lebensraum für das Dritte Reich;
- die Dezimierung und Unterwerfung der slawischen Bevölkerung;
- die Errichtung eines autarken, blockadefesten Kontinentaleuropa unter der Vorherrschaft Deutschlands als Plattform zur Erringung einer Weltmachtstellung.
Die "Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung" nannte Hitler schon vier Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler in einer zweieinhalbstündigen Rede vor den Befehlshabern der Reichswehr als Ziel seiner Politik.(19) Wie sehr dieses Ziel auch während der "Friedenszeit" des Regimes bei der militärischen Führung präsent war, zeigt eine Denkschrift des Heeresoberbefehlshabers von Fritsch an Reichsminister von Blomberg über eine zweckmäßige Organisation der Wehrmachtführung vom August 1937, in der von Fritsch seine Sichtweise deutlich macht: "Als Kontinentalmacht werden wir letzten Endes unsere Siege auf der Erde gewinnen müssen. Und solange die Ziele eines deutschen Sieges nur in Ost-Eroberungen liegen können, wird auch nur das Heer durch Eroberung im Osten, durch Halten im Westen, die letzte Entscheidung bringen."(20)
Die Eroberung russischen Territoriums zum Zwecke der Gewinnung von Kolonial- und "Lebensraum" waren keine Erfindungen Hitlers, sondern gehörten schon zum Expansionsprogramm und zu den Kriegszielen des deutschen Kaiserreiches, einschließlich dessen militärischer und wirtschaftlicher Eliten. Bei den Annexionisten des Ersten Weltkrieges dominierte die Vorstellung, Deutschland sei bei der kolonialen Aufteilung der Welt zu kurz gekommen und müsse sich jetzt auf Kosten Osteuropas, vor allem Rußlands, eine autarke, blockadefreie Weltmachtstellung aufbauen. Daß dieses ostexpansive Denken nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918 - bei allen politischen Brüchen und Modifikationen - gerade auch in führenden Kreisen der Wirtschaft zwischen den beiden Weltkriegen virulent blieb, hat Rolf-Dieter Müller in seiner Dissertation umfassend und überzeugend herausgearbeitet.(21)
Insofern ist Hitlers Kriegszielprogramm gegenüber der Sowjetunion eine radikalisierte Wiederauflage der imperialistischen Kriegsziele, die das deutsche Kaiserreich im Osten verfolgt und zuletzt verfehlt hatte. Es verwundert deshalb nicht, daß für die wirtschaftspolitischen Planungen des "Unternehmens Barbarossa" von Anfang an führende Vertreter der Privatindustrie mitverantwortlich waren. So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, unter maßgeblicher Beteiligung der IG Farben und der Deutschen Bank am 27. März 1941 eine "Kontinentale-Öl-AG" gegründet, die das Recht erhielt, sich die Mineralölindustrie in den eroberten Ostgebieten auf 99 Jahre hinaus anzueignen.(22)
Nicht verkannt werden sollte, daß Hitlers "Ostprogramm" ein Amalgam von strategischen, ökonomischen und rassenideologischen Elementen darstellt. Dessen rassenideologische Basis hatte auch eine praktische, sozusagen für den intendierten Eroberungskrieg funktional günstige Seite. Der Kampf um "Lebensraum im Osten" rechtfertigte den Krieg als Recht des Stärkeren zur Durchsetzung machtpolitischer und wirtschaftlicher Interessen in einer nach der vermeintlichen rassischen Wertigkeit ihrer Völker eingeteilten Welt. Für die geplante Unterwerfung der Sowjetunion war es von Vorteil, die slawischen Völker als "Untermenschen" anzusehen. Deren entmenschlichter Status ermöglichte den Abbau moralischer Barrieren für die notwendige Entgrenzung von Gewalt im "totalen Krieg", der zwecks Optimierung seiner Erfolgsaussichten auch mit inhumansten Mitteln geführt werden sollte. Jürgen Förster konstatiert eine weitgehende "Übereinstimmung von Militärs, Wirtschaftlern und Diplomaten mit Hitler in bezug auf die Gewinnung des ,russischen Raumes', auf seine Nutzung sowie die Behandlung der slawischen Bevölkerung."(23)
Diese Lebensraumprogrammatik war auch "kompatibel" mit der veränderten militärstrategischen Situation im Sommer 1940, nachdem England und Frankreich schon im September 1939 aufgrund des deutschen Überfalls auf Polen entgegen Hitlers Erwartungen Deutschland den Krieg erklärt hatten und auch jetzt - nach der militärischen Niederwerfung Frankreichs - England nicht zum "Einlenken" genötigt werden konnte. Mit der Wendung des Krieges gegen die Sowjetunion schien ein Konglomerat von Problemen und Zielsetzungen einer Lösung bzw. Realisierung greifbar nahe: Hier konnten Ernährungsbasis und Rohstoffe für einen langen Krieg gewonnen, Deutschland unangreifbar gemacht, der "jüdische Bolschewismus" vernichtet, "Lebensraum" erobert und Großbritannien auf indirektem Wege in die Knie gezwungen werden. "Präventiv", so der langjährige Leitende Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr Manfred Messerschmidt, "war er (= der Krieg gegen die Sowjetunion) mit Blick auf die Sorge vor dem Auftreten der vereinigten angelsächsischen Mächte."(24)
Im Gegensatz zu dieser Einschätzung Messerschmidts behaupten die Vertreter der sog. Präventivkriegsthese, daß Hitler mit dem Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 lediglich einem sowjetischen Angriff zuvorgekommen sei.(25) Nachdem seit Beginn der 90er Jahre vorher nicht erreichbare Quellen aus russischen Archiven zugänglich sind, steht fest, daß es auch vom sowjetischen Generalstab konkrete Angriffsplanungen und militärische Optionen für einen "präventiven" Schlag gegen einen bevorstehenden deutschen Überfall gab. Es fehlt allerdings jeglicher Nachweis, daß Stalin militärstrategische Optionsmodelle des Generalstabs in einen politischen Entschluß zum Angriff auf Deutschland umsetzen wollte. Zwar spielte in Stalins Langzeitstrategie der Gedanke eine Rolle, in einem Abnutzungskrieg der kapitalistischen Länder gegeneinander als letzter entscheidend aufzutreten, um das volle militärische Gewicht der UdSSR dann zum richtigen Zeitpunkt in die Waagschale werfen zu können. Ob er jedoch bereit gewesen wäre alleine gegen Hitler-Deutschland anzutreten, das 1941 zweifellos auf dem Gipfel seiner Macht stand und im Westen kaum angreifbar war, erscheint mehr als spekulativ.
Entscheidend aber für die Widerlegung der Präventivkriegsthese ist, daß Mutmaßungen über Angriffsabsichten Stalins nicht nur unbewiesen sind, sondern bei der Entscheidungsfindung der deutschen politischen und militärischen Führung an keiner Stelle eine Rolle gespielt haben. Nach Einschätzung des deutschen Generalstabes trugen die Maßnahmen der Roten Armee vor dem deutschen Überfall im wesentlichen defensiven Charakter und fanden als zeitlich nachgeordnete Reaktionen auf die Truppenmassierungen der Wehrmacht in Grenznähe statt.
Die Forschung hat die wichtigsten Stationen der Argumentations- und Motivationskette der deutschen Entscheidungsträger für diesen Krieg, an ihrer Spitze Adolf Hitler, bruchlos nachgewiesen: von der militärstrategischen Begründung der Entscheidung Hitlers zum Krieg im Juli 1940 - "Rußland (muß) erledigt werden. Frühjahr 1941 (...) dann ist Englands letzte Hoffnung getilgt"(26) - bis zur offenen Wendung zum ideologischen Vernichtungskrieg gegen den "jüdischen Bolschewismus" in seiner Rede vor den Oberbefehlshabern und Chefs der Generalstäbe am 30. März 1941.(27) Bedrohungsvorstellungen spielten dabei keine Rolle. Im Gegenteil, man war sich der eigenen Überlegenheit absolut sicher und erwartete einen glänzenden Sieg: "Der Führer schätzt die Aktion auf etwa 4 Monate, ich schätze auf weniger. Der Bolschewismus wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Wir stehen vor einem Siegeszug ohnegleichen."(28)