Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Materialienanhang zur Unterrichtssequenz

Materialsammlung zur Unterrichtssequenz "Das Unternehmen Barbarossa 1941 als Vernichtungskrieg"

M 1 
Hitlers Vorgaben zum Vernichtungskrieg

Notizen von Generaloberst Halder aus Hitlers Ansprache vom 30.3.1941 vor 250 Generälen und hohen Offizieren:
"Unsere Aufgaben gegenüber Rußland: Wehrmacht zerschlagen, Staat auflösen (...) Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander. Vernichtendes Urteil über Bolschewismus, ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus ungeheure Gefahr für die Zukunft. Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf (...) Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz."
Quelle:
Halder, Generaloberst (Franz): Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres 1939-1942.
Bd. 1-3, Stuttgart 1962-64, hier Bd. 2, S. 335 ff.
Leitfragen:
Welche Aufgaben nennt Hitler gegenüber Rußland?
Was soll mit dem sowjetischen Staat und dessen "Wehrmacht" geschehen?
Welchen Charakter hat die Bekämpfung des Kommunismus?

M 2
"Lebensraum" im Osten

Hitler in "Mein Kampf" 1925/26:
"Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein. Zur Weltmacht aber braucht es jene Größe, die ihm in der heutigen Zeit die notwendige Bedeutung und seinen Bürgern das Leben gibt. Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewußt einen Strich unter die außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten denken. Das Schicksal selbst scheint uns hier einen Fingerzeig geben zu wollen. Indem es Rußland dem Bolschewismus überantwortete, raubte es dem russischen Volk jene Intelligenz, die bisher dessen staatlichen Bestand herbeiführte und garantierte."
Quelle:
Hitler, Adolf: Mein Kampf. Bd. 2. 25./26. Aufl. München 1933, S. 742. - Hitler hat den 1. Band von "Mein Kampf" während seiner Landsberger Haft (1924) geschrieben und den 2. Band 1926 abgeschlossen.
Leitfragen:
Welche Stellung beansprucht Hitler für Deutschland in der Welt?
Auf wessen Kosten soll neuer "Grund und Boden" erobert werden?
Wie begründet Hitler seine Ziele?

M 3
Wirtschafts- und Hungerpolitik

Aktennotiz über eine Besprechung der Staatssekretäre vom 2.5.1941
1. Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Rußland ernährt wird.
2. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.
3. Am wichtigsten ist die Bergung und Abtransport von Ölsaaten, Ölkuchen, dann erst Getreide. Das vorhandene Fett und Fleisch wird voraussichtlich die Truppe verbrauchen.
4. Die Beschäftigung der Industrie darf nur auf Mangelgebieten wieder aufgenommen werden, z.B. die Werke für Verkehrsmittel, die Werke für allgemeine Versorgungsanlagen (Eisen), die Werke für Textilien, von Rüstungsbetrieben nur solche, bei denen in Deutschland Engpässe bestehen."
Aus Görings wirtschaftspolitischen Richtlinien vom 8.11.1941:
"Auf lange Sicht gesehen werden die neubesetzten Ostgebiete unter kolonialen Gesichtspunkten und mit kolonialen Methoden wirtschaftlich ausgenutzt. Das Schwergewicht aller wirtschaftlichen Arbeit liegt bei der Nahrungsmittel- und Rohstoffproduktion. Durch billige Produktion unter Aufrechterhaltung des niedrigen Lebensstandards der einheimischen Bevölkerung sind möglichst hohe Produktionsüberschüsse zur Versorgung des Reiches und der übrigen europäischen Länder zu erzielen. Auf diese Weise soll neben möglichst weitgehender Deckung des europäischen Nahrungsmittel- und Rohstoffbedarfs gleichzeitig für das Reich eine Einnahmequelle erschlossen werden, die es ermöglicht, einen wesentlichen Teil der zur Finanzierung des Krieges aufgenommenen Schulden unter möglichster Schonung des deutschen Steuerzahlers in wenigen Jahrzehnten abzudecken (...) Versorgung der Bevölkerung: (...) Die städtische Bevölkerung kann nur ganz geringfügige Lebensmittelmengen erhalten. Für die Großstädte (Moskau, Leningrad, Kiew) kann einstweilen überhaupt nichts getan werden. Die sich hieraus ergebenden Folgen sind hart, aber unvermeidlich (...) Die in unmittelbarem deutschen Interesse arbeitenden Menschen sind durch unmittelbare Nahrungsmittelzuteilungen in den Betrieben so zu ernähren, daß ihre Arbeitskraft einigermaßen erhalten bleibt (...) Gewerbliche Wirtschaft (...) In erster Linie steht das Erdöl (...)".
Quelle:
Ueberschär Gerd R. u. Wolfram Wette (Hg.): "Unternehmen Barbarossa". Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941. Berichte, Analysen, Dokumente. Paderborn 1984, S. 377 (Aktennotiz) u. S. 387 ff. (Richtlinien).
Leitfragen:
Warum sollen viele Millionen Menschen in Rußland verhungern?
Welche Einwohner sollen einigermaßen ernährt werden und warum?
Welche Ziele sollen mit der wirtschaftlichen Ausnutzung der besetzten Ostgebiete erreicht werden?

M 4
Verbrecherische Befehle

Aus den Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare vom 6.6.1941:
"Im Kampf gegen den Bolschewismus ist mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts nicht zu rechnen. Insbesondere ist von den politischen Kommissaren aller Art als den eigentlichen Trägern des Widerstandes eine haßerfüllte, grausame und unmenschliche Behandlung unserer Gefangenen zu erwarten (...) Die Urheber barbarisch-asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare. Gegen diese muß daher sofort und mit aller Schärfe vorgegangen werden. Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen (...) Politische Kommissare als Organe der feindlichen Truppe sind kenntlich an besonderen Abzeichen - roter Stern mit goldenem eingewebtem Hammer und Sichel auf den Ärmeln (...) Sie sind aus den Kriegsgefangenen sofort, d.h. noch auf dem Gefechtsfelde, abzusondern. Dies ist notwendig, um ihnen jede Einflußmöglichkeit auf die gefangenen Soldaten zu nehmen. Diese Kommissare werden nicht als Soldaten anerkannt; der für Kriegsgefangene völkerrechtliche Schutz findet auf sie keine Anwendung. Sie sind nach durchgeführter Absonderung zu erledigen."

Aus dem Erlaß über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet "Barbarossa" vom 13.5.1941:
"Behandlung von Straftaten feindlicher Zivilpersonen:
1. Straftaten feindlicher Zivilpersonen sind der Zuständigkeit der Kriegsgerichte und der Standgerichte bis auf weiteres entzogen.
2. Freischärler sind durch die Truppe im Kampf oder auf der Flucht schonungslos zu erledigen.
3. Auch alle anderen Angriffe feindlicher Zivilpersonen gegen die Wehrmacht, ihre Angehörigen und das Gefolge sind von der Truppe auf der Stelle mit den äußersten Mitteln bis zur Vernichtung des Angreifers niederzukämpfen (...)
Behandlung der Straftaten von Angehörigen der Wehrmacht und des Gefolges gegen Landeseinwohner:
1. Für Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht und des Gefolges gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist (...)".

Erinnerungen des Theologen Helmut Gollwitzer an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22.6.1941:
"Bis zum Beginn des Rußlandfeldzuges war auf der Innenseite des Umschlags unseres Soldbuches ein Blatt eingeklebt: ,Zehn Gebote für den deutschen Soldaten'. Darin waren aufgezählt die Vorschriften der internationalen Konvention zur Bändigung der Kriegsbestie: Schonung des entwaffneten und gefangenen gegnerischen Soldaten, Schonung der Zivilbevölkerung, Verbot von Plünderung und Vergewaltigung. Mit Beginn des Rußlandfeldzuges wurde dieses Blatt aus den Soldbüchern entfernt - und jeder konnte wissen, daß nun die Barbarei unter Zustimmung der Wehrmachtsführung gesiegt hatte."
Quellen:
Ueberschär, Gerd R. u. Wolfram Wette (Hg.): a.a.O., S. 313 f. (Kommissarbefehl) u. S. 306 f. (Kriegsgerichtsbarkeitserlaß); Gollwitzer, Helmut: Der Überfall. In: Zeit-Magazin, 23.3.1998 ;S. 30 ff.
Leitfragen:
Was hat mit den politischen Kommissaren der Roten Armee zu geschehen, wenn sie im Kampf ergriffen oder in Gefangenschaft erkannt werden?
Wie sollten und konnten sich Angehörige der Wehrmacht und ihres Gefolges gegen russische Zivilisten verhalten?
Der ehemalige Soldat Helmut Gollwitzer nennt die Vorschriften, die beim Überfall auf die Sowjetunion aus den Soldbüchern entfernt wurden. Welchen Eindruck mußten die Soldaten von der beabsichtigten Kriegführung gewinnen?

M 5 

Militanter Antibolschewismus als ideologische Grundlage

Telegramm des Geistlichen Vetrauensrates der Deutschen Evangelischen Kirche an den "Führer" am 30.6.1941:
"Sie haben, mein Führer, die bolschewistische Gefahr im eigenen Land gebannt und rufen nun unser Volk und die Völker Europas zum entscheidenden Waffengange gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur auf. Das deutsche Volk und mit ihm all seine christlichen Glieder danken Ihnen für diese Tat (...) Die Deutsche Evangelische Kirche (...) ist mit allen Ihren Gebeten bei Ihnen und unseren unvergleichlichen Soldaten, die mit so gewaltigen Schlägen darangehen, den Pestherd zu beseitigen, damit in ganz Europa unter Ihrer Führung eine neue Ordnung entstehe und aller inneren Zersetzung, aller Beschmutzung des Heiligsten, aller Schändung der Gewissensfreiheit ein Ende gemacht werde?"

Denkschrift aller katholischen Bischöfe am 10.12.1941 an die Reichsregierung:
"Wir begleiten unsere Soldaten mit unseren Gebeten und gedenken in dankbarer Liebe der Toten, die ihr Leben für ihr Vaterland hingaben. Wir haben immer wieder und noch im Hirtenbrief des Sommers unsere Gläubigen zu treuer Pflichterfüllung, zu tapferem Ausharren, opferbereitem Arbeiten und Kämpfen im Dienste unseres Volkes in schwerster Kriegszeit eindringlich aufgerufen. Mit Genugtuung verfolgen wir den Kampf gegen die Macht des Bolschewismus, vor dem wir deutschen Bischöfe in zahlreichen Hirtenbriefen vom Jahre 1921 bis 1936 die Katholiken Deutschlands gewarnt und zur Wachsamkeit aufgerufen haben, wie der Reichsregierung bekannt ist (...)."

Befehl des Befehlshabers der Panzergruppe 4, Generaloberst Hoepner, zur bevorstehenden Kampfführung im Osten vom 2.5.1941:
"Der Krieg gegen Rußland ist ein wesentlicher Abschnitt im Daseinskampf des deutschen Volkes. Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muß die Zertrümmerung des heutigen Rußland zum Ziele haben und deshalb mit unerhörter Härte geführt werden. Jede Kampfhandlung muß in Anlage und Durchführung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, völligen Vernichtung des Feindes geleitet sein. Insbesondere gibt es keine Schonung für die Träger der heutigen russisch-bolschewistischen Systems (...)".
Quellen:
Niemöller, Wilhelm: Die evangelische Kirche im Dritten Reich. Handbuch des Kirchenkampfes. Bielefeld 1956, S. 393 (Telegramm Evangelische Kirche); Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945. V. 1940-42. Bearbeitet v. Ludwig Volk. Mainz 1983 (= Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern, Bd. .34), S. 651 ff. (Denkschrift katholische Bischöfe); Ueberschär, Gerd R. u. Wolfram Wette (Hg: a.a.O., S. 305 (Befehl General Hoepner)
Leitfragen:
Wie stehen die evangelischen Kirchenvertreter zum Krieg gegen die Sowjetunion?
Was verfolgen die katholischen Bischöfe mit "Genugtuung"? Gibt es eher Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zur Haltung der evangelischen Kirche?
General Hoepner war maßgeblich am Aufstand des 20. Juli 1944 beteiligt und wurde nach dessen Scheitern hingerichtet. Er erließ seinen Befehl sechs Wochen vor(!) Beginn des Überfalls auf eigene Initiative. Welche Auffassung konnte einen Mann des militärischen Widerstandes dazu bringen, solche Worte für die Kriegführung im Osten zu wählen?

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