Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Entwicklung des Forschungsstandes

Obwohl diese Pläne für den Hungertod von "vielen 10 Millionen Menschen" schon den Nürnberger Prozessen als Beweisdokumente vorlagen, dauerte es Jahrzehnte, bis die deutsche Historiographie diese u.a. Quellen zum Vernichtungscharakter des Rußlandfeldzuges erörterte. Erst Ende der 70er Jahre wies Christian Streit in seiner Dissertation zu den sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand nach, daß es nicht zuletzt diese von der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Elite gewollte Hungerpolitik war, die in den ersten zwölf Monaten des Krieges zu zwei Millionen toten russischen Kriegsgefangenen führte - im Durchschnitt 6000 täglich.(6) Und trotz wichtiger Einzelstudien, in denen schon zuvor die Bedeutung dieses Krieges im nationalsozialistischen Herrschaftssystem und zugleich seine spezifische Verbrechensqualität zumindest partiell herausgearbeitet wurde, dominierten bis dahin die traditionell militärgeschichtlichen, nicht eben selten auch apologetischen Darstellungen des Kriegsverlaufs.(7)

Anfang der 80er Jahre publizierten Hans-Heinrich Wilhelm und Helmut Krausnick ihre Studie zur Rolle der SS und ihrer Einsatzgruppen im Vernichtungskrieg und belegten vielfältige Formen der Zusammenarbeit mit Wehrmachtseinheiten.8 Nicht zuletzt aufgrund der verbesserten Quellenlage - die Akten der ehemaligen Wehrmacht wurden von den Siegermächten erst in den 70er Jahren in größerem Umfang zurückgegeben - gelang es dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in seiner auf zehn Bände angelegten Gesamtdarstellung "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" den Charakter des "Unternehmens Barbarossa" als Eroberungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungskrieg umfassend zu erörtern.(9) 

Kritisiert wird an dem über 1000seitigen Band 4 des Mammutwerkes die überdimensionierte Darstellung militärischer Details und "das fast völlige Fehlen jeder Erörterung des Holocaust", womit fälschlich suggeriert werde, daß dieser "nicht direkt mit dem Thema ,Deutschland im Zweiten Weltkrieg' zusammenhänge."(10) Dieses Manko versucht die jüngere historische Forschung aufzuarbeiten. Ihr Ansatz ist es, mittels einer zusammenführenden Analyse komplementärer Handlungsstränge und Entscheidungsprozesse in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und militärischen Aktionsfeldern Erkenntnisse über die wechselseitigen Beziehungsgeflechte von nationalsozialistischem Krieg, Völkermord und Holocaust zu gewinnen.(11)

In der Geschichtsschreibung der ehemaligen DDR wurde die Judenvernichtung im "Unternehmen Barbarossa" weitgehend ausgeblendet. Hier dominierten die an die sowjetische Fachliteratur angelehnte Imperialismus- und Monopolkapitalismustheorie.(12) Trotz dieser ideologischen Verengung stellen Quellensammlungen von Dietrich Eichholtz, Wolfgang Schumann und Ludwig Nestler, vor allem aber die wichtigen Untersuchungen von Dietrich Eichholtz über die deutsche Kriegswirtschaft sowie Norbert Müllers Studien zur deutschen Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion wesentliche Beiträge für die Erforschung des besonderen Charakters dieses Krieges dar.(13)

Heroisierungstendenzen auf der einen Seite und zumindest teilweises Ausklammern der historischen Realität auf der anderen Seite charakterisieren die Situation der sowjetischen Geschichtsschreibung des "Großen Vaterländischen Krieges". So wird über das Ausmaß und die Ursachen der verheerenden Mißerfolge im ersten Kriegsjahr ebenso hinweggegangen wie das Massensterben der eigenen Soldaten in deutscher Gefangenschaft fast gänzlich verschwiegen wird - es paßt einfach nicht zum Bild von der siegreichen Roten Armee.(14) Erst seit und nach Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika gerieten Themen wie der Terror im eigenen Land, die Folgen der rücksichtslosen Mobilisierung der sowjetischen Gesellschaft im Krieg oder auch die Ausgrenzung und Unterdrückung heimkehrender Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangener ins Blickfeld von Geschichtsschreibung und Öffentlichkeit und befinden sich seither in einem vielfach gebrochenen, auch widersprüchlichen Diskurs.(15)

Insgesamt betrachtet, kennzeichnet den aktuellen Forschungsstand eine weitgehende Aufarbeitung der Fakten zum Vernichtungskrieg, die aber in einer strukturellen Gesamtanalyse des Nationalsozialismus nicht ihrer Bedeutung entsprechend berücksichtigt werden. Das Resümée des Militärgeschichtsforschers Jürgen Förster aus den Jahr 1993 gilt bis heute: "Obgleich unter Historikern eigentlich unstrittig ist, daß Krieg und Nationalsozialismus konstitutiv zusammengehören, orientieren sich neuere Gesamtdarstellungen des Dritten Reiches noch immer weit stärker an dessen sechs Friedensjahren als an der ebenso langen Kriegszeit" - und dies "obwohl der Wille zum Krieg um Lebensraum, seine Verankerung im Bewußtsein der Deutschen durch geistige Mobilmachung, die rassische Sanierung des Volkes durch die ,Entfernung' der Juden und anderer ,Minderwertiger' sowie die soziale und wirtschaftliche Besserstellung der neuen deutschen Volksgemeinschaft auf Kosten der unterworfenen Völker in Europa schließlich den besonderen Charakter des Nationalsozialismus ausmachen."(16)

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