Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Die Rezeption des Krieges nach 1945

Sehr anschaulich stellt Lutz Niethammer "die Proportionen der schlimmsten Folgen der Gewaltherrschaft, die sich der politischen Bildung in Deutschland noch wenig eingeprägt haben", wie folgt dar: "Die Summe aller nicht-jüdischen Deutschen, die für mehr oder weniger lange Zeit in ein KZ gesperrt wurden, wird auf etwa 100000 geschätzt, das ist rund die Hälfte jener Minderheit der deutschen Juden, die während der 30er Jahre unter der wachsenden Diskriminierung nicht mehr auswandern konnten, sondern danach deportiert und ermordet wurden. Diese aber waren weniger als 5% der insgesamt ermordeten Juden Europas. Und deren unvorstellbare Zahl ist wieder etwa halb so groß wie die Zahl der Russen, die außerhalb der Kampfhandlungen zwischen Militärpersonen durch die Deutschen zu Tode gebracht wurden - und dazu kommt noch einmal dieselbe Zahl russischer Gefallener."(50) Aufgrund seiner Beobachtungen, die er an lebensgeschichtlichen Erinnerungen von in den 80er Jahren im Ruhrgebiet und in Industriestädten der DDR befragten älteren Menschen machte, kommt Niethammer zu dem Schluß, daß diese "Verluste aber in der Erinnerung der Deutschen kaum vorkommen (...) Für sie haben die meisten Deutschen nur ein kurzes Gedächtnis, vor allem im Westen."(51)

Diese mittels der Methode der Oral History gewonnene Erkenntnis, daß die Mehrheit der alt gewordenen "Zeitzeugen" kaum Erinnerungen an die enorme Brutalisierung der deutschen Kriegführung und Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion, auch und gerade gegenüber der Zivilbevölkerung, einschließlich des Tatbestandes einer denkbar massiven Ostarbeiterbeschäftigung im Reich unter den erbärmlichsten Lebens- und Arbeitsbedingungen, hat, gründet auch auf dem erinnerungspolitischen Klima der Nachkriegsjahre. 

In seiner grundlegenden Studie zum Umgang der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland mit der NS-Vergangenheit, einer Bielefelder Habilitationsschrift, arbeitet Norbert Frei heraus, wie sehr eine normativ-symbolische Abgrenzung vom Nationalsozialismus einerseits und die fast um jeden Preis betriebene Reintegration belasteter Einzelner und Institutionen andererseits diese "Vergangenheitspolitik" der Ära Adenauer charakterisierten. Schon Mitte der fünfziger Jahre herrschte, so resümiert Frei, ein öffentliches Bewußtsein vor, das "den Deutschen in ihrer Gesamtheit den Status von politisch ,Verführten' zubilligte, die der Krieg und seine Folgen schließlich sogar selber zu ,Opfern' gemacht hatten. Den Millionen ehemaliger Soldaten mußte, um den Preis der historischen Wahrheit, die Möglichkeit erhalten werden, in ihrem Einsatz einen Sinn zu erkennen. Dem Krieg folgte deshalb ein Kampf um die Erinnerung: Die in Nürnberg so eindrucksvoll gestellte - und nach dem Urteil des Auslandes ziemlich eindeutig beantwortete - Frage nach dem verbrecherischen Grundcharakter der deutschen Aggression, nach ihrer Barbarei und Wahnwitzigkeit von Anfang an, wurde abgedrängt."(52)

In den vom Klima des Kalten Krieges geprägten Nachkriegsjahrzehnten, in denen aus nachvollziehbaren Gründen der politischen und ideologischen Opportunität der Leugnung, Verdrängung und Umdeutung der Fakten zum Vernichtungscharakter des Rußlandfeldzuges Vorschub geleistet wurde, konnte einer der einflußreichsten Presselenker des Dritten Reiches, der SS-Obersturmbannführer und Sprecher des Außenministers Joachim von Ribbentrop, Paul Karl Schmidt, unter dem Pseudonym Paul Carell zum Nachkriegschronisten des Rußlandfeldzuges avancieren.(53) Carells "Unternehmen Barbarossa" hat das Bild des Krieges gegen die Sowjetunion geprägt. Es war ein sauberer, notwendiger und kameradschaftlicher Krieg. Ein Krieg, in dem es deutsches Heldentum und keine deutschen Massenmorde gab. Die SS war nichts anderes als eine kämpfende Truppe, nur einmal, auf Seite 439, gibt es eine SS, die fanatisch und grausam ist: "Stalins ,SS', Rückgrat der Staatspolizei und des Geheimdienstes (...) die NKWD-Truppen."(54) 

Dieses Machwerk des ehemaligen Pressechefs im NS-Außenministerium, das über die Ausrottungspolitik der Besatzer kein Wort verliert und seine Darstellung mit einem zweiseitigen Zitat aus Hitlers Tagesbefehl zum Angriff beginnt, in dem die Lüge vom Präventivkrieg aufgetischt wird, hat nicht nur über Jahrzehnte ein Massenpublikum von Lesern indoktriniert, sondern fand auch äußerst positive Resonanz, u.a. in der "Zeit" und im "Spiegel".(55) Im letztgenannten Publikationsorgan durfte General Walter Warlimont, im Oberkommando der Wehrmacht mitverantwortlich für die Ausarbeitung der verbrecherischen Befehle, Carells Werk loben - abgesehen von ein paar Einwänden - sozusagen von Fachmann zu Fachmann.

Dieses Fallbeispiel illustriert klarer als jeder theoretische Exkurs über die Auswirkungen des Kalten Krieges, von welchen gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Rezeption des "Unternehmens Barbarossa" in der historisch-politischen Bildung auszugehen ist. Sie hatte und hat den Spagat zu leisten zwischen dem dominierenden Massenbewußtsein vom Krieg im Osten einerseits und den Ergebnissen der seriösen historischen Forschung andererseits. Dabei wurde die Unterrichtung des Themenkomplexes Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und Holocaust immer auch vom jeweiligen politischen Hintergrund beeinflußt. Falk Pingel unterscheidet in dieser Hinsicht vier Phasen(56):

Diese insgesamt für die Rezeption von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg in der historisch-politischen Bildung der Bundesrepublik Deutschland skizzierten Phasen setzen auch die Rahmenbedingungen für die Unterrichtung über das "Unternehmen Barbarossa" als Vernichtungskrieg. Die Thematisierung des Vernichtungskrieges galt allerdings lange Zeit - im Unterschied zu anderen Aspekten des Nationalsozialismus - als weitgehend tabu. 

Hans-Heinrich Nolte hat in seiner vergleichenden Analyse der Darstellung des "Unternehmens Barbarossa" bzw. des "Großen Vaterländischen Krieges" in bis Anfang der 80er Jahre erschienenen bundesdeutschen bzw. sowjetischen Schulgeschichtsbüchern folgendes Fazit gezogen: In sowjetischen Schulgeschichtsbüchern wird der Völkermord besonders auf die Slawen bezogen, die im "Großen Vaterländischen Krieg" von den deutschen Okkupatoren ausgebeutet, versklavt oder ermordet wurden; die gegen die Juden gewendete Richtung des Genozids bleibt so gut wie unerwähnt. In deutschen Schulgeschichtsbüchern fällt die Verengung des Blickwinkels auf die eigene Nation dergestalt auf, daß Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, einschließlich des "Unternehmens Barbarossa", eher als Schicksal und Verhängnis für Deutschland interpretiert denn als Katastrophe für die europäischen Nachbarn, besonders der Sowjetunion als dem hauptleidtragenden Nachbarn, dargestellt werden.(64) Das gilt so nicht für die Darstellung des "Unternehmens Barbarossa" in den Schulbüchern der ehemaligen DDR, für die Ernst Uhe schon in seiner 1975 veröffentlichten Dissertation eine "sehr ausführliche Beschäftigung mit den Zerstörungen und Verwüstungen durch die deutsche Wehrmacht und die nachrückenden Organisationen" festgestellt hat.(65)

In meiner Untersuchung für die "Internationale Schulbuchforschung" habe ich die zunehmende Aufnahme fachwissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse zur Planung und Durchführung des Rußlandfeldzuges als Eroberungs- und Vernichtungskrieg in die Schulbuchdarstellungen der Bundesrepublik Deutschland seit Ende der 70er Jahre nachgewiesen, die allerdings begleitet war von parallel dazu einsetzenden - geschichtspolitisch motivierten revisionistischen Bestrebungen, die mit scheinwissenschaftlichen Argumenten u.a. gegen die Erwähnung der 3,3 Millionen in deutschem Gewahrsam umgekommenen sowjetischen Kriegsgefangenen votierten.(66) Dennoch wurde dieser Prozeß einer zunehmend differenzierten Darstellung des Krieges im Osten in den Schulgeschichtsbüchern bis in die 90er Jahre fortgesetzt. 

Fast alle Lehrwerke machen zumindest in Ansätzen die machtpolitischen, ökonomischen und vor allem rassenideologischen Motive für den Überfall deutlich und bringen die Verifikation dieser Motive mit der Praxis der deutschen Kriegführung in Verbindung.(67) Sie erörtern die Vernichtungspraxis dieses Krieges allerdings nur auf wenigen Seiten, manchmal nur in einigen Sätzen und thematisieren die Rolle der Wehrmacht, z.B. deren Zusammenarbeit mit den SS-Einsatzgruppen, wenn überhaupt, nur am Rande. Diese Einschränkung muß so deutlich gemacht werden. Insofern trifft Hans-Heinrich Noltes Kritik aus dem Jahre 1984 auch heute noch zu und benennt ein Haupthindernis bei der schulischen Unterrichtung über den Vernichtungskrieg im Osten: "Letztenendes folgt schon aus der allgemeinen Stoffaufteilung in der Bundesrepublik, daß Nationalsozialismus mehr als Verhängnis für Deutschland denn als Katastrophe für die Nachbarn unterrichtet wird."(68) Relativiert werden muß diese Aussage für die Sekundarstufe Il. Hier wird der Nationalsozialismus nicht selten Thema eines Grund- oder auch Leistungskurses, und der Zweite Weltkrieg, mit dem Krieg gegen die UdSSR als Kernbestandteil, kann auch im Rahmen übergeordneter Fragestellungen - etwa: Probleme der Entstehung von Kriegen - intensiv erörtert werden.

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