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Jahresende, Berlin 1996: Ich unterrichte in einem fünften Schuljahr das Fach Deutsch. Ein Krieg - nicht weit weg von hier - tobte und ist immer noch nicht richtig zur Ruhe gekommen. Viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien haben in Berlin, zum Teil jetzt schon seit einigen Jahren, Zuflucht gefunden. Unsere Schule besuchen zahlreiche Kinder, die vor ihrer Flucht Krieg erlebt haben und bis zu diesem Zeitpunkt immer wieder seine Folgen erfahren. Eher nebenbei wird ihre Situation zum Thema, kurz im Unterricht, mal in den Pausen. Sie erzählen vom Vater, der vom Militär eingezogen werden soll, sie berichten vom Onkel, der im Krieg gefallen ist ...
Und die Reaktionen der nicht betroffenen Kinder? Einige hören verständnisvoll zu, ein paar wirken desinteressiert und wieder andere brechen in lautes Nachahmen von Kriegsgeräuschen aus, erleben das, was für die Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien ein reales Greuel ist, als Actionfilm.
Diese Beobachtungen lassen mich als Pädagogin und Mensch nicht los und ich beschließe das neue Jahr mit dem großen Thema "Von Krieg und Frieden" zu beginnen. Bewusstes Nachdenken erhoffe ich den nicht betroffenen Kindern zu ermöglichen. In verständnisvoller Umgebung erzählen und ein wenig verarbeiten zu können, wünsche ich dabei den beiden Schülerinnen aus Kroatien und Bosnien.
Ausgehend vom Grundkonzept des integrativen Deutschunterrichts und von der Bedeutung ganzheitlichen Lernens erstelle ich - in Absprache mit der Klassenlehrerin, die mit ihren Fächern Geschichte, Musik und Kunst anknüpfen möchte - eine Planung und ein Lese-, Denk- und Machheft, dessen Inhaltsgerüst uns nun gut sechs Wochen durch den Unterricht begleiten wird.
Momentaufnahmen aus intensiven Schulwochen, Leseproben aus dem Lese-, Denk- und Machheft werden Ihnen im Folgenden vorgestellt:
Mit Friedenstauben ins neue Jahr
Erster Schultag im Januar. Wir begrüßen uns, berichten von Weihnachten und vom Jahreswechsel. Ein Jahr, zwölf Monate liegen neu vor uns. Was wünschen wir uns, unserer Familie, unseren Freunden, der ganzen Welt? Wir sammeln. Tatsächlich gehört zu den ersten Äußerungen, die fallen: Ich wünsche Frieden. Auf der Tafel schreiben wir das Wort Frieden in den verschiedenen Sprachen, die wir kennen. Wir betrachten gemeinsam eine Zeichnung Picassos, die eine Friedenstaube darstellt. Ich erzähle von diesem Künstler, der in der kommenden Zeit immer wieder für uns wichtig sein wird. Auf seinen Gemälden und Zeichnungen sind oft Tauben und Friedenstauben zu sehen, seiner Tochter gab er den Namen Paloma, das spanische Wort für Taube.
Ich lese den Schülerinnen und Schülern die Geschichte der Eirene, der griechischen Friedensgöttin von Aristophanes vor. Wir kommen zum Begriff "Symbol" und die Kinder verstehen, dass die Taube ein Zeichen für Frieden ist.
Still arbeiten die Kinder in ihrem Lese-, Denk- und Machheft, das sie nun in die Hand bekommen. Sie schreiben einen Gedichtanfang von Rudolf Otto Wiemer auf einer Friedenstaube zu Ende, zeichnen ein weiteres Friedenssymbol und basteln eine Friedenstaube, die sie mit dem Wort "Frieden" in verschiedenen Sprachen beschriften - ein schöner Schmuck fürs Klassenzimmer.
Schreibe weiter:
Zum Friedensvogel hat man mich gemacht,
ich sah's auf dem Plakat und hab gedacht:
...
(Gedichtanfang von Rudolf Otto Wiemer)
Friedenserklärung
Was ist Frieden? Wir arbeiten intensiv an dieser Frage und beziehen die Eltern mit ein. Das Gedicht "friedenspflicht" von Volker Erhardt fordert in seiner Mehrdeutigkeit geradezu dazu auf:
Das Gedicht "friedensplicht" von Volker Erhardt ist abgedruckt in:
Hildegard Wohlgemuth (Hrsg.); Frieden. Mehr als ein Wort; Rowohlt, 1981
Die Kinder bekommen den Auftrag, ihren Eltern den Text vorzutragen und die "Friedenserklärung" der Eltern aufzuschreiben. Ich bin sehr gespannt. Lassen sich die Eltern auf diese Aufgabe ein? Ich bin mehr als erfreut: Nach wenigen Tagen haben eigentlich alle "Friedenserklärungen" ihrer Eltern dabei und die meisten Kinder sind sehr stolz darauf. Sämtliche Texte werden vorgelesen und diskutiert. Beeindruckend, erklärt ein Vater aus dem ehemaligen Jugoslawien:
Friedenserklärung von Papa:
Auf den ersten Blick ist Frieden ein ganz normales Wort, hinter dem sich viele Sachen befinden. Frieden ist, wenn die Eltern ihren Kindern beim glücklichen und gesunden Wachsen zusehen. Und auch, wenn man mit allen Menschen der Welt (egal welcher Rassen und Nationen sie sind) befreundet sein kann. Frieden ist, wenn die ganze Welt mehr Interesse zeigen würde für die "Lebensbeschützung". Es gibt noch viele Erklärungen, die sind unzählig, aber man muss zuerst selbst den Krieg erleben, damit man den Frieden ehrt.
(Vater von Daniela)
Auf einem Elternabend einige Zeit später äußern sich mehrere Eltern sehr positiv zu ihrer "Hausaufgabe".
Krieg in der Welt/Krieg in Berlin
Wir sammeln Verben, die helfen, Frieden zu schaffen und zu erhalten und lesen kurze Texte, die deutlich machen, wie schwierig es auch unter Kindern oft ist, "friedlich" zu bleiben, wie schnell Streit und Hass entstehen können.
Das Gespräch führt zu Unfrieden zwischen Völkern und zu einem Sachtext, der versucht Krieg zu erklären am Beispiel des Zweiten Weltkriegs. Dabei ist es Aufgabe für die Schülerinnen und Schüler, Daten zu Ausbruch und Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Lexikon nachzuschlagen und auf Spurensuche in ihrer Stadt zu gehen:
1. Sie sollen Gebäude nennen, diese zeichnen oder fotografieren, die heute noch Spuren der Zerstörung aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen. (Die Gedächtniskirche liegt beispielsweise nicht weit entfernt von der Schule...)
2. Sie sollen ein Interview mit einer älteren Person durchführen, die den 2. Weltkrieg in Berlin erlebt hat. Dieses soll auf Kassette aufgenommen oder schriftlich protokolliert werden. Mit großem Einsatz machen sich die Kinder an die Arbeit. Zeitaufwendig, aber unglaublich interessant ist für sie das Kennenlernen und Hören dieser "oral history". Erstaunt erzählt ein Schüler von den Tränen einer älteren Nachbarin beim Interview. So verspüren die Schülerinnen und Schüler eine Dichte, eine Nähe von scheinbar längst Vergangenem.
Auszug aus Elizabetas Interview mit der Tante von M.:
"Was habt ihr gemacht, wenn Bomben fielen?"
"Die Bomben fielen fast immer nachts. Die Sirenen heulten und wir liefen mit einer fertig gepackten Tasche in den Keller. Auch die anderen Hausbewohner kamen in den Keller. Wir hörten mehr oder weniger nahe die Bomben einschlagen und hofften immer nur, dass es uns nicht trifft."
"Seid ihr während des Kriegs in eurer Wohnung in Berlin geblieben?"
Als in der Stadt immer mehr Bomben fielen, wurde ich mit meiner Mutter und mit meinem kleinen Bruder zu Bauern aufs Land geschickt. Da waren wir nicht sehr willkommen. Als wir wieder zurückkamen, war unsere Wohnung kaputt."
"Sind Verwandte von Ihnen im Krieg gestorben oder gefallen?"
"Mein Opa und zwei Onkel sind im Krieg gefallen und mein Vater war nach dem Krieg viele Jahre krank."
Kinder im Krieg
Wie erleben Kinder den Krieg? Diese Perspektive zu vertiefen scheint mir besonders wichtig. Wir lesen Gedichte und verschiedene Texte, schreiben dazu. Wir betrachten Fotos und eines genauer, das einen hilflos wirkenden Jungen am Ende des Krieges zeigt. Aus der Sicht dieses Jungen schreiben die Schülerinnen und Schüler Futursätze: Ich werde, die seine Wünsche und Hoffnungen für die Zeit, wo wieder Frieden eingekehrt ist, ausdrücken. Auch eine Wörterliste zum Thema erhalten die Kinder, mit der sie sich auf ein Diktat vorbereiten.
"Liebe Tante Vesna"
Kinder erleben den Krieg - in diesem Zusammenhang ist unbedingt ein Buch zu nennen, dessen Behandlung im Unterricht sehr zu empfehlen ist: Margaret Klare. Liebe Tante Vesna. Marta schreibt aus Sarajevo. Weinheim und Basel 1994, Beltz Verlag. Ein Briefroman, der aus der Sicht der zehnjährigen Marta den "Kriegsalltag" in Sarajevo schildert: Die Schule ist geschlossen, viele Freunde flüchten, Bomben fallen, Zerstörung ringsum, oft gibt es kein Wasser, keinen Strom, Menschen werden verwundet, getötet und alle warten auf Frieden. Dabei bleibt das Buch hoffnungsvoll und schildert auf kindgerechte Weise auch die kleinen positiven Dinge, die das Leben erträglich machen.
Aus genau 50 Briefen, die Marta an ihre Tante Vesna in Deutschland schreibt, besteht dieser Briefroman. Den ersten Brief, kopiert, in einen Umschlag gesteckt, lese ich der Klasse vor, dann darf jedes Kind einen eigenen Briefumschlag ziehen. Darin stecken zwei weitere Briefe. Einen Brief muss jedes Kind so gut lesen üben, dass es ihn der Klasse gut vortragen kann, den anderen soll es - anhand eines selbständig erstellten Stichwortzettels - der Klasse zusammenfassend erzählen. Die nächsten Stunden sind vom Vorlesen, Erzählen und Diskutieren bestimmt. So lernt jedes Kind durch diese Form des sogenannten "Stellvertreterlesens" neben seinen beiden "persönlichen" Briefen den ganzen Text kennen. Wertvolle Gespräche werden geführt und alle schreiben voll Anteilnahme einen Brief an Marta.
Unseren zwei "Zeitzeuginnen" aus Kroatien und Bosnien kommt in dieser Phase eine wichtige Rolle zu. Allen Schülerinnen und Schülern, doch besonders diesen beiden geht das Kinderbuch sehr nahe. Besonders deutlich zeigt dies Danijelas Brief an Marta:
Liebe Marta!
Wir haben deine Briefe in der Schule gelesen. Bei den meisten Briefen wollte ich am liebsten die Ohren zuhalten oder aus dem Klassenzimmer laufen, weil ich an die Zeiten denken musste, als ich im Krieg war. Es tut mir Leid, wegen deines Onkels Igor, ich weiß, wie dir zumute ist. Durch den Krieg verlor ich zwei Onkel und ich weiß, wie man sich fühlt, glaub' mir. Vor allem fragt man sich: Warum? Es ist schon komisch, was die Menschen für den Besitz von einem Stück Land alles tun würden, sogar Menschen töten. In Kroatien habe ich oft Sirenen und Stromausfälle erlebt, aber am schlimmsten war es, als ich eine Granatexplosion erlebt habe. Immer noch habe ich Ängste vor dem dunklen Keller und der Sirene, ich brauche dir das ja nicht erklären müssen. Hier in Deutschland ist es sehr schön, weil man hier keine Ängste haben muss. Trotzdem sehne ich mich sehr nach Kroatien. Und wenn ich groß bin kehre ich wieder nach Hause im Frieden.
Viele Grüße an deine Eltern,
deine Danijela
Krieg riecht wie ein leerer Sack von Zement
Wie lassen sich Krieg und Frieden beschreiben, nach allem was wir nun gelesen, gehört, geschrieben, gesprochen haben? Wir versuchen es mit einem Gedicht nach folgendem Schema:
- Welche Farbe hat Krieg/ Frieden?
- Wie schmeckt er?
- Wie riecht er?
- Wie sieht er aus?
- Wie hört er sich an?
- Wie fühlt er sich an?</UL>
Die Gedichte sprechen für sich:
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Krieg Krieg hat die dunkelsten Farben Er schmeckt sehr sauer und kalt Er riecht wie ein leerer Sack von Zement Er sieht schlimm aus wie ein Trümmerfeld Er ist ganz laut, lauter als laut Krieg fühlt sich hart und hungernd an Danijela |
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Frieden Frieden hat die bunten Farben der Wiese, er schmeckt wie die Liebe. Er riecht wie rote Rosen in einem Garten. Er sieht aus wie die Tauben am Himmel und er hört sich an wie das Vogelzwitschern. Frieden fühlt sich an wie sanfter Schnee. Elizabeta |
"... als streicheltest du einen Stern"
Vor Jahren entdeckte ich ein Gedicht mit dem Titel "Frieden", das mich sehr anrührte. Es war mir völlig unbekannt, doch trotzdem hatte ich das Gefühl es zu kennen. Beim zweiten Durchlesen merkte ich, dass der Text das Bild "Kind mit Taube" von Picasso beschreibt. Ein Bild, das ich als Plakat jahrelang als Jugendliche in meinem Zimmer hängen hatte.
Dieses Bild und diesen Text wähle ich nun am Ende von Wochen intensiver Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema. Mit einem ganz persönlichen Nachdenken über Frieden wollen wir unsere Arbeit abrunden.
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Frieden
Du hast die Taube in deinem Arm
streichst ihr sanft als streicheltest du einen Stern Oliver Behnssen (3) |
Die Kinder lesen den Text und stellen sich eine Szene dazu vor, die sie mündlich beschreiben. Erst dann bekommt jedes Kind eine Farbkopie in Postkartengröße des Picasso-Gemäldes. Wir betrachten es gemeinsam. In entspannter, ruhiger Atmosphäre schreiben die Kinder nun kleine Momente, Situationen auf, in denen sie so etwas wie Frieden in sich spürten. Dabei entstehen ganz persönliche Miniaturen über eine gemeinsame nächtliche Autofahrt mit dem Vater, Kuscheln mit dem Häschen, Weihnachten....
Nur wer möchte, trägt sie der Klasse vor.
Shalom chaverim
Die Klassenlehrerin gesellt sich mit der Gitarre zu uns. Die Kinder dürfen sich Friedenslieder aussuchen, die sie gelernt haben. Zusammen singen wir. Wir sprechen über die gemeinsame Arbeit in den vergangenen Wochen, reflektieren darüber, was wir neben Rechtschreiben (Diktat...) und Textproduktion (in dieser Zeit wurden sehr viele Texte verfasst und überarbeitet) noch erfahren, gelernt haben. Das Klassenzimmer trägt sichtbare Spuren: Nationalfahnen mit dem Wort Frieden in der jeweiligen Sprache, getuschte Darstellungen aus der Aristophanes-Erzählung über Eirene, Reproduktionen von Picasso-Zeichnungen, schwebende Friedenstauben, Gedichtpräsentationen.
Auf den Tischen liegen die Lese-, Mach- und Denkhefte, bearbeitet und teilweise liebevoll ausgestaltet. Wir staunen selbst, was alles entstanden ist. Ein Schüler formuliert, wie wichtig es für ihn war, dass dieses Thema von Mitschülerinnen begleitet wurde, die von eigenen Erfahrungen berichten konnten. "Jetzt kann ich das alles ganz anders nachfühlen", sagt er. Was wünsche ich mir mehr? Die beiden "Zeitzeuginnen" bekommen von uns das Buch "Liebe Tante Vesna" geschenkt. Sie erzählen, dass es ihnen nicht immer leicht fiel auf unsere Fragen einzugehen, "aber es war gut für uns".
Und ich denke, es war gut für uns alle
Anmerkungen
1. Aus: Hildegard Wohlgemuth (Hrsg.); Frieden. Mehr als ein Wort; Rowohlt, 1981
2. Idee nach Christine Syme: Kreativer Schreiben, Verlag an der Ruhr 1990
3. Aus: Joachim Fuhrmann (Hrsg.) Poesiekiste
Irene Hoppe
Lehrerin, zurzeit Mitarbeiterin im Berliner Institut für Lehrerfort-und -weiterbildung und Schulentwicklung in:
unterrichten / erziehen Nr. 2/2000 - März / April 2000, S. 75-77.
© Carl Link / Deutscher Kommunal-Verlag
Mit freundlicher Genehmigung des Carl Link / Deutscher Kommunal-Verlags,
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