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Erste, Zweite, Dritte Welt

Didaktische Hinweise

Fächer: Deutsch, Sozialkunde, Erdkunde, Politik
Themenbereich: Was ist "Dritte Welt"?
Zeitbedarf: 45 Min.
Methodenbereich: Eigene Stellungnahme formulieren
Benötigte Materialien: keine
Vorbereitungen: keine

Verlaufsskizze

Einstieg: Vortragen von M 1
Vorstellung der Vorgehensweise: siehe S. 23
Durchführung: Klasse, Einzel, Klasse
Schluss: Diskussion von M 7

Begriffe bestimmen unser Denken und Handeln. Welche Begriffe wir benutzen und was wir darunter verstehen ist also auch von zentraler Bedeutung für unser Bild von der "Einen Welt", "Zwei-Drittel-Welt" oder der "DrittenWelt".
Die SchülerInnen sollen sich deshalb über den Bedeutungsgehalt der von ihnen verwendeten Begriffe klar werden und zugleich auch versuchen, mit eigenen Worten Charakterisierungen von Phänomenen und Entwicklungen vorzunehmen. Diese werden dann mit anderen Aussagen und Definitionen verglichen.
Die so notierten Wörter verbinden Persönliches und Politisches. Eigene Betroffenheiten, Sichtweisen und Projektionen werden dabei mit politischen Problemen vermischt. Die gefundenen Begriffe kreisen Themen- und Problembereiche ein und können anschließend besprochen werden. M 2 bietet ein Beispiel dafür, wie durch die gezielte Auswahl weniger Begriffe eine Weltsicht beschrieben werden kann.

Vorgehensweise

M 1: "Dann ist es sauer genug ..."

"Frau Wirtin, der Barschtsch (säuerliche Suppe aus gegorenen roten Rüben) ist nicht sauer genug!"
Wirtin gekränkt: " Das ist kein Barschtsch, das ist Bouillon!"
Gast: "Wenn es ist Bouillon, dann ist es sauer genug."
Ein jüdischer Witz, in: Hans-Ludwig Freese (Hrsg.): Gedanken Reisen. Reinbek 1992, S. 90.

M 2: Zehn Worte

Die Wochenzeitung "Die Zeit" hat die Frage nach den 10 bevorzugten Wörtern an Schriftsteller, Maler, Sänger usw. gestellt. Hierzu einige Aussagen: Walter Jens: Verantwortung, Einzelgängertum, Bewährungsfrist, Tuchfühlung, Identitätskrise, Herausforderung, Zugzwang, Selbstkritik, Vergleich, Übereinkunft. Horst Stern: Das Magma, Die Erde, Der Baum; Das Segel, Die Woge, Die See; Die Hoffnung, Die Liebe, Der Leib; Die Angst.
Albert Camus hatte auf die Frage nach seinen bevorzugten zehn Wörtern geantwortet: Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.
Die Zeit, 27. 12. 1991, S. 39. Schreibweise wie im Original.

M 3: Planet Erde ist...

...eine Kugel mit 1.400 Billiarden Tonnen Meerwasser - darin 15 Billiarden Tonnen gelöster Stoffe; mit 2.500 Milliarden jährlichem Süßwasserniederschlag über dem Land; mit 1.180 Billionen Tonnen Luftsauerstoff; mit 4.200 Milliarden Megawattstunden täglichem Energieeinstrom; mit 100 Millionen Tonnen Uranreserven; mit 1.200.000 Tierarten, 500.000 Pflanzenarten, 4.000 Mikrobenarten und 90 Millionen km² bewohnbarer Fläche.
Eine Kugel, die irgendwo durch das Weltall fliegt und bis auf die jährliche Sonneneinstrahlung mit dem auskommen muss, was auf ihr ist. Weshalb sich die Dinge auf ihr in einem Fließgleichgewicht halten müssen. Aber auch eine Kugel mit über 5 Milliarden Menschen, die sich allein in den letzten hundert Jahren versechsfacht, ihren Rohstoffverbrauch verzehnfacht, ihren Abfall verzwölffacht und ihren Energieverbrauch verzwanzigfacht haben. Im Jahr 2000 werden es 7 Milliarden sein. Ihre Ansprüche mögen mitwachsen, aber sie werden nie erfüllt werden können. (...) Wir haben nur diesen einen Planeten. Und der wächst nicht mit.
Frederic Vester: Unsere Welt, ein vernetztes System. Stuttgart 1978, S. 37. (Anmerkung: die Weltbevölkerung betrug 2007 6,6 Mrd. Menschen.)

M 4: Erste, Zweite, Dritte Welt

Der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen verfasste 1961/62 folgende Definition:

Vgl. BMZ (Hrsg.): Journalisten-Handbuch Entwicklungspolitik 89/90. Bonn o.J., S. 256.

M 5: Dritte Welt

Jenseits aller Begriffsscholastik scheint jeder zu wissen, was unter der Dritten Welt gemeint war und noch immer gemeint ist:

Die Dritte Welt als konstruierte Einheit war schon vor dem Zusammenbruch des militärisch-ideologischen Blocks der Zweiten Welt hinter unterschiedlichen Entwicklungen, Interessen- und Problemlagen verschwunden. Sie bildete niemals eine homogene Gruppe und politische Einheit, sondern immer eine lockere Gruppierung von Staaten in drei Kontinenten, die durch Selbst- und Fremdzuschreibungen jenseits der beiden feindlichen Blöcke in der Bipolarität des Ost-West-Konflikts plaziert wurde. Dritte Welt war immer ein politischer Begriff und kein theoretisches Konstrukt, auch wenn sich Wissenschaftler darum bemühten, sie auf theoretische Fundamente zu stellen. Die Rede vom »Ende der Dritten Welt« setzt etwas voraus, was es niemals gegeben hat; sie verabschiedete sich also gewissermaßen von einem selbstkonstruierten Phantom.

Franz Nuscheler: Entwicklungspolitik. Bonn 2006, S. 120 f.

M 6: Vierte Welt

Zur Gruppe der »am wenigsten entwickelten Länder« (Least Developed Countries – LLDC) werden von der UN 49 Länder gezählt. Die Kriterien zur Einteilung wurden 2000 vom Komitee for Development Planning überarbeitet und neu gefasst und beinhalten nun:

Länder mit mehr als 75 Mio. Einwohnern wurden von vornherein aus der LLDC-Gruppe ausgeschlossen.

Vgl. Franz Nuscheler: Entwickungspolitik. Bonn 2006, S. 101.

Anmerkung: Die internationalen Organisationen kürzen »Least Developed Countries« als LDC ab. Im entwicklungspolitischen Sprachgebrauch werden sie aber als LLDC von den LDC (Less Developed Countries) unterschieden.

M 7: Zerfallene Staaten

In der April-Nummer von Le Monde Diplomatique tauchte 1999 eine neue Ländergruppe auf: chaotische und unregierbare Gebilde, deren Staatlichkeit kollabierte. Für manche Autoren bilden viele Länder aufgrund zerbrechlicher oder schon zusammen gebrochener Staatlichkeit nur noch virtuelle Konstrukte auf der politischen Landkarte, die mangels Daten auch in internationalen Statistiken nicht mehr existieren. Für sie fallen diese gescheiterten, zerfallenden oder bereits »zerfallenen Staaten« (failed states), »quasi-states« oder Schrumpfstaaten sowohl aus dem Erklärungsbereich der Entwicklungstheorie als auch aus den Zielgebieten sinnvoller Entwicklungspolitik heraus. Dies gilt vor allem für viele afrikanische Länder, beispielhaft für die DR Kongo, Liberia oder Somalia, deren Staatlichkeit nur noch auf dem Papier steht. Zerfallene Staaten schaffen nicht nur ein Entwicklungsproblem, sondern auch ein regionales und internationales Sicherheitsproblem.

Franz Nuscheler: Entwicklungspolitik. Bonn 2006, S. 104.

Literaturhinweise

Belardi, Nando.: Internationale Soziale Arbeit. Länderberichte Dritte und Vierte Welt. Hamburg 2005.

Betz, Joachim / Stefan Brüne / Wolfgang Hein: Neues Jahrbuch Dritte Welt 2005. Wiesbaden 2006.

Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon Dritte Welt. Reinbek 2002.

Auszug aus dem Buch:

Günther Gugel, Vertretungsstunden mit Pfiff.
Anregungen für einen handlungsorientierten Unterricht zum Themenbereich
"Eine Welt" in den Sekundarstufen.

Institut für Friedenspädagogik, Tübingen 2008.

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