Irmela Wendt

Über die Entstehung des Buches "Der Krieg und sein Bruder"


Ich bin gebeten worden zu erzählen, wie es zu meinem Buch "Der Krieg und sein Bruder" gekommen ist. Ich will versuchen, dem nachzuspüren. Dazu muss ich weiter ausholen und diejenigen, die vor allem auf praktische Unterrichtshinweise warten, um etwas Geduld bitten.

Zeitgleich mit dem 1. Weltkrieg:
meine ersten zweieinhalb Lebensjahre. Was begreift eine Zweijährige vom Krieg, was nimmt sie davon in ihrem Bewusstsein auf, wenn sie im Frieden des Donoper Pfarrhauses aufwächst, die uralte romanische Dorfkirche täglich zum Anfassen nahe.

In meinem Buch "Mein Haus ist voller Geschichten. Von Krieg und Frieden im Leben der Marie Anders" habe ich dazu einiges geschrieben. Lassen Sie mich einen kurzen Abschnitt vorlesen ...

"Weil Krieg ist, sagen die Großen. Dauernd sagen sie, weil Krieg ist. Ich sehe den Krieg nicht. Sei froh, dass du ihn nicht siehst, sagt Nenna. Nenna ist dreizehn, von den Großen im Haus ist sie die Jüngste. Aus Bielefeld ist sie zu uns gekommen, ihre Mutter hat sie weggegeben, damit sie satt zu essen kriegt. Weil Krieg ist! sagt Nenna. Ist der Krieg in Bielefeld? frage ich. Dumme Pümpel! schreit Nenna, der Krieg ist da, wo der Papa Franzosen totschießt.
Was totschießt ist, will ich wissen.“
I. Wendt: Mein Haus ist voller Geschichten, S. 18

4 Jahre später ...
Der kurze Text, den ich jetzt lesen möchte, passt aber nur dann in den Kontext, wenn auch Sie der Meinung sind, dass Lehrer Friedensengel sein können...

"Rechnen haben wir beim Vater vom Heinzi. Rechnen mag ich nicht, weil ich Rechnen nicht kann. Ich bin zwei Wochen zu spät in die Schule gekommen, weil wir umgezogen sind zur Großmutter, und ich habe was aufzuholen, sagt die Mama. Zahlen schreiben kann ich jetzt, aber Heinzis Vater sagt immer FALSCH, wenn er neben mir steht und auf meine Tafel guckt. Beim August sagt er immer RICHTIG, und beim Heinzi sagt er manchmal RICHTIG und manchmal FALSCH. Ich weiß nicht, warum er bei mir immer FALSCH sagt. Heinzis Vater sagt, er will nachmittags in seiner Freizeit mit Heinzi und mir Rechnen üben, wenn ich will. Ich mag Heinzi, darum will ich. Wir sitzen zu dritt im Klassenzimmer, das kommt mir ganz anders vor, weil es so leer ist. Aber sonst ist es nachmittags wie vormittags, bei mir sind die Zahlen falsch. Ich habe nun mal kein Glück mit den Zahlen! sage ich. Glück braucht man dazu auch nicht! sagt Heinzis Vater. Was denn? frage ich. Er sagt nichts, er lacht. Heinzi hat jetzt eigentlich immer alles richtig. Ich frage, wie er es macht. Und er macht es mir vor. Ich gucke mir das genau an, wie der Heinzi es macht. Also, da staune ich aber. Das ist ja ganz einfach! Das habe ich ja noch gar nicht gewusst, dass ich die Zahlen vor den Gleichheitsstrichen auch angucken muss, wenn ich wissen will, welche Zahl dahinter kommt ...“
I. Wendt: Mein Haus ist voller Geschichten, S. 80

Im Jahr darauf...
"Drei Wochen vor Ostern, aber kalt ist es wie im Winter. Wir sollen alle in die große Schulhausdiele kommen, in Jacken und Mänteln, alle Kinder aus allen Klassen. Die große Schulhausdiele ist zwischen der Wohnung von Heinzis Vater und seinem Klassenzimmer. Im Sommer lässt Heinzis Vater dort den großen Heuwagen einfahren, wir aus der Unterklasse haben das Heu auf der Wiese wenden dürfen mit unseren Händen, ein paar Jungen aus der Oberklasse helfen es auf den Dachboden packen, und im Winter holt Heinzis Vater es dann herunter für seine Ziegen. Heute stehen lange, schmale Bänke in der Diele. Wer keinen Sitzplatz abkriegt, muss sich auf den Fußboden hocken.
Ein Mann ist aus dem Rheinland gekommen, da sind jetzt die Franzosen, sagt der Mann. Ich höre zu, wie der Mann von den Franzosen erzählt und vom Rheinland, ich habe noch nie davon erzählen hören. Ich verstehe nicht, was das alles bedeuten soll, was der Mann sagt, aber so viel doch, dass die Franzosen sehr böse Menschen sein müssen, weil sie schlimme Sachen machen im Rheinland, wo wir Deutschen zu Hause sind. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, dass ich eine Deutsche bin und wer die Franzosen sind. Aber jetzt bin ich froh, dass ich eine Deutsche bin und kein Franzose und dass ich nicht im Rheinland lebe, sondern weit ab hier im schönen Land der Rose. Die Lehrer klatschen in die Hände, wie der Mann das sagt mit der Rose, und ein paar aus der Oberklasse klatschen auch. Nun habe ich euch eine Menge erzählt, sagt der Mann, nun wisst ihr schon mehr als vorher. Wollt ihr denn nun zum Schluss die Franzosen mal hochleben lassen? Kennt doch jeder: Hoch soll'n sie leben! Hoch soll'n sie leben! Dreimal hoch! - Nein! Nein! schreien alle, und ich schreie mit. - Doch! sagt der Mann und kriegt so ein Grinsen ins Gesicht: Am Galgen.
Ich sehe den Galgen. Mich packt das Grausen. Ich suche Schutz, gucke zu Heinzis Vater hin. Der grinst auch, und der Mund hängt ihm schief. Abgrundtief stürzt mich der Schrecken. Gestern hat er noch auf Gott gehört. Du sollst nicht töten! hat er gestern noch gesagt.“
I. Wendt: Mein Haus ist voller Geschichten, S.82

23 war ich, als der 2. Weltkrieg begann. Vier Jahre vorher Abitur am Gymnasium für Jungen in Lemgo, 3 Mädchen, 17 Jungen. Die meisten dieser 17 jungen Männer wurden im Krieg getötet.

Nach Kriegsende ...
Nach Kriegsende, noch ganz unter dem Eindruck des furchtbaren Geschehens, als der CSU Politiker Franz Joseph Strauß gesagt hat, jedem Deutschen solle die Hand abfallen, die noch einmal nach einer Waffe greifen würde, da meinte meine Freundin und Mitabiturientin, sehr belesen und mir im Geschichtswissen überlegen: Krieg hat es schon immer gegeben, Krieg wird es auch weiter geben. Es verschlug mir die Sprache. Ich wollte schreien: 55 Millionen Kriegstote soll es weiter geben? Aber ich brachte kein Wort heraus. Ich schwieg. Schweigen hatte ich während der Nazi-Diktatur ausgiebig gelernt. Es dauerte seine Zeit, bis ich begriff, dass ich nicht mehr ohnmächtig schweigen, dass ich Verantwortung tragen sollte für Frieden.

In meinem langen Lehrerinnen-Leben - 41 Jahre - machte ich mich stark für den Verzicht auf jede Gewalt. In "Menschengeschichten", dem 3. Jahrbuch der Kinderliteratur, heißt es in meinem Text "Lehrerin Stephanie N., Lebensbericht":

"...
Stephanie wurde eine eigenwillige Lehrerin. Zwar versäumte sie nicht, die Kinder lernen zu lassen, was das Amt vorschrieb. Aber wichtig war ihr nur eins: der tägliche Versuch gewaltlos zu sein. Wenn es misslang, litt sie. "Gewalt hat mein Leben geprägt", sagte sie dann. "Ich verbreite Gewalt. Ich bin nicht frei".“
I. Wendt: Menschengeschichten, S. 211

Um Gewalt geht es auch in meiner 1977 erstveröffentlichten Schulgeschichte "Wer kann dagegen an", unter verändertem Titel "Fehler übersehen sie nicht - bloß Menschen" 1982 vom Rowohlt Taschenbuch Verlag übernommen, 12. Aufl. 2000.

"<Wie man sich verträgt.>
Wenn ein Junge seinen Papa auslacht, und der Papa schlägt ihn deshalb halbtot, die vertragen sich nicht. Wenn die Mama den Jungen dann ins Bett sperrt, mit Schlüsselumdrehen, die vertragen sich auch nicht. Wenn zwei Jungen was zu erledigen haben, und der eine will es mit Schlagen, der andere mit Sprechen machen, die vertragen sich nicht. Ich weiß nicht, wie man es macht, dass einer, der schlagen will, nicht mehr schlagen will, dass er sprechen will. Darum weiß ich nicht, wie man sich verträgt.“
I. Wendt: Fehler übersehen sie nicht - bloß Menschen, S.41
Auswahlliste "Niemals Gewalt. Bücher für den Frieden" Arbeitskreis für Jugendliteratur...

Krieg hat es schon immer gegeben. Krieg wird es auch weiter geben ... die Worte ließen mich nicht los. Ich wollte etwas tun gegen den Krieg. Dazu musste ich mehr von ihm wissen. Vorm Abitur hatte ich den Deutschlehrer gebeten, mich nicht in Kriegsliteratur zu prüfen, ich hätte es nicht fertiggebracht ein einziges Buch zu lesen. Nach dem erlebten Entsetzen änderte sich meine Einstellung. Ich wälzte Geschichtsbücher, die weit verbreitete Kriegsverherrlichung, das Siegerbewusstsein gewonnener Schlachten u. dergleichen widerten mich an. Ich las Clausewitz aus der Bibliothek meines Vaters, es war hart für mich das alles zu lesen. In der zwanzigbändigen Schlosserschen Weltgeschichte (Hrg. Anfang 1900) entdeckte ich zu meiner Genugtuung eine begründete negative Kritik an dem lippischen Nationalhelden und seiner Schlachte-Aktion im Teutoburger Walde (Hermann d. Cherusker, 9.n.Chr.). Ich zwang mich zur aktuellen Gegenwartslektüre, u.a. "Russland, der Westen und die Atombombe" des amerikanischen Diplomaten Kennan, ich las Robert Jung, den Friedensforscher, von Hentigs "Arbeit am Frieden", Mitscherlichs "Unfähigkeit zu trauern", Karl-Friedrich von Weizsäckers "Der Bedrohte Frieden" und "Im Garten des Menschlichen", um nur einige zu nennen. Und Gandhi! Ein kurzes Gandhi Zitat: "Ich weiß, dass der Krieg schlecht ist, ein Ur-Böses. Ich weiß auch, dass er Verschwinden muss." Das war Labsal für meine Seele. Kants "Zum ewigen Frieden" las ich erst Jahre später ...

Mitte der 70er Jahre ...
Mitte der 70er Jahre kam mir ein Buch in die Hände, das mich packte wie bisher kein zweites. AGRESSION von Friedrich Hacker, der Autor 1914 in Wien geboren, 1940 nach Amerika emigriert, Psychoanalytiker, Präsident der Sigmund Freud Gesellschaft, und zu späterer Zeit wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Konfliktforschung in Wien. Robert Jung hat von Hackers Buch AGGRESSION gesagt, ihm sei beim Lesen ein Licht aufgegangen. Wieviel mehr müssen dann einem gewöhnlichen Menschen wie mir die Lichter aufgegangen sein!

Hackers Art komplexe seelische Vorgänge zu analysieren wirkte auf mich geradezu ansteckend, sie half mir bei der täglichen Problembewältigung in der Schule. Ich lernte Aggression als etwas Bipolares zu begreifen, spürte Verantwortung für die positive aufbauende Aggression, die in unserer Gesellschaft meist nur müde dahindümpelt, während die negative pervertierende zerstörerische Aggression um so brutaler in action gerät. Krieg hat es schon immer gegeben. Krieg wird es auch weiter geben war für mich nun nicht mehr Ausdruck hervorragender Klugheit sondern Fatalismus, eine negative Aggression.

Zwei Hacker Zitate zum Nachdenken: "Wieso gestatten wir Staaten, denen wir angehören, Handlungen, ... für die jedes Individuum als Gewalttäter lebenslang eingesperrt würde? (S. 22) "Man verewigt durch Wegschauen den Bann des Bösen" (S. 217).

Vielleicht fragen Sie jetzt, was hat das alles mit der Parabel "Der Krieg und sein Bruder" zu tun? Ich glaube, ich hätte "Der Krieg und sein Bruder" nie schreiben können, hätte ich nicht vorher alle diese Gedanken durchdacht ...

Zwei Jahre vor Erreichen der Altersgrenze nahm ich Abschied vom Schuldienst, wollte Zeit gewinnen, wollte schreiben gegen den Krieg, keine leichte Zeit, die Politik drohte mehr als einmal zur Katastrophe zu eskalieren. Der Hass zwischen 0st und West wurde unerträglich. Die militärische Abschreckung nahm irre Formen an.

Mal dir das mal aus
sagt Egon
Millionen Russen
verglühen
im Atomblitz
das gibt
diesen Nazinachkommen
ein Gefühl
der Sicherheit

abschrecken
heißt die Parole
die ungezündeten
Blitze
stapeln
Raketen
atomare Sprengköpfe
Bomben
die ganze mordlüsterne
Drohung
darauf
setzen unsere Bürger
ihr Vertrauen

das Vernichtungspotential
eines jeden Machtblocks
ist groß genug
jeden Menschen
des anderen Machtblocks
zigmal umzubringen
der Streit
geht nur noch darum
wer
wen
einige Male mehr
umbringen kann.
I. Wendt: schamrot, S. 42/45

Die Friedensbewegung, die dagegen aufmarschiert, wird von einem Pfarrer beschimpft.
I. Wendt: schamrot, S. 17-20


kannst du dir vorstellen
sage ich
daß ein schwarzer Talar
etwas hat
gegen

FRIEDEN

gegen welchen

der Frieden
Einzahl
Singular
die Frieden
Mehrzahl
Plural
gibt es die

sie haben ihn längst
gespalten
sagt Egon
sie nennen ihren
den rechten Frieden
und den andern
den linken

der Friede
ist nicht mehr heil

der eine
ist für den andern
das Unheil

I. Wendt: Schamrot,

„schamrot“, mein erstes Friedensbuch, im Bläschke Verlag in Österreich erschienen. Zur gleichen Zeit, aufmerksam geworden durch Dorothee Sölles Buch "Im Hause des Menschenfressers" trat ich, die ich nie Mitglied einer politischen Partei gewesen war, in den ökomenischen Arbeitskreis OHNE RÜSTUNG LEBEN ein.

Bis zu "Der Krieg und sein Bruder" dauerte es nach meiner Pensionierung 12 Jahre
Bis zu meinem Buch "Der Krieg und sein Bruder" dauerte es, vom Zeitpunkt der Pensionierung an, 12 Jahre. Es war auch nicht so, dass ich gewusst oder zum mindesten geahnt hätte, wie es hätte werden sollen. Ich arbeitete während dieser Jahre gezielt an meinem 2. Friedensbuch "Mein Haus ist voller Geschichten. Von Krieg und Frieden im Leben der Marie Anders“, lauter reale authentische Geschichten.

„Ich muss an Jona denken. Bald nach der Machtübernahme hat in allen Klassen das Führerbild an die Wand gemusst, gleich über dem Sitz vom Lehrer. Und der Lehrer Ludi, der ein Nazi ist, hat den Jona gefragt, ob er noch keine Angst kriegt, wenn er den da auf dem Bild sieht.
Nein! hat der Jona gesagt.
Den Ludi kann ich nicht ausstehen, weil er das widerlichste Grinsen hat, das ich je bei einem Lehrer gesehen habe. Und weil er schlecht ist in Englisch, jedenfalls nicht halb so gut wie der Englischlehrer auf der Mädchenschule. Nicht mal die Unterrichtssprache ist englisch. Und drittens kann ich ihn jetzt nicht leiden, weil er das zum Jona gesagt hat. Jona ist Jude. Der einzige Jude in der Klasse. Er ist sonst nie aufgefallen, hat sich mit nichts hervorgetan. Ich bin morgens immer mit ihm im Zug gefahren. Wir haben dann die Hausaufgaben verglichen, und wer was falsch gehabt hat, der hat verbessert, der Jona, der Ernst, der Martin und ich. Mehr Fahrschüler sind nicht in der Klasse gewesen. Wir haben nie Streit miteinander gehabt, wir haben uns richtig gut verstanden. Ein paar Monate später, nachdem der Ludi das gesagt hat, ist Jona aus der Schule weggeblieben. Krank ist er nicht, hat Ernst gesagt. Und dann hat er aus dem Fenster geguckt. Der Ernst ist so ein Stiller gewesen.
Einmal in der großen Pause hat Jona dann zwischen den beiden hohen Pfeilern gestanden in der Eingangshalle vom Gymnasium, von deinem Gymnasium, Anna-Berta. Ich bin gleich zu Jona hingegangen und vielleicht zehn andere auch. Jona hat so ein Lächeln im Gesicht gehabt, und er hat gesagt, er macht jetzt eine Bäckerlehre, weit weg im Saarland. Wir haben alle gewusst, dass er Jura hat studieren wollen, und nur weil er Jude ist, lassen ihn die Nazis nicht auf der Schule. Mir ist ganz beklommen zumute gewesen, ich habe nichts dazu sagen können. Und die andern haben auch nichts dazu gesagt. Und wie es geklingelt hat, da sind wir erleichtert gewesen, weil der Jona gegangen ist.
Und das ist das Schlimmste an der Geschichte, das glaube mir, dass wir nichts gesagt haben. Wir hätten schreien sollen, protestieren. Aber wer tat das damals schon? Darin waren die Nazis groß: Erst haben sie die Leute mundtot gemacht, später ganz tot. Jona hat übrigens überlebt. Er ist auf abenteuerliche Weise nach Amerika entkommen und hat mich zwanzig Jahre danach besucht. Aber der Toni ist im Krieg getötet, der Ernst und der Martin sind im Krieg getötet, die meisten Jungen aus unserer Klasse sind im Krieg getötet.
Manchmal denke ich, wenn ich damals protestiert hätte, wenn wir alle protestiert hätten gegen das Unrecht, das dem Jona angetan wurde, wenn viele Menschen früh genug gegen die Nazis protestiert hätten, vielleicht könnte dann der Toni heute noch leben. Ja, so was denke ich manchmal wirklich.
Meinst du, du hast mit Schuld am Krieg? fragt Anna-Berta.
Wer den Krieg kommen sieht und schweigt dazu, der macht sich mitschuldig. Aber wir sahen ihn nicht kommen, das war es. Wir lebten den Traum vom Glück unseres Lebens, und keiner von den Erwachsenen hat uns wachgerüttelt, hat gesagt, die Gewalt gegen Jona, alle Gewalt, wird zurückschlagen auf euch, auf uns alle.“
I. Wendt: Mein Haus ist voller Geschichten, S.99

Eines Tages wollte ich wissen, wann es zum ersten Mal in der Weltgeschichte Krieg gegeben hat, ich suchte vergeblich in mehreren Nachschlagewerken und anderen Büchern, griff schließlich zur Bibel und stieß auf die Geschichte von Kain und Abel. Ich kannte sie von meiner Kindheit her, hatte sie als Lehrerin im Unterricht "behandelt", wie so leichthin gesagt wird, aber diese Geschichte, die ich jetzt fand, die war neu. Das war nicht der strafende Gott meiner Kindheit, der das Kainszeichen anbrachte, damit jeder den Verbrecher erkennen konnte. Und der Kain war auch keiner aus der Urzeit, er war einer aus unseren Tagen, der nicht ertragen kann, dass er kein Ansehen genießt, jedenfalls nicht das gewünschte, der aus seiner Wut heraus zerstören muss, weit entfernt von der Möglichkeit Bruder oder Hüter zu sein. Da war es für mich nur ein Schritt von diesem einen Zerstörer zum größten Zerstörer, zum Krieg. Der Krieg als Mörder des Menschenbruders, als Kain. Liebe hat er in Hass verwandelt. Gelingt es ihm, Hass wieder in Liebe umzuwandeln, dann hört er auf Krieg zu sein, dann ist er erlöst.

Ich kann nicht sagen, wieviel Zeit ich gebraucht habe, diesen Gedanken in die Form einer Parabel umzusetzen, ich weiß nur, dass ich wochenlang in einer vom Tourismus unberührten Einsamkeit des Südschwarzwaldes ungestört daran gearbeitet habe. Der Text war in Prosa nur 3 1/2 Seiten lang, er erschien in zwei Zeitschriften, im "Bunten Hund" von Beltz & Gelberg und in der Ministranten-Post des Patmos Verlages.

15 Verlage haben abgelehnt
Von 15 Buch-Verlagen bekam ich ihn zurück, bis ich ihn umsetzte in die Form eines Prosagedichts, das fiel mir nicht schwer, der Text war ohnehin dicht, er brauchte kaum geändert werden. Eine Lektorin des Patmos Verlages forderte Probeillustrationen von zwei Künstlern an, ein iranischer und ein polnischer. Sie klagte: ber Pole antwortet nicht. Es war Anfoni Boratynski, international anerkannt und mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Er hat mir später geschrieben, er hätte sich anfangs nicht getraut (daran erkennt man seine Bescheidenheit) in der Furcht, etwas nicht adäquat darstellen zu können, aber meine Geschichte habe ihn nicht losgelassen und schließlich habe er sich ihr genähert wie einem großen Bilde und in einem Zuge geschaffen.

Als das Buch erschien, war ich 75. Zur gleichen Zeit erschien in einem Schweizer Verlag "Mein Haus ist voller Geschichten. Yon Krieg und Frieden im Leben der Marie Anders." Ich habe beide Bücher damaIs scherzhaft meine ungleichen Zwillinge genannt.
Boratynskis Bilder, die Originale, wurden auf Ausstellungen gezeigt, und mich lud man zu Lesungen ein. Quer durch die Bundesrepublik. Mir war keine Reise zu weit. Ich scheute keine Mühe. In Rüsselsheim fing es an, in Frankfurt kam das ZDF zu meiner Lesung in ein 4. Schuljahr, Hamburg, Bremerhaven, Radolfzell am Bodensee, Mutlangen, Hildesheim, Münster, Detmold, Bielefeld um nur einige Orte zu nennen.

Es gab viele interessante Rezensionen und noch mehr interessante Kinder-Äußerungen und Lehrer, die nichts damit anzufangen wussten und Lehrer, die begeistert waren und Pfarrer, die schwiegen und Pfarrer, die "Krieg und Bruder" in ihre kirchliche Arbeit einbezogen, einer schickte mir das Gedicht von Hilde Domin, das mir bis dahin unbekannt war:

Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen

Übersetzungen erschienen in Brasilien, in Holland, in New York und Jerusalem.
Als eines von drei Büchern aus Deutschland kam es auf die Auswahlliste des International Board on Books for Young Peeple (IBBY) mit Bilderbüchern für Frieden und Toleranz, Guten Tag, lieber Feind! Hallo! Dear Ennemy! Zwei Wanderausstellungen, die eine mit einem Katalog in deutscher, die andere mit einem Kalolog in englischer Sprache, z. Zt. in Japan und im Raum Fulda. In der Schule für Sprachbehinderte in Lage-Pottenhausen war sie vor zwei Jahren zu sehen.
Vom Evangelischen Jugendwerk Stuttgart - Bad Canstatt kam 1995 die Anfrage, ein Musical "Krieg und KAIN Ende" nach der Parabel "Der Krieg und sein Bruder" aufführen zu dürfen. Der Verlag genehmigte, ich fuhr zur Uraufführung. Damals lernte ich Anke Hinnecke kennen, von der Baden Württembergischen Landeskirche als Religions- Lehrerin angestellt, tätig in Schulen des Primarbereichs, der Sekundarstufe I und in der Lehrerfortbildung. Sie lud mich ein Jahr später zu Lesungen in Schule und Lehrerfortbildung nach Stuttgart ein. Der Kontakt riss nicht ab. Als ich während der Feier des 20-jährigen Bestehens von OHNE RÜSTUNG LEBEN in der Kirche von Stuttgart-Sindelfingen "Der Krieg und sein Bruder" las, war auch Frau Hinnecke unter den Zuhörern. Damals sprach sie von ihren Plänen, einen Verlag für religionspädagogische Materialien zu gründen. Wir haben beide wohl nicht dabei an meine Parabel gedacht. 1998 schickte sie mir aus dem eben im Kösel Verlag erschienenen Praxisbuch von Rainer Oberthür "Kinder fragen nach Leid und Gott" eine Copie seines Unterrichtsentwurfs zu "Der Krieg und sein Bruder", der nun zusammen mit Unterrichtsentwürfen anderer Religionspädagogen in der Mappe "Wenn Abel aufsteht..." enthalten ist, die Frau Hinnecke im Frühsommer herausgegeben hat und die hier heute vorgestellt werden soll. Sie schreibt darin, "Irmela Wendt hat mit ihrem Krieg und Bruder eine Welle in Bewegung gesetzt. Dass die Welle nun Stapelage erreicht hat, das ist für mich beinahe wie Weihnachten..."


*Schulpfarrer ** Bildungszentrum d. Lippischen Landeskirche *** GSRektorin

Irmela Wendt Referat am l2.9.2000 Haus Stapelage

© 2001 Irmela Wendt

 
 


© Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.
Corrensstr. 12, D-72076 Tübingen,
E-Mail: kontakt@friedenspaedagogik.de
http://www.friedenspaedagogik.de