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Kapitel 3.7: Sport und Fair Play

Dieser Baustein zeigt, welche Möglichkeiten Sport für Gewaltprävention bietet. Er weist jedoch auch darauf hin, dass Gewalt durch Sport und sein Umfeld begünstigt oder gar gefördert werden kann. Die Grundsätze der Fair-Play-Erziehung sind ber den Bereich des Sports hinaus anwendbar. Das Beispiel „Straßenfußball für Toleranz“ verdeutlicht, wie Regelveränderungen zu neuen Spielformen führen können.

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Kapitel 3.7

Sport und Gewalt
Sport ist Bewegung. Menschen sind Bewegungswesen. Sie benötigen ihren Körper jedoch nicht nur zur Fortbewegung, sondern sie sind auch Körper, der sich durch Emotionen bewegen lässt. Wahrnehmen, Begreifen und Erfahren sind körperbezogene Tätigkeiten, wenngleich die wahrgenommenen Impulse dann im Gehirn weiterverarbeitet werden.

Die Körperlichkeit pendelt in der modernen Welt zwischen Kultobjekt und Vernachlässigung, wobei der Körper immer auch zur Selbstdarstellung und zum Selbstausdruck verwendet wird. Körper- und bewegungsbezogene Konzepte der Gewaltprävention durch Sport gewinnen zunehmend an Bedeutung (vgl. Jäger 2008, S.61 ff.).

Sie sollen jungen Menschen neue Perspektiven aufzeigen und das Abrutschen in Delinquenz verhindern (vgl. Günther
2006). Dabei sollen Kinder und Jugendliche auf der Beziehungsebene durch Sport erreicht werden. Sport soll ihnen ermöglichen, Grenzen auszutesten, Regeln akzeptieren zu lernen und Fairness zu praktizieren. Aggressionen und motorischer Bewegungsdrang können „gesteuert“, vorhandene körperliche Fähigkeiten eingesetzt und Schwellenängste abgebaut werden. Das Selbstwertgefühl kann gestärkt werden, Eigenverantwortung und Selbstständigkeit werden stimuliert. Dies gelingt um so besser, da Sport für viele Jugendliche Ausdruck eines Lebensgefühls ist.

Fachleute bezweifeln jedoch, dass diese Annahmen der universalpräventiven Wirkung von Sport so zutreffen. Denn Sport alleine kann diese Wirkungen nicht erreichen. Er ist auf ein sinnvolles, langfristig angelegtes pädagogisches Gesamtkonzept und auf die Vernetzung mit dem sozialen Umfeld angewiesen, um sein Potenzial entfalten zu können (vgl. Pilz 2002). Dann allerdings kann der Beitrag des Sports zur Gewaltprävention beachtlich sein.

Gewalt im und durch Sport
Fachleute, wie z.B. der Sportsoziologe Gunter A. Pilz weisen mit Recht darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Sport und Gewalt komplex sei und dass Sport selbst eine Vielzahl von Gewaltphänomenen produziere. Problematisch ist z.B., wenn vermittelt wird, dass es im Interesse des Erfolges durchaus richtig und wichtig sei, Regeln zu verletzen. Foulspiel und Doping sind Beispiele für die z.T. menschenverachtende Doppelmoral im Sport, dessen ethischen Werte zwar grundsätzlich vorbildlich sind, sich in der Praxis jedoch vielfach als Worthülsen erweisen.

Gewalt in der Gesellschaft und im Sport sind zwei Seiten einer Medaille. Ohne Frage liegt auch beim Sport der Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zunächst auf Formen der direkten Gewalt. „Geil auf Gewalt“, dieser deutsche Titel des Klassikers von Bill Buford (1991) über Erfahrungen mit Hooligans ist dafür Programm. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Es müssen auch die strukturellen und kulturellen Gewaltpotenziale bzw. die diesbezüglichen Ursachen und Voraussetzungen identifiziert und zum Gegenstand der Auseinandersetzung gemacht werden.

Die Ursachen sind vielfältig: Abbau von Frustrationen, das Gefühl von Macht und Stärke, aber auch von Ohnmacht, Provokation, gruppendynamische Prozesse, Enthemmung durch Alkohol, zunehmende Verregelung, Stigmatisierung und Ausgrenzung gehören dazu (Busch 2008, S.25). In Untersuchungen zum Zuschauerverhalten im Fußballsport wurde nachgewiesen, dass nach dem Erleben von Fußballspielen allgemein die Bereitschaft zu aggressiven Handlungen ansteigt. Mehr noch, vor allem bei Spielen, in denen es sehr hektisch zuging, bei Spielen mit vielen Fouls, mit gelben und roten Karten steigt die Gewaltbereitschaft der Zuschauer signifikant an (Pilz 1999, S.130).

Günther Gugel

Handbuch Gewaltprävention II
Für die Sekundarstufen und die Arbeit mit Jugendlichen.
Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten.
Tübingen 2010, 736 Seiten, 24 x 16 cm, vierfarbig, gebunden, 300 Fotos, zahlreiche Schaubilder.

38,80 Euro, ISBN: 978-3-93244452-4

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