Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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R. O. Wiemer: Der gute Räuber Willibald

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Wiemer_Raeuber Willibald

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Zum Inhalt

Jeden Abend vor dem Einschlafen liest Manni – ein sieben- bis achtjähriger Junge – in seinem Räuberbuch. Zweihundert Mal schon hat er die Bilder betrachtet. Seine Mutter ist von der Bosheit „seines“ Räubers Willibald überzeugt. Nicht so Manni. Gibt es nicht auch gute Räuber? Mit dieser Frage schläft Manni ein – und er begibt sich auf einen Weg zwischen Traum und Wirklichkeit: Willibald der Räuber steigt heraus aus seinem Buch! Er versucht in zehn kleinen Abenteuern dem kleinen Manni und sich selbst zu beweisen, dass er ein böser Räuber ist. Immer wieder plant er Schreckliches: er will stehlen, hintergehen, betrügen und belügen. Manni aber glaubt ihm nicht, dass er diese Pläne umsetzen kann, dass er z. B. dem Bäcker Brot stehlen oder Autos ausräubern kann. Manni sieht sich bestätigt. Sein Räuber Willibald gerät immer wieder in Situationen, in denen er seine guten Seiten zeigen muss und kann: er hilft dem kranken Bäcker und backt selbst die Brote für die Kinder des Dorfes. Er hilft dem Autofahrer aus einer Panne und genießt das Vertrauen eines kleinen Mädchens, welches ihn auch als Bilderbuchfigur wieder erkennt. Er gerät in den Verdacht, ein Wilddieb zu sein, rettet aber das Leben der Tiere. Jeden Abend kehrt er zurück zu Manni, berichtet von seinen Taten und Erfolgen, steigt – etwas beschämt, weil er nicht so böse sein kann, wie sich das für einen Räuber gehört, zurück in die Bilder des Buches. Der kleine Manni macht die Freundschaft zu „seinem“ guten Räuber Willibald deutlich: „Ich denke, du hast Räuber gern?“, sagt Willibald. Manni überlegt eine Weile. „Räuber nicht“, sagt er. „Nur dich habe ich gern.“ Schließlich versteht ihn auch seine Mutter.

Zur Thematik – Problematik / Konsequenzen zum Unterricht mit diesem Buch

Der Autor verknüpft in seiner additiven Reihenerzählung zwei Vorstellungsebenen: Fiktion und Realität. Es entsteht ein Dialog zwischen Traum und Wirklichkeit. Entsprechend entsteht der Dialog zwischen den Hauptfiguren dieser zwei Ebenen. Das Kind Manni – ist sein Name eine Verkleinerung des Wortes „Mann“? – als Gegenspieler zu der fiktionalen Bilderbuchfigur Willibald – ob der Name auf seinen unerfüllten Willen hindeutet? Dem Protagonisten‚ Räuber Willibald (Gerhard Haas vergleicht ihn mit der „Miniaturausgabe des Don Quichotte“(3)) „gelingt es nicht, das gewünschte Schreckensbild aufzubauen.“ So sehr er bemüht ist, sein Selbstbild sich und anderen zu „beweisen“, so sehr scheitert dieses Vorhaben an seinem wahren Ich, an seinem guten Herzen. Der Dialog zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Erzählung. Der zweite Protagonist Manni argumentiert, versucht zu überzeugen, indem er Vorurteile und Klischees nicht übernimmt, sondern seinem fiktiven Freund und Begleiter vertraut. Mit diesem Vertrauen steht er auch im Dialog mit seiner Mutter, die ihn zwar zum Ende der Erzählung besser versteht, aber noch nicht vollständig vom „guten Räuber“ überzeugt ist.

R. O. Wiemer lenkt auch in dieser Erzählung – wie in vielen seiner Texte und Bücher (s. Lit.) – den Blick auf eine soziale Botschaft an die Leserinnen und Leser. Gerhard Haas: „Lass dich nicht durch noch so lange tradierte Klischees und Vorurteile von der Überprüfung des Einzelfalls abhalten. Zwischen Erscheinung und innerer Qualität eines Menschen kann ein grundlegender Unterschied bestehen. Vor allem aber: in jedem Menschen, wie festgelegt er auch zu sein scheint, gibt es Veränderungsmöglichkeiten, die seine Umwelt hemmen oder fördern kann.“(4) Die Erzählung beschreibt mit ihrem pazifischen Grundton einen Baustein auf dem Weg zum sozialen Lernen. Sie kann dem Kind Argumente zur gegenseitigen Achtung und Toleranz geben. Die Fähigkeit der sensiblen Wahrnehmung des Anderen und des Andersartigen – auch mit dem Blick auf mögliche Abweichungen von Verhaltensnormen – ist ein Schritt auf dem Weg zur Identität, wiederum ein Baustein auf dem Weg zur Annäherung von Selbstbild und Fremdbild.

Die additive Erzählstruktur mit ihren zwei dialogisch aufgebauten Erzählsträngen ermöglicht unterschiedliche produktive Formen der Textbegegnung: Im handelnden Umgang wird die Identifikation angebahnt sowohl mit dem Kind als auch mit seinem Gegenüber. Die vorgestellte didaktische Struktur der Unterrichtseinheit (etwa 2–3 Wochen) berücksichtigt die Anbahnung von Akzeptanz und Toleranz der Kinder, auch in heterogenen Lerngruppen. Sowohl Kinder unterschiedlichen Jahrganges (2.–4.) als auch minderheitssprachige Kinder finden Zugang. Im Dialog mit der Kleingruppe (z.B. im szenischen Spiel, beim gegenseitigen Vorlesen, beim gemeinsamen Erarbeiten von Texten und Illustrationen, bei der musikalischen Begleitung ...) und im Kreisgespräch (z.B. in der Planungsphase, bei einer Kettenerzählung, bei Dokumentation und im Kreisgespräch (z.B. in der Planungsphase, bei einer Kettenerzählung, bei Dokumentation und Präsentation) sowie bei einem gemeinsamen Räuberfest lernen die Kinder den Umgang z. B. auch mit Vorurteilen. Die verschiedenen Methoden des Textumgangs ermöglichen die Arbeit im fachübergreifenden Lernen (Deutsch, Musik, Kunst, Religion auch in multikulturellen Klassen) als auch in der Freiarbeit. 

Weiterführend könnte der Text „Engel - es müssen nicht Männer mit Flügeln sein“(5) – von R. O. Wiemer erarbeitet werden. Die Planung und Durchführung eines abschließenden Räuberfestes, die Kinder laden andere Kinder bzw. die Eltern hierzu ein, bietet wieder eine konkrete Kommunikationsebene: die Begegnung und Auseinandersetzung mit der Verschiedenheit der Menschen fördert die Identität aller Kinder.

(3) Gerhard Haas in: Zum Lesen verlocken, 7. Aufl. 1995; Hg. Peter Conrady, S. 97

(4) ebenda, S. 98

(5) Aus: Der Engel leuchtende Spuren; Hg. Johannes Kuhn. Stuttgart 1991

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