Home / Institut / Projekte / Hans-Götzelmann... / Preisträger 200... / 1. Preis: Box-Club Nordend e.V. (Altersgruppe 14 bis 21 Jahre)
Preis: 2.500,00 EUR
Streitkultur durch Boxtraining
„Hart aber fair“ heißt das Motto des Box-Club Nordend e.V., der im Jahr 2004 gegründet wurde. Heute besuchen zwischen 60-70 Jugendliche regelmäßig die Trainings. Dort geht es nicht in erster Linie um sportliche Fitness und Erfolge, sondern vor allem um Wege aus der Gewalt und um die Vermittlung von Konfliktfähigkeit.
Das ungewöhnliche Sportangebot nehmen hauptsächlich männliche Jugendliche im Alter von 12 bis 22 Jahren wahr. Doch auch Mädchen können jeder Zeit mittrainieren und sie nutzen diese Möglichkeit immer häufiger. Die meisten Teilnehmer haben einen Migrationshintergrund und viele waren noch nie Mitglied in einem Verein. Fast alle dieser Jugendlichen haben Erfahrung mit körperlicher Gewalt – sei es als Täter oder sei es als Opfer. Doch die Trainings stehen für alle Interessierten offen. Durch eine größtmögliche Heterogenität der Gruppen sollen Toleranz und Verständnis für andere gefördert werden. Ein respektvoller Umgang wird von den Sozialarbeitern und Trainern – viele arbeiten ehrenamtlich mit – konsequent vorgelebt. Herkunft, Religion und Alter sind im Box-Club gleichgültig. Jeder ist wichtig und wird ernst genommen. Voraussetzung ist die Bereitschaft, regelmäßig am Training teilzunehmen. Wer nicht kommen kann, muss sich vorher abmelden; wer Gewalt im Alltag anwendet, wird sofort aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Gezielte Partnerarbeit während der Übungen lehrt Kooperation, Hilfsbereitschaft und Rücksicht auf Schwächere. Durch die gemeinsame Erfahrung von Respekt und Fair Play und durch die klaren Regeln lernen die jungen Leute Konflikte im Alltag verbal anstatt mit Gewalt zu lösen.
Anfänger kommen meistens einmal pro Woche, Fortgeschrittene und Mitglieder, die an sportlichen Wettkämpfen teilnehmen, trainieren bis zu vier Mal. Die Trainer und viele der Älteren, die schon länger dabei sind, gelten für die Jüngeren als Vorbild. Als eines dieser Vorbilder gilt Zijad Dolicanin (21), der seit vier Jahren im Box-Club trainiert und amtierender Hessenmeister der Amateure im Supergewicht ist. Früher war er oft in Schlägereien verwickelt, doch das Boxen hat ihm geholfen sein Leben in den Griff zu bekommen. „Der Box-Club hat mich und meine Persönlichkeit sehr verändert. Meiner Meinung nach bin ich den Jahren reifer und selbstbewusster geworden, was meine Zukunft anbetrifft. Aber auch in meinem Umfeld oder in meiner Familie bin ich ausgeglichener. Durch diese Veränderung habe ich mir selber andere Ziele gesetzt, an die ich vorher nie dachte,“ so Zijad, der mittlerweile sein Abitur nachgemacht hat und nun Mathematik und Sport auf Lehramt studieren möchte.
Das Boxtraining stärkt das Selbstwertgefühl, hilft den Jungen Dampf abzulassen und zu entspannen. Auf die Frage wie ihn das Boxtraining verändert hat, sagt der Maler-Lehrling Kevin Gehbauer (15), „Man lernt daraus, dass Schlägerei auf der Straße nichts bringt. Hier hat man die Handschuh, Mundschutz und Fairness. Hier kann man alles rauslassen an Boxsäcken, was man will, da muss man nicht auf der Straße sich jemanden suchen.“ Desto länger sie dabei sind, desto positiver wirkt sich das Training auf das Leben der Teilnehmer aus, meint Wolfgang Malik, Leiter des örtlichen Jugendzentrums, der gemeinsam mit Amateurboxer Bernd Hackfortden Club gegründet hat.
Nach dem Training findet eine Ruhephase in Form von Entspannungs- und Atmungsübungen statt, damit die Jugendlichen zur Ruhe kommen und sich körperlich und mental regenerieren. 30-40 „verhaltensauffällige“ Jugendliche beim Yoga – ein ungewöhnlicher Anblick, der zeigt wie wohl sich die jungen Männer fühlen. Dazu
Wolfgang Malik: „Die Jugendlichen wissen, dass sie sich bei uns im Box-Projekt nicht vor Anderen beweisen müssen. Hier gilt nicht das Recht des Stärkeren und niemand braucht Angst zu haben als schwach oder feige zu gelten. Die Jungs wissen, dass sie hier vor niemandem etwas zu befürchten haben, auch wenn sie für 10 Minuten die Augen schließen und sich in der Stille entspannen. Das ist ein sehr, sehr großer Vertrauensbeweis an die Trainer.“
Neben dem Boxen, werden im Rahmen des Projekts mittlerweile auch Hausaufgabenhilfe und Berufsberatung angeboten. Die meisten der Jugendlichen besuchen Haupt-, Real- oder Berufsschulen, haben oft wenig Perspektiven, und vor allem niemanden, der ihnen bei Klausurvorbereitungen oder Bewerbungen hilft. Durch das ergänzende Programm wird den Jugendlichen zudem signalisiert, dass nicht nur der Sport, sondern auch schulische Leistungen wichtig sind. „Es ist einfach fantastisch,“ sagt der Teilnehmer Shervin Mogaharrebi, „nach dem Training sprechen die Trainer mit uns, wenn wir Probleme haben oder wenn wir Fragen haben.“ Das gesamte Angebot des Jugendzentrums ist kostenlos. Der Verein trägt sich durch städtische Unterstützung, Sponsoren und Spendengelder. Es findet außerdem eine enge Kooperation mit der Polizei statt, z.B. durch regelmäßige Diskussionveranstaltungen.
Boxen als Einstieg in Streitkultur erscheint nur auf den ersten Blick paradox. Das Projekt trägt nämlich zu einer veränderten Auseinandersetzung der Jugendlichen mit sich und ihrer Umgebung bei. Es geht darum, die Bereitschaft zu stärken, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und durch Selbstbestimmung und Disziplin Alternativen zur Anwendung von Gewalt zu entwickeln. Die Jury des Hans-Götzelmann-Preises für Streitkultur hat vor Allem das Vertrauensverhältnis zwischen den Mitarbeitern und Teilnehmern beeindruckt, denn Wertschätzung braucht menschliches Engagement der Trainer und Initiatoren, die als Personen selbst glaubwürdig sein müssen. Die schrittweise Erweiterung der Arbeit in den fünf Jahren des Bestehens ist ein Zeichen, dass das Projekt Kreise zieht und dadurch auch im Umfeld Wirkung zeigt.