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Frieters-Reermann, Norbert: Frieden lernen (2010)

Frieters-Reermann, Norbert: Frieden lernen. Friedens- und Konfliktpädagogik aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive. Mit einem Vorwort von Dieter Senghaas. Wiku-Wissenschaftverlag Dr. Stein, Duisburg/Köln 2010, 307 S.

Neue Forschungsarbeit zur Theoriebildung in der Friedenspädagogik. Der Friedenspädagogik wird innerhalb der zivilen Konfliktbearbeitung zunehmend eine Schlüsselfunktion zugeschrieben. Das Interesse an ihr ist in den letzten Jahren weltweit deutlich angestiegen. Doch offenbaren sich in der gegenwärtigen Friedenspädagogik auch theoretische Schwachpunkte und konzeptionelle Defizite. Diesen versucht die vorliegende Arbeit zu begegnen und die Friedenspädagogik aus einer ungewohnten theoretischen Perspektive zu betrachten und zu reflektieren.

Das gesamte Buch als pdf:

FRITERS_REERMANN_Frieden_lernen

Vorwort von Dieter Senghaas

Seit den 1960er Jahren gibt es in Deutschland (zunächst eher exklusiv in Westdeutschland) eine systematisch betriebene Friedensforschung. Im Kern handelt es sich dabei um den Versuch, die Friedensproblematik in aller Breite erfahrungswissenschaftlich zu erkunden. Die Untersuchungen finden sich in einem Spektrum zwischen Kriegsursachenforschung und Friedensursachenforschung. Eine gewisse „Schlagseite“ hinsichtlich des erstgenannten Schwerpunktes war lange Zeit unübersehbar, galt es doch, kriegerische Gewalt sowie Gewalt in weniger zugespitzten Konfliktkonstellationen, aber auch Vorurteile, Stereotype und insbesondere Feindbilder im Zusammenhang von Konfliktkonstellationen und deren Eskalationsanfälligkeit zu untersuchen. Erst nach dem Ende des die Nachkriegszeit beherrschenden Ost-West-Konfliktes wurden vielfach Friedensursachen zum Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit: Vordringlich wurde es nunmehr, in einer weltpolitisch relativ offenen Konstellation konstruktive friedensprogrammatische Perspektiven ins-besondere in Europa, aber auch hinsichtlich einer zeitgemäßen Weltordnungspolitik zu erarbeiten und in die tagespolitische Debatte einzuführen. Frieden denken und Frieden machen gewannen in dieser Lage eine besondere wissenschaftliche und politische Aufmerksamkeit. So auch: Frieden lernen.

Natürlich hatte sich die Friedensforschung von Anfang an mit der letztgenannten Problematik beschäftigt. Schon in den 1970er Jahren war es den in der Regel sozialwissenschaftlich orientierten Friedensforschern bewusst, dass die von ihnen erarbeiteten Befunde über eine friedensabträgliche, aber auch eine potentiell friedenszuträgliche Wirklichkeit auf geeignete Weise einem größeren Publikum weitervermittelt werden sollten. Gut geschriebene Bücher und Zeitschriftenartikel, vor allem auch journalistische Beiträge sollten hierfür hilfreich sein. Ganz besonders dachte man jedoch, dass die gewonnenen Erkenntnisse über die Bedingungen und Kontexte von Gewalt und von Frieden in einem friedenspädagogisch inspirierten Unterricht möglichst auf allen Jahrgangsstufen vermittelt werden sollten. Die Schule und auch die Lehre an Universitäten waren somit erste Adressaten der Friedensforschung, später die erweiterte Jugendarbeit und punktuell auch die Erwachsenenbildung. Transfer könnte man in dieser Frühphase der Entwicklung von Friedensforschung die Bemühungen um solche Vermittlung von Erkenntnissen, Lagebeurteilungen sowie von friedenspolitischen Entwürfen nennen. Die wenigen friedenspädagogisch engagierten Autoren und Praktiker der damaligen Zeit waren ihrerseits auf der Suche nach solchen wissenschaftlich aufbereiteten Befunden, die einen Durchblick in das tagespolitische Geschehen, aber auch weiterreichende friedens-wissenschaftliche und friedenspolitische Perspektiven vermitteln sollten.

Gegenüber diesen Anfängen von Friedensforschung und einer Friedenspädagogik (mit schulischem und außerschulischem Adressatenkreis) zeigt sich die Situation heute in einem ganz anderen Licht, wie die vorliegende Untersuchung von Norbert Frieters-Reermann verdeutlicht. Heute hat die Friedensforschung, wie sie hierzulande und weltweit betrieben wird, weit mehr Erkenntnisse aufzubieten als in ihren Anfängen. Auch haben sich die wissenschaftstheoretischen und methodischen Orientierungen, nicht anders als in den Geistes- und Sozialwissenschaften im allgemeinen, erweitert. Dasselbe gilt für den Bereich der Pädagogik und darauf aufbauend in der Friedenspädagogik. Letzterer Sachverhalt wird von Norbert Frieters-Reermann auf eindrucksvolle Weise dokumentiert. Der Autor versteht es vortrefflich, die Brücke zwischen neueren Entwicklungen in der allgemeinen Pädagogik und den sich daraus ergebenden Imperativen für die Friedenspädagogik argumentativ aufzubereiten. Wobei die Reorientierungen innerhalb der allgemeinen Pädagogik ihrerseits von Paradigmen inspiriert sind, die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten in den Geisteswissenschaften herausgebildet haben. Darauf aufbauend wird in der vorliegenden Studie sehr konsequent (und im übrigen didaktisch gut aufbereitet) eine konstruktivistisch, systemisch und interaktionistisch ausgerichtete Perspektive einer zeitgemäßen Friedenspädagogik entfaltet, wobei für den Autor diese drei Orientierungen nur konfigurativ zu denken sind. D.h. unter der Bedingung von Rückkopplungsschleifen zwischen den drei genannten Leitperspektiven soll ein Unternehmen wie die Friedenspädagogik einigermaßen aussichtsreich sein – dies die These.

Die Studie enthält aber nicht nur den Versuch einer systematischen Grundlegung von Friedenspädagogik, sondern auch Fingerzeige im Hinblick auf die Realisierung bzw. die Realisierungschancen einer konstruktivistisch-systemisch-interaktionistisch ausgerichteten Pädagogik im Rahmen der unterschiedlichen Kontexte konkreter friedenspädagogischer Praxis. Dabei verkennt der Autor nicht die enormen Schwierigkeiten, mit denen sich eine Friedenspädagogik konfrontiert sieht. Erfreulicherweise werden am Ende der Studie Dilemmata, Paradoxien, auch Sackgassen einer friedenspädagogischen Praxis, die unter den in der Studie herausgearbeiteten und empfohlenen Bedingungen stattfindet, diskutiert; und überdies wird mögliches Scheitern thematisiert. Hier nähert sich Frieters-Reermann jener Skepsis, die ein Autor wie Horst Rumpf seit vielen Jahren im Rahmen von Friedensforschung und Friedenspädagogik gegenüber leichthin feilgebotenen pädago-gischen Rezepturen immer wieder eindrucksvoll artikuliert hat.

Ungeachtet der argumentativen Stringenz, die die vorliegende Studie auszeichnet, stellen sich jedoch für einen erfahrungswissenschaftlich orientierten Friedensforscher (der ich nun einmal bin) einige Fragen, deren Beantwortung seitens der Friedenspädagogik ein Gespräch zwischen dieser und der Friedensforschung erneut zustande bringen und weiterführen könnte. Ziel erfahrungswissenschaftlich fundierter Friedensforschung ist nach wie vor die allgemein zugängliche Aufbereitung empirisch valider Befunde und Lagebeurteilungen im Hinblick auf Kriegsursachen bzw. Friedensursachen. Bei aller Berücksichtigung der Perspektivität gerade auch wissenschaftlichen Arbeitens, d.h. der Bedeutung von unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Prämissen und von oft kontroversen Paradigmen, ist doch unbestreitbar, dass es in dieser Forschung auch gewichtige Aussagen über nicht oder kaum noch strittige Sachverhalte gibt. Natürlich stellt sich die soziale Wirklichkeit unter verschiedenen Perspektiven und Paradigmen unterschiedlich dar. Aber es ist ja gerade die Aufgabe von Wissenschaft, trotz dieser Unterschiedlichkeit im Ergebnis von Forschung zu Befunden zu kommen, die in der Tendenz nicht mehr strittig sind. Das Bild, das über die soziale Wirklichkeit in der vorliegenden Studie vermittelt wird, wird jedoch durch einen tendenziell agnostischen bias geprägt. Deshalb die emphatische Betonung von „ergebnisoffenen Lernprozessen“. Welchen Stellenwert aber haben in solchen Prozessen die von der Friedensforschung erarbeiteten Erkenntnisse? Zum Beispiel jene über die Autismusanfälligkeit von Konfliktparteien auf der individuellen, der Gruppen- und der Makroebene sozialen Handelns; oder die Erkenntnisse über Eskalationsprozesse, aber auch über Gewaltprävention (die nicht nur in der Friedensforschung aufbereitet wurden, sondern beispielsweise auch in der Kriminologie oder in der experimentellen Forschung über Gruppendynamiken). Und welche Bedeutung haben solide wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse in „ergebnisoffenen Lernprozessen“ wie jene über wissbare Bedingungen für eine nachhaltige Koexistenz trotz Interessen- und Identitätsdifferenzen innerhalb und zwischen Gesellschaften? Überdies: Welcher normative Stellenwert kommt zivilisatorischen Errungenschaften zu, die das friedliche Überleben sozial mobiler, d.h. politisierbarer und politisierter Gesellschaften prägen? – Erkenntnisse über eine leidvolle und mühsame Konfliktgeschichte: also normative Prinzipien wie der Schutz von Grundfreiheiten, die Gewaltenteilung, im Falle von Strafverfahren die Unschuldsvermutung bis zum richterlichen Nachweis der Schuld und viele andere Grundprinzipien von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Ordnung, wie sie für ein friedliches Zusammenleben unter Bedingungen von interessen-, identitäts- und wertemäßig zerklüfteten Gesellschaften unabdingbar sind.

Im Lichte neuzeitlicher Konfliktgeschichte innerhalb und zwischen Gesellschaften gibt es belegbare problematische, aber auch erfreuliche friedenspolitisch Erfahrungen. Beide sollte eine Friedenspädagogik, die ja in unmittelbarer Gegenwart und auf die Zukunft hin wirken will, aufmerksam registrieren, um nicht in eine Sackgasse der Beliebigkeit zu geraten. Vor Beliebigkeit warnt auch der Autor dieser Studie. Aber wie entgeht man ihr in ergebnisoffenen Lernprozessen?

Wie kann Friedensforschung, ohne die alte Transferorientierung zu revitalisieren, hinsichtlich wissbaren Wissens und nicht hintergehbarer Normen für eine zeitgemäße Friedenspädagogik hilfreich sein? Und was erwartet Friedenspädagogik, soll sie sich nicht in Selbstreferentialität erschöpfen, von Friedensforschung? Ein Gespräch ist überfällig. Die vorliegende eindrucksvolle Studie bietet sich hier als durchaus kontroverser Ausgangspunkt an.

Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Senghaas, Universität Bremen, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien

In: Frieters-Reermann, Norbert: Frieden lernen. Friedens- und Konfliktpädagogik aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive. Mit einem Vorwort von Dieter Senghaas. Wiku-Wissenschaftverlag Dr. Stein, Duisburg/Köln 2010, S. 7-9.

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