Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Es waren nur wenige, doch der Staat fühlte sich bedroht ...

Ute Kätzel

Frauenfriedensbewegung von 1899 bis 1933

Frauenfriedensbewegung von 1899 bis 1933 - ein Überblick

"Frauen Europas, wo bleibt Eure Stimme um Frieden zu säen?" Diese im Jahre 1915 von Lida Gustava Heymann gestellte Frage kann als treffende Beschreibung der Frauenfriedensbewegung von 1899 bis 1933 angesehen werden. Es waren nicht viele, die sich für den Frieden einsetzten. Dem Staat galten sie jedoch als Bedrohung der herrschenden Ordnung. Ihre Namen finden sich mit Ausnahme Bertha von Suttners aber kaum in einem Geschichtsbuch. Wer waren diese Frauen und welche Ziele verfolgten sie?

Die Frauenfriedensbewegung entstand um die Jahrhundertwende. Ihr gehörten in erster Linie Frauen an, die sich in der bürgerlichen Frauenbewegung engagierten und deren Hauptziel es war, die soziale Lage der Frauen durch Schulbildung und mehr Berufsmöglichkeiten zu verbessern. Darüber hinaus wurde die politische und rechtliche Gleichstellung der Frauen mit den Männern gefordert, denn von direkter politischer Einflußnahme waren die Frauen in Deutschland bis zum Jahr 1918 ausgeschlossen.

Der 1894 gegründetete Dachverband, der Bund Deutscher Frauenvereine, legte großen Wert auf die internationale Zusammenarbeit mit bürgerlichen Frauen anderer Länder. Der Einsatz für Frieden und Völkerverständigung fand unter diesen Frauen ebenfalls Zustimmung. Jedoch bewerteten führende Aktivistinnen des Bundes Deutscher Frauenvereine die militärischen Interessen der eigenen Nation höher als Internationalismus und Pazifismus.

In Deutschland waren es in erster Linie die Frauen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, die der Arbeit für den Frieden einen größeren Stellenwert einräumten als nationalen militärischen Interessen. Zu nennen wären hier Frauen wie Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Helene Stöcker und Minna Cauer, die 1899 den Verband der fortschrittlichen Frauenvereine gründeten.

Große Erfolge und erste Rückschläge

Die Frauenfriedensbewegung entfaltete ihre ersten großen Aktionen um die Jahrhundertwende zur Unterstützung des Haager Friedenskongresses am 18. Mai 1899. Von den eigentlichen Verhandlungen waren sie aufgrund ihres Geschlechtes ausgeschlossen. Die Münchnerin Margarethe Leonore Selenka organisierte deshalb parallel die Erste Internationale Friedenskundgebung der Frauen vom 10. bis 17. Mai 1899. Tausende beteiligten sich an 565 öffentlichen Versammlungen in drei Erdteilen. Die Initiatorin sah darin den Anfang einer weltweiten Frauenfriedensbewegung. Doch lediglich 1901 fand noch einmal eine derartige Aktion statt, allerdings mit weit weniger Zuspruch.

Von Beginn an legten führende Pazifistinnen größten Wert auf organisatorische Selbständigkeit; sie gründeten daher eigene pazifistische Frauenverbände. Anfang Mai 1915 rief der Erste Internationale Frauenfriedenskongreß in Den Haag (Abb. 1) ein Internationales Frauenkomitee für dauernden Frieden ins Leben, das auf dem Kongreß in Zürich 1919 in Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) umbenannt wurde. Unterstützung erhielt die Gründung durch die nationalen Frauenausschüsse der einzelnen Länder. In Deutschland gehörten diesem Ausschuß unter anderem Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Frida Perlen an.

Abb. 1: Der Erste Internationale Frauenfriedenskongreß in Den Haag 1915.

Andere Pazifistinnen hingegen schlossen sich der, hauptsächlich von Männern getragenen Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) an, oder bauten zusammen mit Männern neue Friedensorganisationen auf, wie den Bund Neues Vaterland, in dem zum Beispiel Minna Cauer und Helene Stöcker mitarbeiteten. Im Mai 1914 gründeten Emilie Endriß, Frida Perlen und andere den Frauenbund der Deutschen Friedensgesellschaft, der jedoch nie größeren Einfluß erlangte.

Somit war die IFFF die einzige pazifistische Frauenorganisation der Weimarer Republik. Die Vereinszeitschrift der deutschen Sektion, "Die Frau im Staat" (Abb. 2), wurde von 1919 bis 1933 von Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann herausgegeben.

Abb. 2: "Die Frau im Staat", Zeitschrift der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF), 1919 bis 1933 herausgegeben von Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann.

Abb. 3: Die sechsbändige Dokumentation "Völkerversöhnende Frauen-arbeit" berichtet über die Arbeiten der Frauenfriedensbewegung. Der erste Band trägt den Zusatz "während des Weltkrieges".

Frauen und Mütter Hüterinnen wahrer Menschlichkeit?

Im Unterschied zum Bund Deutscher Frauenvereine, der eine Politik der kleinen Schritte vertrat, forderten die Pazifistinnen die sofortige rechtliche und politische Gleichstellung der Frauen (M 2.2). Führende Aktivistinnen vertraten sogar die Auffassung, daß Frauen, sobald sie das Wahlrecht hätten, ihren Einfluß dahingehend einsetzen würden, den Krieg als Mittel der Politik zu ächten. Denn die Frau sei von Natur aus "friedliebender" und im Gegensatz zum "kriegerischen" Mann besonders geeignet, ja geradezu berufen, Friedensarbeit zu leisten (M 5).

Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, die wohl exponiertesten deutschen Frauenrechtlerinnen und Pazifistinnen, stellten diese Auffassung ins Zentrum ihrer Überlegungen und verbanden sie mit einer fundamentalen Kritik an den patriarchalischen Verhältnissen (M 6).

1931 gründete Constanze Hallgarten, eine führende Pazifistin der Weimarer Republik, sogar einen Weltfriedensbund der Mütter und Erzieherinnen. Selbst Sozialistinnen wie Clara Zetkin propagierten, daß Frauen aufgrund ihrer Mutterrolle prädestiniert seien für den Kampf gegen den Krieg, sahen jedoch nicht in der "Natur des Mannes" die Ursache für den Krieg, sondern im Kapitalismus (M 7).

Minna Cauer hingegen, eine radikale Frauenrechtlerin und Pazifistin, lehnte es stets ab, die Friedensfrage als eine Geschlechterfrage zu betrachten, und auch Bertha von Suttner übte Kritik am Klischee der "friedlichen" Frau.

Der Staat fühlt sich bedroht

Während des Ersten Weltkrieges setzten die Pazifistinnen ihre internationale Zusammenarbeit unter äußerst erschwerten Bedingungen fort (M 1). Widerstand kam auch von der Hauptorganisation der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland, dem Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), der diese Aktivitäten aufs Schärfste verurteilte und dazu aufforderte, im Nationalen Frauendienst die "Heimatfront" zu stärken.

Der radikale Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung beteiligte sich dennoch am Internationalen Frauenfriedenskongreß vom 28. April bis zum 1. Mai 1915 in Den Haag. 1126 weibliche Delegierte aus zwölf Ländern nahmen teil, darunter 28 deutsche Frauen. Einigen war die Ausreise verweigert worden. In ihrer Resolution protestierten die Frauen gegen Kriegsgreuel und verlangten von den kriegführenden Nationen, in Friedensverhandlungen einzutreten. Der Kongreß protestierte ebenfalls gegen die Vergewaltigungen von Frauen, die eine "Begleiterscheinung jedes Krieges" seien. Abschließend forderte der Kongreß die politische Gleichstellung der Frauen (M 2.2).

Die Friedensarbeit der Pazifistinnen und der für den Frieden eintretenden Sozialistinnen wurde staatlich überwacht. Nach Schätzungen handelte es sich dabei um nicht mehr als 300 bis 500 Frauen im Kaiserreich, die in verschiedenen Gruppen organisiert waren und zum Teil isoliert voneinander arbeiteten. Einige von ihnen wurden mit Redeverboten, Landesverweisen und sogar Inhaftierungen bestraft. Trotz der kleinen Zahl seiner Gegnerinnen, fühlte sich der Staat bedroht. Pazifistinnen wurden, ebenso wie Pazifisten, bezichtigt, "Schwächlinge" zu sein (M 5), ja die "Verweiblichung" des Mannes zu propagieren.

Bei ihrem ersten Kongreß nach dem Ersten Weltkrieg vom 12. bis 15. Mai 1919 in Zürich erkannten die Frauen sofort, welch enormer politischer Sprengstoff in den Friedensbedingungen von Versailles steckte; sie lehnten diese daher ab (M 3).

Friede nicht ohne Sozialismus

Die Sozialistinnen verweigerten eine Zusammenarbeit mit den Pazifistinnen bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Begründung, ein Kampf um den Frieden müsse den Kampf für den Sozialismus einschließen. Die von ihnen getragene proletarische Frauenbewegung verstand sich als Teil der internationalen Arbeiterbewegung und der Sozialistischen Internationale. Sie agitierten gegen Krieg und Militarismus als Auswüchse des kapitalistischen Wirtschaftssystems und auf dem internationalen Sozialistenkongreß in Basel warnte Clara Zetkin 1912 leidenschaftlich vor "dem drohenden Weltkrieg des Kapitalismus".
Zum Frauenfriedenskongreß 1915 in Den Haag sandten die sozialistischen Frauen nur eine Grußadresse. Einen Monat zuvor hatten 25 Delegierte in Bern eine sozialistische Frauenkonferenz abgehalten und damit auf ihre Weise gegen den Krieg protestiert. Aus Deutschland nahmen neben Clara Zetkin noch weitere sechs Frauen teil. Kongreß und "Frauenmanifest" (M 7) stießen selbst innerhalb der SPD auf Ablehnung. Am 29. Juli wurde Clara Zetkin wegen Landesverrates verhaftet. Zwar war nun die Verbreitung des Manifestes erschwert. Doch immer mehr Frauen beteiligten sich an Demonstrationen gegen den Krieg und gegen die Burgfriedenspolitik der SPD.
Die unterschiedliche Haltung zum Krieg bewirkte auch innerhalb der proletarischen Frauenbewegung eine Spaltung in Anhängerinnen der SPD, der USPD und des Spartakusbundes, später der KPD.

Der SOS-Ruf der Frauen blieb ungehört

Der Erste Weltkrieg hatte der Frauenfriedensbewegung großen Zulauf gebracht. Und die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) setzte ihre Aktivitäten mit großem Engagement bis 1933 fort: Unter dem Titel "Völkerversöhnende Frauenarbeit" erschien eine sechsbändige Dokumentation (1920­1933) (siehe Abb. 3).
Beinahe jedes Jahr wurde ein internationaler Kongreß abgehalten und unermüdlich für Völkerverständigung und Abrüstung geworben. Weiter informierten die IFFF-Komitees und Tagungen über die Entwicklung neuer Methoden der Kriegführung und warnten vor den neuerlichen Gefahren, insbesondere für die Zivilbevölkerung. Im Auftrage der IFFF erarbeitete die Schweizer Chemikerin Gertrud Woker Vorträge und Schriften über Giftgas- und chemischen Krieg. Flugblätter wurden zu Hunderttausenden verbreitet.
Mit der internationalen IFFF-Studienkonferenz 1929 in Frankfurt am Main zum Thema: "Die modernen Kriegsmethoden und der Schutz der Zivilbevölkerung" gelang es den Frauen, international Aufsehen zu erregen (M 4.1). Sie regten die Planung einer internationalen Abrüstungskonferenz an, die aber erst 1932 zustande kam. Die internationalen Frauenorganisationen sammelten rund 8 300 000 Unterschriften und übergaben diese in einer eindrucksvollen Demonstration am 6. Februar dem in Genf tagenden Völkerbund.
Ein letztes Aufbäumen von Frauen der verschiedensten Richtungen, darunter auch Clara Zetkin, brachte der Weltkongreß gegen den imperialistischen Krieg in Amsterdam im Herbst 1932. Doch alle diese "SOS-Rufe" der Frauen waren vergeblich (M 4.2). Nicht wenige gingen 1933 ins Exil, so zum Beispiel Lida Gustava Heymann, Anita Augspurg, Frida Perlen, Helene Stöcker und Constanze Hallgarten.

Materialien

Hier gehts zu den Materialien.

Didaktische Hinweise

Als Einstieg könnte dargelegt werden, daß pazifistische Aktivitäten von Frauen, vor allem während des Krieges, unerwünscht waren (M 1). In einem ersten Unterrichtsschritt wäre dann zu untersuchen, welche Ziele die Frauenfriedensbewegung verfolgte (Völkerverständigung, Abrüstung, Revision des Versailler Vertrages, neue Weltwirtschaftsordnung, aber auch Gleichberechtigung der Frauen), wogegen sie protestierte (gegen Vergewaltigung der Frauen als "Kriegswaffe", gegen "moderne" Kriegsmethoden) und welche Aktionen sie von 1899 bis 1932 durchführte (M 2­M 4).
Anschließend können die Schülerinnen und Schüler die Frage diskutieren, warum sich um die Jahrhundertwende überhaupt eine Frauenfriedensbewegung bildete. Hier wäre zum ersten darauf zu verweisen, daß diese ein Teil der bürgerlichen Frauenbewegung war, in der Frauen gemeinsam für ihre politische und rechtliche Gleichstellung kämpften (M 2.2). Desweiteren ließe sich erörtern, daß führende Aktivistinnen Kriege als Ergebnis von Patriarchat und männlicher Machtherrschaft ansahen. Die vom Wesen her pazifistische Frau müsse somit den von Natur aus kriegerischen Mann zur Ordnung rufen (M 5­M 6). Und schließlich könnte ein Vergleich mit der Kriegsursachentheorie der Sozialistinnen angestellt werden (M 7).
Aktuelle Bezüge ließen sich herstellen über die Frage nach heutigen Vorstellungen über die "Natur von Mann und Frau", aber auch über die schon damals geäußerten Proteste gegen die Vergewaltigung von Frauen als "Kriegswaffe" (M 2.2).

Literatur

Brinker-Gabler, G.: Frauen gegen den Krieg. Frankfurt a. M. 1980
Gerhard, U.: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Reinbek 1990
Hering, S. und C. Wenzel: Frauen riefen, aber man hörte sie nicht. Die Rolle der deutschen Frauen in der internationalen Frauenfriedensbewegung zwischen 1892 und 1933. Schriftenreihe des Archivs der Deutschen Frauenbewegung, Bd. 1 und 2. Kassel 1986
Heymann, L. G. und A. Augspurg: Erlebtes ­ Erschautes. Frankfurt a. M. 1992
Lischewski, H.: Morgenröte einer besseren Zeit. Die Frauenfriedensbewegung von 1892 bis 1932. Münster 1995
Weiland, D.: Geschichte der Frauenemanzipation in Deutschland und Österreich. Biographien, Programme, Organisationen. Düsseldorf 1983

Quelle:
Ute Kätzel: Es waren nur wenige, doch der Staat fühlte sich bedroht. Frauenfriedensbewegung von 1899 bis 1933.
In: Praxis Geschichte, Heft 3/97, S. 9-13, Westerman Schulbuchverlag GmbH.

Internetfassung mit freundlicher Genehmigung des Westermann Schulbuchverlags.

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