Brent Spar: "Greenpeace hat Shell in die Knie gezwungen" (1995)

"Am 20. Juni 1995 um 19.00 Uhr haben sich die Spielregeln im Geschäft mit dem Nordseeöl entscheidend verändert. Eine Handvoll Aktivisten von Greenpeace und eine durch dramatische Fernsehbilder aufgerüttelte Öffentlichkeit haben in einer beispiellosen Protestaktion Shell in die Knie gezwungen, den drittgrößten Industriekonzern der Welt." So beginnt die Wochenzeitung "Die Zeit" einen ganzseitigen Artikel über eine spektakuläre Greenpeace-Aktion, die aus drei Teilen bestand: einer Besetzung der 140 m hohen ehemaligen Ölladeplattform "Brent Spar", einer exzellenten Öffentlichkeitsarbeit sowie der Organisation eines Verbraucherboykotts von Shell-Tankstellen.

Greenpeace wollte mit dieser Aktion zum einen verhindern, daß die mit giftigen Ölschlämmen beladene ausrangierte Ölplattform einfach in der Nordsee versenkt wird und daß damit gleichzeitig ein Präzedenzfall für die übrigen, sich in der Nordsee in Betrieb befindlichen, ca. 400 Plattformen geschaffen wird.
Zum Einlenken von Shell hat vermutlich vor allem der Verbraucherboykott in Deutschland beigetragen. Die Deutsche Shell AG, die in Deutschland das zweitgrößte Tankstellennetz unterhält und im Sommer 1995 sich gerade bemühte durch Werbeanzeigen ein neues Image, das gesellschaftliche Verantwortung in den Mittelpunkt stellt, aufzubauen, war durch "Brent Spar" ins Abseits geraten. Der Boykottaufruf wurde nicht nur von den Autofahrern unterstützt, sondern auch von Verbänden und Politikern aufgegriffen. Der Umsatz ging um 25 bis 30 Prozent zurück. Dieses Ausmaß überraschte nicht nur Greenpeace, sondern auch die Ölmanager.
Öffentlichkeitswirksamer waren jedoch die Besetzung der Plattform und die alltäglichen Fernsehbilder darüber in den Nachrichtensendungen. Die Ölplattform, die von einem Schlepper ins offene Meer geschleppt werden sollte, um dort versenkt zu werden, war von zwei Greenpeace-Aktivisten besetzt worden. Ein Greenpeace-Schiff begleitete Schlepper und Plattform und die auf diesem Begleitschiff anwesenden Journalisten berichteten laufend über die aktuellen Ereignisse auf hoher See. Diese Aktionen von Greenpeace, verbunden mit dem öffentlichen Protest führten zu einem Einlenken von Shell.

Der Plan, die Brent-Spar in der Nordsee zu versenken wurde aufgegeben. Die Plattform wurde in einen norwegischen Fjord geschleppt, wo sie nun an Land zerlegt und entsorgt werden soll.
Anke Scheib schreibt über die Besetzung der Brent Spar:
"Das Salzwasser spritzt mir ins Gesicht, die Sonne blendet. Wir nähern uns im Jet-Boot mit Tempo 60 der ›Brent Spar‹. Vor uns ragt das Ziel unserer Reise aus dem Wasser: die britische Öl-Plattform, rostiggelb mit rotem Aufbau. Wie bei einem Eisberg verbirgt sich das lange Ende der 140 Meter messenden Öl-Zwischenladestation unter Wasser. Doch im Moment interessiert uns nur die Spitze: Ist die Brent Spar verlassen? Haben die Journalisten dicht gehalten, oder erwarten uns schon Leute von Shell?

Wir haben damit nicht gerechnet

"Haben Sie damit gerechnet, daß Shell klein beigibt?
Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe oft versucht, mich in die Lage der Shell-Leute zu versetzen, besonders nach den Gesprächen, die wir mit dem Konzern vor und hinter den Kulissen hatten. Ich hätte nicht gedacht, daß die Engländer einschwenken, aber der Druck wurde doch zu groß. Entscheidend war wohl, daß das Thema in die Wirtschaftsteile der Zeitungen übersprang und dort sehr kritisch behandelt wurde. Das war das Signal. (...)

Sie haben Shell zur Brust genommen, Esso aber nicht, obwohl dieser Konzern doch auch mit 50 Prozent an Brent Spar beteiligt ist. Ziemlich ungerecht.
Kampagnen sind manchmal ungerecht, weil wir uns einen Gegner raussuchen müssen, und zwar den wichtigsten. Das war Shell, weil dieser Konzern diese Art der Entsorgung durchgepuscht hat. Esso war ja nur der Miteigner der Plattform.

Eine Sprengung der Brent Spar hätte angesichts der Vorschädigung und der sonstigen Schadstoffeinleitungen nur minimale Folgen für die Nordsee. Warum ist das nicht ihr Kampagnen-Schwerpunkt?
Wir kämpfen auch gegen diese Belastungen zum Beispiel mit unseren Aktionen gegen die Einleitung von Chlor-Organika oder im Rahmen der Verkehrs-Kampagne, um die Stickoxide aus der Luft zu vermindern. Der Vorteil von Kampagnen wie bei Brent Spar ist, daß man wieder Bewußtsein wecken kann für die Gesamtsituation der Nordsee. Die Nordseeschutzkonferenz vor zwei Wochen wäre ohne Brent Spar doch nur eine Fußnote in der Medienberichterstattung gewesen."

Interview mit Thilo Bode, Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland. Frankfurter Rundschau, 22.6.1995, S. 6, Auszüge.

Noch 100 Meter - und mir fällt ein Stein vom Herzen: Unsere Kletterer, die im Schlauchboot vorgeprescht waren, sind oben! Mit drei Booten umkreisen wir die Insel. Zwei graue Schlauchboote mit der Aufschrift ›rescue‹ halten auf uns zu. Aus der anderen Richtung nimmt das rote Stand-By-Boot von Shell direkt Kurs auf uns. Es ist riesig gegenüber unseren Schlauchbooten, und es kommt immer näher. Beeilt euch da oben! Endlich wird auf dem Hubschrauber-Deck das Banner gehißt ›Save the North Sea‹. Wir haben es geschafft, unsere Leute sind auf der Brent Spar. Jetzt kann Shell diese überdimensionale, ausrangierte Gifttonne nicht mehr einfach im Ozean versenken, als sei das Meer eine Müllkippe für Öl-Container. Mögen sie noch so sehr die Erlaubnis der britischen Regierung haben, ihren Sondermüll billig zu versenken - uns versenken sie nicht. Eine Welle kommt, ich greife nach den Eisenstufen, und Harald ruft: ›Go! Hoch die Leiter!‹ Kurz danach hangle ich mich am Geländer entlang zur Tür, die ins Innere führt. Dieselgeruch schlägt mir entgegen. Überall Pfützen aus Wasser und Öl: Ein kleiner Eindruck von dem, was unter uns schwappt. Nein, diese Brühe werdet ihr nicht einfach in den Atlantik kippen! Ich fühle mich wie in einem Geisterhaus. In den Zimmern hängen die Handtücher am Haken, die Betten sind gemacht. Es riecht muffig. Als ob die letzten Shell-Arbeiter die Brent Spar vor vier Jahren fluchtartig verlassen mußten, türmt sich überall Gerümpel, Abfall, rostendes Gerät. Fast absurd, daß wir hier unseren Küchenmüll trennen und hinterher wieder mit an Land nehmen. Aber wir sind ja nicht Shell.
Erst jetzt wird mir klar, wie wichtig es ist, hier zu sein und der Welt zu zeigen: Dieser ganze Zivilisations-Schrott soll einfach auf dem Meeresboden versenkt werden. Und die Brent Spar ist nur der Anfang. Wer sie versenken will, hat uns auf dem Gewissen."

Anke Scheib in: Greenpeace-Magazin, 3/95.

Deutsche Shell Aktiengesellschaft

Hamburg, im Juli 1995

Sehr geehrter Herr Gugel,

vielen Dank für Ihre Zuschrift, in der Sie gegen die Versenkung der Lager- und Verlade-Plattform "Brent Spar" im Nordatlantik protestierten. Ihr Schreiben hat uns sehr betroffen gemacht. Wie Sie den Medien sicherlich entnommen haben, hat unsere für diesen Fall verantwortliche Schwestergesellschaft Shell U.K., London, inzwischen entschieden, die Plattform nicht zu versenken, sondern die Genehmigung für ihre Entsorgung an Land bei der britischen Regierung zu beantragen. Die Deutsche Shell Aktiengesellschaft, unsere Mitarbeiter und unsere Tankstellen- und Vertriebspartner haben diese Entscheidung mit Erleichterung aufgenommen.
Aber wir haben auch daraus gelernt. Denn obwohl die ursprüngliche Entscheidung der Shell U.K. in völliger Übereinstimmung mit den einschlägigen britischen Gesetzen und insbesondere mit den internationalen Konventionen von Paris und Oslo zum Schutz der Meere stand, war die geplante Tiefsee-Entsorgung nicht durchsetzbar. Sie war es deswegen nicht, weil zahlreiche Regierungen der Nordsee-Anrainerstaaten den ursprünglich genehmigten Entsorgungsweg nicht mehr mittragen wollten. Das hat uns gezeigt, daß die Übereinstimmung einer Entscheidung mit Gesetzen und internationalen Bestimmungen allein nicht ausreicht. Hinzukommen muß die notwendige Akzeptanz in der Gesellschaft. Wir haben gelernt, daß die Öffentlichkeit unsere Argumente nicht nachvollziehen konnte. Aber nicht nur das. Uns ist auch bewußt geworden, daß wir auf Sie, unsere Kunden, mehr und genauer hören müssen. Damit haben wir auch gelernt, daß für bestimmte Entscheidungen Ihr Einverständnis genauso wichtig ist wie die Meinung von Experten oder die Genehmigung durch Behörden. Tatsachen, denen in Zukunft sicher nicht nur wir, sondern auch andere Unternehmen bei wichtigen Entscheidungen gerecht werden müssen. Wir sind daran erinnert worden, daß wir als Unternehmen unsere Größe und Stärke letzten Endes Ihnen, unseren Kunden, verdanken. Und wir sind daran erinnert worden, daß - wie bei uns rund um die "Brent Spar" geschehen - viele gute Leute aus ihrer Sicht das Vernünftigste und Beste tun können und daß dies dennoch zu einer Gesamtentscheidung führen kann, die die Gesellschaft nicht akzeptiert. Aus den Ergebnissen der letzten Tage werden wir mit Sicherheit Konsequenzen ziehen und nach Wegen suchen, unterschiedliche gesellschaftliche Strömungen und Entwicklungen über die Landesgrenzen hinaus wahrzunehmen und entsprechend zu berücksichtigen. Auch wenn das Lernen manchmal schmerzt - nur wer lernt, hat Zukunft. Und natürlich wollen wir Zukunft haben. Wir wollen erreichen, daß Sie uns wieder akzeptieren. Und wir wünschen uns daß das, worauf wir stolz sind, von Ihnen wieder anerkannt wird: Unsere Glaubwürdigkeit und Integrität.
Wir, unsere Tankstellenpächter und unsere Vertriebsplaner werden daran arbeiten, Ihr Vertrauen zurückzugewinnen - und wir würden uns freuen, Sie dann auch wieder zu unseren Kunden zählen zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen

Karl-W. Lott

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

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