Notwendig ist ein globales Ethos, Dr. Günther Gebhard

1. Eine der Schlüsselkompetenzen Globalen Lernens ist interkulturelle und interreligiöse Dialogfähigkeit. Für deren Entwicklung spielt die Schule eine zentrale Rolle. In der interkulturellen Erziehung ist die kognitive und soziale Dimension zu verbinden mit einer ethischen Dimension. Hier bildet das Weltethos ein wichtiges Element, da es gerade interkulturelle und interreligiöse Gemeinsamkeiten auf der Ebene der ethischen Werte, Standards und Handlungsmassstäbe ins Bewusstsein hebt.

2. Der Weltethos-Gedanke ist wesentlich formuliert in der Erklärung zum Weltethos (Chicago 1993):
(a) Grundforderung des Weltethos: Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden.
(b) Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.
(c) Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben. der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung, der Toleranz und Wahrhaftigkeit, der Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau.

3. Im Projekt Weltethos liegt ein Erziehungs- und Bildungsauftrag.
Weltethos steht am Schnittpunkt von interkultureller/interreligiöser Erziehung, Friedenserziehung und Werteerziehung. Einen Beitrag zu interkultureller und interreligiöser Erziehung leistet der Weltethos-Gedanke dadurch, dass er Einblicke in die verschiedenen Religionen und damit auch Kulturen ermöglicht, und zwar vor allem durch das Wahrnehmen ihrer ethischen Reichtümer. Das Weltethos weist darauf hin, dass die Menschen der verschiedenen Religionen und Kulturen ihre gemeinsame Verantwortung für unseren Planeten Erde gemeinsam wahrnehmen müssen und dies auch können, wenn sie sich auf einige grundsätzliche Handlungsmassstäbe besinnen. Der Weltethos-Ansatz weckt Neugier auf die Kultur und Religion der anderen, er fördert Empathie und weitet den mentalen Horizont. Insofern verbindet hier tatsächlich der Ansatz beim Ethos die kognitive wie die soziale Dimension des interkulturellen Lernens.

4. Globalem Lernen, das sich am Weltethos orientiert, geht es um Folgendes:
das Lernen für eine bewohnbare Erde,
das Lernen für eine mündige Wahrnehmung der dem einzelnen gemäß den Menschenrechten zukommenden Freiheiten und Verpflichtungen,
das Lernen für eine sinnvolle Lebensgestaltung,
das Lernen für ein solidarisches Zusammenleben in Familien, Gemeinden, regionalen und internationalen Horizonten.

5. Im heutigen multikulturellen Kontext unserer Schulen besteht zur Entwicklung eines Schulethos die Notwendigkeit eines ethischen Grundkonsenses, der sich aus verschiedenen Religionen und Kulturen speist. Weltethos kann deshalb geradezu zum Ethos einer multikulturellen Schule werden.

Günther Gebhardt, Forumsbeitrag vom 13.02.2003 für den Kongress "Globales Lernen" in Baden-Württemberg.

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