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Harald Welzer / Sabine Moller / Karoline Tschuggnall
„Opa war kein Nazi"
Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis
Unter Mitarbeit von Olaf Jensen und Torsten Koch
Fischer Taschenbuch Verlag, 4. Aufl. Frankfurt/M 2003; Erstausg. 2002
249 S.; 10,90 €
ab 14 Jahre
Die von der Volkswagenstiftung geförderte Mehrgenerationenstudie „Tradierung von Geschichtsbewusstsein" ist der Frage nachgegangen: Was wird in Familien „ganz normaler" Deutscher über Nationalsozialismus und Holocaust überliefert? Die Autoren haben in Familiengesprächen und Interviews untersucht, woran sich Deutsche aus der NS-Vergangenheit erinnern, wie sie darüber sprechen und was davon an die Kinder- und Enkelgeneration weitergegeben wird.
In 40 Familiengesprächen und 142 Interviews wurden die Familienangehörigen sowohl einzeln als auch gemeinsam nach erlebten und überlieferten Geschichten aus der nationalsozialistischen Vergangenheit gefragt. Die Autoren stellten fest, dass die von Generation zu Generation transportierte Sichtweise und Darstellung der Nazi-Vergangenheit von den Schilderungen und Berichten in Schulen, Gedenkstätten, Filmen und Büchern in bedenklicher Weise abweicht. In allen 40 Familien war zwar die Bereitschaft vorhanden, über „die schlimme Zeit" zu sprechen, doch oftmals wurden Familienmitglieder entweder nur Opfer oder Helden geschildert.
Von Täterschaft oder Verantwortung hingegen war wenig zu hören. Verharmlosungen und das wohl bekannte „Davon haben wir nichts gewusst" tauchen oft auf. Mit zunehmender Lesedauer gewinnt man den Eindruck, dass es mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung - trotz der zahlreichen Versuche auf offizieller und öffentlicher Ebene - nicht weit her ist. Die Schlussfolgerung der Verfasser ist erschreckend: Die Verfolgung und Vernichtung jüdischen Menschen kommt im deutschen Familiengedächtnis nicht vor. So kann angesichts dieser „vererbten" Verdrängung das Wiederaufleben rechtsradikaler und antisemitischer Strömungen innerhalb der deutschen Gesellschaft auch nicht wirklich verwundern. Bei allen Erklärungsversuchen wurde die Tradierung der Vergangenheit in der Familie bisher außer Acht gelassen. Wie werden Geschichten über Großväter und Großmütter im Familienverband weitergegeben? Was wird beschönigt? Und warum? Und auf welch merkwürdige Weise wird heroisiert? Opa war kein Nazi - oder doch? Zugegeben, er war auch ein Mitläufer, der aber auch irgendwie „gegen Hitler" war.
Im Anhang sind Stichprobenbeschreibungen, Filmsequenzen zum Einstieg in die Familiengespräche, Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis aufgeführt.
„Opa war kein Nazi" ist ein spannendes und zugleich erschreckendes Buch. Die Ergebnisse der Untersuchungen belegen, wie schlecht es heute - 60 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches - um die Auseinandersetzung und Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit im generationsübergreifenden Dialog steht. Sie zeigen die Mechanismen der Vergangenheitsbewältigung in der Familie auf, wie über den Holocaust gesprochen wird und welche Auffassungen, Bilder und Vorstellungen vom Dritten Reich in Gesprächen weitergegeben werden. Ein wichtiges Buch, nicht zuletzt ein lesbares Buch für jeden historisch Interessierten, vom Schüler bis zum Akademiker.