Nominierungsliste Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2010: Drei Jugendbücher stehen zur Wahl
Drei Bücher stehen noch im Wettbewerb um den renommierten Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher 2010:
- die autobiografische Schilderung einer Kindheit in der DDR mit comicartigen persönlichen Episoden aus dem Alltagsleben,
- ein spannender Roman, der aus der Perspektive eines kleinen Jungen das Grauen der Judenverfolgung schildert,
- ein zeitgeschichtlicher Roman über ein Erziehungsheim für Kinder in der DDR, der beispielhaft das kaum erträgliche Leben dort dokumentiert.
Der mit 7.500 Euro dotierte Preis prämiert Kinder- und Jugendbücher, die durch ihre literarisch-ästhetische Qualität überzeugen. Sie sollen junge Menschen ermutigen, sich für Menschenrechte, für friedliche Formen der Konfliktbewältigung sowie für Toleranz und Zivilcourage einzusetzen.
Der Gustav-Heinemann-Friedenspreis - seit 1983 vom Land Nordrhein-Westfalen verliehen - ist eine der wichtigsten und höchstdotierten Auszeichnungen für Kinder- und Jugendbücher in deutscher Sprache. Das Preisbuch wird Ende August bekannt gegeben.
Die nominierten Bücher sind:
Grit Poppe: Weggesperrt
Cecilie Dressler Verlag, Engl. Broschur, 336 Seiten, 9,95 Euro, empfohlen ab 14 Jahre. Bekanntlich wissen deutsche Jugendliche zu wenig über die DDR. “Weggesperrt“ ist ein Roman, der dem abhelfen kann. In den Jahren 1988 und 1989 begleitet der Leser die vierzehnjährige Anja. Per Sippenhaft landet sie zunächst in einem Durchgangsheim, schließlich in der schlimmsten Erziehungskaserne der DDR: Torgau. “Die Mauer ist noch viel zu niedrig für euch!“, raunzt ein Erzieher die Jugendlichen einmal an. “Ihr könnt ja noch den Himmel sehen!“ Willkür, Demütigung, Erniedrigung, körperliche Gewalt machen den ganzen Wahnsinn der Erziehung zum “vollwertigen Mitglied der sozialistischen Gesellschaft“ greifbar. Mit Anja erlebt der Leser, wie sich die repressiven Strukturen des Staates im Zusammenleben der Zöglinge spiegeln und wie die Heimleitung die Repressalien der Anführer gegenüber den anderen Jugendlichen duldet. Grit Poppes Weggesperrt aus der Perspektive Anjas ist ein fesselnder zeitgeschichtlicher Roman, mit dem sich Jugendliche ein Bild des rigiden Regimes der DDR machen können und die Hoffnung verstehen, die sich 1989 im Land ausbreitete.
Nadia Budde: Such dir was aus, aber beeil dich! Kindsein in zehn Kapiteln
Verlag Fischer Schatzinsel, Broschur, 192 Seiten, 12,95 Euro, empfohlen ab 12 Jahre. “Karierte Schürzen und Eierlikör, (…) Langeweile und Abenteuer: Die Zeit dehnt sich, die Sommer sind endlos, die Welt der Erwachsenen ist sonderbar und undurchschaubar.” In zehn Episoden gewährt Nadia Budde dem Leser / Betrachter Einblick in ihre Erinnerungen an ihre Kindheit in der DDR. Diese Kindheit ist genauso normal wie jede andere. Viele Erfahrungen und Erlebnisse könnten an jedem anderen Ort angesiedelt sein und doch gibt es vieles, was DDR-typisch ist. Nadia Budde erzählt ohne Dramatik oder politisches Ansinnen. Stattdessen entfaltet sie in Bild und Text krakelig, sperrig, mit einer gehörigen Portion Ironie und bisweilen wohltuend respektlos ein buntes Kaleidoskop kindlicher Sichten auf und Gedanken zum “damalig-dortigen” Stadt- und Landleben. Damit ist ihr ein äußerst anregendes Bilder-Buch gelungen, welches auf witzige und doch ernsthafte Weise ganz unprätentiös ein Stück deutscher Geschichte aufarbeitet und seine Leser/innen anregt, bei den Erwachsenen nachzufragen “Wie war das damals?”.
Morris Gleitzman: Einmal
aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn, Carlsen Verlag, Klappenbroschur, 192 Seiten, 8,95 Euro, empfohlen ab 11 Jahre. Morris Gleitzman erzählt von einem kleinen jüdischen Jungen namens Felix. Seine Stärke und Leidenschaft sind Geschichten. Sie sind sein Lebensinhalt, sie wirken beruhigend, lenken Rabauken von Schlägereien ab und lindern sogar Schmerzen beim Zähneziehen. Der gewitzte Junge lebt in Polen unter deutscher Besatzung und erzählt, was ihm “einmal“ passiert ist. Niemand hat ihm gesagt, dass er in einer ungeheuerlichen Zeit lebt. Als er zufällig mitbekommt, dass deutsche Soldaten auf dem Hof Bücher verbrennen, verlässt er heimlich das Nonnen-Waisenhaus, wo seine Eltern ihr Kind versteckt haben. Er macht sich in Sorge um die Bücher seiner Eltern auf die Suche nach ihnen. Sein abenteuerlicher Weg ist voll von Enttäuschungen und Horror, komischen Begegnungen und glücklichen Zufällen. Da begegnet ihm Zelda, die er aus einem brennenden Haus rettet. Die Wochen ihrer Wanderschaft überstehen sie, als wirke eine unsichtbare Kraft über ihnen. Ob ihre Reise nach Warschau und später ins Konzentrationslager letztlich ein glückliches Ende hat, bleibt zwar offen, aber es gibt Hoffnung. Die Geschichte selbst “schwebt über allem Grauen“ (Meg Rosoff), das man doch hautnah miterlebt.
Jury des Preises:
Dr. Susanne Becker, Literaturwissenschaftlerin, Herausgeberin der Zeitschrift “Deutsch.” beim Friedrich-Verlag (Literaturdidaktik, Kinder- und Jugendbuchforschung) Reinhard Griebner, Fernsehjournalist und Autor, Abteilungsleiter beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (Jury-Vorsitzender, Publizistik/Autoren) Nicola Kiwitt, ausgebildete Sonderschulpädagogin und Grundschullehrerin (Pädagogik) Dr. Gabriele von Glasenapp, Literaturwissenschaftlerin, Mitarbeiterin des Instituts für Jugendbuchforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/Main, Dozentin an der Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien in Köln (Literaturwissenschaft, Kinder und Jugendbuchforschung) Gabriele Schink, Geschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V., Düsseldorf (Buchhandel/Verlage) Hermann-Schulz, Autor unter anderem für Kinder- und Jugendbücher, mehrfach prämiert, (Autorinnen und Autoren) Prof. Dr. Johannes Varwick, Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen und Vergleichende Regierungs?lehre an der Universität Kiel (Friedenswissenschaft)
Ansprechpartnerin für Journalisten bei weiteren Fragen: Lydia Anita Jendryschik, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen, Tel.: 0211-8618-4652.

