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Gewaltprävention ist Schulentwicklung

bllv_2009.jpgGewaltprävention bedeutet nichts anderes als Schulentwicklung.” Interview mit Günther Gugel in: Junglehrer. Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Juglehrer im BLLV, Heft 06/2009, S. 5.

Günther Gugel ist Dipl. Pädagoge und Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen. Sein Gewaltverständnis ist maßgeblich von der Friedens- und Konfliktforschung Johan Galtungs geprägt, der die Begriffe der strukturellen  und kulturellen Gewalt in die Wissenschaft einführte.

Was ist Gewalt?

Gewalt heißt immer Zerstörung und Verletzung. Sie ist kontextspezifisch und ein absichtsvolles Geschehen. Nicht nur Personen können verletzten, diskriminieren oder gar töten, sondern auch Lebensumstände. Der Begriff Gewalt ist sehr unscharf und wird für unterschiedliche Phänomene benutzt.

Was macht Gewalt für Jugendliche so faszinierend?

Mit Gewalt kann man Ziele erreichen. Gewalt schafft Eindeutigkeit in einer komplexen Welt. Gewalt vermittelt das Gefühl die eigene Ohnmacht zu überwinden. Im Moment der Gewaltanwendung verfügen sie über Macht, die ihnen niemand nehmen kann.

 

Welche Gruppe ist für Gewaltanwendung besonders empfänglich?

Die Jungen zwischen 11 und 15 Jahren. Das hat was mit Pubertät zu tun, mit dem eigenen Platz finden in der Gesellschaft. Da gehört es zur Persönlichkeitsentwicklung, dass man im Prozess des Normenlernens auch Regeln überschreitet um Reaktionen zu testen und um eigene Selbstwirksamkeit auszuprobieren. Deswegen sollte man das Verhalten dieser Altersgruppe – wenn man von der sehr kleinen Gruppe der Mehrfachtäter absieht - nicht einfach dramatisieren oder verdammen, sondern die Funktion und Botschaft verstehen und diese produktiv pädagogisch nutzen.

Langzeitstudien haben ergeben: Die Gewalt an den Schulen geht zurück. Ist der Rückgang signifikant?

Von der Zahlenbasis her betrachtet ja; jedenfalls im messbaren physischen Bereich. Die Unfallversicherungen sprechen hier von „Raufunfällen“. Diese sinken seit 1995. Die Medienberichterstattung und die subjektive Wahrnehmung sind allerdings häufig eine andere.

Woran liegt das?

Medien berichten in dramatischen Zuspitzung und voyeuristischen Art über Gewaltvorfälle.  Im schulischen Bereich wird vor allem eine verbale Verrohung wahrgenommen.  Die „verbale Gewalt“ ist die dominante Gewalt an Schulen. In der Wissenschaft ist allerdings umstritten, ob dieser Bereich bereits als Gewalt bezeichnet werden sollte, da dadurch eine Unschärfe und Ausweitung des Begriffes stattfände. 

Im Alltagsverständnis würde man diesen Bereich der psychischen Gewalt zuordnen, der ja wohl auch das Mobbing mit einschließt.

Mobbing muss man davon trennen, da es klar definiert ist. Mobbing ist systematisch und langanhaltend und ein Gruppenphänomen. Die Opfer stehen dagegen alleine da. Mobbing zeichnet sich durch eine spezielle Dynamik aus bei der es neben dem Täter auch Unterstützer und Zuschauer gibt. D.h. innerhalb einer bestimmten Gruppe ist es allen bekannt und wird von allen toleriert, nach außen baut die Gruppe jedoch eine Schweigemauer auf. Deswegen ist nicht jede psychische Gewalt mit Mobbing gleichzusetzen. Die neuen Medien wie Internetplattformen, Chats, Mails, Mobiltelefone ermöglichen dabei neue Formen, die als Cybermobbing bezeichnet werden.

Könnte man andererseits die neuen Medien nicht nutzen, Gewalt zu verhindern?

Könnte man, allerdings nutzen Schulen deren Möglichkeiten noch zu wenig. Hier werden Chancen verschenkt, indem man Medien nur unter dem Blickwinkel der Gefährdung und Bewahrung sieht.

Was sich ja zum Beispiel im pauschalen Handyverbot an den Schulen ablesen lässt.

Es ist ja schon bezeichnend, dass die Polizei bei allen Amokläufen der jüngeren Zeit über Schüler-Handys verständigt wurde.

Zum Amoklauf: Das Phänomen bestimmt ja wohl maßgeblich – neben dem der Verbalverrohung - das Bild, das die Gesellschaft hat von der Schule als Schauplatz roher Gewalt.

Dieses Bild ist falsch. Ein Amoklauf in der Schule ist eine absolute Ausnahmesituation. Ihn gibt es in Deutschland erst seit zehn Jahren. Er zeugt von der tiefen Not des Täters, von seiner Perspektivlosigkeit und seinem Leidensdruck. Dieser inszeniert  am Ort seiner größten Demütigungen seinen Tod und nimmt dabei andere mit. Hier hat auch die Art der Verbreitung durch die Medien eine große Bedeutung: Sie gewährleistet, dass der Täter ungeteilte Aufmerksamkeit zugesprochen bekommt, sich also in seinem Sinn als Held in Szene setzen kann.

Die Amokläufe der Vergangenheit sind an Gymnasien, Real- oder Berufsschulen passiert, nie an Hauptschulen, von denen man aber immer als Ort der Gewalt spricht.

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es ist richtig, dass Amokläufer bislang aus „funktionierenden“ Familien stammen und bis zur ihrer Tat praktisch nicht auffällig waren.  Solche Taten sind absolute Ausnahmen, sie gehören also nicht zum Alltagsleben einer Schule. Sie sind i.d.R. lange geplant und inszeniert, sie sind das glatte Gegenteil von Kurzschlusshandlungen auf Pausenhöfen.

Und die gehören meistens zu Hauptschulen?

Das sage nicht ich. Die Statistiken der Unfallkassen weisen aus, dass Hauptschulen von allen Schularten am stärksten mit Gewalt belastet sind. Da ist das Verhältnis von Hauptschule zu Gymnasien fünf zu eins. Um eine Zahl zu nennen: Im Jahr 2007 fanden bundesweit an Hauptschulen pro 1.000 Schüler 30  „Raufunfälle“ statt, an Gymnasien 6.

Ist das der Grund, warum es an Gymnasien keine Sozialarbeiter gibt?

Vielleicht. Vielleicht ist das auch eine Sache der Verharmlosung. Die Gymnasien fürchten um ihren guten Ruf, weil Sozialarbeit ja in der Öffentlichkeit mit Problemen verbunden wird.

Deswegen gibt es auch generell kaum Gewaltprävention an den Gymnasien?

Gewaltprävention wird häufig sehr instrumentell verstanden und auf einzelne Trainingsprogramme reduziert. Das ist aber ein Missverständnis. Prävention im umfassenden Sinn bedeutet nichts anderes als soziale Schulentwicklung, also sich auf den Weg zu einer „guten Schule“ zu machen. Man sollte sich als erster Schritt im Kollegium einig sein, wann und wie man Konflikten und Gewalt eingreift. Bei Schulen, wo das der Fall ist, gibt es deutlich weniger Probleme.

Das Lehrerkollegium als entscheidendes Gremium zur Gewaltverhinderung.

Das erfordert einen Rektor, der Gewaltprävention forciert und vom Kollegium voll unterstützt wird, das wiederum Experten im eigenen Kreis ausbilden lässt und andererseits sich nicht davor scheut, Knowhow und Rat von außen zu holen: Jugendamt, Streetworker, Stadtteilarbeiter, Polizei. Und: Die Prävention funktioniert nie ohne die Eltern. Schule existiert ja nicht als Insel.

Das bedeutet konkret?

Dass man sich was einfallen lässt, wie man an Eltern herankommt, die sich einer Zusammenarbeit entziehen, dass  Schüler in der Schule und im Stadtviertel altersgemäße Aufgaben übernehmen. Servicelernen, das Verantwortung stärkt ist hier ein Stichwort. Es geht darum, wie man Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen produktiv aufzunehmen, ihre Kompetenzen zu stärken und ihnen ein Gefühl der  Anerkennung und Wertschätzung vor allem aber des Gebrauchtwerdens zu geben. Gewaltprävention ist nun einmal als gemeinsames langfristiges Projekt zu begreifen.

Das Gespräch führte Christoph Oellers.

Junglehrer. Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Junglehrer im BLLV, Heft 06/2009, S. 5.

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