Lynn Davies: Der Beitrag öffentlicher Bildungseinrichtungen zur Gewaltlosigkeit in Krisensituationen.
Vortrag im Rahmen der Tagung “Friedenspädagogische Analysen zur Gewalt und aktuelle Handlungsansätze. 18./19.11.2008 in München.
Dieser Aufsatz untersucht, welche Möglichkeiten Schulen offen stehen, um gewalttätige oder extreme Konfliktlösungen in Frage zu stellen bzw. durch friedlichere zu ersetzen. Paradoxerweise setze ich dabei weniger auf Friedenspädagogik, als auf individuelle Rechte, politische bzw.Staatsbürgerschaftserziehung, Geschlechterbeziehung, wieder gutmachende Gerechtigkeit (restorative justice) und kritisches Denken - besonders im religiösen Kontext.
Während ich dies schreibe, eskaliert wieder einmal der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo - mit Tausenden von Toten, Flüchtlingen,Vergewaltigungen, Traumata und schrecklichen Erinnerungen an den Genozid in Ruanda. In Assam und Pakistan werden neue Angriffe verzeichnet, in vielen akuten Konfliktgebieten der Welt reißt die Gewalttätigkeit nicht ab. FürPädagogen stellt sich die Frage, ob Erziehung an sich neutral ist oder ob sie Konflikte verhindern bzw. lindern kann - oder aber, ob öffentliche Bildung Konflikte noch weiter verschärft. In meinem Buch Education and Conflict: Complexity and Chaos (2004) vertrete ich die Meinung, dass Erziehung vielerorts Konflikte schürt, denn oft werden soziale und/oder ethnische Unterschiede durch symbolische und physische Gewalt in Schule und Klassenzimmer und auch durch das Beibehalten von ‚harten‘ Geschlechterbeziehungen (militaristisch, männlich) noch verschärft. In dem kürzlich erschienenen Buch Erziehung gegen Extremismus (Educating Against Extremism (2008)) beleuchte ich die Identität und den Bildungshintergrund von Extremisten, bezüglich Glaubenserziehung und Rache, Ehre und Beleidigung. Während all‘ dieser Erörterungen bleibt es ein Rätsel, warum die öffentliche Bildung nicht in der Lage ist, Menschen gegen Gewalt einzustellen. Trotz unermesslicher Gelder, die ein Land (oder Spender) im Laufe von Jahrzehnten aufgewendet haben, trotz unzähliger in Klassenzimmern abgesessener Stunden, kann ein Land implodieren – verursacht durch Gruppenkonflikte, extremistische Bewegungen oder extremistische Regierungen. Ist es so, dass Erziehung gegen größere wirtschaftliche Kräfte, Habgier undMakropolitik machtlos ist? Auf einer bestimmten Ebene stimmt dies wahrscheinlich, aber ich muss mich an die Möglichkeit klammern, dass auch kleine Teile im Bildungspuzzle eine Veränderung bewirken könnten.

