Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Über Georg Zundel

Naturwissenschaftler, Förderer, Weltbürger mit Weitblick

Ein Mäzen, dem Tübingen viel zu verdanken hat: Zum Tod des rastlosen friedenspolitischen und ökologischen Pioniers Georg Zundel

TÜBINGEN (upf). Weit nach vorne schauend und dabei auf eigenwillige Weise der Familientradition verpflichtet: So war der gebürtige Tübinger Georg Zundel, Enkel des schwäbischen Unternehmensgründers Robert Bosch. Als Idealist und bodenständiger Pragmatiker wusste er, dass gute Ideen eine materielle Basis brauchen, um zu blühen und zu wirken. Dafür setzte er sein ererbtes Vermögen ein. Tübingen hat diesem Mäzen viel und Vielfältiges zu verdanken: das Anna-Bosch-Studentenwohnheim, das Institut für Friedenspädagogik, die Kunsthallen-Stiftung. Am 11. März ist Georg Zundel mit 75 Jahren in Salzburg, seinem langjährigen Wohnsitz, gestorben.

Zundel vereinigte in seiner Person mit dem knitzen breitwangigen Gesicht ganz unterschiedliche, ja konträr erscheinende Fähigkeiten und Neigungen. Hauptberuflich war er ein leidenschaftlicher Naturwissenschaftler, er lehrte als Professor für Biophysik an der Universität München und erforschte Wasserstoffbrücken und deren Bedeutung beim Protontransfer, einer der häufigsten Reaktionen in der Biosphäre. In der Fachliteratur findet sich neben der „Zundel’schen Kontinuumsabsorption“ auch das „Zundel Kation“, die Gruppierung H 5 O 2 +.

Der Berghof in Lustnau
Zundel wuchs auf dem Berghof bei Lustnau auf, jenem Jugendstil -Landhaus mit Atelier, das sein Vater, der Kunstmaler, Freigeist und passionierte Landwirt Georg Friedrich Zundel, mit seiner zweiten Frau, der Bosch-Tochter Paula, baute. Der Berghof lieh seinen Unternehmungen den heimatlichen Namen: 1967 als Institut für Auftragsforschung gegründet, gehören die Berghof-Umweltanalytik-Labors heute zu einer Gruppe, die sieben kleine Unternehmen umfasst, eins davon in Eningen.

Namentlich mit dem Lustnauer Ort verbunden ist auch die Berghof Stiftung für Konfliktforschung, 1971 gegründet. Mit ihr wollte Zundel das gemeinsame Engagement von Geistes- und Naturwissenschaftlern für die Erhaltung des Friedens fördern – ganz im Sinn seines Großvaters Robert Bosch, dem die Völkerverständigung am Herzen lag. Aber auch in den Fußstapfen der Zundels: Nicht ohne gemeinsamen Überzeugungs-Grund war Vater Georg Friedrich Zundel in erster Ehe (vor Paula Bosch) mit der Sozialistin und Pazifistin Clara Zetkin verheiratet.

Dieser Stiftung, die unter anderem in Berlin das Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung unterhält und weltweit Friedensprojekte fördert, verdankt das in Deutschland einzigartige Tübinger Institut für Friedenspädagogik seit 30 Jahren seine Existenz und seit 2002 auch ein eigenes Haus, eine kleine Forschungsstätte mit Bibliothek und Tagungsräumen in der Corrensstraße – das Georg-Zundel-Haus.

Zu Zundels Bedauern blieben friedenspolitisch engagierte Naturwissenschaftler wie er eine Minderheit, mit Ausnahmen wie Carl Friedrich von Weizsäcker oder Hans-Peter Dürr, bei dem Zundel in München in den 1980ern fünf Jahre lang die Ringvorlesung „Wissenschaft und Friedenssicherung“ besuchte. Er selbst war noch zur Adenauerzeit in der Protestbewegung gegen die atomare Bewaffnung zu der Überzeugung gekommen, dass auch Frieden „gemacht“ werden muss.

Zundel war aber auch ein großer Naturliebhaber und Naturbeobachter, er teilte mit seinem Vater die Freude an der Landwirtschaft. Ein Bauernhof mit Viehzuchtbetrieb im oberschwäbischen Haisterkirch, den Vater Zundel 1931 erworben hatte, war sein Kindheitsparadies und blieb lebenslang seine Heimat. Seit 1965 engagierte er sich außerdem als Forstwirt: In einem Kärntner Alpental kaufte er 400 Hektar heruntergekommenen Hochgebirgsforst, den er erschließen und aufforsten ließ, um gegen die Artenarmut des Gebirgswalds anzugehen.

Mit Doktoranden auf Skitour
Die verschiedenen Facetten seines Lebens verknüpfte Zundel scheinbar ohne Mühe, und indem er andere daran teilhaben ließ. So schleppte der begeisterte Skitourengänger seine Doktoranden mit in die Berge, oder er lud Studenten zu Seminarsitzungen in den Bauernhof nach Haisterkirch. Oder er bestieg zur Feier der Promotion mit einem Schüler den Kilimandscharo. Aus Zundels Autobiographie, in der auch die Lebensgeschichten von Doktoranden aus vielen Ländern skizziert sind, spricht ein Mann, der sich für andere interessierte und mit Menschen verschiedenster Herkunft lebenslange Freundschaften pflegte. So auch zu seiner Kinderfrau Julie Lemberger, einer Bäckerstochter aus der Wilhelmstraße.

Dabei konnte er streitbar und konfliktfähig sein, vor allem wenn er etwas erkannt hatte, was „geschehen muss“, und auf bürokratische Hindernisse oder auf Bedenkenträger stieß. Er war es, der seinerzeit den 30-jährigen Götz Adriani als Leiter der gerade von seiner Mutter Paula gestifteten Tübinger Kunsthalle durchsetzte – gegen die Meinung des örtlichen Kunstvereins. Auch der Kunsthalle, deren Zweck es unter anderem ist, das künstlerische Vermächtnis seines Vaters zu bewahren, hielt Zundel aktiv die Treue: Zu der 2003 gegründeten

Kunsthallen-Stiftung steuerte er eine halbe Million Euro bei; und er gehörte ihrem Aufsichtsrat an. Nicht nur davon reden, sondern zeigen, das es auch anders geht: Nach dieser Devise gründete Zundel bereits in den 1960er Jahren in Lustnau das nach seiner Großmutter benannte Anna-Bosch-Studentenheim, mit seiner familiären Wohngruppen-Konzeption damals ein Pionier-Projekt. Der Gründer hatte gehört, dass sich in anonymen herkömmlichen Wohnheimen die Selbstmorde häuften.

Auch als praktizierender Ökologe war er seiner Zeit weit voraus: In München legte er sich vor dreißig Jahren mit „einem Wittelsbacher“ der Bauverwaltung an, weil der ihm keine Solarenergieanlage auf dem Hausdach erlaubte. In Haisterkirch beheizte er seinen Hof seit 1981 mit einer Biogasanlage – einem Pilotprojekt der Fraunhofer-Gesellschaft.

Das Traumland Raal
Dann gab es aber auch den Abenteurer Zundel, der bereits als Abiturient des Uhlandgymnasiums (durch Latein und Griechisch hatte sich der angehende Naturwissenschaftler lustlos gequält) ein Motorrad aus der Pfäffinger Produktion Maico fuhr. Der wenig später (1952) mit einem Freund auf einer BMW mit Gepäckbeiwagen zu einer Reise durch Griechenland aufbrach. Der 1955 mit einem Daimler-Unimog durch den Nahen Osten und Persien bis nach Indien reiste. Der als Wissenschaftler auf der ganzen Welt herumkam und nichts dabei fand, auch mal in einem einfachen Hostel zu übernachten. Wie er überhaupt gern die Plastiktüte statt des Aktenkoffers benutzte und sich in karierten Hemdsärmeln am wohlsten fühlte.

Als der ältere seiner beiden Söhne Johannes und Georg 1983 zur Einschulung anstand, war die Stationierung von Atomwaffen wieder ein Thema in Deutschland. Wütend und genervt wanderte Zundel mit Frau und Kindern nach Österreich aus und ließ sich in Salzburg nieder. Das Traumland seiner Kindheitsfantasien aber – so erinnerte er sich in seiner im vergangenen Jahr erschienenen Autobiogaphie – „hieß Raal und erstreckte sich um eine Kiefer hinter der (Lustnauer) Sonnhalde. Meine Kühe waren Tannenzapfen. In Raal regnete es nur in der Nacht, am Tag schien stets die Sonne. Scheren und Messer schnitten nicht, und die Hexen waren alle ganz brav.“

Autobiographie: Georg Zundel, „Es muss viel geschehen!“ Erinnerungen eines friedenspolitisch engagierten Naturwissenschaftlers, Berlin, Verlag für Wissenschafts- und Regionalgeschichte Dr. Michael Engel, 2006.

Ulrike Pfeil, Schwäbisches Tagblatt, 17.03.2007

Georg Zundel wurde am Freitag, 23. März 2003, in Haisterkirch beerdigt.

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