Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Rezensionen zu

Gerd Meyer / Ulrich Dovermann, Siegfried Frech / Günther Gugel (Hrsg.):

Zivilcourage lernen. Analysen – Modelle – Arbeitshilfen.

Tübingen 2004,

448 S., DIN A4, 22,- Euro, ISBN 3-932444-13-2

Benno Hafeneger in: kursiv. Journal für politische Bildung 2/2004, S. 102

"Zivilcourage – Aufgabe für die politische Bildung"

In einem umfänglichen Sammelband wird in 32 Beiträgen die anspruchsvolle und zugleich unbequeme Dimension bzw. Tugend der „Zivilcourage“ oder der „soziale Mut“ in unserer Gesellschaft thematisiert. Der besondere Reiz des Buches liegt in der gelungenen Mischung von gehaltvoller wissenschaftlicher Reflexion und vielfältig erprobten Modellen aus der gesellschaftlichen Praxis wie auch der politischen Bildung. Dieser selbst gestellte Anspruch wird uneingeschränkt eingelöst und macht den Sammelband zu einem zwischenbilanzierenden Standardwerk sowohl in der reflexiven Ortsbestimmung, der Präsentation empirischer Befunde als auch der praktisch-didaktisch Erfahrung in der Pädagogik und der politschen Bildung zur „Handlungskategorie“ (S. 9) Zivilcourage. In diesem Sinne wird für gesellschaftliche und politische Akteure, für die pädagogische Professionen in der Praxis, in der Ausbildung sowie der Fort- und Weiterbildung umfangreiches Orientierungs- und Handlungswissen zur Verfügung gestellt.

Der Band ist in drei Teile gegliedert. Nach dem Überblick über den Stand der Forschung klären die acht Beiträge von Meyer, Seubert, Ostermann, Bierhoff u.a. im ersten Kapitel begriffliche, theoretische und normative Grundlagen sowie aus empirischen Studien zentrale förderliche und hinderliche Faktoren für Zivilcourage. So werden u.a. zivilcouragiertes Handeln als politische Tugend der Bürgergesellschaft und ihre Bedeutung für die Demokratie begründet, gender-tyische Motive und Verhaltensweisen oder Handlungsmodelle der Sozialpsychologie vorgestellt. Der zweite eher knappe Teil (S. 117-195) vermittelt in neun Kapiteln ausgewählte Erkenntnisse und Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis; gefragt wird nach den Bedingungen und Chancen, die zivilcouragiertes Handeln am Arbeitsplatz, in der Gemeinde, in den Schulen fördern können. So beziehen sich u.a. Singer, Fech und Kleff/Seidel auf Lernmöglichkeiten in der Schule, Siebert und Ross auf Zivilgesellschaft vor Ort; Dovermann gibt einen ersten Überblick über die vom Bund geförderten Projekte „Toleranz und Zivilcourage“ und Krahulec formuliert Impulse für die politische Bildung im Sinne von „Bügerlernen“. In dem umfänglichen dritten Teil (S. 197-396) werden dann ausgewählte Modelle, Trainings und Projekte aus der politischen Bildung vorgestellt, werden Fragen der Evaluation reflektiert und Arbeitshilfen angeboten. Vor allem diese zwölf Beiträge aus der und für die Praxis machen die Stärke der Publikation aus; im Zentrum stehen vor allem Wege der Konfliktbearbeitung, der Einübung von Zivilcourage, des Argumentationstrainings gegen rechtsradikale und fremdenfeindliche Parolen. Die Beiträge geben Einblicke in die konzeptionellen Anlagen der Seminare und Trainings, in das didaktisch- methodische Vorgehen bzw. die Schritte und Module, in die genutzten Materialien, in die Zielgruppen sowie in die Reflexion von Lernprozessen und deren Evaluation.

Abgeschlossen wird der Band mit einem umfänglichen und informativen Serviceteil, der eine Liste von Initiativen und Bildungsangeboten, Literaturhinweise und Internetadressen sowie eine beiliegende CD-Rom zu „Konflikte XXL – Konfliktbearbeitung als Gewaltprävention“ beinhaltet. Den Herausgebern ist ein Sammelband gelungen, der als Lese- und Materialienbuch sowohl Lehrern und Lehrerinnen , Praktikern in der außerschulischen Jugend- nd Erwachsenenbildung, als auch für die Aus- und Weiterbildung empfohlen werden kann. Eindrucksvoll wird belegt, wie qualifiziert eine zentrale „Handlungskategorie“ der Demokratie und politischen Kultur in der wissenschaftlichen Diskussion wie auch der gesellschaftlichen und pädagogischen Praxis aufgenommen worden ist. Die Beiträge machen Mut und zeigen gleichzeitig den weiteren Handlungs- und auch Förderungsbedarf in Gesellschaft und Politik.

"Zivilcourage lernen"

ist ein Kompendium zu einem der wichtigsten Aufgabenbereiche der Pädagogik. Wissenschaftliche - dennoch leicht lesbare - Analysen z.T. mit spannenden empirischen Daten führen fundiert in die Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln ein.
Der größere Teil des Werkes stellt Konzepte, Modelle und Arbeitshilfen für alle Bereiche der Gesellschaft vor.
In dieser Zusammenstellung von Theorie und Praxis bietet das Buch eine große Hilfe bei der Planung und Durchführung von Projekten gegen Rechtsradikalismus und allgemein zur Stärkung der Konfliktfähigkeit in der Schule.

Christoph Ranzinger, Lehrerbibliothek.de
http://www.religionsunterricht.info/home/christoph/lehrerbibliothek/query.php?id=15943
27.5.2004

Schwäbisches Tagblatt, 16.3.2004
Zivilcourage als Lernstoff

Ratgeber vom Institut für Friedenspädagogik zum Umgang mit
Konflikten
TÜBINGEN (rik). Zivilcourage: Wie kann man seine Mitmenschen im Alltag davon überzeugen, dass Wegschauen und Schweigen in Konfliktsituationen wie sexueller Bedrohung, schulischen Auseinandersetzungen oder Mobbing-Situationen am Arbeitsplatz nur die Täter, nicht aber die Opfer schützen? Das Institut für Friedenspädagogik hat dafür jetzt ein 400 Seiten starkes Kompendium vorgelegt.

In dem dicken Band sind wissenschaftliche Analysen, Modelle und praktische Arbeitshilfen zum Thema Zivilcourage zusammengeführt. "Das ist das erste, einmalige und umfassendste Werk in Deutschland", sagten die beiden Mitherausgeber Gerd Meyer und Günther Gugel kürzlich bei der Buchvorstellung.
Was tun, wenn in Betrieben und Schulen Gewalt angewendet wird? Wie vorbeugen, damit Konflikte nicht eskalieren? Solchen Fragen widmete sich eine vom Institut für Friedenspädagogik in Zusammenarbeit mit den Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung sowie dem Tübinger Institut für Politikwissenschaft herausgegebene Studie. Dem mit vielen Bildern illustrierten Werk liegt eine CD-ROM bei, die anhand verschiedener Szenarien Konflikte und Bewältigungsmöglichkeiten zeigt.

Auf über 400 Seiten haben 33 Wissenschaftler und zum Thema Zivilcourage seit Jahren arbeitende Praktiker mit Fallstudien und dem wissenschaftlichen Unterbau "eine Art Handbuch für Multiplikatoren im Bildungsbereich" erstellt, wie Gugel und Meyer erläuterten. "Zivilcourage kann aber nicht in einer Woche oder bei einem Seminar erlernt werden", weiß Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik. Das müsse kontinuierlich und systematisch trainiert werden, schließlich sei Zivilcourage "nicht nur das Lernen von Wissen".

Rechtzeitig die Pfeife blasen
Der Band ist in vier Teile untergliedert: Ausgehend von der Erklärung des Begriffs folgt im zweiten Teil ein Überblick über gesellschaftliche Erfahrungen in der Praxis. Modelle und Arbeitshilfen dazu liefert ein weiteres Kapitel, informative Arbeitsmaterialien hat Mitherausgeber Gugel zusammengestellt. Ein umfassendes Verzeichnis über Initiativen und Literatur findet sich im letzten Kapitel. In den Buchhandlungen ist der Band für 22 Euro zu erhalten, wer den praktischen Ratgeber direkt bei den Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung anfordert, zahlt dagegen nur vier Euro pro Exemplar (allerdings ist die Auflage dort limitiert).

Der Wälzer gibt, so Gerd Meyer vom Institut für Polltikwissenschaften, "erstmals einen kompletten wissenschaftlichen Überblick der Forschung zum Thema Zivilcourage"; Meyer selbst hat in einem weiteren Büchlein Forschungsergebnisse zum Thema zusammengetragen. Zugleich bietet das Werk Zielgruppen wie Ausbildern in Berufsschulen, Lehrern, Verbänden, Gewerkschaften, freien und kirchlichen Trägern Praxisbeispiele, wie und wo man sich einmischen kann.

Aus Amerika stammt beispielsweise der Begriff "Whistleblowing", was wörtlich übersetzt "die Pfeife blasen" heißt und mit "ausplaudern, verpfeifen" gleichzusetzen ist. Dabei geht es um die Enthüllung schwerwiegender Missstände in Betrieben und Arbeitsumfeldern, die dank couragierter Mitarbeiter aufgedeckt werden. Das US-Nachrichtenmagazin "Time" etwa hatte das Jahr 2002 zum Jahr der Whistle-Blowers ausgerufen und dann drei Frauen prämiert, die bei großen Unternehmen wie Enron, World Com und dem FBI brisante Verstöße enthüllt hatten.

Reutlinger General-Anzeiger, 02.04.2004

Zivilcourage - Wenn Rechtsempfinden und Wertegefühl verletzt sind: Der Mut, in heiklen Situationen einzuschreiten, lässt sich lernen. Ein neues Buch mit CD

Im Alltag den Mund aufmachen

TÜBINGEN. Am Anfang stand eine empirische Studie unter Berufsschülern in Tübingen und Reutlingen. Ihre Frage: Wie erleben die jungen Leute Zivilcourage im Alltag? Aus dem vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Tübingen veranstalteten Projektseminar ging ein Buch hervor mit dem Titel »Normalerweise hätte da jemand eingreifen müssen«. Doch damit war erst ein kleiner Teil der Forschungslücke gestopft.

Ein Lehrbuch für Zivilcourage: Gerd Meyer (links) und Günther Gugel.
FOTO: MWM

Aus dieser Arbeit ging ein noch umfassenderes und in seiner Art wohl einzigartiges Buch hervor - ein Gemeinschaftsprojekt der Uni Tübingen, der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung sowie des Tübinger Instituts für Friedenspädagogik. »Zivilcourage lernen« heißt das neue, 450 Seiten starke Werk, das Gerd Meyer, Professor für politische Psychologie an der Uni, sowie Günther Gugel, Geschäftsführer des Tübinger Instituts für Friedenspädagogik, jetzt vorgestellt haben.

Das in vier Teile gegliederte Werk, zu dem auch eine speziell entwickelte CD-ROM gehört, vereint in einem Dreischritt (Zivilcourage verstehen, fördern und lernen) wissenschaftliche Forschungsergebnisse, gesellschaftliche Praxis, Lernmodelle sowie weiterführende Quellen und Adressen in einem Band.
»Der Begriff Zivilcourage hat Konjunktur«, erklärt Gerd Meyer, weshalb der Begriff bewusst sehr weit gefasst wurde. Das Feld, auf dem Zivilcourage erlebt oder häufig auch vermisst wird, ist weit: Rechtsextremismus, auf der Straße angepöbelte Ausländer, Gewalt an Schulen, in der Familie oder in Gruppen, Mobbing am Arbeitsplatz.

Wissen allein genügt nicht
Zivilcourage, bringt es Gerd Meyer auf den Punkt, verkörpert eine charakterliche Tugend im Alltag. In Situationen, in denen das eigene Rechtsempfinden und Wertegefühl spürbar verletzt werden, muss gehandelt werden.

Zwar werden, da sind sich die Herausgeber einig, die Voraussetzungen für Zivilcourage schon in der Kindheit und Jugend in der Erziehung gelegt. Sie ist aber auch - das ist die Grundthese des Buches - erlernbar. »Es geht darum«, sagt Meyer, »im Alltag den Mund aufzumachen, gegen den Strom zu schwimmen und auch mal Nachteile in Kauf zu nehmen.«

Zivilcourage zu lernen, verdeutlicht Günther Gugel, ist nicht gleichzusetzen mit dem bloßen Lernen des Wissens darüber: »Das setzt tiefer in der Persönlichkeit an. Es geht dabei um Selbstvergewisserung, um Reflexion.«

Das Buch und die mit einem ausgefeilten didaktischen Konzept entworfene CD-ROM sollen es Lehrern, Ausbildern sowie Engagierten in der Jugend-, Erwachsenen- oder Bildungsarbeit erleichtern, das Thema mit ihrer Zielgruppe zu erarbeiten. Auf der CD sind Filmsequenzen, zahlreiche Erläuterungen und 1 400 Seiten Hintergrundinformationen als Text.

Helfen und Einschreiten, heißt es dort, hat nichts mit falsch verstandenem Heldentum zu tun. So kann es in einigen Situationen ausreichen, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen oder Hilfe zu holen. Das hört sich einfach an, doch eine traurige Erkenntnis zeigt: Je mehr Leute da sind, desto weniger wird geholfen. Die zentrale Forderung heißt deshalb: nicht wegschauen. Damit die Welt nicht »am Gehorsam der Bürger unterzugehen droht«.

Das Buch samt CD kann über das Tübinger Institut für Friedenspädagogik, die Bundeszentrale für politische Bildung oder den Buchhandel bezogen werden. (mwm)
© Reutlinger General-Anzeiger 2004

http://www.gea.de/detail/172325

Schwarzwälder Bote, 17.4.2004
Auch im Anecken zeigt sich Zivilcourage

Handbuch vermittelt, wie sich sozialer Mut zumindest theoretisch lernen lässt / Keine Garantie für den Ernstfall

Von Christoph Huhle

Eine junge Frau wird im Büro sexuell angemacht. Ihre Reaktion fällt - in Anwesenheit einer dritten Person - ziemlich defensiv aus.

Klickl Die gleiche Szene noch einmal - dargestellt von Schauspielern des Tübinger Landestheaters. Der Peiniger wird deutlicher, die Belästigte unmissverständlicher in ihrer Abwehr - es folgt eine Ohrfeige. Der junge Mann verlässt "geschlagen" den Raum, Klick auf der CDRoml Die dritte Person drückt mimisch Einverständnis mit der deutlichen Abwehr der Frau aus.

Mit Zivilcourage oder sozialem Mut - bei der Abwehr von Freindenfeindlichkeit, gegen Gewalt in Schulen und Mobbing am Arbeitsplatz, aber auch Hilfe bei Unfällen beschäftigt sich ein 450 Seiten starkes Buch, das die Bundeszentrale für politische Bildung, die Landeszentrale Baden-Württemberg, das Institut für Politikwissenschaft an der Universität Tübingen und das dortige Institut für Friedenspädagogik erarbeitet haben.

Die Herausgeber bieten neben einer theoretischen Einordnung und Beschreibung der Handlungsfelder vor allem Anschauungsmaterialen und Hilfestellungen in Text und Bild, wie man diese Tugend lernen kann. Hinschauen und Eingreifen werden aber nicht nur auf bedrohliche Situationen bezogen, für die der Begriff Zivilcourage fast schon Inflationär gebraucht wird, sondern auch auf den Alltag. Dort werden den Multipfikatoren in Schule, öffentlicher und Verbands-Jugendarbeit sowie (gewerkschaftlicher) Erwachsenenbildung riesige Materialmengen zur Verfügung gestellt - von Fragebogen zu Mobbing-Anfälligkeit und -Abwehr über polizeiliche Ratschläge für Notsituationen bis zu ausgearbeiteten Seminarstunden.

Der Politikwissenschaftler Gerd Meyer und der Pädagoge Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik wiesen jetzt bei der Vorstellung des Buches in Tübingen darauf hin, dass es kein allgemeines Rezept für zivile Couragiertheit gebe. Die Persönlichkeitsprägung vor allem in der Kindheit dürfte eine förderliche Grundvoraussetzung sein; aufgestaufe Gefühle können nach dem Motto "Ich kann nicht anders" zum Handeln führen.

Das theoretische Erlernen von Zivilcourage allerdings gibt noch keine Garantie für die Praxis. Gugel zieht Parallelen zum Auto-Sicherheitstraining und zum Erste-Hilfe-Kurs. Sie schaffen Voraussetzungen, sagen aber nichts über das Verhalten im Ernstfall aus.

Meyer weist als Ergebnisse seiner Forschungen darauf hin, dass Zivilcourage am Arbeitsplatz am schwierigsten sei, weil dort die Meinungsfreiheit am stärksten eingeschränkt sei. Generell zeige sich eine »Diffusion der Verantwortung«: Je mehr Menschen anwesend seien, desto weniger werde den Opfern geholfen. Courage zeige sich im Umgang mit der eigenen Angst, dem Mundaufmachen und nicht Wegschauen, dem Anecken und der Bereitschaft, Nachteile in Kauf zu nehmen. Für Gugel hieße die grundsätzliche Lösung: Diskriminierung wird nicht geduldet. Die Tübinger Mitherausgeher Gugel und Meyer nennen den Band »Zivilcourage lernen« einmalig, weil sowohl Buch als auch CD-Rom und Intemetangebot (www.friedenspaedagogik.de) im Verbund als Bildungsmaterial vorliegen.

WEITERE INFORMATIONEN:

»Zivilcourage lernen«; ISBN 3-89331-537-3, zu beziehen über Bundeszentrale (www.bpb.de) und Landeszentrale für politische Riidung für 4 Euro plus Porto;

Buchhandelsausgabe ISBN 3-932444-13-2, 22 Euro.

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