Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Legitimation des Weltregierens – Konstanten und Veränderungen von der Antike bis heute

Prof. Dr. Herfried Münkler, 12.1.2009 Ein Vortrag im Rahmen des Studium Generale an der Universität Tübingen im WS 2008/09. Video-DVD, 57 Min. 
Produktion: wingert-film. ISBN: 978-3-932444-43-2

Grundsätzlich lassen sich, wenn es um die Legitimation des Weltregierens geht, eine selbstbewusst-offensive und eine defensive Variante voneinander unterscheiden, wobei zu beachten ist, was jeweils unter „Welt“ verstanden wird: Handelt es sich dabei um die begrenzten Räume der eigenen Herrschaft oder um den bewohnbaren Raum der gesamten Erde? Von der Antike bis heute unterliegt der „Welt“-Begriff einem zunehmenden Globalisierungszwang.

Die selbstbewusst-offensive Variante legitimiert die Vorherrschaft eines Zentrums über seine „Welt“ mit der Durchsetzung und Gewährleistung des Friedens: Wo zuvor offener Krieg oder zumindest latente Kriegsbereitschaft herrschte, ist nun Friede eingekehrt. In der Regel wird dieser Friede mit anderen Werten in Verbindung gebracht: als Voraussetzung für die Verwirklichung von Gerechtigkeit oder als Ermöglicher von Prosperität und Wohlergehen. 

Varianten dieser Legitimation sollen von den assyrischen und ägyptischen Reichen bis zu den Imperien der Briten, US-Amerikaner und Russen vorgestellt werden. Aber diese Legitimation ist fragil, kann sie doch von den Rändern und Peripherien der pazifizierten „Welt“ her in Frage gestellt werden. Eine andere Variante der Delegitimation besteht im Hinweis auf die Ausbeutung und Ausplünderung der Ränder und Peripherien der befriedeten Welt durch das Zentrum. Die Norm der Gerechtigkeit wird gegen den Wert des Friedens gekehrt und so ein Aufstand gegen die „Welt“-Regierung gerechtfertigt.

Dagegen setzt die normativ anspruchslosere defensive Legitimationsvariante auf die Selbst-behauptung der eigenen „Welt“ gegen die von außen andrängenden anderen „Welten“. Damit ist sie ideologiekritisch viel weniger angreifbar. Tatsächlich rekurriert diese Variante, die sich weniger auf Werte und Normen als auf den Anspruch der Selbstbehauptung beruft, überwiegend auf geo-politische oder geoökonomische Theorien, die Vorherrschaften festlegen und Grenzbereiche umschreiben. Wo sie über die Selbstbehauptung im Machtkampf hinausgeht, beruft sie sich auf im weitesten Sinne kulturelle Identitäten, die es zu verteidigen gelte. Wenn man so will, werden hier im Kern antiimperiale Muster für die Rechtfertigung imperialer Ansprüche fruchtbar gemacht. Das entspricht der Beobachtung, dass sich im westasiatisch-atlantischen Raum -  im Gegensatz zu China - eine exzentrische Bewegung der Imperienbildung beobachten lässt: von Mesopotamien nach Amerika. 

Abschließend soll ein Blick auf die Idee einer Weltföderation geworfen werden, wie sie von Abbé de St. Pierre, Rousseau und Kant entwickelt worden ist, und dieser Blick wird mit der Frage verbunden, ob dieses Konzept eine Alternative zu den beiden zuvor beschriebenen Legitimationsformen ist oder ob es sich bloß um eine ihrer Varianten handelt.

Herr Prof. Herfried Münkler wurde 1951 in Friedberg/Hessen geboren und ist seit 1992 Professor für Theorie der Politik am Fachbereich Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Herfried Münkler studierte von 1972 bis 1977 Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er 1981 auch mit einer Dissertation über Machiavellis politische Theorie promoviert wurde. Er arbeitete von 1982 bis 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität und habilitierte sich dort 1987 mit einer Arbeit zum Thema „Staatsraison. Ein Leitbegriff der frühen Neuzeit“.

Von 1987 bis 1992 vertrat er eine Professur für Politikwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität und wurde schließlich 1992 als Professor für Theorie der Politik an die Humboldt-Universität berufen. 1992 wurde er ebenfalls in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften aufgenommen, wo er seither verschiedene Positionen als Sprecher von Arbeitsgruppen inne hatte und hat; so war er z. B. von 1999-2002 Sprecher der Arbeitsgruppe „Gemeinwohl und Gemeinsinn“ und ist seit 2003 Sprecher der Arbeitsgruppe „Elitenintegration“.

Prof. Münkler ist weiterhin Vorsitzender der Leitungskommissionen der an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften edierten Gesamtausgaben: Ludwig Feuerbach: Gesammelte Werke (Akademie Verlag) sowie Karl Marx/Friedrich Engels Gesamtausgabe (MEGA) (Akademie Verlag). Herfried Münkler hatte außerdem von 2004 bis 2005 eine Gastprofessur am Wissenschaftszentrum für Sozialwissenschaften Berlin (WZB) inne und war von 2006 bis 2007 Koordinator des Exzellenzclusters „Security and Risk“ der Humboldt-Universität zu Berlin.

Prof. Münkler hat mehr als ein Dutzend Monographien verfasst, Sammelbände herausgegeben und zahlreiche Artikel in renommierten Fachzeitschriften publiziert. Zu seinen wichtigen Publikationen der neueren Zeit zählen: 

Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – Vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten (2005, Berlin, Rowohlt)1. Münkler untersucht in diesem Buch das Phänomen ‚Imperium’ seit der Antike und befasst sich unter anderem mit dem Zweck und der inneren Logik eines Imperiums – und damit mit den Gründen für den Erfolg von über lange Zeit hinweg bestehender Imperien. Münkler umreißt drei Definitionsmerkmale eines Imperiums: (1) in Abgrenzung zum Staat gibt es keine einheitliche Bevölkerung, Staatsgrenzen und Staatsordnung; (2) in Abgrenzung zu Hegemonie ist ein Imperium durch die Abhängigkeitsbeziehung Zentrum-Peripherie charakterisiert und (3) in Abgrenzung zum Imperialismus wird die Entstehung  eines Imperiums nicht als einen vom Zentrum zur Peripherie verlaufenden strategischen Prozess verstanden, sondern als eine Mischung aus Zufällen und Einzelentscheidungen. Münkler entwickelt anhand von Beispielen verschiedene Typen von Imperien  (Steppen- und Handelsimperien, Seereiche) und befasst sich hier auch mit der Analyse der Vereinigten Staaten als gegenwärtiges Imperium

Die neuen Kriege (2002, Reinbek b. Hamburg, Rowohlt). Prof. Münkler stellt in diesem Buch die These der so genannten neuen Kriege auf, also einer Veränderung der Erscheinungsform von Kriegen, die seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes zu beobachten ist. Die wichtigsten Merkmale dieser Veränderung sind nach Münkler: (1) eine Entstaatlichung bzw. Privatisierung des Krieges: das staatliche Militär ist in den neuen Kriegen nicht mehr reiner Monopolist der Kriegsführungsfähigkeit; und (2) eine Asymmetrie des Krieges: in den neuen Kriegen kämpfen fundamental ungleiche Gewaltakteure gegeneinander. Münkler stellt in diesem Buch die unterschiedliche Charakteristika der alten und der neuen Kriege mit einer Vielzahl von Beispielen dar.

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