Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Bürokratien: die wahren Herren der Weltpolitik?

Prof. Dr. Wolfgang Seibel, 10.11.2008 Ein Vortrag im Rahmen des Studium Generale an der Universität Tübingen im WS 2008/09. Video-DVD, 64 Min. 
Produktion: wingert-film. ISBN: 978-3-932444-41-8

Bürokratien sind allgegenwärtig, auch in der internationalen Politik. Die Vereinten Nationen, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, aber auch die Europäische Union oder die NATO sind mächtige Organisationen, die unser Alltagsleben ähnlich stark beeinflussen können wie die Entscheidungen der in den Staaten regierenden Politiker.

Entwickeln sich hier unkontrollierbare Nebenregierungen oder begrüßenswerte Korrektive in der unsteten und konfliktbehafteten Welt der internationalen Politik? Wie kann man das Entstehen internationaler Bürokratien erklären und was zeichnet ihre Arbeitsweise aus? Treffen die üblichen Theorien und unsere Vorurteile über Bürokratien überhaupt den Kern der Sache? Was ist die Ursache von Fehlfunktionen und wie kann man ihnen begegnen? Wie lernfähig sind internationale Bürokratien? Wer sind die international tätigen Bürokraten und welche Rolle spielen sie?

Der Vortrag von Wolfgang Seibel widmet sich diesen Fragen am Beispiel von Friedensmissionen der Vereinten Nationen und der ihnen angeschlossenen Verwaltungsapparate. In Krisengebieten, wo Staat und Verwaltung zusammengebrochen sind, übernehmen die Vereinten Nationen nicht selten Regierungs- und Verwaltungsfunktionen, für die die Weltorganisation eigentlich nicht geschaffen wurde. Hieraus haben sich komplexe Bürokratien entwickelt, die schwer zu steuern sind und deren Erfolg oft genug fragwürdig ist. An diesem Beispiel erläutert der Referent, dass die Fehlfunktionen internationaler Bürokratien kein bürokratisches, sondern ein politisches Problem sind. Ob der Erfolg von Friedensoperationen der Vereinten Nationen überhaupt gewollt ist, ist in vielen Fällen ebenso fragwürdig wie der Umgang der internationalen Gemeinschaft mit humanitären Krisen und Massenverbrechen, die nach den selbstgesetzten Normen verhütet oder eingedämmt werden müssten, für deren Opfer sich aber, wie im Fall Darfur oder im Kongo, keine hinreichend starke internationale Lobby findet. Die Kritik an der internationalen Bürokratie ist mithin oft nur eine Stellvertreterkritik. Internationale Bürokratien sind wesentlich lernfähiger und leistungsstärker als die letzten Endes verantwortlichen politischen Entscheidungsträger in den Staaten.

Wolfgang Seibel, geboren 1953, ist Professor für Politik- und Verwaltungs-wissenschaften an der Universität Konstanz. Er lehrt außerdem an der Hertie School of Governance in Berlin. Seine Forschung konzentriert sich auf die politische Seite der Verwaltung und die Verwaltungsseite der Politik, ferner auf den Dritten Sektor (Nonprofit- und Nichtregierungsorganisationen). Er hat sich in den vergangenen Jahren zudem mit dem Zusammenhang von Verwaltung, Massenverbrechen und humanitären Katastrophen befasst.  

Wolfgang Seibel war Gastprofessor am Institut für Höhere Studien in Wien und an der University of California in Berkeley und zwei Mal Temporary Member der School of Social Science bzw. der School of Historical Studies des Institute for Advanced Study in Princeton. Er gehört dem Vorstand des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz an und ist verantwortlich für das Konstanzer Master-Program „Public Administration and Conflict Management“. Ferner war er 2004/2005 Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. 

Zu den wichtigsten Veröffentlichungen von Wolfgang Seibel zählen die Bücher „The Third Sector. Comparative Perspectives on Nonprofit Organizations“ (1990, mit Helmut K. Anheier), „Funktionaler Dilettantismus. Erfolgreich scheiternde Organisationen im ‚Dritten Sektor’ zwischen Markt und Staat“ (1992), „The Nonprofit Sector in Germany“ (2001, mit Helmut K. Anheier); „Verwaltete Illusionen. Die Privatisierung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt und ihre Nachfolger 1990 –2000“ (2005); sowie „Networks of Nazi Persecution. Business, Bureaucracy, and the Organization of the Holocaust“ (2005, mit Gerald D. Feldman). Wolfgang Seibel gehört den Herausgebergremien der Zeitschriften Public Administration, Public Administration Review, Voluntas und Journal of Civil Society an. 

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