Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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12.10.2010: Stellungnahme des Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. anlässlich der Auseinandersetzungen um das Projekt Stuttgart 21

Die Auseinandersetzung um das Projekt Stuttgart 21 hat sich in den zurückliegenden Monaten und Wochen zu einem inhaltlich verfahrenen, emotional hoch aufgeladenen und stark eskalierten Konflikt entwickelt. Vor dem Hintergrund von Erkenntnissen und Erfahrungen aus der Friedens- und Konfliktforschung lassen sich idealtypisch mehrere grundlegende Anforderungen an den anstehenden Prozess konstruktiver Konfliktbearbeitung benennen.

1. Eine dritte Partei einbeziehen

Ohne Hilfe von außen finden die Konfliktparteien nicht zu einander. Gefragt ist eine von allen Seiten akzeptierte Vermittlerperson. Sie muss über ein klares Mandat, Integrität und Autorität verfügen. Es geht bildlich gesprochen um die Schaffung von Räumen und Verfahren für eine gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Konflikt und die Suche nach Möglichkeiten konstruktiver Bearbeitung.

2. Bereitschaft zur Konfliktbearbeitung

Die Konfliktparteien müssen grundsätzlich bereit sind, sich auf ein Vermittlungsverfahren einzulassen und diese Bereitschaft glaubwürdig und öffentlich dokumentieren. Alles, was zur weiteren Eskalation beiträgt, muss vermieden werden. Der Verzicht auf Gewalt in einem umfassenden Verständnis, also auch das Ende jeglicher (verbaler) Diffamierung, ist unabdingbar.

3. Erwartungsverlässlichkeit schaffen

Die Beseitigung vorhandenen Misstrauens als Grundlage für eine konstruktive Konfliktbearbeitung ist nur vor dem Hintergrund von gegenseitiger Erwartungsverlässlichkeit möglich. Dazu gehört Transparenz und die Sicherheit, dass keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden (z.B. durch Bauhandlungen).

4. Vielschichtigkeit erkennen

In einem Konflikt wie Stuttgart 21 geht es nicht nur um einen klar erkennbaren, materiellen Interessenskonflikt (Kopfbahnhof gegen Durchgangsbahnhof), sondern es geht auch um unterschiedliche Wertvorstellungen (Demokratieverständnis), Bedürfnisse (Sicherheit, Anerkennung) oder unterschiedliche Zukunftsvorstellungen. Die gemeinsame Identifizierung der Konflikttypen öffnet den Blick für das Ganze und kann gleichzeitig die schrittweise und (Teil-) Bearbeitung im Detail fördern.

5. Sichtweisen und Wahrnehmungen respektieren

Die eigene Sichtweise und Wahrnehmung wird nicht mehr als die allein Richtige betrachtet und nach außen vertreten. Die Suche nach Schnittmengen (z.B. bei einzelnen Gutachten wie auch bezüglich eines Gesamtkonzeptes) sollten den Verlauf bestimmen, nicht das Beharren auf bekannten Positionen. Es kann nicht mehr nur um die ausschließliche Durchsetzung eigener Interessen und schon gar nicht um Sieg oder Niederlage gehen (Nullsummenspiel).

6. Alle relevanten Gruppen einbeziehen

Gegner und Befürworter des Projektes sind keine einheitlichen Blöcke, sondern bestehen wiederum aus verschiedenen Interessengruppen mit durchaus unterschiedlichen Überzeugungen und Anliegen. In Gesprächen müssen alle Vertreter ein Mitspracherecht haben, damit eine gemeinsame Lösung am Ende eine möglichst breite Unterstützung genießt und nicht durch Einzelne untergraben wird.

7. Geduld und Offenheit für zukunftsfähigeAnsätze

Bei Stuttgart 21 wird es keine schnelle, für alle Seiten befriedigende „Lösung“ geben. Im Zentrum muss die Einleitung eines Verständigungsprozesses stehen um überhaupt den Gesamtkonflikt erkennen, verstehen und gemeinsame Formen des Umgangs finden zu können. Tabus sind dabei nicht erwünscht, sondern Offenheit, Kreativität und die Bereitschaft zur Suche neuer Konzeptionen.

Tübingen, Oktober 2010 

Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.                                                                                                                                                                                             

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